Samstag, 19. September 2009

Von der Präsenz der (Fußball-)Geschichte in Wien

"Was? Ihr habt denen wirklich eins auf den Sack gekloppt?", fragten die Deutschen

Sie waren erstaunlich ruhig, jene Rapid-Fans, die am Donnerstag noch gegen 22.30 Uhr in die U4 einstiegen. In Fahrtrichtung Hütteldorf - no na. Irgendwie verklärt wirkten sie, erhoben in dem Gefühl, einem Ereignis beigewohnt zu haben, an das man sich noch lange erinnern wird. Ein historischer Moment wie ...

Zwei Deutsche fuhren in der U-Bahn mit, die noch nicht wussten, was sich da ereignet hatte. Erstaunt über die ungewöhnliche Ruhe fragten sie einen Rapid-Fan, wie es denn ausgegangen sei. Die Antwort "3:0" wurde vom Fan gleich sicherheitshalber, damit ja keine Missverständnisse aufkommen, ergänzt: "Für Rapid." Die Deutschen, bass erstaunt: "Was? Ihr habt denen wirklich eins auf den Sack gekloppt?" Darauf der Grün-Weiße geradezu lakonisch: "Ja, wir haben schon überlegt, Wien umzubenennen. In Córdoba."

Nie so gelacht

Dass der Vergleich nicht zu hochtrabend ist, untermauerte die Bild-Zeitung, die nicht nur mit "Blamage gegen Wien - HSV, ihr Würstchen!" titelte, sondern auch schrieb: "So hat Österreich seit 31 Jahren nicht mehr über den deutschen Fußball gelacht. Seit unserem legendären WM-Aus 1978 in Córdoba (2:3)."

Dabei ist eine Umbenennung gar nicht vonnöten. Denn Córdoba ist bereits in Wien. Seit diesem Frühjahr. Denn am 5. Mai hatte der Gemeinderatsausschuss für Kultur beschlossen, im Stammersdorfer Neubaugebiet den neu entstandenen Umkehrplatz einer Sackgasse in "Cordobaplatz" zu benennen. Zu diesem "Cordobaplatz" gibt es, wie in einer Sackgasse so üblich, übrigens nur eine einzige Zufahrt: Die "Edi-Finger-Straße". Für unsere deutschen Freunde, die das vielleicht nicht wissen: Edi Finger senior war jener Radioreporter, der 1978 nach dem dritten Tor der Österreicher ins Mikrofon schrie: "Toor! Toor! Toor! ... I wer' narrisch!"

Roman David-Freihsl: Córdoba in Wien, DER STANDARD Printausgabe, 19./20.9.2009

Ottakring

Ein anderes Jesuswort

Aus: Carl Einstein, Die schlimme Botschaft.
Gesehen in der Ausstellung "Christus an Rhein und Ruhr".

Vornamen und Grundschullehrer

Die Wissenschaftlerin Astrid Kaiser hat die Lehrer gegen sich aufgebracht: Eine Studie ihres Lehrstuhls zeigt, dass Grundschulpädagogen kleinen Kevins weniger zutrauen als Simons. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE verrät sie, mit welchen Namen Kinder verloren haben - und mit welchen sie gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Kaiser, welchen Namen würden Sie Ihrem eigenen Kind auf keinen Fall geben?

Astrid Kaiser: Adolf.

SPIEGEL ONLINE: Die Frage stammt aus einer Studie, die Sie betreut haben und für die rund 1800 Lehrer online befragt wurden, 500 Bögen haben Sie auswerten lassen. Die meisten Grundschullehrer nannten nicht Adolf, sondern Kevin, gefolgt von Jaqueline und Chantal.

Kaiser: Justin, Marvin und Mandy kamen auch nicht besonders gut weg.

SPIEGEL ONLINE: Das Ergebnis der Studie lautet: Grundschullehrer verbinden bestimmte Vornamen mit Vorurteilen, Kevin gilt sogar als Prototyp des verhaltensauffälligen Kindes. Wie verbreitet sind solche Meinungen unter Lehrern?

