Samstag, 31. Mai 2008

Im Spiegel der Werbung

Hier und jetzt ist Leben

Lebenskunst

Ach, was sind wir dumme Leute -
wir genießen nie das Heute.
Unser ganzes Menschenleben
ist ein Hasten, ist ein Streben
ist ein Bangen, ist ein Sorgen -
Heute denkt man schon an Morgen.
Morgen an die spätere Zeit -
und kein Mensch genießt das Heut.
Auf des Lebens Stufenleiter
eilt man weiter, immer weiter.

Nutz den Frühling deines Lebens
Leb im Sommer nicht vergebens
denn gar bald stehst du im Herbste
bis der Winter naht, dann sterbste.
Und die Welt geht trotzdem heiter
immer weiter, immer weiter.

Otto Reutter

Vorraum-Blicke




Hinein und hinaus geschaut: Vorraum der katholischen Kirche Alt-Ottakring.

Montag, 26. Mai 2008

So Winziges



„Auch wenn du dreitausend Jahre leben solltest oder gar zehnmal so lange, bedenke trotzdem, dass niemand ein anderes Leben verliert als das, das er lebt, und dass er auch nicht ein anderes lebt als das, das er verliert. Es kommt also der längste Zeitraum aufs Selbe heraus wie der kürzeste. Denn der gegenwärtige Augenblick ist für alle gleich, und was verloren geht, ist also gleich, und es erweist sich, dass so Winziges verloren geht.“

Mark Aurel

Sonntag, 25. Mai 2008

Der Blickfang von Spittelau



Sonntag

Der Montagmorgen

Jedes gute Land- und Arbeitspferd pflegt den Montagmorgen mit freudigem Wiehern und übermütigem Scharren zu begrüßen. Nur mit mühsam beherrschter Ungeduld läßt es sich an diesem ersten Arbeitstag der Woche das Geschirr antun. Dann verläßt es seinen Stall mit rascherem Gang als gewöhnlich und legt sich mit edlem Ungestüm in die Stricke.

Auch wir Menschen pflegen am Montagmorgen anders zu sein als sonst. Jeder von uns hat schon Gelegenheit gehabt, das an sich selber zu beobachten. An keinem anderen Morgen die Woche hindurch fällt uns der Weg zu unserer Arbeitsstätte so schwer wie am Montag. Krampfhaft preßt jener junge Mann die blaue Rolle seines frischgewaschenen Übergewandes gegen die Rippen. Mit sichtbarem Widerwillen folgen seine steifen Glieder dem Zwang der unabänderlichen Notwendigkeit. So schreiten Montag um Montag Hunderttausende von Menschen nach ihrem gestrigen Ruhetag zur Arbeit. Sie gleichen dem durchkälteten Motor, der nur mit Mühe wieder kann angekurbelt werden.

Es liegt uns fern, anzuklagen oder gar Vorwürfe zu erheben. Wir stellen lediglich eine Tatsache fest.

Immerhin dürfte dir und mir die Frage nicht ganz gleichgültig sein, warum der Montagmorgen unseres Geschlechtes immer mühsamer und verschlafener wird, während umgekehrt das „Wochenend“ einen immer breiteren Raum einnimmt im Denken und Handeln der einzelnen und der Völker. Die Frage muß sich uns aufdrängen: Warum begrüßt ein Pferd mit freudigem Scharren den Montagmorgen, während wir mit Unlustgefühlen zu kämpfen haben schon beim bloßen Gedanken an ihn? Weiß am Ende das Pferd um ein Geheimnis, um das wir nicht mehr wissen? Warum ist jedem Ackergaul der Sonntag ein so offensichtlicher Segen, dir und mir und unserem ganzen Geschlecht aber eine immer offensichtlichere Not?

Walter Lüthi: Dein Sonntag, Berlin 1934, 7f.

KIRCHGANG, um 1924
ALFONS WALDE Oberndorf 1891 – 1958 Kitzbühel

Wie sehr die Welt sich verändert hat, lehrt der Blick in ältere Bücher. Nahezu ein Dreivierteljahrhundert ist dahingegangen über diesen Zeilen, die fast ergreifend zu lesen sind.
Seinerzeit war Walter Lüthi (1901 -1982) ein sehr bekannter Prediger. Bei diesen Zeilen habe ich freilich den Eindruck, dass sie eine schon in den dreißiger Jahren fast untergegangene Welt heraufbeschwören.

Der Sonntag ist zunächst im Wochenende verschwunden, aber als Wochenende werden heute eher der Freitagnachmittag und -abend und der Samstag empfunden, der Sonntag gehört zwar auch noch dazu, aber es liegt bereits der Schatten des Kommenden über ihm. Für das Erleben der meisten Menschen ist er nach meinem Eindruck heute der problematische, letzte Tag vor dem Hereinbrechen des Montages. Das Erleben dieses ersten Tages der Arbeitswoche hat Lüthi freilich sehr treffend auf den Punkt gebracht.

Kanon

Einen Kanon nur anzuhören, ohne selbst mitzusingen zu dürfen, ist eigentlich eine Strafe. Oder ein Vorgeschmack des himmlischen Durcheinanders, wenn alle Zungen Gott loben. Und das werden wir dann schön finden, ganz gewiss.

Sommer

In der warmen Jahreszeit, wenn sich noch dazu die Winde legen, macht Wien einen ganz anderen Eindruck...

Dokument der Ewigkeitssehnsucht - und der Liebe

"Eigentlich, das begreift man bald, ist Unseld gar nicht tot, sondern nur in einer anderen Welt. Und Berkéwicz bietet Kabbala, Mystik und Sätze von Heidegger'scher Extremdunkelheit auf, um den 'Spalt' zwischen den Welten zu überbrücken. Das klingt zum Beispiel so: 'Bevor das Sterben losging, rebellisch gegen alles Hier, das mir das ganze Da mit sich verstellte, gewiss, dass hinter allem Hier was steckt, was einzig Da ist, die Hauptsache, die nicht erfassbare, das Mysterion, wollte ich mit der großen Liebe lieben, bis der Spalt aufreißt, mit meiner Fieberseele wollt ich's, nicht mit meinen Körperteilchen.'

(...)

Berkéwicz schreibt vorgeblich gegen die Verdrängung des Todes an. Warum, so fragt sie durchaus zu Recht, macht man Sterbenden immer noch vor, es ginge ums Überleben, anstatt sie auf den Tod vorzubereiten? Doch auch sie akzeptiert den Tod nicht als unausweichliches Lebensende, sondern setzt ihre komplementäre Form der Verdrängung dagegen: Steht auf der Seite der Medizin der hektische Kampf um den Körper, um Herzschlag und Atmung, so kämpft sie um die Seele und die Fortdauer einer individuellen Form. Aus ihrer narzisstischen Perspektive ist der Tod nicht nur der Skandal des Lebens, sondern eine persönliche Kränkung. 'Überlebnis' ist ein Glaubensbekenntnis und das Dokument einer Ewigkeitssehnsucht, die sich in der Liebe manifestiert. Eine Liebe, die so groß ist wie die zwischen der Erzählerin und 'dem Mann', kann und darf nicht enden. Deshalb darf auch der Tod nicht das letzte Wort behalten.

