Samstag, 20. Dezember 2008
Der Meister
Aus der Ankündigung eines besonderen Abends im Staatstheater Wiesbaden im "Kulturkurier"
Es kommt immer darauf an... - Drive-In an der Mitleidstheke
Die Spendengala ist beides: Saturday night fever und sakrales Ritual. Wir schaffen Plätze an der Sonne, haben wahlweise »ein Herz für Kinder«, für Afrika und ganz besonders für Kinder in Afrika. Wir wollen dabei auch gut unterhalten werden von Stars, die mit unserer Hilfe und einem Spendenkonto ein wenig »Licht ins Dunkel« bringen, um selbst in umso hellerem Licht zu stehen. Ein guter Beleuchter kann jedes Fernsehstudio in eine Kathedrale voller Heiliger verwandeln.
Ist das so schlimm, so verwerflich? Ein bisschen Selbstbeweihräucherung für ein bisschen Frieden, für etwas mehr Nothilfe? Wer spendet, stimuliert Wohlfühlreize im Gehirn. Das haben amerikanische Forscher herausgefunden. Das Problem ist, dass unsere Karitas darüber hinaus nicht mehr viel stimuliert. Wir spenden inzwischen genauso, wie wir konsumieren.
Wir befriedigen ein Bedürfnis. Angefixt und aufgewühlt durch Bilder, die Wellen der Gänsehaut produzieren und wieder verebben lassen. DBM heißt dieses Syndrom: Drive-by-Mitleid. DBM beschreibt einen Zustand, in dem ich sofort etwas gegen das Elend tun, aber nicht wirklich etwas darüber wissen möchte. Ein Zustand, in dem die Elendigen nichts anderes sind als hilflose Opfer. Am besten kindlich und weiblich. Dieses Syndrom beschreibt auch einen Zustand, in dem Leiden überhaupt erst zu solchem wird, wenn es auf eine Fernsehkamera stößt.
Und das ist kein zufälliger Prozess. Eine Naturkatastrophe bekommt mehr Sendezeit als ein Bürgerkrieg – vorausgesetzt, es sind wie beim Tsunami 2004 weiße Touristen betroffen. Die Bilder hungernder Kinder treiben mehr Spenden ein als Bilder von Protestmärschen für das Recht auf Nahrung. Warum? Weil wir Hunger lieber als ein Problem der Natur sehen statt als Problem der Politik. Opfer machen Quote. Menschen, die um Rechte kämpfen, schrecken ab.
Aus einem Kommentar in der ZEIT
Regentag
Ende der Odyssee
Es ist so eine Scheiße mit dieser Krankheit!
SPIEGEL: Sie schienen fast euphorisch, als Sie im September nach Operation und Chemotherapie in der "Kirche der Angst" bei der Ruhrtriennale in Duisburg selber auftraten. Wie schwer hat Sie die schlechte Nachricht jetzt getroffen?
Schlingensief: Es ist so eine Scheiße mit dieser Krankheit! Meine Freundin Aino und ich waren in den Wochen zuvor durch die Gegend gelaufen, wir haben mit neuer Kraft gearbeitet und dachten: Zwei, drei Jahre können wir das Leben wieder genießen. Wenn nicht sogar mehr. Und jetzt? Wir weigern uns, jeden Tag so zu genießen, als wäre es der letzte, nach diesem blöden Satz, den einem manche Ärzte sagen. Essen war für mich früher ein Fest, jetzt habe ich keinen Appetit mehr. Nicht mal auf Rotwein habe ich Lust. Nur die Kornschnäpse, die ich kürzlich in der Kantine des Maxim Gorki Theaters mit dem Intendanten Armin Petras getrunken habe, haben mir geschmeckt.
SPIEGEL: Ist es ein Trost für Sie, dass Sie nach 25 Jahren des heftigen Streits in diesem Jahr plötzlich von Publikum und Kritik gefeiert werden wie nie zuvor?
