Samstag, 28. März 2009
Das Mysterium der zwei Naturen
Neben den Gleisen des Fortschritts
Vom lebensnotwendigen Müssen
Krise als Chance? Wohl kaum.
Auch die Weltwirtschaftskrise hat gewiss ihr Gutes, raunen Onkel aller Art; am liebsten möchte man schmallippig mit einer Variation des Diktums einer berühmten Tante antworten: Gott möge einen hüten vor allem, was auch sein Gutes hat.
Und was soll sie Gutes haben? Dass sich die „Tüchtigen“ durchsetzen? Aber was, das tun sie doch immer. Die Gesellschaft werde in der Krise kooperativer, sagen manche, doch davon ist nicht viel zu sehen: Armut macht die Menschen nicht besser, nein, Armut stinkt und macht brutal. Not kennt kein Gebot. Die inneren Werte blühen nicht, wenn die äußeren knapp werden. Auch das Loblied der Faulheit singt sich leichter, wenn man ein Sparbüchlein in der Lade und ein Häuschen auf dem Lande hat, als wenn man nicht weiß, wie man die nächste Miete zahlen soll.
Nicht abzuweisen dagegen ist die These, dass die bedrohte Natur in der Krise aufatme. Tatsächlich: Wenn aufgrund sinkender Realeinkommen weniger Autos produziert und gefahren, weniger Flugzeuge gebaut und geflogen werden, weniger Abfall produziert wird, ist das ein substanziellerer Beitrag zum Klimaschutz als alle Kyoto-Protokolle. Dass die Warnungen vor dem Treibhaus weniger Platz in den Medien einnehmen als noch vor einem Jahr, liegt ja schlicht daran, dass wir nicht darauf eingerichtet sind, mehrere Katastrophenszenarien auf einmal im Kopf zu haben. Die Rhetorik der Apokalypse ist ohnehin in beiden Fällen gleich: Es werde noch schlimmer kommen als befürchtet, liest man wieder und wieder und stumpft zusehends ab.
Aber wenn alle Trübes prophezeien, will ich mich auch als Unke versuchen: Die bedenklichste Langzeitauswirkung dieser Krise wird sein, dass die nächste Runde des globalen Monopoly-Spiels mit einer deutlich ungleicheren Verteilung von Grund und Boden beginnt. Denn die Immobilienpreise sinken vielleicht da und dort, wo die Spekulation zu irrwitzig war, aber tendenziell werden alle vernünftigen Reichen – und es gibt, man verzeihe die Incorrectness, unter den Reichen relativ viele Vernünftige, was einer der Gründe dafür ist, dass sie reich sind – in den nächsten Jahren ihr Geld in Immobilien anlegen. Auch in Äcker auf der ganzen Erde: Spätestens in der nächsten Nahrungsmittelknappheit kann das Gewinn bringen. (...)
Thomas Kramar: Wo ist denn das Gute an der Krise? Die Presse 26.03.2009
Stiefmütterchen ud Großmütterchen
Maurice ist fünf. Struck ist Grabpfleger. Beide stehen vor einer Gruft. Eigentlich sind die Jungen und Mädchen des Kindergartens St. Bonifatius um diese Zeit auf dem Spielplatz. Heute sind sie auf dem Friedhof.
Sie wissen nicht, wie Leben beginnt. Und hier erzählt einer vom Sterben. Von Toten, die da unten liegen. Außenstehende irritiert das. Birgit Mattern nicht. „Die Ängste haben wir, nicht die Kinder”, sagt die Kulturpädagogin. Sie betreut das Projekt „Kinder, Tod und Lebensfreude”. Als die Eltern davon hörten, hätten sie erst einmal geschluckt. „Wie bitte? Mein Kind? Auf den Friedhof?” Mittlerweile sei die Resonanz ausnahmslos gut.
„Was ist denn ein Grab?” fragt Friedhofsgärtner Struck. Maurice weiß Bescheid. „Ein großes Loch, da ist `ne Kiste drin. Da werfen alle Blumen drauf.” – „Und was ist in der Kiste?” – „Ein Körper.”
Sechs davon ruhen in der Familiengruft. Zwei mächtige Grabsteine. Die Zahlen darauf berichten von Leben und Tod zwischen 1874 und 2007. Oben blüht das Stiefmütterchen, unten vergeht das Großmütterchen. Die Kinder bewegen sich so still und ruhig, als wollten sie sie nicht stören.
Eine neue Welt ist das. Spannend. Und gar nicht gruselig. Vielleicht liegt es daran, dass Sterben ja eigentlich körperlos ist. Es macht „Peng-Peng” aus der Pistole – und du bist tot. Im Kindergarten stehen sie danach wieder auf. Hier nicht. Wie weh das tut, steht im Gesicht eines alten Herrn geschrieben. Mit rot geweinten Augen kreuzt er den Weg, dreht sich weg.
„Da ist ein Motorrad drauf”, ruft ein Junge und zeigt auf einen hellen Grabstein. „Ja, der hat Motorräder gern gehabt”, sagt Struck. Aber nur bis zu seinem 39. Lebensjahr.
Auch dieses Brummen kommt von einer Maschine. Ein Bagger hebt Gräber aus. „Boah!” Maurice ist entzückt. Ein Loch nach dem andern schaufeln – das wäre was für ihn. „Es ist besser, in freudigen, unbelasteten Zeiten mit Trauer umzugehen”, sagt Birgit Mattern. „Im akuten Fall ist es zu spät, es den Kindern zu erklären.”
Emilia hat das erlebt. Vor zwei Wochen ist ihr Opa gestorben. „Ich hab ihm ein Bild gemalt und es reingeschmissen”, flüstert sie und schaut auf eine bronzene Engelsfigur. „Das ist der Schutzengel”, sagt Birgit Mattern. Den kennt Emilia gut. Aus ihrem Zimmer. Da wacht er jede Nacht über sie. Wenn sie schlummert, unter der warmen Kuscheldecke.
Ein gescheites Projekt. Im Vorschul- (und Volksschul-) Alter sind Kinder noch einfach neugierig. Und die Auseinandersetzung mit den Themen Tod und Sterben kann gar nicht früh genug beginnen. Die Zeiten der prinzipiellen Tabuisierung des Gegenstandes, als ich vor Beerdigungen oft von Angehrigen gefragt wurde, ob man es denn verantworten könne, Kinder von acht, zehn oder zwölf Jahren überhaupt mitzunehmen, scheinen zum Glück vorbei zu sein.