Sonntag, 25. Mai 2008

Der Blickfang von Spittelau



Sonntag

Der Montagmorgen

Jedes gute Land- und Arbeitspferd pflegt den Montagmorgen mit freudigem Wiehern und übermütigem Scharren zu begrüßen. Nur mit mühsam beherrschter Ungeduld läßt es sich an diesem ersten Arbeitstag der Woche das Geschirr antun. Dann verläßt es seinen Stall mit rascherem Gang als gewöhnlich und legt sich mit edlem Ungestüm in die Stricke.

Auch wir Menschen pflegen am Montagmorgen anders zu sein als sonst. Jeder von uns hat schon Gelegenheit gehabt, das an sich selber zu beobachten. An keinem anderen Morgen die Woche hindurch fällt uns der Weg zu unserer Arbeitsstätte so schwer wie am Montag. Krampfhaft preßt jener junge Mann die blaue Rolle seines frischgewaschenen Übergewandes gegen die Rippen. Mit sichtbarem Widerwillen folgen seine steifen Glieder dem Zwang der unabänderlichen Notwendigkeit. So schreiten Montag um Montag Hunderttausende von Menschen nach ihrem gestrigen Ruhetag zur Arbeit. Sie gleichen dem durchkälteten Motor, der nur mit Mühe wieder kann angekurbelt werden.

Es liegt uns fern, anzuklagen oder gar Vorwürfe zu erheben. Wir stellen lediglich eine Tatsache fest.

Immerhin dürfte dir und mir die Frage nicht ganz gleichgültig sein, warum der Montagmorgen unseres Geschlechtes immer mühsamer und verschlafener wird, während umgekehrt das „Wochenend“ einen immer breiteren Raum einnimmt im Denken und Handeln der einzelnen und der Völker. Die Frage muß sich uns aufdrängen: Warum begrüßt ein Pferd mit freudigem Scharren den Montagmorgen, während wir mit Unlustgefühlen zu kämpfen haben schon beim bloßen Gedanken an ihn? Weiß am Ende das Pferd um ein Geheimnis, um das wir nicht mehr wissen? Warum ist jedem Ackergaul der Sonntag ein so offensichtlicher Segen, dir und mir und unserem ganzen Geschlecht aber eine immer offensichtlichere Not?

Walter Lüthi: Dein Sonntag, Berlin 1934, 7f.

KIRCHGANG, um 1924
ALFONS WALDE Oberndorf 1891 – 1958 Kitzbühel

Wie sehr die Welt sich verändert hat, lehrt der Blick in ältere Bücher. Nahezu ein Dreivierteljahrhundert ist dahingegangen über diesen Zeilen, die fast ergreifend zu lesen sind.
Seinerzeit war Walter Lüthi (1901 -1982) ein sehr bekannter Prediger. Bei diesen Zeilen habe ich freilich den Eindruck, dass sie eine schon in den dreißiger Jahren fast untergegangene Welt heraufbeschwören.

Der Sonntag ist zunächst im Wochenende verschwunden, aber als Wochenende werden heute eher der Freitagnachmittag und -abend und der Samstag empfunden, der Sonntag gehört zwar auch noch dazu, aber es liegt bereits der Schatten des Kommenden über ihm. Für das Erleben der meisten Menschen ist er nach meinem Eindruck heute der problematische, letzte Tag vor dem Hereinbrechen des Montages. Das Erleben dieses ersten Tages der Arbeitswoche hat Lüthi freilich sehr treffend auf den Punkt gebracht.

Kanon

Einen Kanon nur anzuhören, ohne selbst mitzusingen zu dürfen, ist eigentlich eine Strafe. Oder ein Vorgeschmack des himmlischen Durcheinanders, wenn alle Zungen Gott loben. Und das werden wir dann schön finden, ganz gewiss.

Sommer

In der warmen Jahreszeit, wenn sich noch dazu die Winde legen, macht Wien einen ganz anderen Eindruck...

