Donnerstag, 31. Juli 2008

Sehnsüchte eines guten Europäers

„(…) Bolz argumentiert anthropologisch, indem er behauptet, dass sich der Absolutheitshunger durch den Säkularisierungsprozess nicht stillen lasse, schon gar nicht durch eine naturwissenschaftliche Entzauberung der Welt. Das den Religionen eigene Transzendenzbewusstsein ist für den Autor eine Konstante, eine "notwendige Illusion". Gnädiger Gott, gerechte Gesellschaft, heile Natur, wahres Selbst sind verschiedene Namen für dieselbe Tatsache: den Versuch des Menschen, sich über sein faktisches Selbst hinaus zu schwingen. Gerade der moderne Mensch sucht in der Religion Ganzheit und einen Ausweg aus der Einsamkeit des absoluten Ichs, das in einer kontingenten, zunehmend differenzierten Welt transzendental obdachlos geworden ist. Die "fundamentale Trostbedürftigkeit" verlangt nach einer neuen religio, einer höheren Bindung.

Bolz' Analysen gegenwärtiger religiöser Praktiken sind bestechend und aufschlussreich. So veranschaulicht er, dass der liebe Gott des heutigen diffus humanistischen Christentums und der absolute Gott der dogmatischen Fundamentalisten Komplementärphänomene sind. Diese auf den ersten Blick verblüffende These wird damit gerechtfertigt, dass der "neutrale Kult des Menschlichen" des heutigen Christentums es nicht vermöge, Halt und Orientierung zu geben. Die durch den Wegfall der vormals religiös oder weltanschaulich gesicherten Ordnung aufgerissene Lücke könne leicht durch Fundamentalismen gefüllt werden. Insbesondere der Absolutheitsanspruch universalistischer Religionen führe dabei zu erhöhter Gewaltbereitschaft. Dies sei zumindest für lebendige Religionen zutreffend.

Lebendigkeit will Bolz dem zur Zivilreligion verkommenen Christentum freilich nicht mehr zubilligen. Anders sieht es mit dem Islam aus. Letzterer sei "nicht eine Religion unter anderen, sondern die weltweit dynamischste und selbstbewussteste". Die gegenwärtige Schwäche des Christentums führe aber nicht etwa nur negative Konsequenzen mit sich. Die dialektische Pointe, die Bolz aus der humanistischen Entkernung des Christentums zieht, ist, dass nur schwache Kirchen überleben, da starke religiöse Motivationen zur Sektenbildung tendiere. Zudem hätten es die letzten Päpste meisterhaft verstanden, den Kampf um die knappe Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit für sich zu entscheiden. Durch Riten und den Unfehlbarkeitsanspruch wissen sie sich als Fels in der Brandung in der Figur des Katechon, des Aufhalters teuflischer Kräfte, medienwirksam zu inszenieren.

Bolz bricht Tabus und wehrt sich gegen jedwede politische Korrektheit. Das Resultat ist nicht selten ein pauschalisierendes Urteil wie etwa: "Der islamistische Terror verdeckt nämlich das eigentliche Problem: den Islam." Ziel solle nicht etwa eine Diskussion mit dem vom Autor zum Kollektivsingular reduzierten Islam sein, sondern eine Diskussion über die Rolle dieser "fanatischen" Religion in Europa und der Welt. Da der Islam, wie das Christentum vor der Aufklärung, keine Trennung von Politik und Religion vorsehe, so Bolz, sehen wir uns bis auf weiteres mit einem "kalte(n) Krieg zwischen Europa und dem Islam" konfrontiert. Da sich der Islam - im Gegensatz zum Christentum - noch ernst nehme und höchst lebendig sei, versuche er die durch einen privilegierten Zugang zur Wahrheit gewonnenen Erkenntnisse gewaltsam gegen den "ungläubigen" Westen durchzusetzen. Deutlich wird aus solchen Kassandrarufen allerdings nicht, wie die bevorzugte Alternative zu einem Kalten Krieg der Religionen aussehen könnte. Ohne die vom Autor geleugnete Möglichkeit interreligiöser Verständigung käme da wohl nur ein offener Konflikt in Frage.

In solchen Urteilen zeigt sich, dass Bolz als "guter Europäer" mit Schützenhilfe von Carl Schmitt aufwartet. Den hat er neben anderen Extremisten zwischen den Kriegen schon in seiner Habilitationsschrift "Auszug aus der entzauberten Welt" behandelt und knüpft daran an: "Feindvergessenheit ist der Sieg des Teufels. Deshalb muss der Kampf gegen den Teufel mit der Bestimmung des Feindes beginnen." Das belanglose Gespräch von gutgläubigen Akademikern und politisch korrekten Politikern über Toleranz zwischen den Religionen funktioniere nur, so lange es nicht um Fragen der Macht und der Entscheidung gehe. Daher sei der Gedanke der Weltreligion nichts als "Esperanto der Theologen".

Statt einer theoretischen Totgeburt zu Zwecken der Völkerverständigung scheint sich der religiös unmusikalische Autor nach einer dogmatischen Aufrüstung des Christentums zu sehnen: "Dass Gott kein netter Papa ist und Jesus nicht sozial war, wagt die Kirche heute kaum mehr auszusprechen." Bolz hat es offensichtlich nicht mit Seelsorge und Diakonie, sondern trauert "großen Themen" wie Kreuz, Erlösung, Gnade, Teufel und Apokalypse nach. Auch die Ökologiebewegung und die im Nachkriegsdeutschland perfektionierte Kultur der Betroffenheit und des Gutmenschentums entlarvt er als Religionsersatz. (…)“

Aus Mario Wennings Rezension von Norbert Bolz: Das Wissen der Religion. Betrachtungen eines religiös Unmusikalischen. Wilhelm Fink Verlag, München 2008 auf literaturkritik.de

... welche kräftig sein können

"Am Donnerstag ist es im Nordosten sonnig und trocken. In den anderen Landesteilen wechseln sich Sonne und Wolken ab und im Tagesverlauf bilden sich örtlich Schauer und Gewitter, welche kräftig sein können."

Aus der heutigen Tagesschau-Wettervorhersage für Deutschland. Ziemlich gestelzt formuliert...

Verkümmerung des Geistes

Die Menschen sind heute audiovisuell bestimmt und haben "Schwierigkeiten mit dem logischen Denken und bei Willensentscheidungen in existenziellen Fragen". Dies sagte der katholische Erzbischof von Budapest, Kardinal Peter Erdö der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Die Kirche müsse die veränderte Lebenssituation der Menschen stärker wahrnehmen. Audiovisuelle Effekte seien in der katholischen Kirche durch Bilder, Symbole, Schauspiel und Musik "von jeher zu Hause". Ein audiovisuell bestimmter Mensch könne stärker emotional bewegt werden, sei aber auch leichter manipulierbar, so der Kardinal. In der Tendenz zur Visualisierung sieht Erdö aber auch eine Gefahr für die Demokratie, da zu deren Voraussetzungen gehöre, dass Menschen "politische Programme lesen und verstehen können und dann nach ihren Interessen und Wertvorstellungen entscheiden".

