Montag, 12. November 2007

Hegel wäre wohl total erstaunt...

Die Presse: Papst Benedikt XVI. sieht den Säkularismus unserer Tage geradezu als Sünde. In Ihrem Buch „A Secular Age“ sind Sie viel verständnisvoller: Die Entwicklung sei nicht umkehrbar. Folgen Sie als Katholik denn überhaupt noch dem rechten Glauben?

Charles Taylor: Ich verwende den Begriff Säkularität, der ist ein Faktum, kein Ismus. Schauen Sie sich die ungeheuren Möglichkeiten der Spiritualität heute an und vergleichen Sie die mit dem 18.Jahrhundert. Damals war die Welt nicht so synkretistisch wie die unsere. Das kann man nicht mehr ändern. Die Kirche muss lernen, in dieser Art von Welt zu operieren. Wir sind dem Römischen Reich näher als dem Mittelalter. Die Christenheit stirbt, nicht aber das Christentum, das ist sehr lebendig. Der Papst spricht über Säkularismus als Doktrin, da gibt es hunderte Variationen. Man kann sie nicht zusammenfassen, schon gar nicht mit dem Wort „Relativismus“. Ich sehe also die Welt nicht so, wie er sie sieht.

Was gewinnt man, was verliert man in dieser Entwicklung der Moderne? Gibt es auch gefährliche Entwicklungen der Aufklärung?

Taylor: Von Vorteil ist, dass man die Krücken verliert, von denen wir abhängig waren, weil alles außerhalb des Katholischen lächerlich gemacht wurde. Das Negative: Dass wir das Verständnis der Sprache der Bibel langsam verlieren. Sie ist so tief und spirituell, wir brauchen diese Ausdrucksform, aber diese Sprache verarmt bei uns. Das ist ein massiver Verlust. Zum Rationalen: Wenn sie zu eng gesehen wird, ist das schlecht. Zur Wahrheit gelangt man nicht allein auf diesem Weg, es gibt immer einen Rahmen, in dem man sich artikuliert, Logik und Empirie können ihn nicht ganz umfassen. Es kommt darauf an, wie tief eine Sprache greift, um die Welt zu begreifen. Dann können wir rationale Kritik aneinander üben, ohne jemals an einen klaren Ursprung zu kommen. Rationalismus ist immer auch mit einem bestimmten Standpunkt verbunden.

Ist die Wahrheit für Sie also symphonisch?

Taylor: Wir versuchen letztendlich, Fragmente zusammenzustückeln und dadurch die Welt zu begreifen. Am Ende sollte, glaube ich, alles zusammenpassen.

Der Dichter W. B. Yeats schrieb 1921 im Gedicht „The Second Coming“ prophetisch: „Things fall apart, the center cannot hold.“ Ist das auch noch unsere Situation?

Taylor: Das passiert ständig, wir fallen immer wieder aus früheren Weltbildern, die für uns Sinn ergaben, aber nicht so total wie in diesem apokalyptischen Gedicht.

(…)

Sie sind ein Hegel-Interpret. Wenn dieser deutsche Philosoph heute von den Toten auferstehen würde, was ich nicht annehme, und unsere Welt sähe, was wäre seine Reaktion, vor allem in Bezug auf die Religion?

Taylor: Er wäre wohl total erstaunt. Er hat sich bei der Prognose leider in ein Eck gestellt, weil für ihn der große Niedergang der Religion zugleich auch einer der ganzen modernen Zivilisation gewesen wäre. Laut Hegel können die Wahrheiten der Philosophie, die nur von einer Minderheit durchdringend verstanden werden, von der gesamten Gesellschaft nur gelebt werden im Register der Religion. Ihr Verschwinden reißt solch ein großes Loch in sein Konzept, dass seine Reaktion nur schwer vorstellbar ist.

Aus einem Interview mit Charles Taylor ("Die Christenheit stirbt", Die Presse 12.11.2007)

Ausblicke am Morgen



Und wieder droht PISA...

Die Auswertung der neuesten PISA-Studie kommt drohend näher und beschäftigt schon vorab die Presse:

"Österreich hat ein eigenartiges Verhältnis zu dieser unter der Ägide der OECD durchgeführten Arbeit. 2001 war Jubel angesagt, lagen wir doch im guten Mittelfeld, vor allem aber einige Ränge vor Deutschland. 2004 haben uns die Deutschen überholt, Katzenjammer war die Folge. Jetzt wird ein weiteres Abrutschen befürchtet bzw. vorhergesagt. Manche obrigkeitshörige Österreicher glauben sowieso an jedes Ranking, das aus dem Ausland kommt, andere instrumentalisierten flugs die Ergebnisse nach dem eigenen politischen Gutdünken. Dass man die Pisa-Ergebnisse unabhängig vom Länder-Ranking auf Österreichs Schulwirklichkeit herunterbricht, (und damit Pisa einen fachlichen Stellenwert gibt) – dieser Arbeit unterzieht sich kaum jemand.

