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Mittwoch, 18. August 2010

Traurige Nachrichten aus Gelnhausen

Gustav Honzen bei der Verabschiedung einer Sekretärin im Juni


Durch eine meiner ehmaligen Schülerinnen erfahre ich heute vom Tod unseres Gelnhäuser Schulleiters. Seit einem Jahr war seine Krankheit bekannt, werst kürzlich wurde er aus dem aktiven Dienst verabschiedet-

Gelnhausen - 17.08.2010 23:23 Uhr
 
Gustav Honzen ist tot

Gelnhausen (küm/re). Gestern morgen ist der ehemalige Schulleiter der beruflichen Schulen, Gustav Honzen, nach schwerer Krankheit gestorben. Erst Anfang Juli war er aus dem Schuldienst verabschiedet worden. Der bekannte und beliebte Pädagoge wurde nur 64 Jahre alt. Besonders tragisch: Bereits am Samstag starb Gustav Honzens Bruder Friedrich Wilhelm im Alter von 61 Jahre, ebenfalls nach langer, schwerer Krankheit.

Zum Lehrerberuf kam Honzen auf dem zweiten Bildungsweg. Nach der Schulzeit an der Volks- und der Kreisrealschule machte er eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Gleichzeitig wurde er Landwirt.

Er verpflichtete sich für vier Jahre bei der Bundeswehr. Dort lernte er die pädagogische Arbeit kennen und lieben. Er drückte noch einmal die Schulbank, um sein Abitur am Abendgymnasium abzulegen. Es folgte ein Studium der Wirtschaftspädagogik an der Goethe-Universität in Frankfurt. Sein Referendariat absolvierte er an den beruflichen Schulen in Gelnhausen, denen er bis zu seiner Pensionierung am 1. Juli treu blieb. 

http://www.gnz.de/index.php?id=8&backPID=8&tt_news=16130


Ein feiner Mensch, ein menschlicher Schulleiter, ein guter Pädagoge.

Im gemeinsamen Nachruf von Schulleitung, Personalrat, Elternbeirat und Schülervertretung auf der Schulhomepage heißt es sehr richtig:


"Mit Gustav Honzen verlieren die Kolleginnen und Kollegen, die Schülerinnen und Schüler und die ganze Schulgemeinde einen zuverlässigen Begleiter und Ratgeber. Er verstand es, den ihm anvertrauten Menschen in allen Situationen beizustehen, sie zu motivieren und ihnen Wertschätzung entgegen zu bringen.
Vielen Generationen von Schülerinnen und Schülern ist Gustav Honzen ein beliebter Lehrer und einfühlsamer Pädagoge gewesen, der sie vorbildlich auf dem Weg ins Berufsleben begleitet hat. Die Schülerinnen und Schüler bildeten für ihn stets den Mittelpunkt seines Wirkens. Seine Türe stand immer offen."

Mittwoch, 12. Mai 2010

Ökumene von unten

Ökumene beginnt vor Ort in konkreten Situationen, nicht an den Schreibtischen der Theologen oder bei den Kirchenleitungen. Das gilt für das gemeinsame Abendmahl in Strafanstalten und Spitälern und auch für den Religionsunterricht. In deutschen Berufsschulen wird seit Jahren schon gemeinsam konfessions-. ja religionsübergreifender Religionsunterricht erteilt; und im Beruflichen Gymnasium in Hessen gibt es zwar konfessionell getrennten Unterricht, aber die Schüler können frei wählen, ob sie in evangelischen oder katholischen RU oder in Ethik gehen möchten. So hatte ich in Gelnhausen mal eine Muslima im evangelischen Unterricht, Katholiken sowieso, und einige haben sogar in evangelischer Religionslehre Abitur gemacht (schriftlich oder mündlich), ohne dafür einer Sondergenehmigung zu bedürfen. Auf den Abiturzeugnissen stand freilich nur "Religion" - ohne konfessionelle Präzisierung...

Samstag, 27. März 2010

Wort der Woche

"Herr Professor, warum brauchen wir eigentlich noch ein Hirn, wir haben doch Google... ?"

Äußerung eines 13jährigen Gymnasiasten

Sonntag, 14. März 2010

Achtung!