Gefunden auf jesus.ch

Trostreich



































Unauslöschlich meine Liebe zu Industrieanlagen, Erinnerung an Kindheitstage in Essen. Die faszinierende Schönheit des Menschengemachten. Die Erinnerung daran, dass da nicht allein Natur ist, so wie in Brechts Gedicht:

Der Rauch

Das kleine Haus unter Bäumen am See.
Vom Dach steigt Rauch.
Fehlte er
Wie trostlos dann wären
Haus, Bäume und See.

(Bertolt Brecht, Buckower Elegien)

Urlaub

"Ob Sie erst fahren oder schon zurückkommen, aus dem Urlaub lässt sich auch hinterher noch lernen. Von deutschen Pauschaltouristen kommen angeblich doppelt so viele unzufrieden aus dem Urlaub zurück wie mit der Reise einverstanden waren, insgesamt über die Hälfte sind - gleich danach befragt - enttäuscht von ihren Ferien. US-Touristen kehren angeblich sogar zu 11 Prozent mit richtiggehenden Depressionen nach Hause zurück. Interessanter Weise sind von den direkt nach Ende der Reise überwiegend enttäuschten vier Wochen später nur noch 15 Prozent übrig. Der große Rest hat sich dem Glücksdiktat gefügt, das Negative gestrichen und das wenige Schöne weitererzählt. Der Urlaub hat einfach schön zu sein, schließlich war er ja auch teuer. Wer etwas so Frustrierendes so teuer bezahlt, müsste ja ein Trottel sein. Um dieser Konsequenz zu entgehen, wirken die Wochen nach der Rückkehr offenbar ziemlich verklärend. Was ist los mit dem Urlaub?

Medizinisch schaut das ganze eher noch schlechter aus. Bei den normalen Urlaubsszenarien, die im Stau beginnen und an den beliebten Sonnenküsten beim Sonnenbraten enden, sind die Ergebnisse deprimierend. Die meisten dieser Sonnenanbeter brauchen elf Monate, um sich von dieser Strapaze wieder so weit zu erholen, dass sie im kommenden Jahr demselben Wahnsinn gewachsen sind. Was sich medizinisch in Energieblockaden und Regulationsstörungen niederschlägt, ist den meisten Betroffenen jedoch nicht bewusst.

Es scheint ziemlich schwer zu sein, zu einem verpfuschten Urlaub zu stehen und daraus Konsequenzen zu ziehen. Lieber redet man für die anderen die Misere schön und glaubt dann offenbar mit der Zeit selbst daran. Wie sonst wäre es zu erklären, dass im nächsten Jahr derselbe Jammer von neuem seinen Lauf nimmt und Millionen Menschen wie die Lemminge an dieselben Küsten streben, wo sie in der Regel wenig Erbauliches und jedenfalls nichts Erholsames oder gar Gesundes erwartet.

Die Gründe für die Urlaubsfrustration sind vielfältig. Fragt man die Betroffenen selbst, sind fast immer die anderen Schuld. Zum einen sind die einfach zu viele - jeder ist schließlich gegen den Massentourismus - und diese Erkenntnis ereilt früher oder später die meisten. Auch der sogenannte Individualtourist merkt im Autobahnstau dann doch recht schnell, dass er gerade einem Massenphänomen zum Opfer fällt. Die Welt könnte so schön sein, wenn es nicht so viele von uns gäbe, die alle mit sehr ähnlichem Programm unterwegs sind.

In dem für viele verblüffenden Phänomen, dass wir so häufig genau das Gegenteil von dem ernten, was wir eigentlich wollen, zeigt sich ein Lehrstück in Sachen Polarität. Alle wollen gleichermaßen möglichst rasch ans Ziel kommen, und die gemeine Wirklichkeit therapiert sie, indem sie ihnen die Erfahrung des Gegenteils vermittelt. Alles zieht sich unendlich zäh hin, wenn es nicht phasenweise überhaupt stoppt. Wer aber die Kinder am letzten Schultag schon mit dem fertig gepackten Auto von der Schule abgeholt hat, ist natürlich genervt, wenn der solcherart herausgeschundene Blitzstart schon am nächsten Autobahnkreuz so massiv gestoppt wird.

Nicht nur im Urlaub, sondern generell bekommen wir häufig das Gegenteil von dem, was wir wollen. Der große Urlaub, von der Werbung als schönste Jahreszeit gefeiert, wird so nicht selten zur scheußlichsten, ähnlich wie Weihnachten, das Fest der Liebe, mitten in der stillen Jahreszeit so häufig zu einem lärmigen Schlachtfest für das typische Weihnachtsgeflügel wird und nicht selten zu einem außerordentlichen Stress für die Geschenkekäufer und manchmal sogar zum offenen Krieg am eigentlich heiligen Abend.

Psychologisch müssen wir davon ausgehen, dass uns unser Schatten einholt, unsere dunkle nicht bewusst anerkannte Wesensseite. Sie schlägt gerade dann zu, wenn wir sie weit weg in den Untergrund verbannen wollen und uns und unserer Umwelt nur unsere friedlichsten und harmonischsten Seiten zeigen wollen.

Im Urlaub suchen wir uns bevorzugt herrliche, ja paradiesische Plätze aus. Zum Glück versprechen die Werbe-Prospekte auch unisono den Himmel auf Erden. Natürlich ist naiv, wer Werbung mit Information verwechselt, ist sie doch in der Moderne der Überflussgesellschaft eher zu der Kunst verkommen, Menschen Dinge nahezubringen, die diese gar nicht brauchen und dann oft eben auch nicht bekommen. Trotzdem glaubt ein nicht geringer Teil der Urlauber offenbar an lauterste Informationsabsichten der Werbebranche, denn ungefähr ein Viertel der Urlaubsheimkehrer ist wütend, dass die in Katalogen gemachten Versprechungen nicht eingehalten wurden. Damit sei nichts gegen Werbung gesagt, Menschen lieben es umworben zu werden, und Zeitschriften leben von Werbeeinnahmen. Allerdings sollten wir das Spiel als solches durchschauen. So wie jeder versucht, seine lichten Seiten hervorzukehren und die dunklen in den Schatten des Unbewussten abzuschieben, tut es natürlich auch die Tourismusindustrie. Mit Computerhilfe ist es heute leichter denn je, das Meerwasser aufzubläuen, den Sandstrand zu weißeln, die Palmen etwas nachzugrünen und das ganze Szenario solcherart in etwas hoffnungsvollere und leuchtendere Farben zu tauchen. So stellen wir uns selbst dar und so stellt jeder sich und seine Produkte vor. Das liegt voll im Trend, es wird nur problematisch, wenn man mit dieser Strategie glaubt, den Schatten beseitigen zu können. Er wird nur auf die Seite geschoben, um sich von dort immer gerade dann zu melden, wenn wir es am wenigsten erwarten, weil wir uns ganz auf seinen Gegenpol, die lichte Seite des Glücks und der Harmonie eingestellt haben. Schon das Wort Harmonie, das auf die griechische Göttin Harmonia zurückgeht, könnte uns helfen, das Missverständnis zu durchschauen, ist die Göttin des Ausgleichs doch ein Kind der Liebes- und Friedensgöttin Venus und des Kriegsgottes Mars.

