Samstag, 28. März 2009

Stiefmütterchen ud Großmütterchen

Die Annäherung ans Jenseits wirft Fragen auf: „Frieren die nicht da unten?”, rätselt Maurice und zeigt auf einen nassen Haufen mit Kränzen. „Nein, die haben ja eine warme Decke und ein Laken”, sagt Martin Struck. „Ach so.”

Zwischen Grabschaufel und Blumenschmuck: Die Jungen und Mädchen des St. Bonifatius-Kindergartens auf dem Schürener Friedhof. (Fotos: Klaus Pollkläsener) (Iris-MEDIEN)
Zwischen Grabschaufel und Blumenschmuck: Die Jungen und Mädchen des St. Bonifatius-Kindergartens auf dem Schürener Friedhof. (Fotos: Klaus Pollkläsener)

Maurice ist fünf. Struck ist Grabpfleger. Beide stehen vor einer Gruft. Eigentlich sind die Jungen und Mädchen des Kindergartens St. Bonifatius um diese Zeit auf dem Spielplatz. Heute sind sie auf dem Friedhof.

Sie wissen nicht, wie Leben beginnt. Und hier erzählt einer vom Sterben. Von Toten, die da unten liegen. Außenstehende irritiert das. Birgit Mattern nicht. „Die Ängste haben wir, nicht die Kinder”, sagt die Kulturpädagogin. Sie betreut das Projekt „Kinder, Tod und Lebensfreude”. Als die Eltern davon hörten, hätten sie erst einmal geschluckt. „Wie bitte? Mein Kind? Auf den Friedhof?” Mittlerweile sei die Resonanz ausnahmslos gut.

„Was ist denn ein Grab?” fragt Friedhofsgärtner Struck. Maurice weiß Bescheid. „Ein großes Loch, da ist `ne Kiste drin. Da werfen alle Blumen drauf.” – „Und was ist in der Kiste?” – „Ein Körper.”

Sechs davon ruhen in der Familiengruft. Zwei mächtige Grabsteine. Die Zahlen darauf berichten von Leben und Tod zwischen 1874 und 2007. Oben blüht das Stiefmütterchen, unten vergeht das Großmütterchen. Die Kinder bewegen sich so still und ruhig, als wollten sie sie nicht stören.

Friedhofsgärtner Martin Struck. (Iris-MEDIEN)
Friedhofsgärtner Martin Struck.

Eine neue Welt ist das. Spannend. Und gar nicht gruselig. Vielleicht liegt es daran, dass Sterben ja eigentlich körperlos ist. Es macht „Peng-Peng” aus der Pistole – und du bist tot. Im Kindergarten stehen sie danach wieder auf. Hier nicht. Wie weh das tut, steht im Gesicht eines alten Herrn geschrieben. Mit rot geweinten Augen kreuzt er den Weg, dreht sich weg.

„Da ist ein Motorrad drauf”, ruft ein Junge und zeigt auf einen hellen Grabstein. „Ja, der hat Motorräder gern gehabt”, sagt Struck. Aber nur bis zu seinem 39. Lebensjahr.

Unbekümmerte Annäherung ans Jenseits. (Iris-MEDIEN)
Unbekümmerte Annäherung ans Jenseits.

Auch dieses Brummen kommt von einer Maschine. Ein Bagger hebt Gräber aus. „Boah!” Maurice ist entzückt. Ein Loch nach dem andern schaufeln – das wäre was für ihn. „Es ist besser, in freudigen, unbelasteten Zeiten mit Trauer umzugehen”, sagt Birgit Mattern. „Im akuten Fall ist es zu spät, es den Kindern zu erklären.”

Emilia hat das erlebt. Vor zwei Wochen ist ihr Opa gestorben. „Ich hab ihm ein Bild gemalt und es reingeschmissen”, flüstert sie und schaut auf eine bronzene Engelsfigur. „Das ist der Schutzengel”, sagt Birgit Mattern. Den kennt Emilia gut. Aus ihrem Zimmer. Da wacht er jede Nacht über sie. Wenn sie schlummert, unter der warmen Kuscheldecke.

der westen.de

Ein gescheites Projekt. Im Vorschul- (und Volksschul-) Alter sind Kinder noch einfach neugierig. Und die Auseinandersetzung mit den Themen Tod und Sterben kann gar nicht früh genug beginnen. Die Zeiten der prinzipiellen Tabuisierung des Gegenstandes, als ich vor Beerdigungen oft von Angehrigen gefragt wurde, ob man es denn verantworten könne, Kinder von acht, zehn oder zwölf Jahren überhaupt mitzunehmen, scheinen zum Glück vorbei zu sein.

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