Richtig peinlich wird dieser eher kindliche Glaube ans unvergängliche Ich im Moment des Sterbens: 'An einem Oktobertag setzt Fieber ein, im Schrank die Gläser fangen an zu klirren, es stürmt ums Haus, in meiner linken Hand geht eine Wunde auf.' Eine Wunde in der Hand? Als sie am Bett des Sterbenden saß, 'schraubten' sich seine Hand und ihre Hand immer wieder fest ineinander. Vermutlich ist es diese Stelle, die nun zu bluten beginnt. Die Erzählerin macht sich damit zur Stigmatisierten, zur Heiligen ihrer eigenen Kirche im Hause Unseld. Die schnöde Welt begreift nicht, was sie leidet, schon gar nicht all die zudringlichen Menschen, deren Hände sie auf der Beerdigung schütteln muss. So steht sie dann am Grab: 'Die Swatch tickte, die Hand tat weh, das Grab war sehr offen, zog.' Da wird vermutlich bald die Auferstehung folgen. 'Überlebnis' heißt das jetzt."

Jörg Magenau: Die Heilige der Intensivstation (Kritik des Romans "Überlebnis" von Ulla Berkéwicz in der TAZ vom 24.05.2008)

Das Buch mag literarisch nicht so hochwertig sein, aber soviel Hohn hat es wohl doch nicht verdient. Möglicherweise ist der Rezensent noch niemals einem wirklich liebenden oder einem wahrhaft schmerzlich trauernden Menschen begegnet - die sind ja auch selten anzutreffen in unserer Weltzeit.

Ohne Titel

Ein Jahrhundert alt und so aktuell...

Det Sterben is bald teurer wie't Leben hier.
jibt jetzt schon Särge aus Packpapier.
Na, mir is ejal - ick bin nich stolz.
Immer rin inne Pappe - ick brauch' keen Holz!
Liech ick erst ma unten, janz leger,
dann wunder ick mir über jar nischt mehr!

Otto Reutter

Samstag, 24. Mai 2008

Prestigeträchtiges Objekt

Das Evangelische Gymnasium in Erdberg, das im Sommer 2006 eröffnet wurde, ist das Prestigeobjekt des Wiener Evangelischen Schulwerks, aber es trägt auch zum finanziellen Ruin der Diözese bei.

Keuschheitsbälle

"Christliche Keuschheitsbälle für Väter und Töchter breiten sich in den USA aus. Bei den Tanzveranstaltungen verpflichten sich die Väter, sich dafür einzusetzen, dass ihre Töchter auf Sex vor der Ehe verzichten. Darüber berichtete die Tageszeitung New York Times am 19. Mai. Im Unterschied zu Kampagnen wie "Wahre Liebe wartet" geben die Heranwachsenden keine Verpflichtungen ab; vielmehr wollen die Väter ihrer Verantwortung gerecht werden, ihre Kinder vor Versuchungen einer Gesellschaft zu schützen, in der Sex vor der Ehe zum Normalfall geworden ist." [kath.net]

Wenn ich meinen Schülerinnen und Schülern eine solche Nachricht vorlese, ist der Lacherfolg garantiert. "Die spinnen, die Amerikaner!", auch ein solcher Kommentar ist zu erwarten.

N.B.: Was ist eigentlich mit den Müttern und den Söhnen?

Expressionistisch























Wie für einen Film von Fritz Lang...

"...ein paar Leute, die sich für das Evangelium frikassieren lassen"

"Wir haben nicht zu wenige Priester, wir haben zu viele. Wahrscheinlich haben wir zu wenig Gläubige. Wir haben jedenfalls genau so viele echte Priester (und Ordensleute), wie wir echte Gläubige haben. Das ist ein mystisches Gesetz in der Kirche.

Gott läßt seine Kinder nicht alleine, niemals! Mit überreicher Hand sät er Berufungen über uns aus. Sie sind da, in ausreichender Menge. Er berührt die Herzen von Menschen, die auf einem ganz anderen Trip sind. Er zieht an sich. Er ruft.

Wir meinen bloß, wir müßten mehr Priester haben, weil wir an der Fiktion einer machtvollen Kirche festhalten, die es längst nicht mehr gibt.

Es ist so viel Kirche in der Welt, so viel Kirche in den Herzen ist. Wir irren, wenn wir das, was die Kirche ist, zuerst an einer Jahrtausende alten Geschichte, an der Menge ihres Grundbesitzes, an den riesigen Bauten, an den Kristallisationen der Kunst, am mächtigen Kirchensteueraufkommen und den weit reichenden Verbindungen festmachen.

In Wahrheit sind wir ganz klein. Wir sind ein paar Leute, die sich für das Evangelium frikassieren lassen. Das genügt. Wir sind ganz und gar nicht ohne Hoffnung. im lebendigen Glauben an Gott ist man niemals ohne Hoffnung. Venceremos! Wir werden siegen! Nicht weil wir so gut sind.

Wenn uns etwas gelingt gegen den mainstream der Gottesvergessenheit, so ist es Gott selbst, der durch uns seine Sache betreibt.

Wenn wir nur leer genug sind, daß er sein Leben in uns führen kann, wenn wir nur fein genug sind, daß er uns als seine Werkzeuge gebrauchen kann."

Aus dem Essay „Er sah aus wie Don Camillo“ von ***, in: Vatican-Magazin 11/2007, S. 62f.

Tag und Nacht


Surfen

If everybody had an ocean
Across the U.S.A.
Then everybody'd be surfin'
Like California

So besangen es die Beach Boys. Inzwischen hat sich die uralte hawaiianische Sportart über die Welt verbreitet, und das Wort “Surfen“ begegnet uns in übertragener Bedeutuzng auch für die Art, in der viele Menschen das Internet benutzen, nämlich mehr oder weniger ziellos vor sich hin bummelnd von einem Link zum nächsten. Darüber hinaus beschreibt das Bildwort aber auch treffend eine Lebenshaltung, eine Art der Freizeit- und der Lebensgestaltung: Surfen von einem Event zum nächsten, von einem Partner zum anderen, von einem Job zum nächsten… Und das alles in heiterer Munterkeit dahingleitend an der Oberfläche, ohne noch irgendwo einzutauchen.

Es gibt kein Bier auf Hawaii, es gibt kein Bier,
drum fahr ich nicht nach Hawaii, drum bleib ich hier.