Warnschild in dem Klassenraum im Marianum, in dem ich gewöhnlich unterrichte.
Es ist so angebracht, dass vom Lehrertisch der Blick darauf fällt.

Dienstag, 9. Februar 2010

Die Ferien sind vorbei

Aber von meinen Schülerinnen und Schülern waren heute nur wenige anwesend, mancherlei Projekte und Skikurse hatten die Gruppen ausgezehrt, und schließlich gibt es auch noch Krankheitsfälle.

Montag, 8. Februar 2010

Semesterferien

Eine menschenfreundliche Einrichtung sind die österreichischen einwöchigen Schulferien nach Ende des ersten Halbjahres, "Semesterferien" genannt, wie ja auch die Schulhalbjahre hierzulande "Semester" heißen (und die Lehrer an höheren Schulen schon "Professoren" genannt werden). Natürlich ist das für alle Wintersportbegeisterten eine Gelegenheit, ihrem Hobby nachzugehen. Die Autobahnen sind entsprechend voll. Aber man kann ja auch wegfahren, ohne sich auf Skier zu stellen oder dergleichen.
Ältere Leute sprechen auch noch von den "Energieferien". Dabei war wohl in erster Linie an Energieeinsparung gedacht - so hat man ja auch die Einführung der Sommerzeit einmal begründet, ohne dass nennenswerte Einsparungen die Folge gewesen wären. Man kann das Wort aber auch anders deuten: Ferien, um neue Energie zu sammeln für die Zeit bis zu den Osterferien, bis zum Frühjahr. Und im heurigen Winter braucht man die wirklich.

Atatürkisches Schulwesen

"Du denkst, an den Schulen sollte die Wissenschaft im Vordergrund stehen, aber nein: Alles dreht sich nur um Atatürk." Im Geschichtsunterricht sei für die Antike kein Platz, für die Französische Revolution nicht, allenfalls für Hitler. Selbst in Fächern wie Mathematik und Biologie stehe Atatürk im Mittelpunkt: "Wir erklären sogar den Dreisatz am Beispiel Atatürks", sagt Türkmen sarkastisch. In Mathe komme Atatürk in jeder zweiten Sachaufgabe vor, etwa mit Anekdoten aus seinem Leben. Und gehe es um Größenordnungen, werde die Truppenstärke der türkischen Armee mit jener der Allierten im Ersten Weltkrieg verglichen.

In der Pausenhalle begrüßt die Schüler jeden Morgen ein Atatürk-Schrein, groß wie ein Fußballtor: in der Mitte ein Bild des jungen Atatürk, dazu der Text des Unabhängigkeitsmarsches (eine Hymne auf den Befreiungskrieg des jungen Generals gegen die westlichen Alliierten im Ersten Weltkrieg), kemalistische Sinnsprüche und eine türkische Fahne. Eine Wanduhr steht immer auf fünf nach neun - da starb Atatürk am 10. November 1938 in Istanbul.

In den Klassenzimmern sind Schautafeln aufgestellt: Atatürk als Kind, als Soldat, als Feldherr, als Staatsmann. "Ne mutlu Türküm diyene" steht drüber, "wie froh dürfen wir sein, uns Türken zu nennen".

Diese Schule ist nicht etwa eine Ausnahme - Atatürk ist 70 Jahre nach seinem Tod allgegenwärtig in der Türkei. Straßen sind nach ihm benannt, Stadien, Flughäfen. In jedem Büro hängt sein Porträt an der Wand, in vielen Restaurants, in Wohnzimmern, an wichtigen Gebäuden. Sein Gesicht prangt auf jedem Geldschein. Die Atatürk-Fanpage auf Facebook hat über eine Million Anhänger. Winston Churchill bringt es auf gerade 3500.

spiegel.de

Dienstag, 29. Dezember 2009

Österreich und der Weltkreis

Eine liebe Schülerzeichnung, keine Frage. Bei näherem Betrachten kommen mir aber doch Bedenken: Wo die Welt so mit dem eigenen Land identifiziert wird, wundert man sich über Fremdenfeindlichkeit kaum. Immerhin haben die Gestalten ja verschiedene Farben. Das lässt wieder hoffen.
Gesehen in der Volksschule Knollgasse im 17. Bezirk.