Wer dieses Spiel der sich bedingenden Gegensätze nicht durchschaut, wie die große Mehrheit der modernen von jeder Lebensphilosophie abgeschnittenen Menschen, wird Probleme mit der Polarität bekommen. Der sich dann noch anbietende Ausweg liegt in der Schuldverschiebung. Wenn die Dinge anders als geplant und erwartet laufen, wird die Verantwortung dafür auf andere projiziert. Eigene Täuschungen, die folgerichtig zu Enttäuschungen führen, werden dann als Charakterfehler anderer geortet. Wie das funktioniert, kann man auf drastische und peinliche Art und Weise in der heutigen Politik studieren.

Ein Drittel der Urlauber fühlt sich vom Wetter betrogen, woran nur ein gemeines Schicksal, ein übles Pech oder Petrus als Stellvertreter Gottes selbst Schuld sein kann, 30 Prozent fanden die Unterkunft oder den Strand schlecht, wofür die Reiseveranstalter oder die Einheimischen und jedenfalls die anderen haftbar zu machen sind, ein Viertel litt an seinem eigenen Partner, woran ohne Zweifel dieser Schuld war, ein weiteres Viertel an Stress im allgemeinen. Hinter diesem modernen Lieblingsbegriff verbergen sich Phänomene wie Lärmbelästigungen, Hektik bei der Abfertigung und schlechte Hotelorganisation und jedenfalls wieder die anderen, die so ziemlich alles falsch machen können. Ein Fünftel der Urlauber hatte sein Problem mit dem Rest der Familie, und jeweils 12 Prozent wurde der Urlaub von der Reiseleitung oder der Reisegruppe vermiest. Lediglich 10 Prozent gaben an, dass sie das falsche Reiseziel gewählt hatten, was ja immerhin an einem selbst gelegen haben könnte, wenn man nicht schnell noch die irreführende Werbung anschuldigen will. Knappe 10 Prozent hatten sich gelangweilt, was wahrscheinlich am miserablen Animationsprogramm gelegen haben dürfte.

Kein Wort davon von der bitteren Erkenntnis, dass man selbst hinter all dem steckt. Antworten, die Eigenverantwortung einschließen, bleiben Mangelware bei der Erhebung über die Urlaubszufriedenheit, die sich ganz rasch als Unzufriedenheit entpuppt. Dabei wäre es so leicht etwa nach dem Motto: Warum suche ich mir denn eine Gegend aus, von der man wissen kann, dass sie keinen blauen Himmel garantiert? Oder: Warum überlege ich mir nicht vorher, dass es im Süden unerträglich heiß werden kann? Warum jammere ich über eine fehlende Klimaanlage oder den dadurch entstandenen Aufpreis, wenn ich in den heimischen Wäldern jede Menge Frische gratis und mit Sicherheit haben könnte, sie aber bewusst nicht gewählt habe? Warum mache ich mir nicht klar, dass ich diesen Partner einmal selbst ausgesucht und mir diese Familie selbst zuzuschreiben habe? Und so weiter und so fort...

Solche Fragen sind natürlich unbequem, gerade weil sie Eigenverantwortung ins Spiel bringen und die beliebten Sündenböcke entlasten. Früher gab es den Spruch: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur ungeeignete Kleidung“ heute wendet man sich lieber bezüglich Schadensersatz an die Urlaubsversicherung. Guten Gewissens kann man deren Geld nur einstecken, wenn man sich auch wirklich mies gefühlt hat aufgrund des falschen Wetters. Ein gutes Gewissen aber verpflichtet in diesem Fall zu einem miesen Lebens- beziehungsweise Urlaubsgefühl.

Hier stoßen wir nach dem Polaritätsgesetz auf das zweitwichtigste Gesetz der spirituellen Philosophie, das Resonanz- oder Affinitätsgesetz, das ersterem scheinbar entgegensteht. Einfach ausgedrückt, besagt es: Wenn ich Streit suche, werde ich ihn finden, wenn ich freundlich bin, werde ich erleben, dass Freundlichkeit ein Bumerang ist und zu mir zurückkommt. Ich werde also im Urlaub vorfinden, worauf ich mich innerlich (oft auch unbewusst) eingestellt habe. Allerdings sind die tiefen seelischen Ebenen hier viel wirksamer als die oberflächlichen Vorsätze des Intellekts. Diese funktionieren erfahrungsgemäß nicht oder nur sehr schlecht, wie uns das regelmäßige Scheitern der guten Vorsätze zu Neujahr zeigen kann. Um Vorsätze zum Funktionieren zu bringen, müsste man die Urprinzipien verstehen und die Vorsätze danach fassen.

Viel stärker wirken jene seelischen Ebenen, die uns meist gar nicht so bewusst sind. Ist meine Grundeinstellung eine freundliche, werde ich auf Freundlichkeit stoßen. Bin ich tief in mir für Abwechslung und Spannung offen, werde ich beides finden und auch genießen können. Die vom Intellekt gespeiste Pseudooffenheit dagegen, die einen Abenteuerurlaub buchen lässt und bei der ersten gefährlichen Panne vor Gericht zieht, wird vom Schicksal therapiert. Wir werden bei unseren Ansprüchen genommen und an ihnen gemessen und geprüft. Der oft unehrliche Abenteueranspruch kann durch gähnende Langeweile genauso therapiert werden, wie durch echte Gefahrensituationen.

Andre Heller hat bereits vor Jahrzehnten singend festgestellt, dass die wahren Abenteuer im Kopf seien, und wenn nicht dort, dann nirgendwo. Vielleicht sollte man sie auch noch im Herzen und im Bauch, vor allem aber im Bewusstsein suchen, aber bestimmt nicht draußen im Rahmen von Touristikprogrammen. Vieles, was uns im Außen versprochen wird, lässt sich heute nur noch innen verwirklichen. Die beste Lösung wäre noch, innen und außen zu verbinden, wie es bei Pilgerreisen früher geschah (...).

Der scheinbare Widerspruch zwischen Polaritäts- und Resonanzgesetz klärt sich im Leben und im Urlaub schnell auf. Wir bekommen nur das, wozu wir wirklich Resonanz haben, also zum Beispiel auch Streit, wenn das unser beherrschendes inneres Thema ist, das wir dann natürlich - ob wir wollen oder nicht - auch mit auf Urlaub nehmen.