In Deutschland scheint klar, dass Pisa ein Votum für das differenzierte Schulsystem ist, lagen doch Bayern und Baden-Württemberg mit ihrer Vielfalt an Schulformen klar vor den Gesamtschulländern im Norden Deutschlands. Diametral anders die Interpretation in Österreich: Da wir nun einmal mittelmäßig bis miserabel abschneiden, müsse sich das Land an dem Pisa-Sieger Finnland messen. Und dort gibt es die Gesamtschule, also muss sie auch für Österreich gut sein.

Ob die österreichische Schülerpopulation mit jener aus Finnland zu vergleichen ist, ob nicht der exorbitant hohe Immigranten-Anteil hierzulande eine andere Ausgangsposition schafft, wurde erst gar nicht ansatzweise erörtert. Das hätte vielleicht manche Schlagzeile zunichte gemacht, manche politische Attacke als Schaumschlägerei entlarvt. Die Oppositionsseite rief im Dezember 2004 (Veröffentlichung der Pisa-Studie 2003) den politischen Notstand aus, die damals für die Schulbelange zuständige ÖVP bunkerte sich ein. Die Folge war eine verkrampfte Bildungspolitik, bisweilen auch deren Stillstand. Zahlreiche Politiker pilgerten nach Finnland, um sich Anleitungen für ihre Politik zu holen. Kaum jemanden verschlug es zum Pisa-Zweiten Korea, wo ein uniformer Drill das Schulgeschehen prägt. Allein die Reihung Koreas knapp hinter Finnland zeigt, wie sehr die Ergebnisse einer Interpretation bedürfen.

Die Hysterie in Österreich, die sich schon drei Wochen vor der (offiziellen) Verkündung der Ergebnisse breit macht, werden auch wissenschaftliche Expertisen kaum mildern können. Man sollte Pisa analysieren, was für das österreichische Verständnis wichtig ist, was nicht. Die Kernfrage ist freilich: Streben wir eine gleichgeschaltete Bildung an, eine, die man nach den gleichen Parametern rund um den Globus messen kann?

Österreich kann durchaus auch selbstbewusst sein – wenn es um seine Geschichtstradition und das mitteleuropäische Erbe geht, um seine großen Musiker und die gegenwärtige Staatsoper. Gewisse Mängel sind bekannt, ohne Zweifel, fehlende Mobilität und Internationalität gehören dazu. Andere Länder haben wiederum ihre spezifische Eigenheiten, mehrere Länder liegen bezüglich ihres Kulturverständnisses tatsächlich auf einer Linie. Und jetzt soll alles über einen Kamm geschoren werden? Nach acht Schuljahren sollen die Burschen und Mädchen aus Österreich die gleichen Antworten liefern wie ihre Altersgenossen in Japan, Irland und Mexiko? Das kann doch wahrlich nicht das Ziel sein!" (Die Presse 12.11.2007)

Das ist am Ende aber wahrlich eine eigenartige Argumentation. Schließlich geht es ja bei diesen Vergleichstests nicht um heimatkundliches Spezialwissen, sondern um Grundfertigkeiten im Lesen, Schreiben, Rechnen und Problemlösen sowie um Kenntnisse in Naturwissenschaften. Und vielleicht sollten irische und österreichische Schüler tatsächlich dieselben Gleichungen lösen und die dieselben Phänomene verstehen können, warum denn nicht? Da hilft auch der Verweis auf große Musiktraditionen nicht wirklich weiter.

Sturmflut auf Helgoland

Weit, sehr weit liegt das von Wien mit seinem Kontinentalklima...
Ich merke, wie meine Perspektive auf Nachrichten immer mehr eine österreichische wird...

Im Gegenlicht

Todesangst und Kunstgeschmack

"So einfach kann Existenzpsychologie sein: Versteckt im Dickicht einer Testbatterie lauert die Frage: 'Was, glauben Sie, passiert mit Ihnen, wenn Sie physisch tot sind? Bitte beschreiben Sie genau die Emotionen, die der Gedanke an den Tod bei Ihnen auslöst.' Wer darüber sinniert, hat die 'Induktion von Todesgewissheit' schon hinter sich.

So bezeichnen die Versuchsleiter Jeff Greenberg und Tom Pyszczynski von der University of Arizona in Tucson ihre verbale Spritze schwach dosierter Todesangst, deren Wirkung sie bei Versuchspersonen beobachten wollen. Die beiden Psychologen und ihre Kollegen erforschen existenzielle Sorgen. Sie betreten mit ihren Experimenten ein Terrain, das bislang meist der philosophischen Spekulation und den Religionen überlassen blieb.