Samstag, 19. Dezember 2009

Von den wahren Werten

Deutsche Kinder haben Schwierigkeiten mit dem Lesen. In Schulbüchern erscheinen vereinfachte Fassungen bekannter Texte, weil Astrid Lindgren für einen durchschnittlichen Achtjährigen zu hoch ist. Auch die Studenten, die seit Monaten für bessere Studienbedingungen demonstrieren, sind ihres Lesens nicht mehr sicher. Laut einer Untersuchung der Universität Dortmund können nur noch die wenigsten einen komplexen und abstrakten Text durchdringen, weshalb nicht mehr von Lesefaulheit, sondern von "intellektueller Legasthenie" zu sprechen sei. In der Gesamtbevölkerung gelten inzwischen vier Millionen Bundesbürger als funktionale Analphabeten. Sie kennen zwar die Buchstaben, sind aber schon mit dem Lesen eines einfachen Hinweisschilds hoffnungslos überfordert.

Vor diesem Hintergrund ein Zitat von Angela Merkel, nachzulesen, wenn Sie können, in der deutschen "Le monde diplomatique" vom November 2009:

"Stellen Sie sich nur kurz einmal vor, wir würden zehn Jahre lang, vier Stunden in der Woche, genauso viel über unsere Körper lernen wie über die deutsche Sprache und Geschichte. Medizin als Hauptfach - warum eigentlich nicht, meine Damen und Herren, soll das Lesenlernen eine öffentliche Angelegenheit sein, aber das Gesund-leben-Lernen nicht? Warum soll der Körper nur im Sportunterricht vorkommen, warum könnte nicht im Lehrplan stehen, wie man Kopfschmerzen vermeidet, wie man Zuckerkrankheit gar nicht erst entstehen lässt, wie man gesund kocht oder einen Wadenwickel anlegt?"

Ja, zum Teufel, warum eigentlich nicht? Jetzt ganz scharf nachdenken. Vielleicht weil ein Wadenwickel weniger wichtig ist als Sprache und Geschichte? Weil das Vermeiden von Kopfschmerzen im Gegensatz zur Alphabetisierung tatsächlich keine öffentliche Angelegenheit darstellt? Falsch? Falsch. Wer derartige Zweifel hegt, muss in spießigen bildungsbürgerlichen Ideen aus dem vorletzten Jahrhundert gefangen sein. Immerhin ist auch die Schweinegrippe eindeutig wichtiger als der Notstand im deutschen Schul- und Hochschulsystem. Wir leben schließlich nicht in einer Bildungsnation, sondern in einer öffentlichen Krankenstation.

Ein Blick in die Schlagzeilen der letzten Monate beweist das. Während sich Studenten und Schüler gegen die Auswirkungen der Bologna-Umstellung wehren, kämpfen Presse und Politik lautstark gegen H1N1. Die Bundesländer haben 600 Millionen Euro, also einen Betrag, der in etwa dem geschätzten Gesamtaufkommen der Erststudiengebühren im Wintersemester 09/10 entspricht, für einen Impfstoff ausgegeben, der von der Bevölkerung nicht angenommen wird und deshalb zur Kostendeckung ins Ausland verscherbelt werden muss. Bislang hat Deutschland 94 Schweinegrippe-Opfer zu verzeichnen. Auf "normale" Influenza sind, je nach Statistik, 6000 bis 20 000 Todesfälle pro Jahr zurückzuführen.

Angesichts solcher Vergleichszahlen muss man den Schweinegrippen-Hype wohl als gesundheitspolitische Hysterie bezeichnen. Die Schweinebedingungen im Bildungssystem hingegen sind äußerst konkret. Was haben diese beiden Dinge nun miteinander zu tun? Ganz einfach: In einer Demokratie sind politische Entscheidungen auf eine gesamtgesellschaftliche Prioritätensetzung zurückzuführen. Wenn für Bildung auf politischer Ebene notorisch das Geld und auf privater Ebene notorisch die Zeit fehlt, dann stellt dieser Zusammenhang keinen Zufall dar. Im Gegenteil: Er ist ein Ausdruck von wechselseitiger Kausalität. Anders gesagt: Wer keine Zeit hat, ein Buch zu lesen, während es für die tägliche Stunde Fitnesscenter oder Yoga durchaus reicht; wem ein Theaterbesuch zu teuer ist, die neue Anti-Falten-Creme mit dreifachem Wirkstoffkomplex aber nicht; wer politische Demonstrationen sinnlos findet und am Wochenende mit Tausenden von Gleichgesinnten in bunten Wurstpellen durch die Innenstadt joggt - der muss sich nicht wundern, wenn sein Kind in der Schule Lindgren light zu lesen bekommt.