Kaiser: Sehr weit, das hat die Untersuchung deutlich gezeigt. Ich kenne das auch aus dem Alltag. Ich habe früher als Lehrerin gearbeitet und habe bei mir selbst Vorurteile gegenüber manchen Namen beobachtet. Heute bilde ich Lehrer aus. Was mich bei der Studie allerdings überrascht hat, war die Deutlichkeit und die Schärfe, mit der die befragten Lehrer über bestimmte Namen urteilen - und mit welcher Bestimmtheit sie davon ausgehen: Das ist kein Vorurteil, das ist eigene Erfahrung, das ist die Wahrheit.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht sprechen die Lehrer wirklich aus Erfahrung. Vielleicht kommen tatsächlich viele Kevins aus Familien, in denen die Erziehung überwiegend durch Trickfilmprogramme stattfindet - und seltener aus Familien, die auf musikalische Früherziehung setzen.

Kaiser: Sicher bringen bildungsferne Schichten mehr Kevins und Justins hervor als Alexanders oder Maximilians. Aber bildungsfern heißt nicht unintelligent, sondern ungefördert. Der hochbegabte Kevin bekommt nicht die schulische Förderung, die er bräuchte, weil er aus der falschen Schicht kommt und seine Lehrer ihn schon beim ersten Blick auf die Klassenliste entsprechend sortieren. Der intelligente Kevin ist dumm dran.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den dummen Kevins?

Kaiser: Auch der unintelligente Kevin wird schlechter gefördert und erzielt nicht die Leistungen, die er erbringen könnte. Die Forschung zeigt: Vorurteile führen zu ungerechten Bewertungen.

SPIEGEL ONLINE: Wo zeigt sich das?

Kaiser: Zum Beispiel bei Diktaten: Wenn ein Lehrer einem Kind viel zutraut, übersieht er mehr Fehler. Bei Kindern, die er für leistungsschwach hält, korrigiert er sehr akribisch und findet mehr.

SPIEGEL ONLINE: Viele Grundschullehrer sind empört, sie fühlen sich ungerecht behandelt und sagen: Hier werde die eigene Erfahrung schlechtgeredet.

Kaiser: Erfahrung ist gut, aber Verallgemeinerung ist schlecht. Man kann bei neun Kevins richtig liegen, aber die Lehrer müssen auch beim zehnten Kevin wieder genau hingucken: Was kann der? Was braucht der? Wie kann ich ihn fördern?

SPIEGEL ONLINE: Freunde machen Sie sich mit dem Thema nicht bei den Lehrern.

Kaiser: Ja, man macht sich unbeliebt. Mich beschäftigt das Thema schon lange, aber ich habe nie jemanden gefunden, der das genauer untersuchen wollte. Eine Habilitandin lehnte das Thema ab, weil sie Angst hatte, dass man ihr Lehrerschelte vorwirft. Auch andere sind abgesprungen. Um so glücklicher bin ich, dass die Autorin der Studie, Julia Kube, sich des Themas angenommen hat.

SPIEGEL ONLINE: Warum die Aufregung bei Lehrern?

Kaiser: Unter der Hand und in privaten Gesprächen bestätigen fast alle Lehrer, dass auch bei ihnen die Namensfalle zuschnappt. Nur sobald es öffentlich diskutiert wird, fühlen sich viele ertappt. Das ist das Spannende an Vorurteilen gegenüber Vornamen: Sie sind nicht sichtbar und den meisten deshalb auch nicht bewusst - anders als etwa bei der Hautfarbe. Dafür sind viele Lehrer sensibilisiert.

SPIEGEL ONLINE: Haben nur Lehrer diese Vorurteile oder wir alle?