Hinter den Versuchen steckt eine Theorie des Anthropologen Ernest Becker, der mit seinem Buch 'The Denial of Death' 1974 den Pulitzer-Preis gewann. Seine Argumentation: Menschen haben ebenso wie Tiere einen unbedingten Überlebenswillen. Doch die Fähigkeit zu symbolischem Denken verleiht Homo sapiens eine Vorstellung der Zukunft. Deshalb leben Menschen mit der Gewissheit, dass sie sterben werden. Irgendwann. Dieses einzigartige Wissen erzeugt eine unterschwellige Angst, die jederzeit akut werden kann. Ein Gang zum Friedhof, Bilder von einem Unfall, der Anblick eines alternden Menschen - ganz alltägliche Dinge können ausreichen, um die Angst vorm Sterben an die Oberfläche zu spülen, ganz so wie die tückische Frage aus dem Greenberg-Experiment.

Die Reaktionen auf die bewusste Erinnerung an den Tod folgen einem Muster. Erst werden die düsteren Gedanken verdrängt: 'Ich bin jung und kerngesund - der Tod ist weit weg.' Doch auch nachdem der Aufmerksamkeitsfokus derart verlagert wurde, arbeitet die Angst weiter. 'Terror-Management' nennen Psychologen diese automatisch einsetzenden Schutzreaktionen.

Damit Sterblichkeit nicht Sinnlosigkeit bedeutet, wollen wir uns beweisen, dass wir ein sinnvoller Teil eines sinnvollen Universums sind. Eine mögliche Strategie besteht darin, das Selbstwertgefühl direkt zu steigern - durch Sport, Diäten oder gar Schönheitsoperationen. Eine andere setzt stärker auf die Übernahme kultureller Weltsichten. Es tröstet, sich als Mosaikstein eines Ganzen zu sehen: einer das eigene Ende überdauernden Kultur, Wertegemeinschaft oder Nation beispielsweise. Teil von etwas Größerem zu sein verheißt symbolische Unsterblichkeit. Aus Angst vor dem Tod fordern wir mehr vom Leben und inszenieren ein großes Kino der Endlichkeitsverweigerung.

Damit das alles nicht graue Theorie bleibt, haben sich die Forscher um Jeff Greenberg ein experimentelles Design ausgedacht, mit dem sie prüfen wollen, wie sich die Konfrontation mit morbiden Gedanken auf das Verhalten der Probanden auswirkt. Beispielsweise 2006 in einem Versuch, der einem Zusammenhang zwischen Todesgewissheit und Kunstgeschmack nachging. Die Psychologen aus Arizona erwarteten, dass die ästhetischen Vorlieben bei Erinnerung an den Tod konservativer ausfallen würden. Denn das erhöhte Bedürfnis nach Sinn und Struktur werde von leicht fassbaren gegenständlichen Werken besser erfüllt als von verwirrender, abstrakter Kunst. So jedenfalls die Theorie.

Angst vor der Vergänglichkeit trübt den Sinn für abstrakte Kunst

Nach einigen Aufgaben, die das eigentliche Interesse der Sterblichkeitsforscher kaschierten, stellten die Versuchsleiter ihre Standardfrage über den Tod. Die Kontrollgruppe dagegen wurde nicht mit dem Thema Sterben konfrontiert, sondern nur an eine Examensarbeit erinnert, die in ihrer Ausbildung wichtig war. Es folgten ein Stimmungstest, der bei beiden Versuchsgruppen ähnlich ausfiel, und ein paar Seiten Literatur zum Schmökern. Vergangene Experimente hatten nämlich gezeigt, dass die Terror-Management-Strategien ihre Wirkung am stärksten nach einer Verzögerung entfalten.

Die Forscher fanden ihre Hypothese bestätigt: Wer sich den Tod vergegenwärtigt hatte, reagierte ablehnender auf abstrakte, schwer fassbare Kunst. Sie wurde von den Probanden auf einer Skala von eins bis neun im Schnitt mit einer reservierten 3,9 bewertet. Teilnehmer, die nur an eine schwere Prüfung denken mussten, zeigten sich mit einer durchschnittlichen 5,8 schon eher angetan. Moderne Kunst, so die existenziellen Psychologen, stelle ein 'Fenster ins Nichts' dar: Todesgewisse Probanden blickten lieber daran vorbei.

Derselbe Mechanismus beeinflusst eine Vielzahl anderer Verhaltensweisen - vom Kaufverhalten bis zum sportlichen Ehrgeiz. Das zeigten Greenberg und seine Mitarbeiter in über 250 Experimenten, die allesamt nach demselben Schema abliefen wie die Versuche zum Kunstgeschmack. Laut einer Studie von 2003 mindert Todesangst sogar die Kritikfähigkeit: US-Amerikaner bewerteten fiktive Aussagen, die das eigene Land in ein schlechtes Licht rückten, viel negativer, wenn sie zuvor an die eigene Sterblichkeit erinnert worden waren. (…)"

Spiegel-online 11.11.2007

Geschwindigkeit erfahren...

Überraschend

Man kann dem Glück nicht entgegenlaufen, man weiß nie, woher es kommt.