Einst gab es den schönen Satz: "Es kommt auf die inneren Werte an." Gemeint waren nicht die Blut- oder Leberwerte. Stark, schön und gesund sein kann auch ein Tier; lesen und schreiben kann nur der Mensch, vorausgesetzt, man bringt es ihm bei. Homo sapiens definierte sich über seine Vernunft, über Sprachbegabung, Intelligenz, Bewusstsein oder Seele, mithin über geistige Eigenschaften. Selbst die immer wieder aufs Neue missverstandene Mens-sana-in-corpore-sano-Formel begründete die Notwendigkeit von körperlicher Ertüchtigung mit dem Erhalt der Geisteskraft und betrachtete somit das Herumschrauben an der Physis als Mittel zu einem höheren Zweck. Es bereitet mir kaum noch Mühe, diese Sätze in der Vergangenheitsform zu formulieren. Würde man heute jungen Eltern die Frage stellen: "Was hättet ihr lieber, ein schlankes Kind oder ein fettes, das den Dreisatz kann?" - ich würde für die Antwort keine Hand ins Feuer legen.

Wer wissen will, wie es um unsere Präferenzen bestellt ist, muss nur die Gehirnwaschmaschine namens Werbung einschalten. Ob Fernsehen, Radio oder Plakate - gezeigt werden nicht Menschen, die 23 mal 7 im Kopf multiplizieren, "Satellit" buchstabieren oder das deutsche Wahlsystem erklären können. Sondern solche, die jung, schön und leistungsfähig sind, weil sie das Richtige essen, die richtige Kosmetik benutzen und mehr Vitamin-Präparate als Bücher im Schrank haben. Auch der Spam in meinem E-Mail-Postfach bietet keine Goethe-Gesamtausgaben, sondern Schwanzverlängerungen und Diätprogramme an. Es lebe der Körper. Bildung ist unsexy. (...)

Juli Zeh: Selbstgewählte Dummheit, in der "Welt"

Samstag, 19. September 2009

Babenberger - immer und überall?

"Wisst ihr etwas über die Stadt Essen? Denkt mal an das Fach Geschichte..."
"Waren da die Babenberger?"

Dialog im Unterricht. Das Geschichtsbild österreichischer Schüler ist schon etwas verengt.

Montag, 14. September 2009

Ab und zu bitte auch in der Schule sein...

Den Unterricht ertragreich, lebensnah und attraktiv zu gestalten, bedeutet eine Öffnung der Schule gegenüber ihrer Mit- und Umwelt. Dazu gehören Kooperationen mit außerschulischen Institutionen, das Einbeziehen von Expert/innen in den Unterrichtsbetrieb innerhalb der Schule und die phasenweise Verlagerung des Lerngeschehens im Sinne der Durchführung von Schulveranstaltungen und schulbezogenen Veranstaltungen.

Moderner Unterricht in fachlicher und didaktischer Hinsicht bedingt aber auch eine permanente Fortbildung für Lehrerinnen und Lehrer.

Diese Faktoren, so notwendig und begrüßenswert sie einerseits sind, haben andererseits für Schülerinnen und Schüler den Entfall von stundenplanmäßigem Fachunterricht zur Folge. Im Hinblick auf das Erreichen des Jahreslernzieles in jedem Gegenstand muss ein bestimmtes Stundenausmaß an Fachunterricht gesichert sein.

Beiden Ansprüchen ist Rechnung zu tragen. Es ist eine ausgewogene, pädagogisch sinnvolle Lösung geboten, die - im Zusammenwirken mit der „Unterrichtsgarantie“ (siehe RS 10/2006 „Durchführungsbestimmungen in Bezug auf Ressourcenplanung und -einsatz zum 2. Schulrechtspaket 2005) beide Forderungen entsprechend berücksichtigt.


