Sonntag, 8. Februar 2009

Kirchenaustritt

Anleitung zum Kirchenaustritt

Ausstieg leicht gemacht

Liebäugeln Sie schon lange mit dem Austritt aus der katholischen Kirche? Vor allem jetzt, wegen des Streits um einen Holocaustleugner? Nichts einfacher als das. Ein Wegweiser. VON FELIX LEE

Ist dieser Papst nicht Austrittsargument genug? Benedikt XVI., hier als Rückspiegel-Accessoire. Foto: ap

Sie sind katholisch, haben aber seit Jahren keine Kirche mehr von innen gesehen? Sie könnten das Vaterunser zwar noch, aber bereits beim Glaubensbekenntnis würden Sie ins Stottern kommen? Die Friedensbotschaften Sanctus, Benedictus und Agnus Dei sind Ihnen auch keine Begriffe mehr? Und der Abschnitt auf Ihrer Steuererklärung übertitelt mit Kirchensteuer ist Ihnen ebenfalls schon lange ein Dorn im Auge? Dann sind Sie der perfekte Austrittskandidat. Und wenn nicht jetzt, wann dann? Angesichts des Streits über den Holocaust-Leugner Bischof Williamson und des ungeschickten Umgangs des Papstes damit könnten Sie Ihren Kirchenaustritt zusätzlich mit einer politischen Botschaft aufplustern.

An und für sich ist der Austritt auch kein kompliziertes Unterfangen. Sie packen Ihren Personalausweis oder Reisepass ein, suchen je nach Bundesland entweder das Amtsgericht (Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Thüringen) oder das Standesamt (alle anderen Bundesländer) auf und füllen das in der Regel vorgefertigte Austrittsformular aus. Ein völlig unspektakulärer Vorgang. Denn weder müssen Sie bei einem Pastor vorsprechen noch sich sonst vor irgendjemand rechtfertigen. Sie können einfach das taz-Austrittsformular downloaden, ausfüllen und abschicken. Schließlich hat jede Person hat qua Verfassung ein Austrittsrecht. Das reicht zur Begründung. Nicht einmal mit hohen Kosten ist der Austritt verbunden. In den meisten Bundesländern kostet Sie der Austritt zwischen 10 und 31 Euro, in den weitgehend säkularisierten Stadtstaaten Berlin und Bremen ist dieser sogar kostenlos. Nur in einzelnen schwäbischen Kommunen kann es schon mal vorkommen, dass Sie 60 Euro oder mehr hinblättern müssen.

Doch aufgepasst: Die Tücke steckt im Detail. Wer zum Beispiel im StudentInnenalter von 19 oder 20 Jahren seinen Austritt schon einmal erklärt hat, dem kann passieren, dass mit dem Eintritt ins Berufsleben einige Jahre später auf der Steuerbescheinigung der Posten Kirchensteuer trotzdem aufgelistet ist. Offensichtlich spekuliert die Kirche darauf, dass ihre ehemaligen Mitglieder die Austrittsbescheinigung nicht aufbewahren, und fordert dann oftmals Jahre später einen Beweis dafür.

Und in der Tat: Nach derzeitiger Rechtslage sind Sie in der Pflicht, Ihren Weggang nachzuweisen. Können Sie das nicht, könnte Ihnen gar eine saftige Nachzahlung drohen. Gerade in Bundesländern mit großen Mitgliederverlusten, wie zum Beispiel Berlin, versuchen die Bistümer auf diese Weise, die Kirchenkassen zu füllen.

Auch über die Folgen des Austritts sollten Sie informiert sein. Sofern der Arbeitgeber ein kirchlicher Träger ist - und davon gibt es hierzulande mit Caritas, Diakonischem Werk und dem Büchereiverbund Borromäusverein eine ganze Reihe -, kann Ihnen ohne Weiteres gekündigt werden. Auch wer sein Kind gerne in einen der allseits beliebten katholischen Kindergärten oder Schulen anmelden möchte, hat mit einem Austrittsgesuch schlechte Karten. Und als Taufpate oder Trauzeuge fallen Sie ebenfalls aus. Sorge, dass Sie im Todesfall in einer Müllkippe landen, müssen Sie aber nicht haben. Friedhöfe nehmen auch Ungläubige bei sich auf.

Im Übrigen: So sehr dramatisieren müssen Sie Ihre Austrittsüberlegungen nicht - denn Sie können problemlos immer wieder eintreten. Zumindest der strengen katholischen Lehre zufolge kennt die Kirche zwar Rausschmiss, aber keinen Austritt. Wer einmal getauft ist, bleibt es sein Leben lang. Wer hingegen wirklich dem Vatikan für immer den Rücken kehren möchte, müsste den Papst schon schwerwiegend brüskieren - oder den Holocaust leugnen. Und selbst das ist bekanntlich nur Theorie.

tageszeitung 06.02.2009

Bastelbogen


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Geunden auf metalmagazin.com

Wie bei Edward Hopper: Im XXII.

