Samstag, 28. März 2009

Schule: das große Durcheinander

Wandbild im Stiegenhaus der AHS Maroltingergasse.

Das Mysterium der zwei Naturen

Wir begegnen so menschlichen Zügen in Christus, dass sie sich in nichts von denen unterscheiden, die der menschlichen Schwachheit von uns Sterblichen zu eigen sind; gleichzeitig aber begegnen wir so göttlichen Zügen, dass sie nur der übergroßen und unfassbaren göttlichen Natur zustehen. Vor einem solchen Geheimnis wird das menschliche Verstehen, da es zu gering ist, von solcher Bewunderung ergriffen, dass es nicht weiß, an was es sich halten soll und wohin es sich zu wenden hat. Fühlt es doch, dass Christus Gott ist, sieht ihn aber doch sterben. Und nimmt sie ihn für einen Menschen, so ersteht er doch von den Toten mit siegreicher Beute, nachdem er die Herrschaft des Todes zerstört hat. Deshalb muss unsere Kontemplation sich üben in großer Ehrfurcht und Zurückhaltung, dass sie im selben Jesus die Wahrheit der zwei Naturen betrachtet und sich davor hütet, dem unfassbaren göttlichen Wesen Dinge zuzuschreiben, die seiner unwürdig sind oder sich nicht geziemen. Aber sie muss auch vermeiden, in geschichtlichen Ereignissen nur illusorische Trugbilder zu sehen.

Origenes, princ. 2,6,2

Gastspiel des Frühlings

Neben den Gleisen des Fortschritts

Vieles haben wir Menschen zu zähmen gelernt,
Rinde und Pferde und Hunde,
Wasser und Wind,
sogar Elektrizität und Magnetismus,
eine erstaunliche species sind wir.

Doch unsere eigene Seele
kam leider nicht nach mit dem Fortschritt,
blieb auf der Strecke,
irrt neben den Gleisen dahin,
wild, suchend und durchaus ungezähmt.

Lutherhof

Vom lebensnotwendigen Müssen

Jeder Teilnehmer unserer Kultur arbeitet sich doch unentwegt an seiner To-do-Liste ab: Ich muss ein Waschmittel kaufen, ich muss meine vernachlässigten Freunde wiedertreffen, ich muss geistig rege bleiben. (...) In dem Moment, in dem ich glaube, alles auf Erden erledigt zu haben, ob Triviales oder Philosophisches, ereignet sich eine gewisse Restlosgkeit. Der Traum vom stressfreien Leben wäre identisch mit dem Tod - und den können wir doch nicht ernsthaft herbeisehnen wollen.

Joachim Lux, der scheidende Chefdramaturg des Burgtheaters, nach einem Artikel des Standard (Ronald Pohl: Der Theaterkistenstemmer), 27. März 2009, S. 25.

Der Osterhase trägt sein Kreuz

Werbung für den katholischen Schülergottesdienst der AHS Maroltingergasse.

Krise als Chance? Wohl kaum.

Auch die Weltwirtschaftskrise hat gewiss ihr Gutes, raunen Onkel aller Art; am liebsten möchte man schmallippig mit einer Variation des Diktums einer berühmten Tante antworten: Gott möge einen hüten vor allem, was auch sein Gutes hat.

Und was soll sie Gutes haben? Dass sich die „Tüchtigen“ durchsetzen? Aber was, das tun sie doch immer. Die Gesellschaft werde in der Krise kooperativer, sagen manche, doch davon ist nicht viel zu sehen: Armut macht die Menschen nicht besser, nein, Armut stinkt und macht brutal. Not kennt kein Gebot. Die inneren Werte blühen nicht, wenn die äußeren knapp werden. Auch das Loblied der Faulheit singt sich leichter, wenn man ein Sparbüchlein in der Lade und ein Häuschen auf dem Lande hat, als wenn man nicht weiß, wie man die nächste Miete zahlen soll.

Nicht abzuweisen dagegen ist die These, dass die bedrohte Natur in der Krise aufatme. Tatsächlich: Wenn aufgrund sinkender Realeinkommen weniger Autos produziert und gefahren, weniger Flugzeuge gebaut und geflogen werden, weniger Abfall produziert wird, ist das ein substanziellerer Beitrag zum Klimaschutz als alle Kyoto-Protokolle. Dass die Warnungen vor dem Treibhaus weniger Platz in den Medien einnehmen als noch vor einem Jahr, liegt ja schlicht daran, dass wir nicht darauf eingerichtet sind, mehrere Katastrophenszenarien auf einmal im Kopf zu haben. Die Rhetorik der Apokalypse ist ohnehin in beiden Fällen gleich: Es werde noch schlimmer kommen als befürchtet, liest man wieder und wieder und stumpft zusehends ab.

Aber wenn alle Trübes prophezeien, will ich mich auch als Unke versuchen: Die bedenklichste Langzeitauswirkung dieser Krise wird sein, dass die nächste Runde des globalen Monopoly-Spiels mit einer deutlich ungleicheren Verteilung von Grund und Boden beginnt. Denn die Immobilienpreise sinken vielleicht da und dort, wo die Spekulation zu irrwitzig war, aber tendenziell werden alle vernünftigen Reichen – und es gibt, man verzeihe die Incorrectness, unter den Reichen relativ viele Vernünftige, was einer der Gründe dafür ist, dass sie reich sind – in den nächsten Jahren ihr Geld in Immobilien anlegen. Auch in Äcker auf der ganzen Erde: Spätestens in der nächsten Nahrungsmittelknappheit kann das Gewinn bringen. (...)