Vorspruch zu einem neuen Erlass des Wiener Stadtschulrats zur Frage der "Abwesenheit der Lehrerinnen und Lehrer vom Unterricht"

Montag, 7. September 2009

Schulbeginn

Erster Schultag - von einem Tag auf den anderen ist der Adrenalinspiegel stark gestiegen, obwohl ich heute außer dem Schulanfangsgottesdienst für Volksschulen in der Früh nichts mit Schule zu tun habe. Das Arbeitsjahr eines Pfarrers in Österreich ist das Schuljahr. Das Kalenderjahr und auch das Kirchenjahr treten in ihrer Bedeutung weit dahinter zurück. Mit dem Schuljahrsanfang erwacht schlagartig auch das ganze Gemeindeleben, das über die neunwöchigen Sommerferien fast völlig pausiert hatte. Und als Pfarrer lebe ich nun wieder in einer ganz anderen Anspannung, die nur zum Teil begründet ist. Das Fremdsystem Schule greift in meine Wochenplanung sehr intensiv hinein, und Schule ist einfach eine andere Welt als Gemeinde.

Mittwoch, 2. September 2009

Meine neue Schule

Vom neuen Schuljahr an unterrichte ich nicht mehr an der AHS Maroltingergasse, sondern im Realgymnasium und Oberstufenrealgymnasium des Marianums, einer katholischen Privatschule im 18. Bezirk. Stammschule ist aber weiterhin die HLW 19 in Grinzing,

Dienstag, 1. September 2009

Neonazis im Netz

Menschen, die im realen Leben kontaktarme Außenseiter sind, finden hier eine zweite Chance, aber auch Leute, die aus guten Gründen in normalen Kreisen als suspekt und unerwünscht gelten. Neonazis haben von Anfang an das »Weltnetz« intensiv genutzt. Neu ist, daß die braunen Kameraden mittlerweile wie der berühmte Fisch im Wasser in einem virtuellen Biotop schwimmen. Es hat sich eine Allianz von klassischen Faschisten über paranoide Verschwörungstheoretiker bis zu unpolitischen Esoterikjüngern gebildet. Bernd Merling hat dafür die Bezeichnung »Faschismus 2.0« geprägt und eine Initiative zur Durchleuchtung und Bekämpfung obskurer Cyberkrieger gegründet (www.faschismus2.de).

Der gemeinsame Nenner dieser heterogenen Randgruppen ist ein Selbstverständnis als »Ausgegrenzte«. Im Namen von »Meinungsfreiheit« und »unabhängiger Information« führen sie erklärtermaßen einen »Infokrieg« gegen »Zensur« und »Manipulation« durch die »Herrschenden«. Dazu nutzen sie gezielt die zunehmend populären virtuellen Sozialnetzwerke, in denen sie als ganz harmlose Individuen und »kritische« Zeitgenossen mit »eigener Meinung« auftreten und für ihre »unabhängigen« Informationsquellen werben.

Dringend Gold kaufen

Diese tragen Namen wie »Alles Schall und Rauch«, »Politik Global«, »Secret TV«, »Wahrheitsbewegung« oder gar »Radio Utopie«. Sie alle nehmen für sich in Anspruch, »freie unabhängige Meinungen«, »alternative Nachrichten« und »neutrale Informationen« zu verbreiten. Als solche deklariert werden alle möglichen Enthüllungen, die beweisen sollen, daß der »Globalismus« von Geheimzirkeln der »Finanzelite« mit den Mitteln des Massenbetrugs organisiert wird. »Infokrieg TV« ist ein direkter Ableger der Organisation des konservativen US-Journalisten und Verschwörungstheoretikers Alex Jones, der uns dringend zum Ankauf von Gold rät. Sehr nahe steht der Infokrieger-Szene die Leipziger »NuoViso Filmproduktion«. Und wer hätte gedacht, daß die unter die »Wahrheitskämpfer« gegangene Punk-Diva Nina Hagen über Kanäle wie MySpace außer ihrem altbekannten Ufo-Schmarrn auch Propaganda gegen »Talmud-Juden« und »Massenmord durch Zwangsimpfung« verbreitet?