Kaiser: Vor allem Grundschullehrer schließen vom Vornamen auf die soziale Schicht - eben wegen ihrer Erfahrung. Sie sind die einzigen echten Gesamtschullehrer in diesem Land, sie haben mit allen sozialen Gruppen zu tun. Aber wir alle ziehen bestimme Schlüsse aus dem Vornamen. Wenn jemand Gisela heißt, wissen Sie ziemlich sicher, dass diejenige älter als 15 Jahre ist.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie solche Vorurteile auch aus anderen Ländern?

Kaiser: In Australien gelten Kinder mit amerikanisch gefärbten Namen als doof, also Namen mit einem Y am Ende, Jimmy oder Joey. Meine Schwiegertochter unterrichtet in London afrikanische Kinder, auch dort gibt es Namen, die mit Bildungshunger oder Unterschicht assoziiert werden. Es ist weit verbreitet, über kulturelle Grenzen hinweg.

SPIEGEL ONLINE: Was lässt sich gegen Namensvorurteile tun?

Kaiser: Wir machen hier an der Uni Oldenburg sogenannte Anti-Bias-Trainings, also Rollenspiele und ähnliches, um Vorannahmen und Vorurteile bewusst zu machen und zu überwinden. Das sollte zu jeder Lehrerausbildung gehören, tut es aber nicht.

SPIEGEL ONLINE: In der Studie bewerten die Lehrer Namen wie Charlotte, Hannah, Sophie, Simon, Maximilian positiv. Welche Namen haben das Zeug zu künftigen Knallernamen?

Kaiser: Emma könnte bald ein Edelname für Mädchen werden, bei Jungs hat Walter gute Chancen; Paul ist es schon geworden. Aus den altmodischen Namen spricht auch eine gewisse Nostalgie, die Sehnsucht nach konservativen Werten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Namen empfanden Sie als Höchststrafe, als Sie noch Lehrerin waren?

Kaiser: Oliver war das damals in den siebziger Jahren. Olivers kamen aus Problemfamilien.

SPIEGEL ONLINE: Ich danke Ihnen trotzdem für das Gespräch.

spiegel.de

Vornamen können eine Strafe sein, keine Frage. In aller Regel verwirklichen sich eben die Eltern in der Namensgebung für ihre Kinder - und die tragen dann ein ganzes Leben daran. In meiner Kindheit assoziierte man mit meinem Vornamen vor allem den Fußballer Uwe Seeler, den Erfinder des Fallrückziehers. Fußball war aber meine Sache nicht. Zum Glück scheint meine Grundschullehrerin von Vorurteilen gegenüber bestimmten Vornamen frei gewesen zu sein.

Der Schriftsteller Uwe Johnson und der Schauspieler Uwe Friedrichsen traten erst später in meinen Horizont. Da war es dann schon fast egal, die Kindheit war gelaufen. Von vielen Menschen habe ich schon gehört, dass die Entwicklung des Verhältnisses zum eigenen Vornamen auch Züge der Resignation trägt. Oder aber solche des bewussten "Dennoch!".

Am Währinger Gürtel

Schwarzgallig

Kürzlich fiel mir auf, was ich immer schon wusste: Dass "cholerisch" und "Cholera" vom selben griechischen Wort abstammen, das in der Säftelehre des Theophrast die "schwarze Galle" bezeichnet. Choleriker können manchmal zu einer Cholera werden; wenn sie aufeinandertreffen und einander zu überschreien versuchen, ist das wie eine Seuche.

17., Jörgerstaße, Ecke Palffygasse

Ein schönes Bild

UTOPIE

Ich stelle unser Bett
In den Mondschein
Auf eine Brücke aus Licht
Die über den Strom führt
Der keinen Ursprung hat und kein Ziel
Auf eine Brücke
Aus Licht
Ohne Hin- und Herweg


Karl-Johannes Vogt (*1919)

In der Schnellbahn

Babenberger - immer und überall?

"Wisst ihr etwas über die Stadt Essen? Denkt mal an das Fach Geschichte..."
"Waren da die Babenberger?"

Dialog im Unterricht. Das Geschichtsbild österreichischer Schüler ist schon etwas verengt.

