Dienstag, 11. Mai 2010

Bitte keine falsche Scham!

"Wer im Antrag für eine Berufsunfähigkeitsversicherung Fragen nach Depressionen, Angstzuständen, chronischer Müdigkeit, einem Nervenzusammenbruch oder anderen psychischen Beschwerden verneint, während er tatsächlich wegen Depression in ärztlicher Behandlung war, handelt arglistig.

Das Landgericht Saarbrücken (AZ: 12 O 193/08) macht damit klar, dass die Versicherung in diesem Fall nicht zahlen muss, weil die Arglist zur Anfechtung des Vertrages berechtigt. In dem Fall hatte der Betroffene nach dem Tod seines Vaters zur Bewältigung der Trauer einen Arzt aufgesucht, diesen Umstand aber nicht für erheblich gehalten. Das sei jedoch nicht angebracht gewesen, entschied das Gericht. Es handele sich bei derartigen Behandlungen eben nicht um alltägliche und vor allen Dingen völlig unwichtige gesundheitliche Einschränkungen, wenn deshalb sogar eine Behandlung stattfindet."

Quelle: http://www.optimal-absichern.de

Klingt banal, ist aber ein weiser Rat

"Betrachten Sie all Ihre Sorgen, Schwierigkeiten und Ängste – finanziell, beruflich, gesundheitlich, in der Partnerschaft usw. Schreiben Sie am besten alles, was Sie belastet, auf eine Liste. Dann schreiben Sie in großen Buchstaben darüber: All das habe ich geschaffen. Ihr Leben ist das Resultat von Entscheidungen, die Sie getroffen haben. Sie können es auf niemand anderen abschieben.

Viele Menschen werden gegen eine solche Sichtweise protestieren: Ob ich mich in meinem Beruf wohl fühle, hängt doch auch von meinen Kollegen und meinem Chef ab. Damit eine Ehe gelingt, braucht es doch 2 Menschen. Dass meine Steuerlast wächst, liegt doch an der Regierung. Das stimmt. Aber machen Sie sich klar: Wie Sie die anderen Menschen und die Situation um sich herum in Ihrem Inneren wahrnehmen, hängt einzig und allein von Ihnen ab."


Aus einem Newsletter von simplify.aktuell unter der Überschrift "Für das Plus an Zufriedenheit: Vereinfachen Sie Ihre Ansprüche" unter dem Zwischentitel "Übernehmen Sie Verantwortung"

Ein spannender Ratschlag. Wenn man so alles über das eigene Leben notiert (oder aufzeichnet, in einem Diagramm einträgt oder wie auch immer), kommt man vielleicht darauf,wie unwesentlich, unbedeutend, verschwindend dieses eigene Leben ist - und noch mikroskopischer sind unsere eigenen Nöte und Sorgen. Unterstützend empfiehlt sich ein Blick in die Zeitung oder ein einfacher Stadtspaziergang. Der wache Blick in die Welt macht uns bescheiden auch in unserem Sorgen.

Aus dem Jahreslauf des Bäckers

Gesehen in Grinzing.

Wie war das mit der stabilen Währungspolitik?

"Das Bundeskabinett will heute einen Gesetzentwurf zum deutschen Anteil am Rettungsschirm für die Euro-Länder auf den Weg bringen. Deutschland haftet mit bis zu 123 Milliarden Euro, allerdings befürchtet die Opposition, dass sich diese Zahl noch erhöhen könnte. Alle beteiligten Staaten zusammen sollen insgesamt Kreditgarantien über 750 Milliarden Euro aufbringen. Wenn andere Länder aber nicht zahlten, werde der deutsche Beitrag weiter steigen, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Oppermann. Er warf Bundeskanzlerin Merkel vor, das wahre Ausmaß der Krise verschleiert zu haben. Bei Wirtschaftsexperten stößt das Rettungsprogramm auf Kritik.Der Wirtschaftsweise Schmidt sagte der 'Bild'-Zeitung, es passiere nun das Gegenteil von dem, was Deutschland sich bei der Einführung des Euro unter stabiler Währungspolitik und einer unabhängigen Notenbank vorgestellt habe. Der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung warf den Regierungen vor, sie hätten sich nur Zeit gekauft. Bundesbankpräsident Weber kritisierte den Ankauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank. Dies berge erhebliche stabilitätspolitische Risiken, sagte er der 'Börsen-Zeitung'."