Wenn wir aber oberflächlich etwas wünschen oder auch buchen, was unserer innerseelischen Gestimmtheit gar nicht entspricht, kommt das Polaritätsprinzip durch und bringt den Gegenpol ins Spiel des Lebens, der uns Dinge und Erfahrungen beschert, die wir bewusst überhaupt nicht haben wollten, die wir aber doch anziehen, weil sie unserer inneren Resonanz entsprechen. Wer sich über 50 Wochen im Jahr in einem Job plagt, der ihm weder Berufung noch Beruf ist und lediglich das Überleben und auch das mehr schlecht als recht sichert und darüber hinaus Frustration verschafft, der wird das in vier Urlaubswochen kaum kompensieren können. Gerade bei ihm ist aber das oberflächliche Bedürfnis nach einem Traumurlaub übermächtig, denn er freut sich ja 50 Wochen lang auf die vergleichsweise kurze Urlaubszeit. Wer dagegen seine Berufung zum Beruf gemacht hat und seine Arbeit genießt, braucht den Urlaub weniger dringend und schon gar nicht zur Kompensation für seine Alltagsfrustration. Für ihn ist eher der Weg das Ziel, und so ist er viel weniger urlaubsorientiert. Gerade dieser Mensch hat aber sehr gute Chancen, seine Ferien richtig zu genießen, da sie viel weniger mit hochgesteckten Erwartungen überfrachtet sind.

Ähnlich kann es passieren, wenn vor allem moderne Väter versuchen, in zwei Urlaubswochen all das während des Jahres versäumte Zusammensein mit ihren Kindern und Ehepartnern aufzuholen. Die kurzen Ferien sind mit solchen Kompensationsprogrammen schnell überlastet und die Kleinen spüren das Übertriebene daran und flüchten in die vertrauten Arme der Mutter. Der Vater wird frustriert sein, weil seine Bemühungen nicht fruchten, die Mutter, weil sie nicht einmal im Urlaub etwas Ruhe bekommt und die Kinder werden diese Eltern richtig doof finden.

Auch wer nur die Arbeit kennt und sie benutzt, um alle anderen Themen und Fragen des Lebens hintanzustellen, wird in der dann bedrohlichen Leere im Urlaub leicht auf Sinnfragen stoßen, die durchaus Angst machen und ihrerseits die Ferien in Richtung depressiver Verstimmung ruinieren können.

Wenn die Partnerschaft in der Stressmühle des täglichen Überlebenskampfes zu kurz kommt und auf den Urlaub verschoben wird, ist dieser ebenfalls von Erwartungen überlastet und zum Scheitern verurteilt. So viel Zärtlichkeit, Verständnis und Liebe lassen sich in zwei Wochen Paradies gar nicht hineinpacken, dass sie für 50 Wochen Desillusionierung entschädigen könnten. Im Übrigen hatte auch das Paradies schon seine Schlange und wäre ohne sie recht langweilig gewesen.

Ein einfaches Rezept zur Klimaverbesserung gegenüber der oder dem Partner(in) lautet, sich immer klar zu machen, dass einen nur ärgern kann, wozu man selbst Resonanz hat. Und das ist vielleicht das größte Problem am Urlaub, dass man immer sich selbst mitnehmen muss, während man sich die anderen wenigstens aussuchen kann. Die Vorstellung, man könnte den muffigen Typ, der sich mühsam in seinem Job abplagt oder die genervte Hausfrau, die man elf Monate im Jahr gibt, einfach zu Hause sitzen lassen und mit seinem lichten Wesensanteil allein auf Reisen gehen, führt natürlich zu Enttäuschungen. So weit diese dann wenigstens bewusst verarbeitet werden und zur Beendigung der zugrundeliegenden Täuschung führen, ist immerhin Lernen möglich und die Chancen für den nächsten Urlaub auf bewußterem Niveau steigen.

Das Paradies ist draußen nur zu erleben, wenn es innerlich verwirklicht ist im Sinne des Christuswortes, dass das Himmelreich Gottes in uns liege. Der dunkle Schattenanteil der äußeren und unserer inneren Welt lässt sich niemals erfolgreich abtrennen und verbannen, sondern nur integrieren.

All die Paradiesvorstellungen und -wünsche bezüglich des Urlaubs sind also ebenso verständlich, wie einseitig und werden so zu einem zentralen Grund für das häufige Scheitern der schönsten Jahreszeit. Der Himmel auf Erden ist vor allem einmal zu Anfang des Lebens möglich, in den ersten Monaten des intrauterinen Lebens. Hier liegt die Vorlage aller Schlaraffenlandphantasien, ist es doch die Zeit, wo dem Ungeborenen alles zufließt, was es braucht, ohne dass es das Geringste dafür tun muss. Lediglich Einheitserfahrungen beziehungsweise das was der Psychologe Abraham Maslow Gipfelerlebnisse (peak experiences) nennt, können im späteren Leben solche Erfahrungen von Ekstase wieder anklingen lassen. Später müssen wir immer etwas dafür tun beziehungsweise die Weichen entsprechend stellen. Das aber ist nur über innere Wege möglich, so wie auch die entsprechenden Glückserlebnisse immer innere sind. Im Außen gibt es dafür keine Chance, auch wenn das Meer noch so blau und das Hotel wirklich optimal wäre.

Die Tatsache, dass so viele Menschen in ihrer freien Zeit zurück zum Wasser streben und der Sommerurlaub spielt sich seit jeher vor allem in Wasserlandschaften ab, zeigt, wie sehr wir uns unbewusst noch immer in diese frühe Lebenszeit zurücksehnen. Auch andere Urlaubsaktivitäten verraten den Wunsch nach Einheitserfahrungen, die sich eben wie der Himmel auf Erden anfühlen. Surfer hoffen, mit dem Wind in den Händen, abzuheben und ins Gleiten zu kommen, Skifahrer wollen im bodenlos tiefen Schnee schwereloses Glück erleben wie auch Taucher, wenn sie in die Tiefen des Meeres verschwinden und damit zumeist unbewusst zu ihren frühesten Glückserfahrungen zurückkehren wollen, Reiter suchen das Glück dieser Erde auf dem Rücken der Pferde.

Würden wir uns dieses tief in uns verwurzelte Bedürfnis nach Glück und Ekstase bewusst machen, könnten wir unseren Urlaub viel mehr darauf abstimmen und so die Chancen erhöhen, die unbeschreibliche Leichtigkeit des Seins zu erleben. Würden wir fragen, was wir wirklich brauchen und in der Tiefe unseres Herzens suchen, wonach sich unsere Seele vor allem sehnt und was uns am meisten fehlt, kommen wir auf solche seelischen Erfahrungen. Diesen Wunschvorstellungen könnten wir uns vorher intensiver widmen, um unsere Chancen darauf im Urlaub zu verbessern.

Wenn wir uns dann noch klar machen, dass nicht nur alles Herrliche, was wir an äußeren Landschaften und Luxusplätzen erleben, mit uns zu tun hat, sondern auch alles Negative, stünde einem wunder-vollen Urlaub nichts mehr im Wege. Denn auch aus den Krisen werden dann Chancen und aus den Problemen Wachstumsgelegenheiten. Wir haben die Wahl, ob wir draußen ein blaues Wunder erleben, wenn wir das Schicksal zwingen, uns mit seinen unübertroffenen Methoden auf den Boden unserer inneren Tatsachen zurückzuholen oder das vielfarbige Wunder in uns.