Thomas Kramar: Wo ist denn das Gute an der Krise? Die Presse 26.03.2009

Im Burgtheater

Freundlich schaut Schnitzler im Treppenaufgang auf eine Reihe abgestellter Theateresessel...

Stiefmütterchen ud Großmütterchen

Die Annäherung ans Jenseits wirft Fragen auf: „Frieren die nicht da unten?”, rätselt Maurice und zeigt auf einen nassen Haufen mit Kränzen. „Nein, die haben ja eine warme Decke und ein Laken”, sagt Martin Struck. „Ach so.”

Zwischen Grabschaufel und Blumenschmuck: Die Jungen und Mädchen des St. Bonifatius-Kindergartens auf dem Schürener Friedhof. (Fotos: Klaus Pollkläsener) (Iris-MEDIEN)
Zwischen Grabschaufel und Blumenschmuck: Die Jungen und Mädchen des St. Bonifatius-Kindergartens auf dem Schürener Friedhof. (Fotos: Klaus Pollkläsener)

Maurice ist fünf. Struck ist Grabpfleger. Beide stehen vor einer Gruft. Eigentlich sind die Jungen und Mädchen des Kindergartens St. Bonifatius um diese Zeit auf dem Spielplatz. Heute sind sie auf dem Friedhof.

Sie wissen nicht, wie Leben beginnt. Und hier erzählt einer vom Sterben. Von Toten, die da unten liegen. Außenstehende irritiert das. Birgit Mattern nicht. „Die Ängste haben wir, nicht die Kinder”, sagt die Kulturpädagogin. Sie betreut das Projekt „Kinder, Tod und Lebensfreude”. Als die Eltern davon hörten, hätten sie erst einmal geschluckt. „Wie bitte? Mein Kind? Auf den Friedhof?” Mittlerweile sei die Resonanz ausnahmslos gut.

„Was ist denn ein Grab?” fragt Friedhofsgärtner Struck. Maurice weiß Bescheid. „Ein großes Loch, da ist `ne Kiste drin. Da werfen alle Blumen drauf.” – „Und was ist in der Kiste?” – „Ein Körper.”

Sechs davon ruhen in der Familiengruft. Zwei mächtige Grabsteine. Die Zahlen darauf berichten von Leben und Tod zwischen 1874 und 2007. Oben blüht das Stiefmütterchen, unten vergeht das Großmütterchen. Die Kinder bewegen sich so still und ruhig, als wollten sie sie nicht stören.

Friedhofsgärtner Martin Struck. (Iris-MEDIEN)
Friedhofsgärtner Martin Struck.

Eine neue Welt ist das. Spannend. Und gar nicht gruselig. Vielleicht liegt es daran, dass Sterben ja eigentlich körperlos ist. Es macht „Peng-Peng” aus der Pistole – und du bist tot. Im Kindergarten stehen sie danach wieder auf. Hier nicht. Wie weh das tut, steht im Gesicht eines alten Herrn geschrieben. Mit rot geweinten Augen kreuzt er den Weg, dreht sich weg.

„Da ist ein Motorrad drauf”, ruft ein Junge und zeigt auf einen hellen Grabstein. „Ja, der hat Motorräder gern gehabt”, sagt Struck. Aber nur bis zu seinem 39. Lebensjahr.

Unbekümmerte Annäherung ans Jenseits. (Iris-MEDIEN)
Unbekümmerte Annäherung ans Jenseits.

Auch dieses Brummen kommt von einer Maschine. Ein Bagger hebt Gräber aus. „Boah!” Maurice ist entzückt. Ein Loch nach dem andern schaufeln – das wäre was für ihn. „Es ist besser, in freudigen, unbelasteten Zeiten mit Trauer umzugehen”, sagt Birgit Mattern. „Im akuten Fall ist es zu spät, es den Kindern zu erklären.”

Emilia hat das erlebt. Vor zwei Wochen ist ihr Opa gestorben. „Ich hab ihm ein Bild gemalt und es reingeschmissen”, flüstert sie und schaut auf eine bronzene Engelsfigur. „Das ist der Schutzengel”, sagt Birgit Mattern. Den kennt Emilia gut. Aus ihrem Zimmer. Da wacht er jede Nacht über sie. Wenn sie schlummert, unter der warmen Kuscheldecke.

der westen.de

Ein gescheites Projekt. Im Vorschul- (und Volksschul-) Alter sind Kinder noch einfach neugierig. Und die Auseinandersetzung mit den Themen Tod und Sterben kann gar nicht früh genug beginnen. Die Zeiten der prinzipiellen Tabuisierung des Gegenstandes, als ich vor Beerdigungen oft von Angehrigen gefragt wurde, ob man es denn verantworten könne, Kinder von acht, zehn oder zwölf Jahren überhaupt mitzunehmen, scheinen zum Glück vorbei zu sein.