Aus den Morgennachrichten des Deutschlandfunks

So geht Europa also unter. Unsere armen Kinder. Vermutlich sollte alles noch einmal neu beginnen. Alle zurück an den Start, aber das geht eben nur im Spiel. Neustart des Programms, so einfach wäre das am Computer. Der Ruf nach einem allgemeinen Schuldenerlass wurde bislang immer nur für Staaten der früher so genannten "Dritten Welt" laut. Inzwischen täte ein solcher Schuldenerlass auch der Euro-Zone gut, wenigstens in ihrem südlichen Abschnitt. Kinder, wie die Zeit vergeht und die Welt sich verändert! Das wahre Ausmaß dieser Krise wird von den meisten Menschen wohl gar nicht wahrgenommen. Die machen sich Sorgen um Vulkanausbrüche, fiebern der Fußball-Weltmeisterschaft entgegen oder fragen sich ganz schlicht, wie sie die nächste Stromrechnung bezahlen sollen. Es ist die alte Vogel-Strauß-Politik: Uns wird es schon nicht treffen - oder jedenfalls nicht so schlimm. Andere werden es bezahlen müssen - vermutlich unsere Kinder und Enkel.

Unterwegs zum Grab, zum Leben

Tafeln auf den Friedhof in Bisamberg

50 Jahre Antibabypille - Überlegungen eines Kommentators in der WELT

"Die Verhütungspille kennt jeder, ihren Erfinder nicht. Das könnte sich ändern, wenn unsere Nachfahren eines Tages mit mehr historischem Abstand, als wir ihn heute aufbringen, auf das 20.Jahrhundert blicken. Von den großen technischen Revolutionen des Industriezeitalters, Auto, Flugzeug, Antibiotika, Kunstdünger, Telefon, Radio, Computer, Internet, erschütterte Carl Djerassis Erfindung die Gesellschaften wohl am heftigsten – weltweit und bis in die intimsten und persönlichsten menschlichen Gefühle und Entscheidungen. Sie veränderte die Demografie ebenso wie die Sexualmoral.

Was wäre, wenn heute ein 28-jähriger Chemiker in Mexico City auf eine biochemische Substanz stieße, die die Befruchtung von Eizellen verhindert? Wie nähme die Gesellschaft das widernatürliche Mittel auf, das den weiblichen Körper manipuliert? Wie würden die Pharmakritiker, die Anhänger der Naturheiler, die Feministinnen, die Verbraucherschützer und vor allem die Anwälte, die von Sammelklagen leben, reagieren?

(...)

Die Zeiten haben sich geändert, seit Djerassi einen Abkömmling des weiblichen Geschlechtshormons Progesteron zum Patent anmeldete. Wissenschaftler sind nicht mehr die Hoffnungsträger der Gesellschaft, sondern sie sind ihre Buhmänner geworden.

Große Teile der Öffentlichkeit unterstellen ihnen, wie Frankenstein das menschliche Leben als Verfügungsmasse ihres akademischen Ehrgeizes und ihrer perversen Visionen zu betrachten. Störenfriede im Paradiesgarten von Mutter Natur. 'Viele Menschen haben eine geradezu antiwissenschaftliche Haltung“, sagt Carl Djerassi über den heutigen Zeitgeist, „das ist fast schon eine Wissenschafts-Phobie.'

(...)

Das Zeitfenster für die Einführung des ersten sicheren Verhütungsmittels in der Hand von Frauen war sehr eng. Wie sich die Grundstimmung gewandelt hat, kann man schon daran erkennen, dass die Pille für den Mann seit Jahrzehnten nicht auf den Markt kommt. Pharmafirmen schrecken vor der Entwicklung eines neuen Kontrazeptivums zurück. Die postmoderne Ängstlichkeit und besonders die ruinöse Prozesskultur bremsen Innovationen, bevor sie sich bewähren können.

(...)

Djerassis Weltrevolution wurde durch die Sehnsucht nach Freiheit entfacht. Es ist, frei nach Marx, die Gesellschaft, die Technologien vorantreibt – und nicht umgekehrt. Als ein Jahr nach der Einführung in Amerika die „Sex-Bombe“ („Bild“-Zeitung) in Deutschland auf den Markt kam, ließ sich die Gesellschaft der Adenauer-Ära anfangs nur recht zögerlich auf das neue Mittel ein.

Doch dann ging es plötzlich sehr schnell. Die 60er-Jahre waren die Zeit des Rock'n'Roll, einer nach Freiheit und Abenteuer gierenden Jugendkultur. Und die weibliche Hälfte der Jugend forderte die gleichen Freiheiten, die zuvor nur jungen Männern augenzwinkernd zugestanden worden waren.

Alte Leute kennen noch die Formulierung: „Sie ist ins Wasser gegangen.“ Das sagte man, wenn ungewollt schwangere und mittellose junge Frauen sich aus Verzweiflung das Leben nahmen. Diese Redensart ist ausgestorben. Ein Glück."


Michael Miersch im
Leitartikel der WELT vom 10.05.2010