Man braucht nicht hin zu fahren (auch wenn es mancher tut), Hawaii ist schon da, längst angekommen im Lebensgefühl der jüngeren Generation der reicheren Länder. Da kann nun jeder seinen Ozean haben. Und eine bessere Welt zu erkämpfen – wem fiele das noch ein? Vorgestrige Ideen! Das Paradies ist hier und jetzt, es kann nur schlechter werden, darum nutze den Augenblick – und surfe durch dein Leben, so lange du noch kannst…

Auf der Stiege zur U6

Katholikentagsimpressionen

„Man sollte doch erwarten können, auf einem Katholikentreffen christlichen Inhalten zu begegnen - leider entpuppte sich dies auf dem Katholikentag als ganz schwierig.

Das nenn ich mal einen perfekten Einstieg in meinen Katholikentag: Da zieht doch tatsächlich der Fronleichnamszug genau an der Haltestelle vorbei, an der ich auf meine Bahn warte. „Lobet den Herren…“, schallt es mir entgegen. Ich ertappe mich dabei, wie ich leise mitsumme. Sowas nennt sich Vorfreude.

Keine Frage: Man muss Großveranstaltungen mögen. Muss bereit sein, den Stempel „katholisch“ zu tragen – und sei es nur für einen Tag. Immerhin scheinen sie in Osnabrück ihre katholischen Gäste zu mögen. „Herzlich Willkommen in der Stadt des Katholikentages“, empfängt mich die Durchsage einer freundlichen Bahn-Mitarbeiterinnenstimme, ehe ich den meinen Erkundungsweg durch die Stadt beginne. Den richtigen Weg zu finden, fällt nicht schwer, da an jeder Ecke zig Helferinnen und Helfer stehen, die schnell einen Stadtplan zücken und den Weg zum Schlossgarten, zum Gepäckcontainer oder zu den nächstgelegenen Toiletten erklären.

Ein Blick auf das Programmheft zeigt: Der 97. Katholikentag ist ein politischer. Klimapolitik oder Arbeitsmarktpolitik – hier kommt alles zur Sprache. Übervolle Säle bestätigen, wie relevant die Themen für die Besucher des Katholikentages sind.

Bei der Diskussion über eine gerechte Klimapolitik schlägt sich Bundeskanzlerin Merkel tapfer, obwohl sie sich immer wieder kritisch hinterfragenden Plakaten wie „Frau Merkel, wo bleibt die Kerosinsteuer?“ ausgesetzt sieht. Klimaschutz bedeute, die natürliche Lebensgrundlage zu sichern, erklärt sie unbeirrt. In dem einen sind sich alle einig: Kirche muss sich für die Schöpfung einsetzen und darum auch klimafreundlich werden.

Etwas theologischer wird es in einem Uni-Hörsaal, wo Religionswissenschaftler und Zen-Lehrer sich über die Möglichkeit austauschen, Zen und Yoga christlich zu leben. „Wie viel Gutes und Wahres anderer Religionen verträgt das Christentum“, ist die zentrale Frage der Veranstaltung. Doch zu einer richtigen Debatte unter den Teilnehmern kommt es bei diesem Thema nicht. Man müsse Offenheit zeigen und prüfen, was in der eigenen Tradition richtig ist, so der Grundtenor der Referenten. Gerade vor dem Hintergrund der steigenden Zahl von Bundesbürgern mit Migrationshintergrund müsse die Theologie der Zukunft dialogisch sein. Das klingt erst einmal logisch.

Doch als Dr. Manuela Kalsky, Theologin und Initiatorin einer interreligiösen Website „Vielheit statt Einheit“ vorschlägt, frage ich mich, ob hier nicht schlicht versucht wird, unterschiedliche Religionen zu vermengen. Entweder aus dem Geist der postmodernen Auflösung absoluter Wahrheiten oder als Konfliktvermeidungsstrategie. Im interreligiösen Dialog steht der liebe Frieden schließlich hoch im Kurs. Ein bisschen Kontroverse hätte gerade bei diesem Thema nicht geschadet.

Der Katholikentag versucht, gut anzukommen. Auch wenn dabei das eigene Profil etwas verloren geht. Seien es die zahlreichen Angebote zum Klimaschutz oder das Kulturangebot unter anderem mit Culcha Candela, die mit so mancher Liedzeile eigentlich so gar nicht den Geschmack der Katholiken treffen dürften. Viele Veranstaltungen entpuppen sich zu Publikumsmagneten, doch leider sind es gerade die, die mit Christsein umheimlich wenig gemein haben.

Auf dem Weg zur nächsten Veranstaltung mache ich einen kleinen Abstecher in die Innenstadt zur Kirchenmeile. Hier tummeln sich viele Besucher, genießen das schöne Wetter und die ausgelassene Stimmung. Dass gerade in der Stadt des Katholikentages die Geschäfte an Fronleichnam geöffnet haben, scheint hier kaum einen Katholiken zu stören. Stattdessen begegnen mir teils aufgekratzte, teils schon ein wenig erschöpft wirkende Teilnehmer – ja, die Nacht in Massenquartieren hinterlässt ihre Spuren. Außer bei einem Teilnehmer auf vier Pfoten. Der Berner Sennenhund, ebenfalls stolzer Besitzer einer Dauerkarte, hechelt zufrieden vor sich hin und wartet, wo sein Herrchen als nächstes hingehen will. Der Katholikentag scheint für jeden etwas zu sein, groß oder klein, Mensch oder Tier.

Absolutes Highlight meines Besuchs beim Katholikentag ist Ben Becker mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg. Die Show „Die Bibel – Eine gesprochene Symphonie“ findet unter freiem Himmel im Schlossgarten statt und ist atmosphärisch eigentlich nicht zu überbieten. Als Ben Becker schließlich mit seiner sonorigen, durchdringenden Stimme die Schöpfungsgeschichte liest, musikalisch mit Geigen und Celli untermalt, lauschen hunderte von Menschen dem Wort Gottes. Ein bisschen erinnert mich Ben Becker an einen Märchenerzähler - nur dass er kein Märchen erzählt. Ob ihm dies selbst auch so klar ist, kann ich nicht sagen, seine Art Auszüge aus der Bibel zu Rezitieren ist jedenfalls fesselnd und eine besonderes Erlebnis. Natürlich ist Ben Becker ein Bühnenmensch. Er steht gerne im Zentrum und ist sich seines Stimmtalents durchaus bewusst. Aber das tut den Worten keinen Abbruch. (…)“

Christine Winkler: Als „Protestant“ auf dem Katholikentag. Gefunden auf jesus.de

Katholikentage und Evangelische Kirchentage sind inzwischen leider reine Showevents. Die Kirchen putzen sich heraus wie eine Frau zum Ball, versprühen Modernität und Weltoffenheit. Mit der Alltagsrealität der Gemeinden hat das nicht viel zu tun. Aber es passt in unsere Welt, in der die Qualität der Inszenierung, die Präsentation längst wichtiger geworden ist als die Sachen selbst. Im deutschen wie im österreichischen Schulwesen spielen "Präsentationen" eine herausragende Rolle, und die offiziellen Bewertungsrichtlinien lassen keinen Zweifel daran, dass die Methodik und mediale Ausgestaltung der Präsentation im Vordergrund des Interesses steht, nicht etwa der Inhalt.

