Samstag, 5. Juli 2008

Beim Anton-Baumann-Park































Die Kamera ist durchaus kommunikationsfördernd. Immer wieder bitten mich Jugendliche, sie zu fotografieren. Meistens lasse ich mir dann ihre e-mail-Adresse geben und schicke ihnen die Bilder zu. Diese hier wollten sich gern im Internet sehen. Bitte, gerne.
Das erste Bild ist ein wenig unscharf, ein wenig nervös bin ich dann schon, zumal wenn es sich um Burschen handelt. Ganz sicher kann man natürlich nie ein, ob sie es nicht im Grunde auf die Kamera abgesehen haben - und schneller als ich sind sie allemal. Diese hier waren aber urnett und wir haben ganz lieb geplaudert.

Speck, Schnaps und Katholizismus

"Ich bin in Tirol bei Speck, Schnaps und Katholizismus groß geworden. Am wenigsten gern würde ich auf den Katholizismus verzichten wollen… "

Reinhard H. Gruber, Wiener Domarchivar

Das könnte auch jemand sagen, der im Münsterland aufgewachsen ist.

Ein neuer Sonnentag


Abschied vom Irrtum

Unser ständiger Irrtum
liegt darin,
daß wir die gegebene,
laufende Stunde
unseres Lebens
nicht ernst nehmen,
daß wir im Vergangenen
oder im Zukünftigen leben,
daß wir immer
auf eine besondere Stunde
warten,
in der sich unser Leben
zur vollen Bedeutsamkeit
entfalten wird,
und nicht bemerken,
daß das Leben verrinnt
wie das Wasser
zwischen den Fingern,
wie das kostbare
Samenkorn
aus einem
schlecht zugebundenen
Sack.

Vater Alexander Eltschaninow

Eine Freundin aus Deutschland sagte mir am Telefon, sie habe den Eindruck, ich lebte zur Zeit ganz im Jetzt. Mich freute es, ich nahm es als Kompliment. Aber es ist auch so.

Blick in den Lutherhof....


... einmal anders.

Ende der Ringlinien

Sensationelle Nachrichten von den Wiener Linien: Ab Herbst sollen die drei noch mit Buchstaben (statt Zahlen) bezeichneten Straßenbahnlinien D, J (gesprochen: Je) und N verschwinden, durch neue Linien (mit neuen Zahlen) mit anderer Linienführung ersetzt werden. Vor allem aber, man höre und staune, sollen die beiden Ringlinien 1 und 2 (die, jeweils in einer Richtung) Wiens Prachtstraße umrunden, als Ringlinien aufgegeben werden. Sie werden dann in äußere Bezirke verlängert und befahren den Ring nur noch partiell. Das ist verkehrstechnisch zwar nicht unsinnig, bedeutet aber einen ungeheuren Traditionsabbruch. Alle Reiseführer müssen umgeschrieben werden. Das bewegt natürlich die Gemüter - und ruft auch die Kommentatoren auf den Plan:

Der Wiener jammert - aber im Zweifel soll alles bleiben, wie es ist


Oft geht es gar nicht darum, ob Neues sinnvoll ist. Schließlich lebt der Mensch in Gewohnheiten - und wenn die sich ändern, stimmt das Gefüge der Welt nicht mehr. Gerade zu Hause schätzt man das wenig.

Der Wiener, sagen Studien über das "Wiener Wesen", definiert seine Stadt über deren "Öffis". Besonders über die Straßenbahn. Wer da etwas ändern will, hat es schwer: Der Wiener jammert - aber im Zweifel soll alles bleiben, wie es ist. Weil man es gewohnt ist: eine Argumentation in Ringform.

Deshalb spielt es genau gar keine Rolle, aus welchem Grund die Ringlinien nicht weiter im Kreis fahren sollen: Wien ist Walzer. Der führt im Kreis herum. Es gibt keinen Anfang und kein Ende - und alles kommt wieder. Darum passt der Ring zu Wien. Und die Ring-Bim ins Bild. Seit der Monarchie, von der Wiens Tourismus ja bis heute lebt.

Darum ist es müßig, zu erwähnen, dass kein Wiener die Tram zur Umrundung des Ringes nutzte (wozu auch?): Die Maßnahme, erkannte einer der über 300 Poster auf derStandard.at, habe nur einen Sinn: Touristen abzuzocken. Die "Prachtbautenrunde" müssen Besucher nämlich in Zukunft mit Rundfahrtbussen machen. Für Stimmung bei den anderen Verkehrsteilnehmern ist dann wohl auch gesorgt, wenn die Busse im Schritttempo Fiaker überholen.

Den echten Tabubruch haben die Wiener aber noch gar nicht realisiert. Mit der Kreisführung verschwindet ein Wiener Unikum: die "Gewerkschaftspause". Die legten Ringlinienfahrer nach jeder Runde ein - und erklärten Neu- und Nichtwienern auf die Frage, warum denn nichts weitergehe, gerne: "Weil jeder Kreis Zeit braucht, sich zu schließen."

Thomas Rottenberg, DER STANDARD - Printausgabe, 4. Juli 2008

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