Montag, 5. November 2007

Schüler

Die Lehrer unter meinen deutschen Freunden und Bekannten erkundigen sich regelmäßig, ob die Schüler da in Wien fleißiger seien als die in Deutschland. Das kann ich schwer beurteilen, dafür wird im Fach Evangelische Religion traditionell zu wenig auf Leistungskontrolle Wert gelegt. Aber auf jeden Fall sind sie freundlicher, höflicher, charmanter - wie es dem Nationalcharakter entspricht...

Passend zur Jahreszeit...

"Ein Spätherbsttag auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise. Mildes Licht, der Wind treibt die Blätter über die Wege. Hier sind zu jeder Jahreszeit Touristen unterwegs, um Rossini, Balzac oder Sarah Bernhardt, Edith Piaf oder Jim Morrison ihre Aufwartung zu machen. Unter den Lebenden herrscht aber nie so ein Gedränge wie unter den Toten.

Ich lenke meine Schritte diesmal zu Marcel Proust. Dabei fällt mir etwas auf: Die Katzen sind verschwunden! Sie, die sich sonst so anmutig auf den Gräbern räkeln, sind nirgendwo zu sehen. Ist es ihnen einfach zu kalt geworden, oder hat man sie vertrieben? Ich weiss es nicht, und die Rabenkrähen, die einherstelzen wie Lateinlehrer auf Studienreise, können mir auch nicht weiterhelfen.

Prousts Grab liegt weit oben, im Planquadrat Nr. 85. Eine schwarze Marmorplatte, auf der nichts steht als «Marcel Proust 1871–1922». Frische Blumen künden von ehrerbietigem Besuch, auch ein paar Kastanien liegen da, und eine Frau hat sich von ihrem seidenen Haarband getrennt. Erst auf den zweiten Blick bemerke ich seitlich auf dem Stein weitere Namen: Auch Prousts Eltern sowie sein Bruder mit Frau sind hier begraben, und es berührt mich seltsam, dass er, der Solitär, nicht mehr allein ist.

Weiter führt mein Weg zu Oscar Wilde. Sein Grab ist monumental und hässlich, ein steinerner Jugendstil-Engel verziert es, und es ist über und über bedeckt mit roten Kussmündern sowie Kritzeleien vornehmlich italienischer Provenienz. Kein Ort zum Verweilen. Da suche ich lieber das Urnengrab von Maria Callas. Es trägt die Nr. 16 258 und liegt leider nicht im überirdischen, Wind und Sonne zugewandten Teil des weitläufigen Columbariums, sondern tief in seinen Katakomben, die mir vorkommen wie Schliessfächer Gottes. Eine künstliche rosarote Rose ziert die Höhlung, und auf der Tafel steht, wer sie hat anbringen lassen. Mächtig interessant!

Eines fällt auf an den vielen Künstlergräbern: Meist sagen die Tafeln nur, wer dort liegt. Die Namen klingen, mehr braucht es nicht. Wie anders verhält sich das bei den Stützen der Gesellschaft: Da ruht etwa ein Jean Julien Sacaley, «sous-chef du cabinet de l'empereur Napoléon III». Wie traurig, denke ich, nur Souschef, und erst noch von einem schlechten Kaiser! Es war freilich eine Zeit der Titel. Der Architekt Alexandre-Théodore Brongniart, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Friedhof Père-Lachaise anlegte und selbst hier begraben liegt, war sogar «Inspecteur général en chef de la Deuxième section des travaux publics du Département de la Seine et de la Ville de Paris». Sic transit gloria mundi, so vergeht der Ruhm der Welt."

Manfred Papst: Gloria Mundi (NZZ, 5. November 2007)

November


Neues von Ulrich Seidl

"Die ukrainische Krankenschwester Olga (Ekaterina Rak) versucht ihren kargen Lohn ziemlich erfolglos mit einer Online-Sex-Agentur aufzubessern. Für einen Job im Altersheim in Wien lässt sie sofort alles stehen - Bruder, Mutter und ihr Kind. Der arbeitslose Sicherheitsmann Paul (Paul Hofmann) lebt in Wien und ist hoch verschuldet, seit er Job und Freundin verlor. Um nicht unterzugehen, liefert er mit seinem Stiefvater (Michael Thomas) Spielautomaten in die Ukraine aus. Weder ihm noch Olga ist es vergönnt, ihr Glück zu finden.

Auf seinen radikal-abschreckenden Spielfilm "Hundstage" lässt der österreichische Menschenfeind und Dokumentarist Ulrich Seidl einen weiteren Blick auf die Kehrseite des Lebens folgen. Das ist meisterhaftes Kino großer Tristesse für jeden, der genug von Fun-Movies hat." (kino.de)

Ab Freitag hier im Kino, läuft auch in manchen deutschen Städten.

Östlicher

Die düstere Jahreszeit ist da. Spätestens seit der Zeitumstellung fällt es mir auf, wie sehr ich durch meine Übersiedlung nach Osten gelangt bin. Um halb fünf ist es jetzt fast schon dunkel...

Der Deutsche und die freie Fahrt

"Freunde der Freiheit, willkommen in ... nein, falsch: nicht in den USA - in Deutschland! In den USA darf man Alkohol nur in blicksicheren braunen Tüten transportieren. Jeder Fluch wird im Fernsehen von einem Piepen übertönt. Und nirgendwo kann man richtig Gummi geben. Im Nordosten ist schon bei 104 km/h Schluss. Nur in ausgewählten Ecken von Texas sind 8ß Meilen pro Stunde legal (= 128,74385 km/h).

Deutschland dagegen: Land of the Free. Lang lebe die Autobahn, seit Adolf auf 12.363 Streckenkilometer angewachsen. Sie kennt kein Tempolimit. Theoretisch kann man 407,5 km/h fahren. Sofern man sich den Bugatti Veyron 16.4 zulegt, mit 1001 Pferdestärken das potenteste Serienauto. Kostenpunkt: über 1,3 Millionen Euro. Vermutlich ist ein begleitendes Tankflugzeug inbegriffen - das 1,8-Tonnen-Geschoss verbraucht bis zu 100 Liter pro 100 Kilometer. Hersteller? Volkswagen!

Der Deutsche hat wenig Spaß. Er pflanzt sich auch schlecht fort. Aber er liebt Adrenalin. Gibt gern Gas. 'Bis zur Vergasung', wie er immer noch sagt. Freie Fahrt für freie Bürger, lautet sein Credo. Seine Kirche ist der ADAC, der Allgemeine Deutsche Automobilclub. Vorteil: Dessen Seelsorger kommen im Notfall in gelben Autos und geben Starthilfe. Ohne Beichte. Und schon geht es weiter."

Tom Schimmeck: Ausgebremst, in: profil 45, 5. November 2007, S. 88

In der Tat: Hier ist die Häme gegenüber den "Lieblingsnachbarn" mehr als angebracht. Bei anderen Fragen (Rauchverbot, Schulsystemdiskussion) könnte sich der Spott allerdings ebenso über Österreich und die Österreicher ergießen. Jedes Land hat eben seine Besonderheiten.

In der Sache hat die SPD mit ihrem Vorstoß natürlich recht. Ein Tempolimit wie in nahezu allen anderen Ländern Europas könnte dazu beitragen, das Autofahren (und das Leben) in Deutschland etwas erträglicher zu machen. Für's Adrenalin gibt es ja schließlich auch Horrorfilme und Vergnügungsparks.