Ach, wie schön kann Ökumene sein...

... wenn man sich menschlich näher kommt: Die geschiedene hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann und Erzbischof Robert Zollitsch beim Katholikentag in Osnabrück. Auch hier gilt natürlich: Der Alltag sieht leider ganz anders aus.

Bild: epd

Im Vorbeifahren aufgenommen

... wäre immer noch Wien


"Österreich ohne Wien wäre nicht mehr Österreich, aber Wien ohne Österreich bliebe immer noch Wien." Einer unserer Jugendlichen sagte das dieser Tage zu mir. Es klingt wie ein geflügeltes Wort, ein Zitat, aber ich kann es nicht verifizieren. Jedenfalls ist es sehr zutreffend, glaube ich.

Montag, 19. Mai 2008

Her mit den Chimären!

In Großbritannien können Embryonen aus menschlichem Erbgut und Eizellen von Tieren für die Forschung geschaffen werden. Das Parlament in London beschloss dies am späten Montagabend - Kritiker sind schockiert.

Das Unterhaus in London stimmte am Montagabend mit 336 zu 176 Stimmen gegen einen Antrag, generell die Produktion von solchen Chimären zu verbieten. (...)

Britische Forscher hoffen, mit den aus diesen Mischwesen gewonnenen Stammzellen Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson besser behandeln zu können. Nach Angaben der Universität Newcastle von Anfang April wurden bereits Embryonen aus menschlichem Erbgut, das aus Hautzellen gewonnen wurde, und Eizellen von Kühen geschaffen. Ein Argument der Forscher ist, dass tierische Eizellen im Gegensatz zu menschlichen unbegrenzt zur Verfügung stünden. Die Embryonen seien nach drei Tagen wieder zerstört worden, hieß es.

Die katholische Kirche nannte die Erzeugung solcher Embryonen "monströs". In dieser Weise dürfe nicht mit Leben herumgepfuscht werden. Ähnliche Experimente wie in Großbritannien wurden nach Auskunft der jeweiligen Wissenschaftler bereits 1998 in den USA und 2002 in Südkorea vorgenommen. 2003 veröffentlichten chinesische Forscher eine Arbeit über das Herstellen eines Embryonen aus Kaninchen-Eizellen und menschlichem Erbgut im Fachjournal "Cell Research".

FTD.de 19.05.2008, 21.40 Uhr

Der Mensch kennt seine Grenzen nicht, und Wissenschaft wird sich auch durch Verbote nicht abhalten lassen, immer wieder das zu versuchen, was doch möglich ist.
Babel ist überall, die Turmbaumeister warten in jedem Labor. Verantwortung ist ein leeres Wort - jedenfalls wenn ein Blick gefordert wäre, der über den Tellerrand der eigenen Karriere und Konkurrenzfähigkeit hinaus reichen müsste.

Am AKH

Eine kleine Religionskunde

Some thoughts on the world's RELIGIONS:

  • Taoism: Shit happens.
  • Confucianism: Confucius says: "Shit happens".
  • Buddhism: If shit happens, it's not really shit.
  • Islam: If shit happens, it's the will of Allah.
  • Judaism: Why does this shit always happen to us?
  • Hinduism: This shit happened in my last life too.
  • Protestantism: Shit happens because you don't work hard enough.
  • Catholicism: Shit happens because you are bad.
  • Zen: What is the sound of one shit happening?
  • Moonies: Only happy shit happens.
  • Christian Science: Shit is in your mind.
  • Agnosticism: Maybe shit happens, maybe it doesn't.
  • Jehova's Witnesses: Let us in and we'll tell you why shit happens.
  • Rastafarianism: Let's smoke this shit.
  • Hare Krishna: Shit Happens, Shit Happens, Shit Shit Happens Happens, Shit Happens, Rama Rama.
  • Atheism: No shit.
Eine Internetfundsache

Schönheit am Wege

Baustelle U-Bahn-Station Nußdorfer Straße.

Zukunft

"Die Zukunft lag ungewiss in unseren Händen, ungewiss - und verheißungsvoll."

Aus dem Film "Goodbye Lenin"

Sonntag, 18. Mai 2008

Ohne Titel

Überleben

Einige Überlebende, die fast 100 Stunden nach dem Beben noch aus den Trümmern gerettet worden waren, schilderten, wie sie sich am Leben hielten. Der 46-jährige Peng Zhijun berichtete, seinen eigenen Urin getrunken und sich von Papiertaschentüchern und Zigaretten ernährt zu haben. „Ich musste mich selber retten“, sagte der Mann laut Xinhua. Er steckte mit einem gebrochenen Arm und leichten Beinverletzungen in den Trümmern eines Gebäudes in Beichuan fest. „Ich habe Zigaretten auseinandergebrochen und den Tabak gegessen. Als die Zigaretten aufgebraucht waren, habe ich die Papiertaschentücher genommen.“

Immer wieder hatte Peng Zhijun gegen eine eingestürzte Wand geklopft, um auf sich aufmerksam zu machen. Als fast 100 Stunden vorbei waren, habe ihn ein Bergungstrupp gefunden. „Sie waren begeistert, mich lebend zu finden - so wie ich. Ich habe laut geweint.“ Drei andere Überlebende wurden mit ihm geborgen. Auch sie hatten ihren Urin getrunken. Er habe andere ermutigt, seinem Beispiel zu folgen, sagte Peng Zhijun. „Aber sie haben nicht gehört.“ Mehr als zehn Verschüttete seien um ihn herum gewesen. „Am Anfang waren sie alle noch am Leben.“

Aus einem FAZ-Artikel über das Erdbeben in China

Wie aus einer anderen Welt

NO KIDS, NO GRANNIES

"Die Stille in Kirchen,
das Geschrei in Kindergärten
die Beschwerden der Nachbarn,
die Kleidervorschrift in Banken,
das Raunzergesicht im Supermarkt,
...NO, nicht im HENRY VILLAGE –
hier beginnt DEIN Urlaub!

NO KIDS, NO GRANNIES
Babyflascherl, Schwimmflügerl, lautes Gekreische… keine Angst,

„NO Kids“
5-Uhr-Tee, Bingoabend, Genörgel über laute Musik… keine Panik,

„NO Grannies“
„NO Kids, NO Grannies“, genau das ist Henry Village mit ausschließlich jungen, lässigen, coolen Ladies und Gents zwischen 18 und 30 Jahren, die gemeinsam einen geilen Urlaub erleben."

Werbung für einen österreichischen Partyclub in Tunesien

Nichts soll den Spaß stören, bitte... Nun gut, man kann Urlaub für bestimmte Zielgruppen anbieten, aber diese Werbung hat für mich etwas Aggressives, ja Menschenverachtendes.