In diesem Sinne ist es wohl zu verstehen, wenn immer mehr Menschen auf bewusste Ferien setzen mit einem Programm, das sie von vornherein mit seelischen Themen konfrontiert. Sicher ist es angenehmer, bewusst auf diese Dinge zuzugehen in einem geschützten und sinnvoll ausgesuchten Rahmen, als sich davon überfallen zu lassen. Möglichkeiten gibt es unendlich viele, denn schließlich ist jeder Berg ein Symbol des Lebens und jede Reise ein Abbild der Lebensreise."

Rüdiger Dahlke

Auch wenn er ein Esoteriker ist, muss man Dahlke zugute halten, dass er vom Leben sehr viel versteht und das verständlich in Worte (manchmal allzuviele) kleiden kann.
Tatsächlich ist ja der Urlaub für viele Menschen eine jährlich wiederkehrende Großkrise, so früher auch für mich. Die Konsequenz solcher Einsicht liegt natürlich auf einer inneren Ebene, da hilft einem kein Reisebüro weiter.

Mittwoch, 30. Juli 2008

Sängerglück

"Ich liebe es, auf der Bühne zu sterben."

Rolando Villazón

Sommerglück

Gift und Galle

















Aus den 80er Jahren...

Aber die gute alte MC ist noch immer nicht tot.

Alles, was der Mensch nicht braucht

"Taxi verpaßt. Flieger zu spät. Pünktlich zu meiner Konferenz."
Ist auch keine große Leistung, denn wenn ich das Taxi verpaßt habe, und der Flieger, also das Flugzeug höchstwahrscheinlich, zu spät ist, habe ich ihn/es ja noch erreicht, weil er noch nicht weg, sondern zu spät ist, oder?

Großzügigerweise hat die neue T dafür auch ein Produkt in langer Kleinarbeit in geheimen Labors tief unter Bonn, also in Köln, entwickelt:
Jetzt kann ich jedesmal, wenn ich mein Taxi verpasse und mein Flieger zu spät ist, die 01805 1009 anwählen und eine Telephonkonferenz ("conferencing") buchen!

Danke, liebe neue T, das ist wirklich ein Meilenstein, ein Quantensprung.
Ich hoffe, viele viele Menschen verstehen dieses neue Produkt richtig und werden es gerne und zahlreich in Anspruch nehmen.


Ich selbst verstehe es nicht und nehme auch in Zukunft weiterhin einfach mein Telephon. Denn wir sind vom Lande und nennen Euer neues T Produkt einfach Telephonieren.

Ralf Schwartz

Dienstag, 29. Juli 2008

Wolken über Südwestdeutschland

Leben - Sterben - Leben

Stilleben II

Auf dem Tisch eine Schüssel mit prallen Früchten. Lebendiges Stilleben. Stilles Leben, das unmerklich abstirbt. Wir essen das lebendige Sterben, um am Leben zu bleiben. Das Leben bleibt nicht bei uns. Es stirbt in ein anderes Leben, das sich in ein anderes Sterben einlebt. Wir essen das sterbliche Leben, das uns verzehrt.

Rose Ausländer: Hügel. aus äther. unwiderruflich. Gedichte und Prosa 1966 - 1975, Frankfurt: S. Fischer 1984, S. 186.

Morgengrauen

















... in Hemmingen bei Stuttgart.

Träumen

Nun träum ich, sagte der Elefant, dass ich oben auf der Eiche stehe, auf einem Bein...
Gibt es etwas, das noch schöner ist als Träumen?

Toon Tellegen

Donnerstag, 24. Juli 2008

Mobilität

Hymne auf das Heute

Today

Today is the day you have been waiting for
when you would finally begin to live
when you would at last open the door

This is the what, the circumstance, the more
you have been withholding, saving to give.

Today is the day you have been waiting for

when you could sit down to your desk for
hours, take pride, time, find out what work is,

when you would at last open the door

to your own self-development, what god has for
you. Today is the day you come out of prison, live.

Today is the day you’ve been waiting for

the tomorrow you pined away yesterday for.
I think love rhymes in a way with give.

You at last open the door

to the possibility of now, the core
of life is the moment, now, how you live.

Today is the day I have been waiting for
when you would at last open the door

Sapphire


Heute

Heute ist nun der so lange erwartete Tag
an dem du endlich zu leben anfangen willst
an dem die Tür sich schließlich öffnen mag

Dies ist das was, der Umstand, der Mehrertrag
den du bewahrt hast, daß du später erfüllst.
Heute ist nun der so lange erwartete Tag

an dem du dich setzen kannst, dann frag
was Arbeit ist, nimm Stunden Zeit, sei Stolz,
an dem die Tür sich endlich öffnen mag

zu deiner Selbstentwicklung, zu dem was vor Gott lag
für dich. Heute kommst du aus dem Gefängnis, willst
leben. Heute ist der lang erwartete Tag

das Morgen, das gestern noch weit entfernt lag.
Ich glaub, Liebe reimt sich auch mit gib, wenn du willst.
Du öffnest nun endlich die Tür, trag

die Möglichkeit des Jetzt, sag
der Lebenskern steckt im Moment, im Jetzt deines Lebensstils.
Heute ist nun mein so lange erwarteter Tag
an dem die Tür sich dir endlich öffnen mag.

Aus dem Amerikanischen von Olaf Schenk

RU-Alphabet

















So buchstabiert man in Österreich Religionsunterricht.

Dienstag, 22. Juli 2008

In Simmering

Zauber des Anfangs

Ich liebe jene ersten bangen Zärtlichkeiten,
die halb noch Frage sind und halb schon Anvertraun,
weil hinter ihnen schon die wilden Stunden schreiten,
die sich wie Pfeiler wuchtend in das Leben baun.

Ein Duft sind sie; des Blutes flüchtigste Berührung,
ein rascher Blick, ein Lächeln, eine leise Hand -
sie knistern schon wie rote Funken der Verführung
und stürzen Feuergarben in der Nächte Brand.

Und sind doch seltsam süß, weil sie im Spiel gegeben
noch sanft und absichtslos und leise nur verwirrt,
wie Bäume, die dem Frühlingswind entgegenbeben,
der sie in seiner harten Faust zerbrechen wird.