Die Inhalte werden so verpackt, daß sie »kritisch«, ja sogar »antifaschistisch« erscheinen können – denn faschistisch ist nach Ansicht der Infokrieger die angebliche geheime Weltregierung der »Finanzelite«. Ein das Finanzkapital von den Produktionsverhältnissen isolierender Pseudo-Antikapitalismus wird mit Verschwörungstheorien amalgamiert, die desorientierten Kleinbürgern und Deklassierten, Verängstigten und Frustrierten die Auseinandersetzung mit einer komplexen Realität ersparen: Die Anschläge vom 11. September wurden angeblich von der CIA organisiert, Klimawandel und Energiekrise sind pure Propaganda von Abzockern, die Schweinegrippe ist reine Erfindung der Pharmaindustrie. Ach ja, das Grundgesetz wurde durch die Wiedervereinigung Deutschlands ungültig, was die vortreffliche Gelegenheit bieten soll, echte »Volksmacht« durchzusetzen. Kein Wunder, daß solche »Erkenntnisse« regelmäßig vom offen neonazistischen Nachrichtenportal »Altermedia« übernommen werden. Doch auch die ganz grob der computerverblödeten Kleinbürgerlinken zuzurechnende »Piratenpartei«, welche die Hauptprobleme unserer Epoche im Cyberspace sieht, ist Unterwanderungsversuchen der »Infokrieger« ausgesetzt.

Nicht einig

Stehen hinter all dem Übel »Zionisten«? Da sind sich die »Wahrheitskämpfer« nicht ganz einig. Hartgesottene Antisemiten springen auf Komplottkonstrukte aller Art immer an, mit sanfteren Varianten gewinnt man jedoch zusätzlich die Sympathien von Naturheilkunde-Aposteln, die Schutzimpfungen für ein Verbrechen von »Schulmedizin« und »Pharmalobby« halten. Pluralistisch ist man auch in der Auswahl der Quellen: Man beruft sich auf Autoren von dem rechtskonservativen Islam-Hasser Udo Ulfkotte bis zum Möchtegern-Volksfrontpolitiker Jürgen Elsässer. Dessen »Volksinitiative gegen Finanzdiktatur« will jetzt gemeinsame Stammtische mit den Infokriegern aufbauen.

Schon die historischen Nazis hatten differenzierte ideologische Angebote für verschiedene Zielgruppen: Nietzsche und Wagner für die Kultur­intelligenz, neuheidnische Esoterik für den eingebildeten Germanenadel, »deutsches Christentum« fürs Landvolk und Kleinbürgertum. Nichts davon paßte zusammen, aber eine zentralisierte Staatsmacht konnte es irgendwie zusammenschustern. Der neue »Faschismus 2.0« unterscheidet sich vom in Reih und Glied marschierenden Führerprinzip-Faschismus dadurch, daß im Cyberspace keine Kontrollinstanz existiert, welche die Widersprüchlichkeit all der in diesem Umfeld gedeihenden ideologischen Sumpfblüten bändigen kann. Diese unreglementierte Freiheit des individuellen Ausdrucks hat zur Folge, daß im Milieu der Infokrieger inmitten von völkischen Antiglobalisten und Grundgesetz-Leugnern, Impfgegnern und Mondlandungsskeptikern regelmäßig Personen auftauchen, bei denen es sich offenkundig um Psychopathen handelt. Nicht einmal die Geschickteren unter den Bekloppten dürften in der Lage sein, den völlig Ausgetickerten die für eine politische Bewegung im wirklichen Leben nötige Disziplin aufzuerlegen. Weshalb von dieser virtuellen Bewegung für die reale Welt auch keine Gefahr ausgeht. Nervtötend ist sie trotzdem.

Henning Böke: Unter Infokriegern, Junge Welt 25.08.2009

Verschwörungstheorien sind en vogue, wie immer in Krisenzeiten. Und das Netz ist eine Plattform mit vielen Möglichkeiten, auch zur raschen Verbreitung von radikalem Gedankegut und höherem Blödsinn. Im Umgang mit meinen Schülern fällt mir immer wieder auf, wie unkritisch sie mit dem world wide web umgehen. "Es stand doch im Internet", ja - aber das heißt doch noch lange nicht, dass es auch wahr ist. Wenn ein Schüler ein Referat über eine Sekte halten soll und sich nur auf deren Selbstdarstellung verlässt, wird wenig Sinnvolles herauskommen. Medienerziehung in der Schule ist ebenso schwierig wie nötig.