Samstag, 17. Mai 2008

Döbling

Das Universalmittel

Mit Gebeten gegen hohen Benzinpreis

Nicht nur in Deutschland und Europa, auch in den USA haben die Benzinpreise neue Rekordhöhen erreicht. Um diesen Trend aufzuhalten, beten Mitglieder einer neu entstandenen gläubigen Bewegung "Prayer at the Pump" an verschiedenen Tankstellen für billigeres Benzin. "Das Gebet ist die Antwort auf jedes Problem", so die Überzeugung der Gruppe.

Um den stetig steigenden Benzinpreisen entgegenzuwirken, treffen sich die Mitglieder der Bewegung "Prayer at the Pump" ("Beten an der Zapfsäule") direkt an den Tankstellen zum gemeinsamen Gebet, berichtet "Spiegel Online". Bis zu 200 Leute kommen an einem Wochenende zusammen und beten um den Segen des Allmächtigen und bitten ihn um seine Kraft, die hohen Benzinpreise zu drücken.

Der Anführer der Bewegung, Rocky Twyman, schaffte es auf diesem Weg in zahlreiche Medien. Radio- und Fernsehinterviews im ganzen Land machen den Rentner und seine Bewegung bekannt. Twyman wird hauptsächlich von einer Ex-Schönheitskönigin, einem Inhaber einer kleinen Baufirma und zwei Freiwilligen einer Suppenküche unterstützt. Sie treffen sich in San Francisco und in der Hauptstadt Washington D.C. Eine Mitarbeiterin betet: "Diese Preise werden fallen, so wie die Mauern von Jericho in der Bibel gefallen sind."

"Gebet ist die Antwort für alle Probleme"

"Das Gebet ist die Antwort für jedes Problem im Leben", wird Twyman zitiert. "Wir bitten Gott, in das Leben dieser selbstsüchtigen, gierigen Leute einzugreifen, die die Preise so steigen lassen." Zum Schluss singen sie eine abgeänderte Version des Liedes "We shall overcome" ("Wir werden die Schwierigkeiten bewältigen"), in dem es nun heißt: "Wir werden billigeren Sprit haben."

Auf Worten ließ letzte Woche in Texas die Gemeinde "High Point Fellowship Church" Taten folgen. Für drei Stunden senkten sie die Spritpreise um knapp einen Dollar auf 2,49 Dollar pro Gallone Benzin, berichtet "Tagesschau.de". Pastor Randy Fenter sagte, man habe überlegt, wie man der Gemeinde helfen könnte. Schnell sei man auf finanzielle Probleme gekommen, die jede Familie hätte. "Die Benzinpreise treffen jedermann. Deshalb dachten wir: Wir senken den Benzinpreis für eine Weile, so gut es geht." Getankt hat der Pastor höchstpersönlich, bezahlt wurde die Preisdifferenz von seiner Gemeinde. Diese Aktion sprach sich schnell rum: Fast zwei Kilometer lang war die Warteschlange an der Tankstelle.

PRO. Christliches Medienmagazin 06.05.2008

Was wohl ein Atheist denkt, wenn er das liest?

Welche Art Körper sind Ihnen lieber?

Moderne Musik

Schon sehr früh entdeckte ich die moderne E-Musik, sicher auch aufgrund des guten Musikunterrichts bei unserem Musiklehrer Gerhard Pick. Mit 16 oder 17 Jahren gewöhnte ich mir an, den Tag mit Musik von Bartók oder Strawinsky zu beschließen, mit Henze oder Blacher. Nicht, dass ich nicht auch Leonard Cohen hörte, Bob Dylan oder die Beatles, PinkFloyd oder die Doors. Aber vor dem Schlafengehen sollte es etwas anderes sein. Vermutlich eine Art Inszenierung der Andersartigkeit, aber doch auch tatsächlich identitätsstiftend.

Schau hinein in die Häuser - du findest das Leben

Krieg, Langeweile, Zynismus

Standard: Shakespeares "Troilus und Cressida" ist eines seiner zynischsten Stücke: Die Griechen liegen untätig vor Troja, die Liebe des Trojaner-Prinzen Troilus zu Cressida geht an der gehässigen Kriegskultur zuschanden. Die Ebene des Privaten kippt ins Politische hinüber. Ist es das, was Shakespeare sagt: Wir besitzen kein Hinterland mehr?

Perceval: Was mich an dem Stück während der Probenarbeit immer mehr fasziniert, und warum ich es regelrecht zu lieben beginne: Es herrscht eine Art von Langeweile. Der trojanische Krieg erschlafft und läuft aus. In der Ilias befinden wir uns im neunten Kriegsjahr, bei Shakespeare erst im siebenten. Er zeigt den Kriegszustand als "condition humaine"; nur braucht dieser Zustand einen Auslöser. Er besitzt keine Katharsis mehr. Niemand kann sich mehr an seinen Ursprung erinnern. Er bräuchte, zynisch gesagt, eine Atombombe. Es ist wie augenblicklich im Irak: Der Krieg dauert so und so viele Jahre, und keiner weiß, wie er beendet werden soll.

Standard: Man marschiert kerzengerade hinein, aber man besitzt kein Ausstiegsszenario?

Perceval: Nach einer Weile wird der Krieg zum Alltag, und die Langeweile beginnt zu dominieren. Am ersten Tag werden noch spektakuläre Bilder verbreitet; heutzutage bringt keiner mehr das geringste Interesse dafür auf. Ich glaube, dass wir nur von 60 Prozent aller Kriege auf der Welt überhaupt noch von den Medien informiert werden. Ein solcher Kriegszustand in Permanenz, und das zeigt Shakespeare so überaus prägnant, konfrontiert den Menschen mit seiner abgrundtiefen Langeweile: mit Leere und Aussichtslosigkeit. Lauter Leben ohne Leidenschaft, wobei man den Figuren beim Warten zusehen kann: Sie warten auf den Tod - also eigentlich auf Godot. Inmitten dieser Langeweile entsteht in ihnen eine unbändige Lust zu vernichten.

Standard: Die Gewaltdosierung muss erhöht werden?

Perceval: So, wie man Fußballstadien verwüstet oder Bushaltestellen zertrümmert. Das alles sind Vernichtungsakte aus Langeweile. Wo kein sinnvolles Lebensziel vor Augen steht, hat man ein zerstörtes Selbstbild. Daher zerstört man auch die Welt. Das ist eben das Zynische und Bittere: Dahinter steckt der alte Genius Shakespeare. Troilus ist eines seiner bittersten Stücke - und gerade deshalb eines seiner interessantesten.

Standard: Und wie setzt man in die Sphäre des Privaten über?

