Sonntag, 16. November 2008

U6 Gumpendorfer Straße


Neuerdings vielfältig: Der Umgang mit dem Tod

Der Abschied, er dauerte drei Tage, so lange eben wie der Verstorbene in seinem Haus aufgebahrt wurde. Im offenen Sarg. Und wenn der Tote hinausgetragen wurde, zur Beerdigung, dann geschah das mit den Füßen zuerst. Denn wäre sein Gesicht dem Haus zugewandt gewesen, hätte er womöglich dorthin zurückkehren wollen und keine Ruhe im Grab finden können.

„Die Rituale, die früher gepflegt wurden, gaben den Menschen Halt. Heute ist der Tod sehr schnell geworden, aus dem Leben ausgegliedert”, sagt die Münsteraner Volkskundlerin Christiane Cantauw. Die 44-Jährige hat sich intensiv mit dem Tod und dem Umgang mit ihm befasst und stellt fest, dass die Menschen heute mehr denn je auf der Suche sind nach Formen des Abschiedes. Von der klassischen christlichen Bestattung über die Dixieland-Band am Grab bis hin zur Beisetzung der Urne in einem Friedwald. Aber gleichzeitig sei der Tod so weit weg wie nie. „Wer hat heute schon noch einen Toten gesehen!”, sagt Cantauw.

Auf dem Land wurden diese Rituale noch lange gepflegt, länger eben als in den großen Städten, in denen es bereits im 19. Jahrhundert erste Leichenhallen gab. Nachbarn waren es, sogenannte Notnachbarn, die bei wichtigen Familienereignissen Aufgaben übernahmen. Den Haushalt, das Versorgen der Kinder, wenn die Nachbarin nach einer Geburt im Wochenbett lag. Aber sie waren auch die Helfer in der Not, wenn es einen Toten zu betrauern gab. Fütterten das Vieh, brachten den Trauernden Essen, wuschen und kleideten den Toten ein. Noch am selben Tag nämlich kam der Zimmermann ins Haus, nahm Maß und fertigte aus zu diesem Zweck in der Scheune oder auf dem Dachboden gelagerten Brettern den Sarg.

Der Umgang mit dem Tod ist so vielfältig wie nie zuvor

„Tatsächlich lagen zumindest für jeden Erwachsenen die Bretter parat, die einmal für das Begräbnis benötigt wurden. Auch das Leinen für das Totenhemd gehörte zur Aussteuer einer Braut”, erklärt Christiane Cantauw. War der Tod im Haus, hielt man die Uhren an, verdeckte die Spiegel und öffnete die Fenster, damit die Seele des Verstorbenen so schnell wie möglich das Sterbezimmer verlassen konnte. In den drei Tagen nach dem Tod versammelten sich Angehörige und Nachbarn rund um den Aufgebahrten zum Beten.

Aber auch das Begräbnis selbst verlief nach genau festgelegten Bräuchen. War der Weg zum Friedhof nahe, so wurde der Sarg von den Notnachbarn dort hingetragen, war er weiter, folgten die Trauernden einem Wagen über festgelegte Wege. „Liekweg”, Leichenwege, nannte man sie im Niederdeutschen. Die Handschuhe der Sargträger wurden dabei nur dieses eine Mal benutzt, ebenso wie die Nadel, mit der das Totenhemd genäht worden war. Cantauw: „Sie wurden mitbegraben.” Eins blieb, bis heute: der Streuselkuchen zum Beerdigungskaffee.

Heute, in Zeiten, in denen immer mehr Menschen nicht mehr konfessionell gebunden sind, ist der Umgang so vielfältig wie nie zuvor. Alles, fast alles zumindest, ist möglich. Eigentlich auch die Aufbahrung eines Verstorbenen zu Hause. „Aber versuchen sie dafür einmal ein Beerdigungs-Institut zu finden! Das ist sehr schwer”, sagt Christiane Cantauw und erzählt von weitläufig Bekannten, die ihr bei der Geburt gestorbenes Baby aus dem Krankenhaus tatsächlich nach Hause nahmen. „Sie wollten Abschied nehmen und ihrem älteren Kind auch diese Möglichkeit geben”, erklärt die Volkskundlerin.

Die Normalität sei heute jedoch der Tod im Krankenhaus. Sofort setze, so Cantauw, eine ganze Maschinerie ein. Auch wenn ein Mensch zu Hause sterbe, wenn der Notarzt gerufen werde, dauere es doch höchstens eine halbe Stunde bis der Verstorbene ins Leichenhaus abtransportiert werde. Dem Angehörigen, der noch ganz unter Schock steht, müsse dies alles wie ein böser Traum vorkommen.

Dabei übernehmen heute Beerdigungsinstitute längst nicht nur das Nötige, sie verstehen sich mehr und mehr als Trauerbegleiter. Begleiter für eine kurze Zeit. Denn wer trägt heute noch ein Jahr lang Schwarz? Was früher auch ein Zeichen für andere war, Rücksicht zu nehmen, ist längst als Äußerlichkeit abgestreift worden. Vielleicht nimmt man ein, zwei Wochen Urlaub. Aber dann wird wieder gearbeitet, wieder funktioniert.

Gefunden auf derwesten.de