Wien ist anders, und jenseits der Donau gilt das noch einmal besonders. Der XXII. Bezirk ("Donaustadt", im Volksmund - gemeinsam mit dem XXI. Bezirk Floridsdorf - auch "Transdanubien" genannt) weist über weite Strecken eine lockere Bebauung auf, bei der man sich oft nicht mehr sicher wäre, noch in der Stadt zu sein, gäbe es da nicht am Horizont immer wieder Ansammlunge von Wohnhochhäuern. Bei Nscht und Wind da unterwegs zu sein, kann schon unheimlich sein. Das Gebäude auf dem Foto ist übrigens ein Blumenladen.

Wenn die Nachfrage das Angebot bestimmt: Esoterisches an österreichschen Hochschulen

Wissen? – Nur ein Marketinghemmer

Den Lerninhalt bestimmen vorrangig die Marktkräfte von Angebot und Nachfrage.

Den Lerninhalt bestimmen vorrangig die Marktkräfte von Angebot und Nachfrage.

Immer dabei: Homöopathische Globuli. Foto: bilderbox

Immer dabei: Homöopathische Globuli. Foto: bilderbox

Von Christa Karas

Aufzählung Esoterik macht selbst vor den Unis nicht mehr halt. 
Aufzählung Zum "Geistheiler" durch das Wifi. 
Aufzählung "Master" mit "therapeutischen Vaginalmassagen".

Wien. "Hin und wieder bekomme ich ja gehässige e-mails oder gutgemeinte Ratschläge von Menschen, die mir dringend nahe legen, als Mathematiker bei meinen Zahlen bzw. als Volkswirt bei Angebot und Nachfrage zu bleiben, anstatt unqualifiziert über die bewundernswerten Errungenschaften der alternativen, komplementären, integrativen und ganzheitlichen Medizin herzufallen, die die ‚Schulmedizin‘ so alt aussehen lassen", schreibt Univ.-Prof. Ulrich Berger, Spieltheoretiker an der Wirtschaftuniversität Wien, aktuell in seinem viel beachteten Wissenschaftsblog.

"Aber, entgegne ich dann – sofern ich dazu noch Gelegenheit bekomme – die Marktkräfte von Angebot und Nachfrage lassen sich doch ganz hervorragend etwa am Beispiel des Markts für medizinische Weiterbildung studieren." Unterstützung bekommt der Wirtschaftswissenschafter dabei vor allem von einem "Praktiker", dem Pharmazeuten Edmund Berndt, der diese Marktkräfte in seiner Apotheke in Lenzing, OÖ, Tag für Tag an seiner Kundschaft verfolgen kann, wenn diese etwa homöopathische Mittel verlangt.

Wissenschaft gilt, wie Berger und Berndt festgestellt haben, hier als "marketingtechnischer Hemmschuh" und so schaut es dann auch aus, wenn nicht nur private Weiterbildungsinstitute ins Kraut schießen. "Selbst staatlich geförderte und vergleichsweise seriöse Institutionen springen auf den Zug auf", so Berger, der dazu eine Fülle an Beispielen nennt.

Astrologie, Kinesiologie und Tiertelepathie

"Das Wifi (Wirtschaftsförderungsinstitut) setzt nach Astrologie und Tiertelepathie neuerdings auf Kinesiologie und Geistheiler-Ausbildung. Beim LFI (Ländliches Fortbildungsinstitut Österreich) kann man lernen, wie man seine Nahrungsmittelunverträglichkeiten mit dem Pendel mutet und am BFI (Berufsförderungsinstitut) lassen sich gleich vier Kurse zur Kinesiologie belegen, die sich dort ‚Touch for Health‘ nennt." Doch damit noch lange nicht genug:

"Nachdem sich die Esoterik in Form von öffentlich geförderten Humbug-Kursen im Umkreis von Wirtschafts- und Ärztekammer erfolgreich breit gemacht hat, schleicht sie sich an die Universitäten ran. Allen Widrigkeiten zum Trotz hat die universitäre Aus- und Weiterbildung immer noch die höchste Reputation. Da sich Reputation in klingende Münze verwandeln lässt, verwundert es nicht, dass besonders die Alternativmedizin mit aller Macht dorthin drängt, wo eigentlich jene wissenschaftliche und evidenzbasierte Medizin beheimatet sind, die sie insgeheim als ihren natürlichen Feind betrachtet."

Stellenweise ist ihr das bereits gelungen. Berger: "Im Rahmen der sommerlichen ‚Kinderuni‘ konnten unsere Kleinen im Vorjahr lernen, ‚wie dich die homöopathischen Globuli gesund machen können‘. Und an der MedUni Wien hören angehende Ärzte Vorlesungen über Pharmakologie, während der Dozent im Nachbarhörsaal die ‚geistartige Kraft‘ von wirkstofflosen Zuckerkügelchen im Rahmen des Homöopathiekurses beschwört."