Perceval: Inmitten dieser Landschaft der Vernichtung entwickelt Shakespeare eine der schönsten Liebesgeschichten, die er je geschrieben hat. Meiner Meinung nach noch viel schöner als Romeo und Julia! Letztere besitzt ein gewisses Maß an Naivität. Während Cressida von vornherein sagt: Nein, fass mich nicht an - denn sobald ich von dir bezaubert bin, lieber Troilus, unterliege ich deiner Macht! Genau diese Geschlechterordnung von "Du Meister, ich Sklavin!" wird von ihr unterlaufen. Ein solches Machtgefüge basiert auf Kolonialismus; auf ihm gründet unsere ganze Weltordnung. Krieg hat nicht nur in der Langeweile seine Ursache, sondern darin, dass der eine über den oder die andere frei verfügen kann und sagt: Du bist minderwertig!

Standard: Sie meinen einen Antagonismus der Geschlechter?

Perceval: Ja. Wobei Shakespeare, brutal, wie er ist, zeigt: Die Frauen haben nicht die geringste Chance. Die wahrsagende Kassandra wird von der eigenen Familie weggesperrt. Hektors Frau, Andromache, wird nicht zugehört. Die Krieger-Männer leben den Machismo. Gezeigt wird eben nicht nur der trojanische Krieg, sondern, sehr viel moderner: Am Ende ist der Krieg zu Ende - aber Troilus ist am Leben geblieben! Der Krieg wird von solchen wie ihm fortgezeugt werden. Hass gebiert Hass. Das ist doch schön: Darin steckt Poesie. Shakespeare hatte doch auch seine Zeitgenossenschaft im Blick. Die Ilias? Wird von ihm umgeschrieben. Die Griechen sind Volltrottel - die Trojaner sind schwul und verweichlicht, entscheidungslos und werden von ihren Frauen angetrieben. Diese Clowns und Deppen werden nach und nach immer bösartiger. Sie greifen ein Mädchen wie Cressida an: Komm her, hast du schon einmal ein Küsschen gekriegt? Clowns, zur Armee versammelt, werden zu grausamen Monstern. Sie leben von der Lust, alles, was schön ist am Leben, genüsslich zu vernichten. So kompensiert man den Verlust von Heimat.

Aus dem Interview des „Standard“ (Druckausgabe vom 10.05.2008) mit dem flämischen Regisseur Luk Perceval anlässlich seiner Inszenierung von Shakespeares „Troilus und Cressida“ bei den Wiener Festwochen

MA 48

Dann müsste er schweigen...

Der Lebende versteht den Toten nicht, aber der Tote
versteht den Lebenden, und dass er nichts versteht.

Der Lebende glaubt so wenig an den Himmel –
wenn man ihm vorschlüge ewig in einem Sessel zu sitzen

und ihn zwänge auf einen Bildschirm zu starren,
aus dem er sich selbst beim Sehen zusieht, dann wäre er

dabei. Auch wenn der Himmel klein wäre und sicher
wie ein Sarg, hätte er nichts dagegen. Erzählte

der Tote dem Lebenden wie es wirklich ist
müsste er

schweigen.

Tadeusz Dąbrowski

In motion


Wechsel der Jahreszeiten

Wien ist eine Saisonstadt. Schon wenn der Sommer beginnt, wird es ganz schnell fast unerträglich heiß. Die neun Wochen Schulsommerferien (die es freilich in ganz Österreich gibt), sind wirklich unverzichtbar, eigentlich sollten sie schon Anfang Juni oder Ende Mai beginnen. Es ist erstaunlich, wie schnell die Wiener umschalten von Schneeräumung und kalten Winterstürmen auf Heurigenseligkeit, Prater und Schwimmbad. Das einzige Kontinuum bilden die Bälle - deren Saison reicht vom tiefen Winter bis an die Schwelle des Hochsommers.

Freitag, 16. Mai 2008

S-Bahn-Station bei Nacht

Realität und literarische Muster

Der Germanist Ritchie Robertson vom St. John's College in Oxford untersucht zurzeit die österreichische Literatur auf "fiktive Vorfahren" des Amstettner Inzest-Täters Josef F. - und wird reichlich fündig. Von Nestroy und Raimund über Stifter, Canetti oder Freud bis zu Elfriede Jelinek sei der österreichischen Literatur "der Faktor der patriarchalen Autorität" und ihres Missbrauchs gemein.

Josef F. "existierte in der Literatur, bevor er im Leben existierte", so der Germanist in einer Ausgabe des "Times Literary Supplement" (TLS). Robertson betont, dass man den kritischen Stimmen der Literatur wohl mehr Aufmerksamkeit hätte schenken müssen, statt ihre "monströsen und grotesken Charaktere" als Karikaturen abzutun. Die Wiener Gratiszeitung "Heute" interpretiert den Artikel derart, dass die Schriftsteller des Landes mit Josef F. "in eine Reihe" gestellt und "als Vorbilder angesehen" würden.

Kellerverliese fänden sich zwar auch in anderen Nationalliteraturen, die Häufung von gewalttätigen, oft missbrauchenden Vaterfiguren sei in der österreichischen Literaturgeschichte allerdings auffällig, schreibt der Autor. Schon Raimunds Rappelkopf ("Der Alpenkönig und der Menschenfeind", 1828) zeige Grundzüge davon, der Protagonist von Stifters "Turmalin" (1852), sperrte Frau und Tochter gar in den Keller, der Hauswart und ehemalige Polizist Benedikt Pfaff in Elias Canettis "Blendung" (1935) schließt seine Tochter nach dem Tod der Frau in ein Hinterzimmer, wo er sie, Hinweisen im Text zufolge, auch sexuell missbraucht. Elfriede Jelinek schließlich habe mit "Lust" (1989) eine scheinbar übertriebene Satire häuslicher Gewalt vorgelegt, die nun aber "von der Realität unvorstellbar übertroffen" wurde.

"Das ist die kulturelle Matrix aus der Josef F. hervor ging", resümiert der Germanist, der 2006 auch Mitherausgeber einer Österreichischen Literaturgeschichte von 1918 bis 2000 war und schließt aus diesen Beispielen auf "tiefliegende Muster", die die Literatur längst erkannt habe.

Josef F.'s "Vorfahren" in heimischer Literatur (von sk) auf www.news.tele2internet.at

Natürlich klingt das beim ersten Hören wie an den Haaren herbeigezogen. Aber irgend etwas ist auch daran.

Mittwoch, 14. Mai 2008

Das Jahr steigt auf...

Japanische Wörter im Deutschen

"Von Aikido über Karate, Sushi, Tofu bis hin zum Zen - im Verlauf vor allem des zwanzigsten Jahrhunderts wurden im Deutschen rund 500 Fremdwörter aus dem Japanischen entlehnt, trotz aktuellen China-Booms weit mehr als die nur knapp 50 Wörter chinesischer Herkunft. Bei ihrer linguistischen Recherche bedienen sich Barbara Haschke und Gothild Thomas verschiedener Lexika, Enzyklopädien und Fremdwörterbücher sowie alter und aktueller Duden- und Brockhaus-Ausgaben und japanisch-deutscher Wörterbücher.

