Montag, 8. September 2008

Im Goldschein: Rumänisch-orthodoxe Kirche in Simmering

Was will dir die Krankheit sagen?

Leslie hatte die Gürtelrose und saß vor dem dritten Glas Rotwein im "Holland". "Hast du dich schon einmal gefragt, was dir diese Krankheit sagen will?", fragte Yvonne. "Vielleicht hast du sie dir ja ausgesucht, weil du etwas für dein Leben lernen willst..." Leslie war zu entkräftet um zu kontern. Nicht so Zora: "Yvonne Häschen, da liegst du ganz richtig. Leslie hat die längste Zeit schon die kosmische Ordnung um eine Gürtelrose angebettelt. Genauso wie die Schwarzen sich nach der Apartheid sehnten, die Frauen nach dem Patriarchat und die Iraker nach dem Irakkrieg, so wollte sie nichts anderes als diese hübsche Hautkrankheit."

Yvonne suchte Leslies Blick, doch die senkte die Augen und faltete Papierservietten zu Kampfhubschraubern. "Aber manchmal ist das Schicksal leichter zu ertragen, wenn man ihm Sinn gibt", versuchte es Yvonne noch einmal.

"Schicksal? Sinn? Diese Wörter hast du wohl auch von diesen Gegenaufklärern gelernt, die dir schillernd das Paradies versprechen, aber nichts als zynisch sind, weil sie so tun, als ob die Menschen, die leiden, selbst daran schuld seien. Dabei sind zu 90 Prozent die anderen schuld. Oder höchstens so Dinge wie Hurrikans." Zora war überzeugt, dass Esoteriker nichts anderes waren als verkleidete Herolde der Konterrevolution.

Leslie erzählte, dass sie gehört hatte, dass wegen all der Esoterik die meisten Krebskranken mittlerweile glaubten, es hätte irgendeinen Grund, dass sie Krebs bekommen hatten, und sich dafür schämten. "Es ist viel leichter, an eine übergeordnete Bedeutung zu glauben als an den Zufall", sagte sie. "Aber so zu tun, als hätten sie das Unheil gesucht, ist doppelt gemein gegenüber jenen, die Pech haben."

Leslie steckte Yvonne die Kampfhubschrauber ins Dekolletee. "Wir können nicht wissen, ob etwas einen tieferen Sinn hat. Aber wenn wir an ihn glauben, dann stellt das unsere Vernunft infrage." Yvonne ließ den Hubschrauber kreisen. "Und Missis Lebensfreude, das lassen wir nicht zu. Denn vernünftig sein, hat uns immer sehr befriedigt."


Adelheid Wölf: Pech nicht leugnen, in Der Standard 05.09.2008

Natürlich ist das eine freundliche Satire, aber der Hintergrund ist durchaus ernst. Seit die esoterische Ideologie, jeder sei in seinem Leben für alles selbst verantwortlich und jede Krankheit habe einen bestimmten Sinn, in immer breitere Bevölkerungskreise durchgedrungen ist, gewinnt die Frage nach den tieferen Ursachen (vielleicht in der Familie, vielleicht in früheren Leben?) neue Verbreitung - und damit eine spirituelle Potenzierung der Ängste und Gedanken, die Krankheiten ohnehin auslösen. 
Jesus hatte auf eine solche Frage übrigens wie üblich eine einfache Antwort (vgl. Joh. 9,2f.) ...