Im Café Weimar

Kirche als Sonderwelt mit eigenem Recht

Beschäftigte im kirchlichen Dienst dürfen nach Ansicht der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und ihres Diakonischen Werks nicht streiken.

Zwar hätten sie das Recht, sich Gewerkschaften anzuschließen und etwa mit Demonstrationen ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern, doch «sind Streiks im kirchlichen Dienst ausgeschlossen», heißt es in einer am Freitag in Berlin veröffentlichten gemeinsamen Erklärung von Kirche und Diakonie. Diese reagierten damit auf einen Streikaufruf der Gewerkschaft ver.di, die vom 21. bis 25. September eine bundesweite Aktionswoche mit Schwerpunkten in mehreren diakonischen Einrichtungen angekündigt hat.

Kirche und Diakonie stellten klar, dass ihr Sonderweg für die Tariffindung den Arbeitskampf ausschließe. Paritätisch besetzte Arbeitsrechtliche Kommissionen handeln die Tarife für die Beschäftigten aus. Kommt keine Einigung zustande, tritt eine Schiedskommission zusammen, deren Spruch verbindlich ist. Nach dem eigenen Selbstverständnis könne die gemeinschaftliche Ausgestaltung des Arbeitsrechts und der Dienst von Kirche und Diakonie «nicht durch Streik und Aussperrung ausgesetzt» werden. Deshalb forderten sie die Gewerkschaften mit Nachdruck auf, «den rechtlichen Ausschluss von Streiks zu respektieren».

Kirche und Diakonie in Westfalen und Hannover wollen den Streikaufruf gerichtlich verbieten lassen. Sie reichten nach eigenen Angaben am Dienstag Klage beim Arbeitsgericht Bielefeld ein. Das Arbeitsgericht solle «feststellen, dass Arbeitskampfmaßnahmen in Kirche und Diakonie rechtswidrig sind», und den Streikaufruf verbieten. Die Gewerkschaft verwies dagegen auf das grundgesetzliche Recht auf Arbeitskampf.

Hintergrund der Auseinandersetzung sind die Verhandlungen der Arbeitsrechtlichen Kommission des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die sind seit Jahresbeginn festgefahren sind. Die Arbeitnehmervertreter kritisieren die angebotenen Lohnsteigerungen als nicht ausreichend. Sie boykottieren die Verhandlungen seit Januar. Die großen diakonischen Werke Evangelisches Johanneswerk und von Bodelschwinghsche Anstalten Bethel in Bielefeld hatten angesichts dessen rückwirkend zum 1. Juli eine Erhöhung der Gehälter um vier Prozent beschlossen.


Quelle: epd, zit. n. jesus.de

Kirche ist eben doch eine Sonderwelt, und wer bei der Kirche (oder in der Diakonie) arbeitet, verzichtet auf einen Teil seiner bürgerlichen Rechte. Das Motto der Diakonissen "Mein Lohn ist, dass ich darf" steckt immer noch in vielen Köpfen kirchlicher Leitungsfunktionäre. Natürlich zahlt man Gehälter. Aber ein Arbeitgeber wie andere ist die Kirche darum noch lange nicht - und sie behandelt ihre Mitarbeiter eben nach ihrem eigenen Rechtsverständnis. Und das lässt sie sich gegebenenfalls auch von einem staatlichen Gericht bestätigen. Nach der Weimarer Verfassung und dem Grundgesetz regeln die Religionsgemeinschaften als Körperschaften ihre Angelegenheiten selbst - auch unter Einschränkung staatlich garantierter Rechte. Das gilt für den Zölibat katholischer Priester ebenso wie für die Behandlung von Scheidungen bei evangelischen Pfarrern oder eben das Streikrecht. Übrigens werden die Mitarbeiter in diakonischen Einrichtungen in aller Regel schlechter bezahlt als die Angestellten in vergleichbaren kommunalen oder anderen öffentlichen Einrichtungen.

Zug der Zeit

Gesehen in der HLW 19.