In der historischen Einleitung werden wir mit den Wegen vertraut gemacht, die der Sprachimport aus Japan in sportlichen und spirituellen, künstlerischen und ökonomischen, kulinarischen und antiquarischen Zusammenhängen genommen hat. So wurden einige Begriffe im sechzehnten Jahrhundert von portugiesischen Missionaren nach Europa gebracht. Die Zeit der Landesabschließung Japans (1600 bis 1853) fungierte auch als Sprachbarriere. Nur ganz wenige aus dem Japanischen abgewandelte Wörter wie Soja oder Ginkgo waren seinerzeit bekannt. J. C. A. Heyses Fremdwörterbuch enthielt 1901 lediglich die Einträge Aucuba, Bonze, Geisha, Japan, Mikado, Nippon und Soja.

Als klischeebeladene Kulturbrücke für die Rezeption japanischer Wörter wie Mikado oder Geisha diente Ende des neunzehnten, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Opern- und Operettentraumwelt von Werken wie "Der Mikado oder Ein Tag in Titipu" oder "Madame Butterfly". Ein Theaterstück des durch Amerika und Europa tourenden Schauspielers Kawakami Otojiro machte "Harakiri" bekannt. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts trugen Fernsehserien wie "Shogun" oder Buchtitel über Japans Hochwachstumsphase wie "Kaisha" (Firma) zur Popularisierung japanischer Begriffe bei.

Pilz-Pilz und Hirsch-Hirsch

Nicht wenige Wörter haben auf ihrem Weg in die deutsche Sprache Bedeutung, Konnotationen und Referenzrahmen verschoben. Die Einverleibung in die deutsche Syntax gestaltet sich oft problematisch, wie die Autorinnen belegen. Die befragten Wörterbücher zeigen eine gewisse Unsicherheit in Bezug auf grammatisches Geschlecht, Genitiv oder Pluralbildung: "Auch für das Wort Harakiri gibt der Duden einen Plural an: das Harakiri, die Harakiris. Da fragt man sich: Kann es überhaupt einen Plural von Harakiri geben? Machten die 47 Samurai Harakiri, oder machten 47 Samurais 47 Harakiris?"

Verblüffend ist auch, dass im Deutschen eingebürgerte Begriffe so nicht oder nicht mehr im Japanischen verwendet werden: Der Fudschijama (Duden) heißt in Japan Fujisan, Harakiri wird Seppuku genannt. Der Kaiser heißt heute Tennô ("Himmlischer Herrscher") statt Mikado ("Die Verehrte Pforte").

Unfreiwillig komisch kommen uns einige gutgemeinte deutsch-japanische Komposita vor, wobei üblicherweise der vorangestellte japanische Teil das deutsche Grundwort näher definiert. Beispiele sind deutsch-japanische Wortgewächse wie Bonsaipolitiker oder Kamikazefahrer. Zuweilen kommt es auch zu Pleonasmen wie in Shiitakepilz. So ergeben shii, eine Eichenart, und take, Pilz, im Zusammenspiel mit dem deutschen Element eine Sinnverdoppelung: Shii-Pilz-Pilz. Entsprechend wäre ein Sikahirsch (shika bedeutet Hirsch) ein "Hirschhirsch".

Eieruhren und Riesenwellen

Einstweilen entpuppen sich scheinbar genuin japanische Wortschöpfungen wie Karaoke oder Tamagotchi als englisch-japanische Zwitterbildungen: Ersteres setzt sich aus kara (leer) und oke (Abkürzung für orchestra) zusammen. Der Duden erklärt Tamagotchi wie ein exotisches Fundstück als "kleines, eiförmiges elektronisches Gerät, auf dessen Display eine Fantasiegestalt erscheint, die auf bestimmte akustische Signale hin wie ein Lebewesen versorgt werden kann". Nach Aussage des Herstellers ist das Wort eine Kombination aus dem japanischen tamago (Ei) und dem Fremdwort watch (Uhr), die Endsilbe chi fungiert als Diminutiv.

Noch kurioser sind scheinjapanische Wortschöpfungen, die sich als rein englische Zusammensetzungen erweisen wie die Computerspielfiguren Pokemon (von pocket monsters). Umgekehrt haben einige auf den ersten Blick unverdächtige Wörter wie Tycoon oder Bonze einen asiatischen Migrationshintergrund: Das japanische taikun (großer Herr), eine Anrede für den mächtigen Shôgun, wandelte sich im Englischen tycoon zur Bezeichnung eines Wirtschaftsbosses.

Das Wort Bonze (von bôzu, buddhistischer Mönch) kam über portugiesische Missionare als eines der frühesten Wörter aus dem Japanischen ins Deutsche. Noch in Heyses Fremdwörterbuch von 1901 findet sich der Eintrag "Priester der Religion des Fo oder Buddha in Japan und China; uneigentlich ein abergläubischer Pfaff". Moderne Wörterbücher verzeichnen aber neben "buddhistischer Mönch" auch die im Deutschen hinzugekommene Bedeutung "höherer, dem Volk entfremdeter Funktionär".

In der Regel werden bestimmte japanische Begriffe übernommen, wenn Phänomene bezeichnet werden sollen, für die uns in unserer Muttersprache die Worte fehlen - wie Tsunami, Zen, Rikscha oder Tamagotchi. Im Fall von Tsunami (zusammengesetzt aus tsu, Hafen, Bucht, und nami, Welle) bedurfte es - um die Ungeheuerlichkeit der Naturkatastrophe von 2004 sprachlich zu fassen - einer Alternative zu den eingebürgerten deutschen Begriffen Riesenwelle, Flutwelle oder Springflut. "

Steffen Gnams Rezension des "Kleinen Lexikons deutscher Wörter japanischer Herkunft" von Barbara Haschke und Gothild Thomas (München: C.H.Beck 2008) auf http://lesesaal.faz.net.

Am "Himmel"



Am Pfaffenberg in Döbling liegt der "Himmel", heute ein beliebtes Ausflugsziel der Wiener. "1997 ließ das Kuratorium Wald am Himmel einen sogenannten Lebensbaumkreis errichten. Dieser besteht aus vierzig, kreisrund angelegten Bäumen, die jeweils einzeln auf einer Tonstele beschrieben werden." [Wikipedia s.v. Pfaffenberg (Wien)] Diese Tonstelen enthalten außerdem Lautsprecher, aus denen zeitweise Musik erklingt. An den Wochenenden und Feiertagen der wärmeren Zeiten des Jahres kann man hier nach einem langfristig angekündigten Programm Musik verschiedener Komponisten hören und zugleich den Blick über die Stadt genießen.