Stefan Zweig

Unterwegs

Das Zeugnis der Rose

















Eftim Kletnikov

Die unangerührte Kraft

Sie sind anders als wir glauben.
Eine Kraft sind die Toten, eine unangerührte.
Die Rose hatte den Mut,
sie zu begleiten,
jedes Frühjahr kehrt sie zurück
und legt Zeugnis ab,
eingehüllt in den Schleier des Friedens, schmückt sie
die Hochzeit der Brautleute.
Tief ist der Kelch der Toten.
Manchmal, am Horizont unserer Unbeschwertheit,
taucht er auf einen Augenblick empor
und leuchtet auf, randvoll von Ewigkeit.
Schwer von Traum und Gold,
eine Knospe, öffnet sich dann
furchtlos unser Dasein,
um dem Schicksal zu begegnen.
Aus dem Mazedonischen von Norbert Randow und Maja Gulevska

Kirche, Kunst, Moderne

Alfred Hrdlickas Radierung „Leonardos Abendmahl, restauriert von Pier Paolo Pasolini“ interpretiert das christliche Motiv des letzten Abendmahles als Sexparty, bei der die Gäste einander fröhlich ans Gemächt gehen. Sieben Tage war das eigentümliche Bild im Rahmen einer Hrdlicka-Ausstellung im Wiener Dommuseum (betrieben von der Erzdiözese Wien) zu sehen, am achten Tage jedoch wurde es „auf Anweisung der Diözesanleitung entfernt“, wie die Museums-Homepage etwas spitz anmerkt. Dem vorausgegangen war eine – eher mäßig lautstarke – Empörung vor allem konservativer christlicher Kreise in Österreich, aber auch Italien.

Man muss selbst kein Katholik sein, um nachvollziehen zu können, dass es viele Katholiken nicht gerade rasend amüsiert, ihren Religionsstifter ausgerechnet in einem Kontext dargestellt zu sehen, der nach katholischer Ansicht als wenig fromm gilt. Hier geht es nicht um die Freiheit der Kunst (um die ginge es, handelte es sich etwa um ein staatliches Museum) – hier geht es bloß um die Frage, was uns eigentlich eine Kirche über sich selbst erzählt, wenn sie zuerst derartige Kunst ganz bewusst ausgerechnet in ihrem eigenen Hause ausstellt und anschließend verschämt abnehmen lässt, sobald sich nicht ganz unerwartbarer Unmut darob regt.

Will sie uns zeigen, wie tolerant sie (vor allem im Vergleich zum Islam) ist – aber warum musste das Bild dann doch entfernt werden? Will sie uns zeigen, dass sie nicht duldet, dass ihr Stifter derart dargestellt wird – aber warum wurde es dann ursprünglich überhaupt aufgehängt?

Dass in ganz Europa wesentlich mehr Christen zum Islam konvertieren als umgekehrt, hat zwar verschieden Ursachen – doch eine davon ist zweifellos, dass der Islam seinen Gläubigen in mancher Hinsicht wesentlich rigider, klarer und unmissverständlicher daherkommt als die altersmilde gewordene katholische Kirche in Europa. Dass in einer Moschee auch nur darüber debattiert würde, ob Mohammed so dargestellt werden dürfe wie Jesus von Hrdlicka, ist nicht denkbar, und noch weniger denkbar ist, dass Derartiges dann auch noch im der Moschee angeschlossenen Kulturzentrum ausgestellt würde.

Damit wird die weniger rigide katholische Kirche in den Augen all jener, die eher der Aufklärung als dem Glauben zuneigen, irgendwie sympathischer. Eine Religion, die derart schräge Darstellungen ihres eigenen Stifters nicht nur zulässt, sondern auch noch selbst ausstellt, wird Wohlwollen ernten – vor allem bei jenen, die ihren Glauben nicht sehr teilen. Und, bei mancher Sympathie, auch in Zukunft nicht teilen werden. Zu vermuten ist freilich auch: Das ist nicht wirklich, wonach jene suchen, denen der Sinn nach einem stabilen spirituellen Fundament steht; aus welchen Gründen auch immer.

Zu befürchten ist: Eine Kirche, die indezente Darstellungen ihres Stifters auch nur annähernd so robust bekämpfte wie der Islam, gewönne deutlich an Attraktivität bei jenen, die glauben wollen; und das gilt auch für andere innerkirchliche Kulturkämpfe zwischen Traditionalisten und Reformern. Was die Kirche nach den Kriterien der Moderne sympathischer macht, macht sie vermutlich nicht stärker, sondern schwächer; und vice versa.

Christian Ortner: Gruppensex im Dommuseum, Die Presse 11.04.2008

Sonntag, 20. Juli 2008

Augen-Blick am Gürtel

Liebeszauber

Der Zauberkreis

Um uns beide geisterleis
Liebe zog den Zauberkreis,
der mit unlösbarem Band
groß und kleine Welt umspannt.

Warum bist du stumm und bang?
Des geheimen Spruches Zwang
fesselt, daß Erfüllung sei,
hält in Bann und gibt uns frei.

Wundersames will geschehn:
Starrer Ring, in dem wir stehn,
schwebt und tönt und schwingt hinaus,
baut um uns das Sternenhaus.

Willy Arndt

Nach dem Regen


Rauchen und Religion

In Italien hat ein Gericht den Konsum von Marihuana aus religiösen Gründen erlaubt. Wie italienische Tageszeitungen am Freitag berichteten, sprach der römische Kassationshof in oberster Instanz einen Angeklagten vom Vorwurf des illegalen Drogenbesitzes frei, da seine «Rasta»-Religion Marihuana als heilige Pflanze betrachtet.

Regierungspolitiker kritisierten das Urteil. Das Gesetz sehe grundsätzlich die strafrechtliche Verfolgung von Drogenbesitz vor. Der Gründer der katholischen San-Benedetto-Gemeinschaft für Drogenabhängige, Andrea Gallo, begrüßte dagegen die Entscheidung. Ziel müsse es sein, den Missbrauch von Drogen zu bekämpfen, nicht aber Marihuana generell zu verteufeln.

Die aus Jamaika stammende «Rasta»-Bewegung, die den verstorbenen äthiopischen Kaiser Haile Selassie als Messias verehrt, verwendet das Marihuana bei religiösen Feiern, um die Gläubigen «näher zu Gott» zu bringen.

(epd-Meldung)


Wenn solche Rechtssprechung sich durchsetzen sollte, könnte das der Rasta-Religion unverhofften Mitgliederzuwachs bescheren. Vor einigen Monaten wurde in Deutschland eine "Raucherkirche" gegründet (dabei geht es um Tabakrauch), die aber noch ihrer Anerkennung als Religionsgemeinschaft harrt.

Schwechat






Neuwahlen zum Nationalrat

Nun also die - vorhersehbaren - Neuwahlen am 28. September. Die großen Parteien stürzen in den Umfragen, wobei die ÖVP aber die Nase vorn hat. Die FPÖ kratzt an der 20%-Marke, dafür drängen neben Grünen, BZÖ und KPÖ neue Listen nach vorn, darunter diejenige des Kärntner "Rebellen" Fritz Dinkhauser. Man darf gespannt sein. Die ÖVP liebäugelt mit den Grünen. Zusammen haben die beiden Parteien freilich keine Mehrheit, bräuchten also einen Dritten im Boot einer möglichen Koalition. Gleiches gilt für eine Verbindung von SPÖ und FPÖ, die zwar bis vor kurzem noch undenkbar schien, vom SPÖ-Spitzenkandiaten Faymann auch immer wieder ausgeschlossen wird, die aber nach dem letzten Schwenk der SPÖ in der Europa-Frage doch denkbar ist. Man weiß ja, wie viel von Politikerbeteuerungen vor der Wahl zu halten ist...

