Montag, 15. Oktober 2007

Straßenschluchten (Währing am Nachmittag)



Kontinental

"Als Kontinentalklima bezeichnet man den Temperaturverlauf verschiedener Klimatypen, welche sich durch jahreszeitlich bedingt große Temperaturschwankungen auszeichnen. Typisch sind heiße Sommer und kalte Winter." (Wikipedia).

Dass Wien (ebenso wie Berlin) ein kontinentales Klima aufweist, gehört zum Grundwissen. Ich erlebe erstmals solche Verhältnisse. In ganz kurzer Zeit sind die Nachttemperaturen in Gefrierpunktnähe gesunken. Am Tage erwärmt sich die Luft noch immer auf 13 oder 14 Grad, und der Himmel ist wolkenlos, von magischem Blau; aber der Winter kündigt sich an, in Wien ist er meistens hart und kalt, das höre ich oft. Wenn unser Organist freilich von Kindheitserinnerungen an Schlittenpartien Anfang November erzählt, sind das wohl doch Geschichten aus der Zeit vor der globalen Erwärmung...

Ein aufgegebener Plan

"Ich will jetzt nichts durchpeitschen, sondern glaube, dass uns eine Atempause hilft, über wirksame Schritte im Jugendschutz zu diskutieren", so die deutsche Familienministerin von der Leyen (CDU) in der "Bild"-Zeitung. Den Plan, Jugendliche als Testkäufer für Alkohol, Tabakwaren und brutale Computerspiele loszuschicken, hat sie nach massiven öffentlichen Protesten fallen gelassen. Das Bemühen um den Jugendschutz treibt schon seltsame Blüten. Irgendwie bin ich froh, dieses Deutschland aus einer gewissen Distanz betrachten zu können.

Kluges über das Lesen

"Lesen hat in meinen Augen nur Sinn, wenn es sich auf Nichtgelesenes bezieht: auf Welterfahrung als Spracherfahrung. Wenn ich höre, es wird schon wieder einer dieser Lektüregeistlichen mit den Worten gelobt, er liebte wie kein anderer die Literatur, weshalb er hochstehend sei, dann hege ich den Verdacht, dass mit solchen Slogans das Lesen als Einschränkung auf ein selbstreferenzielles System propagiert wird: Lektüre sei sich selbst genug. In meiner Vorstellung bezieht sich das Lesen auf Nichtgelesenes, erst in der Dialektik des Einschließens von Lektüre in die Lebenserfahrung und von Lebenserfahrung in die Lektüre, erst in dieser Wechselwirkung macht das Lesen, wenn überhaupt, "einen gebildeten Menschen".

Weder ist das Lesen von vornherein löblich noch das Nichtlesen verdammenswert. Wenn jemand alles nur im Kopf hat und gegen das Angelesene nichts mehr selber findet, ist das ein Jammer. Wenn jemand eine Abwehr gegen alles bloß Fiktive hat, ist er unter Umständen auf diese Art der Idee der Literatur näher als der belesene Schmock. Es stimmt auch geschäftlich, dass das Nichtlesen nicht von vornherein verdammenswert sein kann: Wirklich berühmt (und Millionäre) können Schriftstellerinnen und Schriftsteller nur werden, wenn sie die Aufmerksamkeit der Nichtleser haben; Schriftsteller müssen in aller Munde sein. Leser allein sind nicht in der Lage, den besten Künstlern jenen Status zu verleihen, den sie verdienen.

Die Spracherfahrung, die man durch Lektüre macht, ist nicht weltfern. Die Metapher von "der Lesbarkeit der Welt" sagt das, aber sie erinnert auch daran, dass "die Welt" heute nicht bloß in Büchern dargestellt wird. Ein einigermaßen adäquates Weltverständnis kommt ohne Bücher ebenso wenig zustande wie allein mit Büchern. Mancher Lektürefreak trägt ein Museum mit sich herum und sollte aufpassen, dass ihn die Patina nicht auffrisst."

Der Philosoph Franz Schuh im Standard (Album 13./14. Oktober 2007).

Stiegenhaus Martinstraße

Alltagspoesie

"Von anfänglichen Nebelschwaden in der Nähe der Donau abgesehen ist der heutige Tag durch ungetrübten Sonnenschein geprägt. Der Wind kommt schwach bis mäßig, um die Mittagszeit teilweise lebhaft aus Südost. Die Tageshöchsttemperatur erreicht 13 oder 14 Grad."
Selbst der Wetterbericht klingt hier poetischer als in Deutschland.

Wien XVIII Schumanngasse




Grantln

Der äußeren Gelassenheit, über die ich hier schon einmal geschrieben habe, scheint das sprichwörtliche "Grantln" der Wiener zu widersprechen. Wenn sich jemand aufregt, dann mit ungeheurer Energie. Das ist so: Sehr vieles wird gelassen hingenommen, kommentarlos ertragen. Wenn aber jemand den Mund auftut, dann bricht es aus ihm (oder ihr) so heraus, dass man das Gefühl hat, ganze Dämme brechen. Und wenn Menschen (auch Presbyter) erst einmal eine Unterhaltung (oder gar Auseinandersetzung) anfangen, dann kocht das Adrenalin anscheinend über. Es ist nicht so schlimm, auch nicht so ernst gemeint, es ist einfach eine wienerische Eigenart. Aber manches harmlose Gespräch klingt für den Außenstehenden nach einem schwerwiegenden Konflikt, dabei ist es alles überhaupt nicht schlimm und ernst gemeint.

Die Österreicher und ihre "Lieblingsnachbarn"

Wie aus dem Lehrbuch für zielgruppenangepasste Werbung: Anzeige der slovakischen Billigfluglinie SkyEurope in hiesigen Tageszeitungen (und auf Plakaten).

Sonniger Spätherbst

Ideologisch verblendet


Der "deutsche Herbst" - 30 Jahre ist das her. Ich erinnere mich, wie viele meiner damaligen Freunde fest überzeugt waren, die "politischen" Gefangenen von Stammheim seien heimtückisch und brutal ermordet worden. Jan-Carl Raspe wurde noch in das Stuttgarter Zentralversorgungskrankenhaus eingeliefert, in dem ich meinen Zivildienst leistete. Ich sah ein Röntgenbild seines Schädels. Ein Mitarbeiter der Fotoabteilung, ein Zeuge Jehovas, betrachtete das Bild und meinte gedankenverloren so etwas in dem Sinne von "Das ist ein historisches Dokument." Der Hauch der großen Geschichte wehte kurzfristig durch den Kellerraum. Das Röntgenbild zeigt deutlich den Schusskanal, der durchaus gegen einen Suizid zu sprechen schien. Über die Frage, wie die Stammheimer Häftlinge ums Leben gekommen waren, entzweite sich mein Bekanntenkreis. Wenigstens die Hälfte meiner Freunde glaubte an die von der Sympathisantenszene gepflegte These einer "Hinrichtung". Lange her. Die meisten dieser Menschen, die heute alle um die 50 sind, so sie noch leben, würden es heute kaum noch wahrhaben wollen, welcher ideologischen Verblendung sie damals erlegen sind. Wer es miterlebt hat, könnte barmherziger werden auch gegen andere Verblendungen, an denen ja in der deutschen Geschichte kein Mangel ist.

Blick durch die letzte verbliebene Birke im Lutherhof