Dienstag, 22. Juli 2008

In Simmering

Zauber des Anfangs

Ich liebe jene ersten bangen Zärtlichkeiten,
die halb noch Frage sind und halb schon Anvertraun,
weil hinter ihnen schon die wilden Stunden schreiten,
die sich wie Pfeiler wuchtend in das Leben baun.

Ein Duft sind sie; des Blutes flüchtigste Berührung,
ein rascher Blick, ein Lächeln, eine leise Hand -
sie knistern schon wie rote Funken der Verführung
und stürzen Feuergarben in der Nächte Brand.

Und sind doch seltsam süß, weil sie im Spiel gegeben
noch sanft und absichtslos und leise nur verwirrt,
wie Bäume, die dem Frühlingswind entgegenbeben,
der sie in seiner harten Faust zerbrechen wird.

Stefan Zweig

Unterwegs

Das Zeugnis der Rose

















Eftim Kletnikov

Die unangerührte Kraft

Sie sind anders als wir glauben.
Eine Kraft sind die Toten, eine unangerührte.
Die Rose hatte den Mut,
sie zu begleiten,
jedes Frühjahr kehrt sie zurück
und legt Zeugnis ab,
eingehüllt in den Schleier des Friedens, schmückt sie
die Hochzeit der Brautleute.
Tief ist der Kelch der Toten.
Manchmal, am Horizont unserer Unbeschwertheit,
taucht er auf einen Augenblick empor
und leuchtet auf, randvoll von Ewigkeit.
Schwer von Traum und Gold,
eine Knospe, öffnet sich dann
furchtlos unser Dasein,
um dem Schicksal zu begegnen.
Aus dem Mazedonischen von Norbert Randow und Maja Gulevska

Kirche, Kunst, Moderne

Alfred Hrdlickas Radierung „Leonardos Abendmahl, restauriert von Pier Paolo Pasolini“ interpretiert das christliche Motiv des letzten Abendmahles als Sexparty, bei der die Gäste einander fröhlich ans Gemächt gehen. Sieben Tage war das eigentümliche Bild im Rahmen einer Hrdlicka-Ausstellung im Wiener Dommuseum (betrieben von der Erzdiözese Wien) zu sehen, am achten Tage jedoch wurde es „auf Anweisung der Diözesanleitung entfernt“, wie die Museums-Homepage etwas spitz anmerkt. Dem vorausgegangen war eine – eher mäßig lautstarke – Empörung vor allem konservativer christlicher Kreise in Österreich, aber auch Italien.

Man muss selbst kein Katholik sein, um nachvollziehen zu können, dass es viele Katholiken nicht gerade rasend amüsiert, ihren Religionsstifter ausgerechnet in einem Kontext dargestellt zu sehen, der nach katholischer Ansicht als wenig fromm gilt. Hier geht es nicht um die Freiheit der Kunst (um die ginge es, handelte es sich etwa um ein staatliches Museum) – hier geht es bloß um die Frage, was uns eigentlich eine Kirche über sich selbst erzählt, wenn sie zuerst derartige Kunst ganz bewusst ausgerechnet in ihrem eigenen Hause ausstellt und anschließend verschämt abnehmen lässt, sobald sich nicht ganz unerwartbarer Unmut darob regt.

Will sie uns zeigen, wie tolerant sie (vor allem im Vergleich zum Islam) ist – aber warum musste das Bild dann doch entfernt werden? Will sie uns zeigen, dass sie nicht duldet, dass ihr Stifter derart dargestellt wird – aber warum wurde es dann ursprünglich überhaupt aufgehängt?

Dass in ganz Europa wesentlich mehr Christen zum Islam konvertieren als umgekehrt, hat zwar verschieden Ursachen – doch eine davon ist zweifellos, dass der Islam seinen Gläubigen in mancher Hinsicht wesentlich rigider, klarer und unmissverständlicher daherkommt als die altersmilde gewordene katholische Kirche in Europa. Dass in einer Moschee auch nur darüber debattiert würde, ob Mohammed so dargestellt werden dürfe wie Jesus von Hrdlicka, ist nicht denkbar, und noch weniger denkbar ist, dass Derartiges dann auch noch im der Moschee angeschlossenen Kulturzentrum ausgestellt würde.

Damit wird die weniger rigide katholische Kirche in den Augen all jener, die eher der Aufklärung als dem Glauben zuneigen, irgendwie sympathischer. Eine Religion, die derart schräge Darstellungen ihres eigenen Stifters nicht nur zulässt, sondern auch noch selbst ausstellt, wird Wohlwollen ernten – vor allem bei jenen, die ihren Glauben nicht sehr teilen. Und, bei mancher Sympathie, auch in Zukunft nicht teilen werden. Zu vermuten ist freilich auch: Das ist nicht wirklich, wonach jene suchen, denen der Sinn nach einem stabilen spirituellen Fundament steht; aus welchen Gründen auch immer.

Zu befürchten ist: Eine Kirche, die indezente Darstellungen ihres Stifters auch nur annähernd so robust bekämpfte wie der Islam, gewönne deutlich an Attraktivität bei jenen, die glauben wollen; und das gilt auch für andere innerkirchliche Kulturkämpfe zwischen Traditionalisten und Reformern. Was die Kirche nach den Kriterien der Moderne sympathischer macht, macht sie vermutlich nicht stärker, sondern schwächer; und vice versa.

Christian Ortner: Gruppensex im Dommuseum, Die Presse 11.04.2008