Sonntag, 13. Juli 2008

Unter dem Blätterdach

Hoffnung aus Liebe

Bittgedanke, dir zu Füßen

Stirb früher als ich, um ein weniges
früher
Damit nicht du
den weg zum haus
allein zurückgehn mußt

Reiner Kunze

Hernals

Hier, jetzt...

Hier,
gekrümmt
zwischen zwei Nichtsen,
sage ich Liebe.
Hier, auf dem
Zufallskreisel
sage ich Liebe.
Hier, von den hohlen
Himmeln bedrängt,
an Halmen
des Erdreichs mich haltend,
hier, aus dem
Seufzer geboren,
von Abhang
und Abhang gezeugt,
sage ich Liebe.

Ernst Meister

Donnerstag, 10. Juli 2008

Am Morgen

Was steht fest?

Die Welt

Die Welt hat manchmal
noch nicht begonnen

Die Welt hat aufgehört
festzustehn

Die Welt ein weltweites Ei
aus dem die Erde geschlüpft ist
Panorama aus Vulkanen und Gletschern

Ansammlung von
Pflanzen Tieren Gas

Die Welt im Menschen
zuweilen weltfremd

Die Welt ein Zufluchtsort
für gefallene Engel
tüchtige Dämonen

Die Welt hat zahllose
Elektronengehirne
nichts bleibt ihnen verborgen

Die Welt ein Traum der
sie für wirklich hält

Rose Ausländer [Hügel. aus Äther. unwiderruflich. Gedichte und Prosa 1866-1975, Frankfurt: S. Fischer 1984, 115]

Entscheidungsfrage

Lieben muß man schönes Kind Soll dereinst ich selig werden Was schon hier recht gut beginnt Frag ich gleich den Herrn der Erden Ob die Engel weiblich sind Wenn er etwa Nein nun spricht Sag ich keck und voll Vertrauen Herr dein Reich gefällt mir nicht Denn ein Himmel ohne Frauen Ist die Sonne ohne Licht

F. W. Gubitz

Siedler

Vom Werden und Vergehen


Friedrich Wilhelm Gubitz

(1786 - 1870)

Bei einer Galerie am Währinger Gürtel

























Montag, 7. Juli 2008

You made my day

Diese für mich zunächst ausgesprochen rätselhafte Haftnotiz fand ich an einem Brief, den ich allen betroffenen Klassenvorständen der HLW 19 ins Fach gelegt hatte, um sie über eine Exkursion mit den evangelischen Schülern in den Tiergarten Schönbrunn zu informieren. In der letzten Schulwoche ist es da überall üblich, von Montag bis Mittwoch mit den Schülern irgend etwas zu unternehmen.
Die Kollegin sagte mir später, sie habe den Zettel am Abend der Notenkonferenz gefunden (wenn die Stimmung allseits im Keller ist), und der Titel meiner Veranstaltung habe ihren Tag gerettet. Er lautete: "Mensch und Tier - Vielfalt der Schöpfung". In meiner Naivität dachte ich, ich müsste irgend einen Lehrplanbezug herstellen, aber ich hätte genau so gut mit den Schülern zelten gehen können.
So lernte ich eine mir bis dato unbekannte englische Redewenung.

Hochbahnbögen im Abendlicht (Wien 19)

Veränderung

Über Veränderung

Veränderung kann sehr wehtun. Sie kann aufdringlich laut sein und auf Vorsichtige manchmal keine Rücksicht nehmen. Veränderungen können sich auf Hoffnungen reimen, auf Angst und den Mut der Verzweiflung. Sie können sich in Träumen verspinnen und von Müllkübelwirklichkeiten erzwungen werden. Sie können ein ganzes Leben bedeuten und ein Leben um die Summe des Erfolges betrügen. Veränderungen, sagt man, sind das Leben. Wo sich nichts tut, sagt man, richtet sich irgendein Tod betulich ein. Veränderer, weiß ich, können die Fäuste ballen oder die Hände falten. Und ich weiß, es gibt da einen schönen Kompromiß: Sie können sich die Hände geben und sich einen guten Tag wünschen, den sie gemeinsam besser machen wollen. Man kann dann weiß ich, getrost den Morgen vor dem Abend loben!

W. Seehaber

Wien 19, Heiligenstädter Straße

Die Brücke gehört zur Privatklinik Döbling, einem der nobelsten Privatspitäler Wiens.

Einige österreichische Lieblingsworte

Ansuchen, bloßfüßig, färbig, händisch, leiwand, Lehrerlaufer, Frächter, Steiger.
Und viele andere. Sie kennen die Bedeutung nicht? Dann schlagen Sie doch hier nach.

Morgen

Bayern und Österreich

Bayern kam mir immer ziemlich menschenleer vor, es zieht sich endlos, wenn man da durchfahren muß, selbst an der "kurzen" Seite dauert es Stunden. Der Zug braucht von Frankfurt bis Passau vier Stunden - mit häufigen und ausgedehnten Funklöchern übrigens. Aber das ist nichts gegen Österreich. Bayern hat bei 70.551,57 km² 12,5 Millionen Einwohner, was einer Bevölkerungsdichte von 177,50 Einwohnern pro km² entspricht, Österreich bei 83.871 km² nur 8,35 Millionen Einwohner, das sind 99 Einwohner pro km². Das machen die Alpen.

Schumanngasse



































Kunstgeschichtlich oder theologisch bewanderten Lesern wird es schon lange ins Auge gefallen sein, dass die Lutherkirche ihren Turm (und den Eingang) im Osten hat, der Altar ist nicht geostet, sondern gewestet. Der Grund wird darin liegen, dass man Eingang und Turm an der Seite haben wollte, die der Stadt (bzw. heute dem Gürtel) zugewandt ist. Dafür nahm man den Bruch mit der Bautradition in Kauf.

Sonntag, 6. Juli 2008

Tempora mutantur




"Kippt da was? Noch darf sich Deutschland vorkommen wie ein souveräner Geisterfahrer. Mag die Welt anders fahren, ich weiß, dass ich auf der rechten Spur bin. Finnland, Italien, Frankreich, Großbritannien und fast ganz Osteuropa machen Baupläne für neue Kernkraftwerke, selbst die Schweiz liebäugelt wieder mit Reaktoren. Vom mittleren und fernen Osten soll ganz geschwiegen werden, ebenso von den Amerikas. All diese Länder können sich auf ihre Bevölkerungen verlassen, die nie so wild und fanatisch gegen Atomkraft waren wie die Deutschen.

Doch nun verlieren auch die Bürger dieses Landes ihre Skrupel. Zum ersten Mal ist die stabile Mehrheit gegen Kernkraft ernstlich bedroht, wie jüngste Umfragen zeigen. Im März veröffentliche die Lobbyorganisation Deutsches Atomforum eine repräsentative Emnid-Blitzumfrage, derzufolge 46 Prozent generell gegen Kernenergie sind und 44 Prozent dafür.

