
Wien hat eine sehr deutliche Klassengesellschaft: hier die Österreicher - dort die Menschen aus dem früheren Jugoslawien, die Türken und die anderen. Die sind gerade richtig für die schlecht angesehenen und schlecht bezahlten Jobs. Dabei gibt es eine deutliche Unterscheidung zwischen den Bewohnern ehemaliger Kronlande (Kroaten, Ungarn, Tschechen und Slowaken, auch Bosniern) und den Menschen aus dem Gebiet des ehemaligen Erzfeindes Türkei. Die Erinnerung an die Belagerungen der Jahre 1529 und 1683 wird den Kindern schon in der Volksschule tief eingeprägt. Religion spielt dabei eine untergeordnete Rolle, Muslime aus Bosnien-Herzegowina sind immer noch angesehener als Türken.
Es bestehen in sich abgeschlossene Parallelgesellschaften: Österreicher und Zuwanderer verkehren nicht in denselben Lokalen, wohnen selten in den gleichen Vierteln. Man begegnete einander auf der Straße, vielleicht in der U-Bahn und im Supermarkt, aber wer es sich leisten kann, erspart seinen Kindern die öffentliche Schule und gibt sie lieber auf ein katholisches Institut.
Andererseits kennt anscheinend jeder einheimische Wiener "seine" kroatischen, bosnischen oder slowakischen Handwerker, die die allfälligen Reparaturarbeiten im Haus und Wohnung zu günstigen Preisen erledigen, natürlich in Schwarzarbeit.