"Wo Master draufsteht, muss auch ein Master drin sein", wurde Friedrich Faulhammer, Leiter der Hochschulsektion im Wissenschaftsministerium, jüngst zitiert. Was also ist wirklich drin in jenen Unilehrgängen, wo Master draufsteht?

Berger: "Ein solcher mit einem ‚Master of Science‘ (MSc) abschließender Lehrgang ist an der Donau-Uni Krems zu finden. Es handelt sich im Kern um einen Homöopathie-Lehrgang, der dort euphemistisch Natural Medicine genannt wird. In einem anderen MSc-Lehrgang wird Studierenden der Verlauf der zwölf Meridiane erläutert – ein vitalistisches Konzept, das aus wissenschaftlicher Sicht seinen ontologischen Status mit Einhörnern teilt."

Roter Zungengrund verrät Onanierzwang

Die universitäre Konkurrenz lauert dagegen in Wien: "Seit fünf Jahren leistet man sich hier eine akkreditierte Privatuniversität für Traditionelle Chinesische Medizin, kurz TCM-Uni, wo unter anderem die Feinheiten der Zungendiagnose erörtert werden. Geröteter Zungengrund, so erfährt man aus einem Interview mit dem Rektor, deute auf eine Schwäche des Nieren-Yin hin, was oft zu Onanierzwang führe."

Dafür punktet wiederum die Donau-Uni mit einem vielversprechenden "Universitätslehrgang für Lebensraummanagement und interkulturelle Philosophie". Der Lehrgangsleiter verweist auf Ausbildungen in Feng-Shui, Geomantie und chinesischer Astrologie. Unterrichten dürfen den Lehrgang u. a. ein Astrologe und zwei Träger falscher Doktortitel. Berger dazu: "Das Ergebnis sind groteske studentische Abschlussarbeiten wie etwa jene über die Yin-Yang-Formel und die Quantentheorie im Feng-Shui."

Tibetisches in Kärnten, Highlight in Graz

Mit TCM, Homöopathie und Feng-Shui seien die in die Unis drängenden wissenschaftsfernen Konzepte keineswegs erschöpft, erläutert Berger: "Aus Kärnten belästigt man den Akkreditierungsrat mit der gloriosen Idee einer Privatuni für Tibetische Medizin; dabei war jener gerade schwer damit beschäftigt, die Donau-Uni-Abspaltung namens Danube Private University abzuwehren, der ein lukratives Doktoratsstudium der Schönen Künste ‚für die Generation 50+‘ vorschwebte."

Absolutes Highlight ist allerdings das Grazer Interuniversitäre Kolleg, dessen wissenschaftlicher Leiter auf der Interuni-Webseite "mit einer Auszeichnung durch eine berüchtigte Titelmühle prahlt und deren medizinischer Leiter als HIV/AIDS-Skeptiker auf der Webseite einer einschlägig bekannten Gruppe von AIDS-Spinnern" mitmischt.

Einer der Lehrenden, ein israelischer Kinderarzt, erlangte durch einen Artikel traurige Berühmtheit, in dem er die Lehre des antisemitischen Krebspfuschers Ryke Geerd Hamer lobte, während dem Ko-Autor dieses Artikels und bis vor kurzem noch Lehrkraft am Kolleg aufgrund seiner "therapeutischen" Vaginalmassagen in Dänemark die Lizenz entzogen wurde.

Dieses Interuniversitäre Kolleg also präsentiert nun einen neuen MSc-Lehrgang mit dem Schwerpunkt "energy medicine", Kooperationspartner ist die "Deutsche Gesellschaft für Energetische und Informationsmedizin", auf deren letztem Kongress u. a. Methoden zur "Erzeugung von informiertem Wasser für besondere Heilungsanwendungen" präsentiert wurden. Berger: "Zur ‚Energiemedizin‘ zählen die obskursten Methoden, von Bioresonanz bis Kirlianfotografie. Ihre ‚Theorien‘ beruhen auf so pseudowissenschaftlichem Humbug wie ‚Skalarwellen‘, ‚Informationsfeldern‘ und ‚Heilschwingungen‘. Sie sind nicht nur unwissenschaftlich, sondern schlicht antiwissenschaftlich."

Akademischer Grad laut geltendem Gesetz

Der Wissenschafter: "Wohlgemerkt: wir sprechen hier nicht von einem privaten Kurs eines obskuren Esoterikvereins, sondern von einem hochoffiziellen Lehrgang universitären Charakters, der mit der Verleihung eines akademischen Grades laut österreichischem Universitätsstudiengesetz abschließt."

Zum Nach- und Weiterlesen: http://www.scienceblogs.de/kritisch-gedacht

Wiener Zeitung 7. Februar 2009, S. 10