Schlingensief: Man sieht vieles wie hinter einer Panzerglasscheibe und wundert sich. Das Tolle an der "Kirche der Angst" war, dass ich ohne Zweifel auf meine Arbeit gucken konnte. Diese Arbeit war ganz pur, traurig, aber auch absurd und lustig. Vor einem Jahr, kurz bevor mein Krebs entdeckt wurde, fuhren wir nach Nepal. Wir haben dort einen Film gedreht und ein Kinderkrankenhaus besucht, und ich schrieb ins Gästebuch: "Auf dass die kreisenden Gedanken endlich einen Grund finden." Dieser Satz ist mir drei Tage später beim Betrachten des ersten Röntgenbilds in die Knochen gefahren, und tatsächlich habe ich das Gefühl: In der "Kirche der Angst" haben die Gedanken einen Grund gefunden, den jeder begreift: sterben müssen, aber leben wollen, das ist das Thema.
(…)
SPIEGEL: Sie haben neulich darauf hingewiesen, dass der Krebs in Ihrer Lunge vermutlich zu wachsen begann, als Sie in Bayreuth den "Parsifal" inszenierten. Glauben Sie ganz im Ernst, da gibt es Zusammenhänge?
Schlingensief: Jeder Krebskranke fragt sich so was. Der eine grübelt, ob er zu viele Zigaretten geraucht oder zu viel Rotwein getrunken hat, ich frage mich zum Beispiel, ob ich mich in der Kunst zu sehr dem Tod verbunden gefühlt habe. Die Ergriffenheit, mit der ich 2004 den "Parsifal", dieses Wagner-Abschiedswerk, inszeniert habe, und dass ich meine damalige Freundin aufgab und ein paar meiner dunklen Seiten auslebte, das hat meinem Lebenswillen widersprochen und einen Ekel erzeugt, der nicht zum Aushalten war. Ich glaube, dass jeder Mensch von Geburt an eine Stabilität besitzt, die man durch solche Akte des Selbsthasses ins Wanken bringt.
SPIEGEL: Gelingt es Ihnen denn jetzt, sich mehr zu mögen?
Schlingensief: Nicht nur mich, auch die anderen, ich habe mir zum Beispiel vorgenommen: mehr loben! Ich freue mich über die Wärme, die ich von so vielen Freunden, aber auch von Künstlern zu spüren bekomme, von Margit Carstensen oder René Pollesch, von Matthias Lilienthal oder Peter Zadek, der mir ein riesiges lustiges Buch mit Pornozeichnungen ins Krankenhaus geschickt hat. Aber es ist Quatsch zu sagen, dass man als Krebskranker die Welt ganz anders sieht. Man bildet sich das ein, man ist schwach, und die Umgebung reagiert anders auf einen. Trotzdem bin ich jetzt so weit zu sagen: Das Normalste ist das Schönste. Ich freue mich darüber, mit meiner Freundin einfach dazuliegen und meinetwegen auf eine graue Hochhauswand zu blicken, ohne dunkle Wolke, ohne die Frage: Wie lange liegen wir überhaupt noch hier? Ich habe eine Lunge weg, ich kann nicht mehr rennen, ich bin außer Atem, meine Füße sind wie aus Eisen, aber mir geht's echt gut, ich werde besser versorgt als jedes Kind in Nepal, das in meiner Lage keine Chance hätte, ich habe echt wunderschöne Momente und ganz viel Freude.
SPIEGEL: Jetzt machen Sie wieder gute Stimmung.
Schlingensief: Sagen wir so, ich versuche es. Tief drin heule ich wahrscheinlich. Grundsätzlich gilt: Jeder Krebskranke darf für sich einen Weg finden. Wenn einer immer die gleiche Schallplatte spielen will bis zum Schluss, ist es okay. Wenn er Qigong oder Yoga machen will, auch. Schlimm ist nur, dass man bei all diesen Therapien und Ratschlägen nicht durchblickt. Dauernd denkt man, hättest du doch bloß dieses oder jenes auch noch gemacht. Wichtig wäre, dass man den Krebskranken rausholt aus seiner Verzweiflung, aus dieser Vertrauenskrise. Die Krankenhäuser sollten einem Helfer vermitteln, die mit einem die Angst besprechen und dir die Mechanismen der Angstbekämpfung erklären. Stattdessen liest man sich fest in diesen Foren im Internet, von denen man sofort noch schlimmer krank wird. Zum Glück habe ich einen Arzt, der mich als Menschen sieht, der spricht offen und zart mit mir und nicht so amerikanisch nach dem Motto: "Ich kläre Sie jetzt mal beinhart auf. Sie sind am Ende!"
(…)
Aus einem SPIEGEL-Interview mit dem krebskranken Christoph Schlingensief