Privater Gedenktag

Ein privater Gedenktag: Heute vor 40 Jahren zogen meine Eltern mit mir aus Essen fort. Das war der größte Einschnitt meiner Kindheit, ich wurde verpflanzt nach Stuttgart, lernte neue Wörter wie "Kehrwoche" und "Gutsle", Schimpfwörter wie "Dackel" (Steigerung: "Halbdackel"), stellte voll Erstaunen fest, dass meine Schulkameraden Schokolade auf dem Pausenbrot hatten und fühlte mich durchaus als Fremder. Das "Grüß Gott" kam mir lange nicht über die Lippen, und auch nach zehn Jahren verstand ich manche schwäbische Wendung kaum. Die Übersiedlung aus der Metropole des Ruhrgebiets in die "Großstadt zwischen Wald und Reben" (so der damalige Werbeslogan der Stadt Stuttgart) war eine Art Kulturschock.

Guter Gedanke - witzige Zeitungsüberschrift












"Heute" 11.3. 2008, S. 2

Aus dem 13A fotografiert















Im Augen-Blick

Blick-Begegnung

Ein Blick!
Ein Grüßen, Schmachten, Gleißen,
ein Wiedersehn von Sternenzeiten her!
Die Straße strömt,
das Schicksal ist bereit.
Ein rasches, heißes Voneinanderreißen!
Matt rückgewandt ein: Noch, noch ist es Zeit!
Und jetzt: Nie mehr!

Franz Werfel

Die U-Bahn und die Menschen

Außerirdische

Pater José Gabriel Funes, Chefastronom des Vatikans, hat (…) in einem Interview klargestellt: Der Glaube an Außerirdische steht in keinem Widerspruch zum Glauben an Gott.

Wer an Gott glaubt, kann demnach durchaus auch an die Existenz außerirdischer Wesen glauben. Wer davon ausgehe, dass es andere Welten und Lebewesen, auch höher entwickelte als den Menschen gebe, könne dies tun, ohne damit den Glauben an die Schöpfung und die Erlösung infrage zu stellen.

Das sagte Funes in einem am Dienstag veröffentlichten Gespräch mit der Vatikan-Zeitung "Osservatore romano". Astronomie und Gottesglaube stünden keineswegs im Widerspruch

Der aus Argentinien stammende Jesuit leitet die im Apostolischen Palast in Castel Gandolfo bei Rom untergebrachte Vatikan-Sternwarte. Auf die Frage, was die Entdeckung außerirdischen Lebens für die Theologie bedeuten würde, sagte Padre Funes einmal: "Ich sähe da keine Schwierigkeiten. Auch dieses Leben wäre Geschöpf Gottes."

spiegel-online.de

Dienstag, 13. Mai 2008

Warten



Das Warten auf die Genehmigung zum Beginn der Bauarbeiten ist zermürbend.

Erkenne ich mich nun wieder?

Die Deutung der Handschrift brachte folgendes Ergebnis:

Er (sc. der Schreiber) ist sinnlich, warmherzig, gemütlich und phantasievoll. Im Großen und Ganzen wirkt er gelassen bis uninteressiert, wenn er aber von einer Sache überzeugt ist, überrascht er seine Umwelt durch sein überschwängliches und begeisterungsfähiges Auftreten.

Er ist lebhaft und kontaktfreudig. Mit viel Verständnis für die Belange anderer.

Der Schreiber ist ein vernunftgesteuerter Mensch. Er versucht, seine Gefühle zu verbergen und sich bei Entscheidungen nur vom Verstand leiten zu lassen.

Er versucht, die eigene Meinung durchzusetzen. Wenn er etwas besser weiß als andere, muss er es ihnen auch unbedingt mitteilen.

Der Schreiber legt Wert auf eine Grunddistanz zu seinen Mitmenschen. Auch gute Kollegen müssen nicht alles wissen.

Er ist bestrebt, anderen Menschen so weit wie möglich zu helfen.

Der Schreiber ist sehr humorvoll. Ihn zeichnet aus, dass er nicht nur über andere, sondern auch über sich selbst lachen kann. Sein schelmischer Humor kommt bei der Umwelt meistens gut an.

Er besitzt sehr viel Elan und Unternehmungsgeist, allerdings neigt er zu Widersprüchen und Rechthabereien.

Der Schreiber wirkt oft etwas nervös und wenig entspannt. Er ist dickköpfig und neigt schon mal zu trotzigen Reaktionen.

Der Schreiber ist insofern bescheiden und wenig aufdringlich, als dass er es nicht nötig hat, die Umwelt bei jeder Gelegenheit auf die eigenen Stärken aufmerksam zu machen.

Online-Deutung meiner Handschrift (im Multiple-Choice-Verfahren) auf einer einschlägigen Internetseite.

Folgen der geplanten Novellierung des Personenstandsrechts in Deutschland

Ab 2009 können Ehepaare in Deutschland kirchlich heiraten, ohne sich vorher staatlich trauen zu lassen. Bisher gilt eine kirchliche Trauung immerhin noch Ordnungswidrigkeit, das soll nach einer Änderung im deutschen Personenstandsrecht vom kommenden Jahr an nicht mehr so sein. Der Staat stellt sich mithin auf den Standpunkt, dass ihn religiöse Eheschließungszeremonien nicht weiter interessieren, da sie aus seiner Sicht ja keine Rechtsfolgen haben.
Das schafft eine neue Situation, die vor allem für Pensionisten von Interesse ist: Verwitwete, die wieder heiraten, büßen ja ihre Rechtsansprüche aus der Rentenversicherung ein. Schon seit vielen Jahren gab es vor allem von älteren Menschen immer wieder Anfragen nach kirchlichen Trauungen ohne vorhergehenden Akt auf dem Standesamt. Das Interesse gibt es freilich auch bei jüngeren Paaren, die zwar ihre Liebe vor Gott und der Welt feiern möchten, aber die Rechtsfolgen einer bürgerlichen Eheschließung scheuen. Bisher mussten (und konnten) Kirchen und kirchliche Gemeinschaften solche Anfragen mit dem Hinweis auf die obligatorische Zivileheschließung ablehnen. Das geht nun nicht mehr so einfach. Vielmehr ist neues Nachdenken über das eigene Eheverständnis gefordert. Bei verschiedenen deutschen Freikirchen hat man wohl über die Möglichkeit einer nur "kirchlichen" Trauung diskutiert, sich aber nicht dazu verstehen können. Das wird bei den evangeli9schen Landeskirchen nicht anders sein: Nach evangelischem Eheverständnis gehören die Folgen vor der Welt zur Eheschließung unlöslich hinzu.
Anders steht es bei der katholischen Kirche, in der ja nach eigenem Verständnis die Brautleute die Ehe erst durch ihr Jawort in der Kirche schließen. Die deutsche Bischofskonferenz will jetzt anscheinend wirklich eine kirchenrechtliche Regelung ausarbeiten, die eine Hochzeit ohne Trauschein mit bischöflicher Ausnahme ermöglicht. Diese Regelung soll Pensionisten helfen zu heiraten, ohne ihre Rentenbezüge zu verringern - vielleicht kommt es dann auch zu vermehrten Konversionen im Rentenalter.

Am Rande des Wiener Waldes