Bolz' Analysen gegenwärtiger religiöser Praktiken sind bestechend und aufschlussreich. So veranschaulicht er, dass der liebe Gott des heutigen diffus humanistischen Christentums und der absolute Gott der dogmatischen Fundamentalisten Komplementärphänomene sind. Diese auf den ersten Blick verblüffende These wird damit gerechtfertigt, dass der "neutrale Kult des Menschlichen" des heutigen Christentums es nicht vermöge, Halt und Orientierung zu geben. Die durch den Wegfall der vormals religiös oder weltanschaulich gesicherten Ordnung aufgerissene Lücke könne leicht durch Fundamentalismen gefüllt werden. Insbesondere der Absolutheitsanspruch universalistischer Religionen führe dabei zu erhöhter Gewaltbereitschaft. Dies sei zumindest für lebendige Religionen zutreffend.
Lebendigkeit will Bolz dem zur Zivilreligion verkommenen Christentum freilich nicht mehr zubilligen. Anders sieht es mit dem Islam aus. Letzterer sei "nicht eine Religion unter anderen, sondern die weltweit dynamischste und selbstbewussteste". Die gegenwärtige Schwäche des Christentums führe aber nicht etwa nur negative Konsequenzen mit sich. Die dialektische Pointe, die Bolz aus der humanistischen Entkernung des Christentums zieht, ist, dass nur schwache Kirchen überleben, da starke religiöse Motivationen zur Sektenbildung tendiere. Zudem hätten es die letzten Päpste meisterhaft verstanden, den Kampf um die knappe Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit für sich zu entscheiden. Durch Riten und den Unfehlbarkeitsanspruch wissen sie sich als Fels in der Brandung in der Figur des Katechon, des Aufhalters teuflischer Kräfte, medienwirksam zu inszenieren.
Bolz bricht Tabus und wehrt sich gegen jedwede politische Korrektheit. Das Resultat ist nicht selten ein pauschalisierendes Urteil wie etwa: "Der islamistische Terror verdeckt nämlich das eigentliche Problem: den Islam." Ziel solle nicht etwa eine Diskussion mit dem vom Autor zum Kollektivsingular reduzierten Islam sein, sondern eine Diskussion über die Rolle dieser "fanatischen" Religion in Europa und der Welt. Da der Islam, wie das Christentum vor der Aufklärung, keine Trennung von Politik und Religion vorsehe, so Bolz, sehen wir uns bis auf weiteres mit einem "kalte(n) Krieg zwischen Europa und dem Islam" konfrontiert. Da sich der Islam - im Gegensatz zum Christentum - noch ernst nehme und höchst lebendig sei, versuche er die durch einen privilegierten Zugang zur Wahrheit gewonnenen Erkenntnisse gewaltsam gegen den "ungläubigen" Westen durchzusetzen. Deutlich wird aus solchen Kassandrarufen allerdings nicht, wie die bevorzugte Alternative zu einem Kalten Krieg der Religionen aussehen könnte. Ohne die vom Autor geleugnete Möglichkeit interreligiöser Verständigung käme da wohl nur ein offener Konflikt in Frage.
In solchen Urteilen zeigt sich, dass Bolz als "guter Europäer" mit Schützenhilfe von Carl Schmitt aufwartet. Den hat er neben anderen Extremisten zwischen den Kriegen schon in seiner Habilitationsschrift "Auszug aus der entzauberten Welt" behandelt und knüpft daran an: "Feindvergessenheit ist der Sieg des Teufels. Deshalb muss der Kampf gegen den Teufel mit der Bestimmung des Feindes beginnen." Das belanglose Gespräch von gutgläubigen Akademikern und politisch korrekten Politikern über Toleranz zwischen den Religionen funktioniere nur, so lange es nicht um Fragen der Macht und der Entscheidung gehe. Daher sei der Gedanke der Weltreligion nichts als "Esperanto der Theologen".
Statt einer theoretischen Totgeburt zu Zwecken der Völkerverständigung scheint sich der religiös unmusikalische Autor nach einer dogmatischen Aufrüstung des Christentums zu sehnen: "Dass Gott kein netter Papa ist und Jesus nicht sozial war, wagt die Kirche heute kaum mehr auszusprechen." Bolz hat es offensichtlich nicht mit Seelsorge und Diakonie, sondern trauert "großen Themen" wie Kreuz, Erlösung, Gnade, Teufel und Apokalypse nach. Auch die Ökologiebewegung und die im Nachkriegsdeutschland perfektionierte Kultur der Betroffenheit und des Gutmenschentums entlarvt er als Religionsersatz. (…)“
Aus Mario Wennings Rezension von Norbert Bolz: Das Wissen der Religion. Betrachtungen eines religiös Unmusikalischen. Wilhelm Fink Verlag, München 2008 auf literaturkritik.de






