Das war schon überraschend, weil Störfälle in den Kernkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel noch nicht lange zurücklagen. Doch die Aufmerksamkeit für solche Schadenfälle leidet offenbar unter einer deutlich verkürzten Halbwertszeit. Noch verwunderlicher: Die Mehrheit will die Restlaufzeiten verlängert wissen. Der Atomkonsens, das größte Projekt der Ära Rot-Grün, hat keine Mehrheit mehr in der Bevölkerung.

Drei Wellen für die Kernkraft

Die Pro-Kernenergiefraktion greift in drei Wellen an. Welle Nummer eins sind die Klimaretter. „Man mag ja gegen Kernkraft sein, aber Tatsache ist: Sie emittiert nun einmal im Betrieb kein CO2“, sagt der Cheflobbyist für Kernenergie, Walter Hohlefelder. Eine Energie- und Emissionsstudie der Unternehmensberatung A.T. Kearney sagt voraus, dass Deutschland das Ziel, seinen Kohlendioxidausstoß bis 2020 um 40 Prozent zu drosseln, ohne Kernenergie nicht mehr erreichen kann. Auf dem letzten Klimagipfel auf Bali gehörte Kernenergie zu den Lösungsoptionen.

Die zweite Welle reiten die Patrioten. Sie warnen davor, dass sich das Land von Energieexporten aus dubiosen Ländern wie Russland oder dem Mittleren Osten zunehmend abhängig macht und damit auch politische Eigenständigkeit einbüßt. Schon jetzt importiert kein Land auf der Welt soviel Gas, Öl und Kohle wie Deutschland. Störungen der Gaslieferungen aus Russland vor zwei Jahren bestärken die Patrioten.

Die dritte Welle aber ist die gefährlichste für die Kernkraftgegner. Sie repräsentiert die Leute, die die Angst vor teurer Energie umtreibt. Diese bewegt die Frage: Wie teuer wird der Strom sein, wenn die Kernreaktoren abgeschaltet werden? Schreckensszenarien lassen ihre alten robusten Vorbehalte gegen Atomstrom plötzlich porös werden. Das Lager der Ausstiegsbefürworter schrumpfte laut ARD jüngst um acht Prozentpunkte. (...) "

Winand von Petersdorff: Deutschland entdeckt den Reiz der Atomkraft, FAZ 6. Juli 2008

Wer hätte das gedacht? Die Aktivisten der heißen Phase der Anti-AKW-Bewegung sind heute in gesetzterem Alter (zwischen 50 und 60), müssen vielleicht noch ihren Kindern das Studium finanzieren und sehen dem Bankrott des Rentensystems entgegen, weil ihre Kinder einfach zu wenige Kinder bekommen... Da muss man bei der Energie natürlich sparen. So ändern sich die Zeiten.

Heiligenstädter Straße

Guter Satz aus einem guten Film

"Bloß weil man vor sich keinen Weg sieht, kommt man rückwärts auch nicht weiter."

Aus dem Film "Ein ganz gewöhnlicher Jude". Meine Tochter schenkte mir die DVD zum 50. Geburtstag. Es handelt sich - von einer Eingangssequenz abgesehen - um einen ungeheuer faszinierenden Einpersonenfilm, den ich ich schon gelegentlich im Religionsunterricht eingesetzt habe.

Endgültig auspacken

Der Urlaub gibt mir Gelegenheit, meine Übersiedlung zu vollenden. Irgendwann im Herbst kam mir die Lust abhanden, weitere Schachteln auszupacken; die Arbeit rief, und es galt, sich in viel Neues einzufinden. Zudem war es bis Ende Mai unsicher, ob ich in dieser Wohnung bleiben könnte, weil die evangelische Johann-Sebastian-Bach-Musikschule sich aus dem Schulhaus Schumanngasse 17 gern in das Haus 25 ausgedehnt hätte. Das hätte möglicherweise für mich eine weitere Übersiedlung innerhalb des Lutherhofes bedeutet - oder aber ständige akustische Belästigung durch den Unterrichtsbetrieb. Nun bin ich froh, dass man von diesen Plänen Abstand genommen hat.

iIn der U6

Neue Situation für die Kirchen

Ab dem kommenden Jahr soll die Trennung von kirchlicher und staatlicher Heirat rechtlich möglich sein. In Deutschland können Paare dann ab dem 1. Januar 2009 kirchlich heiraten, ohne dass die Partner zuvor standesamtlich geheiratet haben. Dies erlaubt die von der großen Koalition beschlossene Änderung des Personenstandsrechts.

Bei Juristen hat diese grundlegende Änderung Bedenken ausgelöst. »Ein Paar, das sich kirchlich, aber nicht standesamtlich trauen lässt, befindet sich in einer Ehe, die jedoch vom staatlichen Recht als nichteheliche Gemeinschaft angesehen wird - mit allen Konsequenzen», zitierte die «Süddeutsche Zeitung» (Donnerstagsausgabe) den Regensburger Familienrechts-Professor Dieter Schwab.

Schwab hält dem Bericht zufolge «die Sache für äußerst bedenklich», wenn die Nur-Kirchenehe gewählt werde, um das Risiko des Scheiterns dieser Ehe vermögensrechtlich auf den schwächeren Partner abzuwälzen. Der Jura-Professor werbe deshalb für eine gründliche juristische Aufklärung.

Seit der Einführung der Zivilehe in Deutschland 1875 waren Priester [und evangelische Pfarrer U.K.] bestraft worden, wenn sie eine Hochzeit in der Kirche vor der standesamtlichen Eheschließung zelebrierten. Die schwere der Strafe reichte von Geldstrafen bis hin zu mehreren Jahren Haft. Bis zuletzt behandelte der Gesetzgeber einen Verstoß lediglich als Ordnungswidrigkeit ohne Sanktionen.

Gefunden auf jesus.de

Abend in der Schumanngasse














Samstag, 5. Juli 2008

Beim Anton-Baumann-Park































Die Kamera ist durchaus kommunikationsfördernd. Immer wieder bitten mich Jugendliche, sie zu fotografieren. Meistens lasse ich mir dann ihre e-mail-Adresse geben und schicke ihnen die Bilder zu. Diese hier wollten sich gern im Internet sehen. Bitte, gerne.
Das erste Bild ist ein wenig unscharf, ein wenig nervös bin ich dann schon, zumal wenn es sich um Burschen handelt. Ganz sicher kann man natürlich nie ein, ob sie es nicht im Grunde auf die Kamera abgesehen haben - und schneller als ich sind sie allemal. Diese hier waren aber urnett und wir haben ganz lieb geplaudert.

Speck, Schnaps und Katholizismus

"Ich bin in Tirol bei Speck, Schnaps und Katholizismus groß geworden. Am wenigsten gern würde ich auf den Katholizismus verzichten wollen… "

Reinhard H. Gruber, Wiener Domarchivar

Das könnte auch jemand sagen, der im Münsterland aufgewachsen ist.

Ein neuer Sonnentag