Montag, 20. Juli 2009

Die große Verführung

Powerpoint ist ein faszinierendes Stück Software, ungefähr so, wie LSD oder Morphium faszinierende Substanzen sind. Wenn sie aber in falsche Hände geraten, und das ist leider fast immer der Fall, dann machen sie kurzfristig jeden Traum wahr.

Powerpoint formatiert Gedanken. Hell leuchten sie auf das Publikum herab, kleine, schimmernde Wunder, bereitet aus den Zutaten Finsternis, Beamerlicht und kurzen Stummelsätzen. Die drei Grazien der Präsentation – Zurückhaltung, Einfachheit, Natürlichkeit – bleiben ja meist ausgesperrt. In der Regel steht in Riesenschrift geschrieben, was gesagt wird, und was gesagt wird, steht geschrieben. Die Cognitive Load Theory besagt aber, dass man eine Information kaum verarbeiten kann, wenn sie sich sowohl hören als auch sehen lässt.

Die Konkurrenz zwischen Auge und Ohr ermüdet das Organ dazwischen. Die Arme werden schwer. Man gerät in Trance. Mit Powerpoint machen die Manager dieser Welt Ferien vom Ich.

Wer heute ohne Folien zu einer Präsentation antritt, steht so nackt da, als wäre er ohne Hosen aufs Podium gestiegen. (...) Deftiger spricht der US-amerikanische Autor Seth Godin in dem E-Book "Really Bad Powerpoint" zu uns: "Nahezu jede Powerpoint-Präsentation stinkt nach verfaulten Eiern."

Franz Zauner: Käfig voller Folien, Wiener Zeitung 11. Juli 2009, Extra S. 2

In der Tat: Powerpoint ist nicht nur eine weltweite Seuche, sondern ein Instrument zur Erzeugung des schönen Scheins von Einfachheit, Klarheit, Kompetenz. Ganz selbstverständlich wird heutzutage erwartet, dass Schüler heute späterstens zur Matura mit diesem Programm umgehen. Rechtschreibung ist vielleicht nicht ihre Stärke, aber Folien können sie erstellen und abspielen. Leider kommen die Rechtschreibfehler dann auch besonders klar heraus.

Donnerstag, 16. Juli 2009

Die Initiation: Kontrollverlust

In den vergangenen Wochen hörten die Abiturienten von ihren Lehrern und Rektoren, was alle Lehrer und Rektoren sagen, wenn sie ihre Schüler mit etwas zu großer Geste ins Leben verabschieden: Ihr seid die Elite, ihr werdet an der Spitze eures Landes stehen. Der Teil der Gymnasiasten, der nach Lloret de Mar an die spanische Mittelmeerküste fährt, verschiebt das mit der Elite auf später und hat vor Reiseantritt den Alkohol im Hotel gleich mitgebucht, weil es billiger ist, als für jeden Schnaps einzeln zu bezahlen.

Etwa 35.000 Abiturienten aus ganz Deutschland steigen nach den Prüfungen in die Busse zur Costa Brava: künftige Wirtschaftsingenieure, Zahnärztinnen, Bundespolizisten (…).Es fahren ganze Klassenstufen nach Lloret oder auch nur Gruppen von fünf Leuten. Das Reiseziel steht fest. Bisschen den Kopf freisaufen, sagt Olli, der Animateur.

Lloret ist einfach. Es gibt Sonne, Strand, Discos und Alkohol, andere Drogen gibt es auch, viel mehr aber nicht. Trotzdem ist hier alles möglich, so sieht es jedenfalls aus. Die Stadt ist der betongewordene Traum, den viele Kinder träumen, wenn sie in ihrer Phantasie den Überfluss durchspielen: einmal in einem riesigen Supermarkt eingeschlossen werden und nach Herz und Laune rumsauen können die ganze Nacht. Lloret ist der Supermarkt für Abiturienten, und für fünf, sechs Wochen im Sommer existiert die Stadt nur, um dem neuen Leben nach der Schule die Komplexität zu nehmen. Die ersten Schritte in der Freiheit enden vor Sangria-Eimern.