Dokument der Ewigkeitssehnsucht - und der Liebe

"Eigentlich, das begreift man bald, ist Unseld gar nicht tot, sondern nur in einer anderen Welt. Und Berkéwicz bietet Kabbala, Mystik und Sätze von Heidegger'scher Extremdunkelheit auf, um den 'Spalt' zwischen den Welten zu überbrücken. Das klingt zum Beispiel so: 'Bevor das Sterben losging, rebellisch gegen alles Hier, das mir das ganze Da mit sich verstellte, gewiss, dass hinter allem Hier was steckt, was einzig Da ist, die Hauptsache, die nicht erfassbare, das Mysterion, wollte ich mit der großen Liebe lieben, bis der Spalt aufreißt, mit meiner Fieberseele wollt ich's, nicht mit meinen Körperteilchen.'

(...)

Berkéwicz schreibt vorgeblich gegen die Verdrängung des Todes an. Warum, so fragt sie durchaus zu Recht, macht man Sterbenden immer noch vor, es ginge ums Überleben, anstatt sie auf den Tod vorzubereiten? Doch auch sie akzeptiert den Tod nicht als unausweichliches Lebensende, sondern setzt ihre komplementäre Form der Verdrängung dagegen: Steht auf der Seite der Medizin der hektische Kampf um den Körper, um Herzschlag und Atmung, so kämpft sie um die Seele und die Fortdauer einer individuellen Form. Aus ihrer narzisstischen Perspektive ist der Tod nicht nur der Skandal des Lebens, sondern eine persönliche Kränkung. 'Überlebnis' ist ein Glaubensbekenntnis und das Dokument einer Ewigkeitssehnsucht, die sich in der Liebe manifestiert. Eine Liebe, die so groß ist wie die zwischen der Erzählerin und 'dem Mann', kann und darf nicht enden. Deshalb darf auch der Tod nicht das letzte Wort behalten.

Richtig peinlich wird dieser eher kindliche Glaube ans unvergängliche Ich im Moment des Sterbens: 'An einem Oktobertag setzt Fieber ein, im Schrank die Gläser fangen an zu klirren, es stürmt ums Haus, in meiner linken Hand geht eine Wunde auf.' Eine Wunde in der Hand? Als sie am Bett des Sterbenden saß, 'schraubten' sich seine Hand und ihre Hand immer wieder fest ineinander. Vermutlich ist es diese Stelle, die nun zu bluten beginnt. Die Erzählerin macht sich damit zur Stigmatisierten, zur Heiligen ihrer eigenen Kirche im Hause Unseld. Die schnöde Welt begreift nicht, was sie leidet, schon gar nicht all die zudringlichen Menschen, deren Hände sie auf der Beerdigung schütteln muss. So steht sie dann am Grab: 'Die Swatch tickte, die Hand tat weh, das Grab war sehr offen, zog.' Da wird vermutlich bald die Auferstehung folgen. 'Überlebnis' heißt das jetzt."

Jörg Magenau: Die Heilige der Intensivstation (Kritik des Romans "Überlebnis" von Ulla Berkéwicz in der TAZ vom 24.05.2008)

Das Buch mag literarisch nicht so hochwertig sein, aber soviel Hohn hat es wohl doch nicht verdient. Möglicherweise ist der Rezensent noch niemals einem wirklich liebenden oder einem wahrhaft schmerzlich trauernden Menschen begegnet - die sind ja auch selten anzutreffen in unserer Weltzeit.

Ohne Titel

Ein Jahrhundert alt und so aktuell...

Det Sterben is bald teurer wie't Leben hier.
jibt jetzt schon Särge aus Packpapier.
Na, mir is ejal - ick bin nich stolz.
Immer rin inne Pappe - ick brauch' keen Holz!
Liech ick erst ma unten, janz leger,
dann wunder ick mir über jar nischt mehr!

Otto Reutter