Freitag, 26. Oktober 2007

Melancholie in der Heide

"Am Buchweizen gähnen vier schwarze Schlünde und vier an den Kartoffeln; das sind Ansitze, die sich der Bauer gemacht hat; von da aus erlegt er die Sauen und das Rotwild, die seine Äcker verwüsten. Hier unter dem struppigen Machangel gähnen lauter silbergraue Sandtrichter; in jedem lauert ein scharfbewaffnetes Ungetüm auf Spinnen und Ameisen, die in den Trichter fallen. Ein grüner Käfer rennt flink über den Sand, in den scharfen Zangen eine Fliege. Zierliche Schwalben fahren über die Heide; ich höre die kurzen Schnäbel knappen; jeder solcher Laut ist der Tod eines Wesens. Aus dem Brombeerbusche klingt ein jammervoller Ton, dünn, fein, aber voll Todesangst; da wickelt die dünne Spinne eine bunte Schwebfliege ein. Überall ist der Tod.

Ich gehe gelassen über die Heide und blase sorglos den Dampf der Pfeife in die Luft; ich gehe und töte im Gehen Pflanzen und Tiere. Das ist nun einmal so. Und wer weiß, ob dicht bei mir nicht etwas auf mich lauert, um mich hinabzuzerren, heute oder morgen oder übermorgen oder einen Tag später. Eigentlich müßte mir das alle Lebenslust nehmen."
Aus: Hermann Löns, Der Heidweg, in ders., Mein braunes Buch

Im Hause meiner niedersächsischen Großeltern hoch geschätzt und verehrt: Hermann Löns, der Heidedichter. Ob es daran lag, dass mein Großvater im Grunde seines Herzens immer ein alter Nazi geblieben war? Oder kam es von der Großmutter her, die aus der Heide stammte? Sie wohnten im weiteren Sinne noch immer am Rande der Lüneburger Heide, und ab und zu gab es Ausflugsfahrten dahin, die etwas von Wallfahrten in heilige Landschaft an sich hatten.

Hermann Löns hat einen sehr verwickelten Lebenslauf mit Ecken und Kanten, einer, der unbedingt ein Schriftsteller sein wollte und es dann doch nur bis zum Journalisten brachte, der von Hannover aus die Landschaft der Lüneburger Heide entdeckte und erwanderte, von den Einheimischen zunächst als Dandy verspottet... Dann aber kam doch der schriftstellerische Erfolg mit Büchern, deren eigentlicher Gegenstand eben jene Landschaft ist.

Hermann Löns gelang es wohl nur durch Beziehungen, zu Beginn des 1. Weltkrieges als Freiwilliger akzeptiert zu werden, er fiel in der Marneschlacht. Die Nachspiele um seinen Leichnam und seine diversen Exhumierungen und Begräbnisse sind eine eigene Geschichte.

Um sein Erbe ließ sich gut streiten. Wandervögel und Nationalsozialisten, aber auch moderne Naturschützer haben in ihm einen Ahnherrn gesehen. Eine schillernde Gestalt, ein großer Dichter sicher nicht, in der Literaturgeschichte heute eine Fußnote wert, ein großer Melancholiker allemal. Manches in seinen Gedichten mutet fast buddhistisch an:

Auch ich, noch jetzt so lebensmunter,
Kein Plan zu kühn, kein Wunsch zu schwer,
Von Westen steigt der Tod herunter,
Ein Ruck, ein Stoß, ich bin nicht mehr;
Und all' mein Jauchzen, all' mein Klagen,
Ein Traum, schon morgen unbekannt,
Mein Schaffen, Dichten, Tun und Sagen,
Es rollt darüber gelber Sand.


Ottakring