Olli ist mitverantwortlich für die Komplexitätsreduktion in Lloret, er heißt eigentlich Oliver Schwartz, ist 33 und der Chef von zwei Dutzend Animateuren vor Ort für seinen Arbeitgeber Abi4Life, eine Firma, die Abschlussreisen für Abiturienten anbietet. Am Ende der Abi-Saison wird er 8000 Schulabgänger durch Lloret geschleust haben. Olli trägt einen Kinnbart und ist einer dieser Typen, die nie schlechte Laune haben, er kann mit jedem gut, ein Party-Macher. Er sagt, er sei immer ehrlich zu seinen Kunden.

Wenn samstags und dienstags die Reisebusse in die Stadt schaukeln mit Tausenden Abiturienten aus Berlin und Münster, Köln und Leipzig, Bühl und Laubach, steigt er zur Begrüßung in die Busse und brüllt ihnen seine Ansicht von einem gelungenen Urlaub entgegen: "Wir feiern hier nicht, wir eskalieren!" Die Abiturienten werfen dann die Arme in die Luft, schreiend, glücklich. Eskalation ist Ollis Lieblingswort, er ruft es in die Busse, er ruft es nachmittags bei der Sangria-Party und abends bei der Tequila-Randale im Aztek, der Disco mit den Plastikreliefs an den Wänden, die an die Azteken erinnern sollen.

Eskalation heißt hier Kontrollverlust, Eskalation ist das Wort des Sommers, das Urlaubsziel für sieben Tage all-inclusive in einem dritt- oder viertklassigen Hotel. Die Frage ist, ob jeder weiß, wann die Eskalation enden sollte, und ob er dann auch noch fähig ist, die Kontrolle aus eigener Kraft wieder an sich zu reißen. Zum Glück geht es darum aber gar nicht in Lloret.

Die Stadt ist seit den fünfziger Jahren bei Touristen beliebt, die günstig Urlaub machen wollen, sie wurde aber erst Ende der Neunziger von Reiseveranstaltern entdeckt, die nach neuen Kunden suchten und testeten, ob sich Pauschal- und Party-Urlaub auch an Jugendliche verkaufen lässt, die nicht viel Geld ausgeben wollen. Seitdem wächst der Markt für organisierte Abi-Fahrten, sieben Tage Lloret im billigsten Hotel ab 159 Euro im Mehrbettzimmer, inklusive Busfahrt.

Die Reisebusse mit den Abiturienten fahren nicht nur nach Spanien, sondern auch nach Italien, Kroatien, Ungarn und Bulgarien. Sie fahren meist in Party-Enklaven, die ähnlich funktionieren wie Lloret de Mar und wo auch betrunkene 18-Jährige nicht viel dreckig oder kaputtmachen können, weil das meiste in der Stadt entweder aus Beton ist oder abwaschbar oder so billig, dass man es mit wenig Aufwand austauschen kann. (...)

Aus einem SPIEGEL-Artikel über deutsche Abiturientenreisen

Donnerstag, 9. Juli 2009

Wie Armut weitergereicht wird an die nächste Generation

„In Essen gibt es zwar die freie Grundschulwahl, aber die Schulen werden in A-, B- und C-Gruppen eingeteilt. Im Essener Norden fällt jedes zweite Kind unter die Armutsgrenze, also gibt’s dort keine A-Schule. Da werden Kinder benachteiligt, nur weil sie arme Eltern haben“, sagt Bettina Dzwonkowsky-Eveleit (43).

bild.de

Donnerstag, 25. Juni 2009

Englisch

Glaubt man den Statistiken, ist es schlecht bestellt um die Qualität der österreichischen Reifeprüfungen: In Englisch etwa sind 40 Prozent aller Schulabgänger nicht auf dem im Lehrplan geforderten Sprachniveau, so das Ergebnis von Eingangstests an den Fachhochschulen. Und selbst bei jenen AHS-Absolventen, die in den vergangenen drei Jahren ein Anglistik-Studium beginnen wollten, war ein Drittel in Englisch unter Maturaniveau. In den Jahren 2007 und 2008 wiesen 15 Prozent bei den Tests an den Unis Wien und Innsbruck gar nur die Fremdsprachkenntnisse eines Unterstufenschülers auf.

Die Presse (Druckausgabe 24. Juni 2009)

So schlimm? Die Maturanten, die ich in diversen Prüfungen heuer habe Englisch reden, verstanden sich jedenfalls wesentlich sicherer und gewandter auszudrücken als deutsche Abiturienten.