Sonntag, 6. Juli 2008

Tempora mutantur




"Kippt da was? Noch darf sich Deutschland vorkommen wie ein souveräner Geisterfahrer. Mag die Welt anders fahren, ich weiß, dass ich auf der rechten Spur bin. Finnland, Italien, Frankreich, Großbritannien und fast ganz Osteuropa machen Baupläne für neue Kernkraftwerke, selbst die Schweiz liebäugelt wieder mit Reaktoren. Vom mittleren und fernen Osten soll ganz geschwiegen werden, ebenso von den Amerikas. All diese Länder können sich auf ihre Bevölkerungen verlassen, die nie so wild und fanatisch gegen Atomkraft waren wie die Deutschen.

Doch nun verlieren auch die Bürger dieses Landes ihre Skrupel. Zum ersten Mal ist die stabile Mehrheit gegen Kernkraft ernstlich bedroht, wie jüngste Umfragen zeigen. Im März veröffentliche die Lobbyorganisation Deutsches Atomforum eine repräsentative Emnid-Blitzumfrage, derzufolge 46 Prozent generell gegen Kernenergie sind und 44 Prozent dafür.

Das war schon überraschend, weil Störfälle in den Kernkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel noch nicht lange zurücklagen. Doch die Aufmerksamkeit für solche Schadenfälle leidet offenbar unter einer deutlich verkürzten Halbwertszeit. Noch verwunderlicher: Die Mehrheit will die Restlaufzeiten verlängert wissen. Der Atomkonsens, das größte Projekt der Ära Rot-Grün, hat keine Mehrheit mehr in der Bevölkerung.

Drei Wellen für die Kernkraft

Die Pro-Kernenergiefraktion greift in drei Wellen an. Welle Nummer eins sind die Klimaretter. „Man mag ja gegen Kernkraft sein, aber Tatsache ist: Sie emittiert nun einmal im Betrieb kein CO2“, sagt der Cheflobbyist für Kernenergie, Walter Hohlefelder. Eine Energie- und Emissionsstudie der Unternehmensberatung A.T. Kearney sagt voraus, dass Deutschland das Ziel, seinen Kohlendioxidausstoß bis 2020 um 40 Prozent zu drosseln, ohne Kernenergie nicht mehr erreichen kann. Auf dem letzten Klimagipfel auf Bali gehörte Kernenergie zu den Lösungsoptionen.

Die zweite Welle reiten die Patrioten. Sie warnen davor, dass sich das Land von Energieexporten aus dubiosen Ländern wie Russland oder dem Mittleren Osten zunehmend abhängig macht und damit auch politische Eigenständigkeit einbüßt. Schon jetzt importiert kein Land auf der Welt soviel Gas, Öl und Kohle wie Deutschland. Störungen der Gaslieferungen aus Russland vor zwei Jahren bestärken die Patrioten.

Die dritte Welle aber ist die gefährlichste für die Kernkraftgegner. Sie repräsentiert die Leute, die die Angst vor teurer Energie umtreibt. Diese bewegt die Frage: Wie teuer wird der Strom sein, wenn die Kernreaktoren abgeschaltet werden? Schreckensszenarien lassen ihre alten robusten Vorbehalte gegen Atomstrom plötzlich porös werden. Das Lager der Ausstiegsbefürworter schrumpfte laut ARD jüngst um acht Prozentpunkte. (...) "

Winand von Petersdorff: Deutschland entdeckt den Reiz der Atomkraft, FAZ 6. Juli 2008

Wer hätte das gedacht? Die Aktivisten der heißen Phase der Anti-AKW-Bewegung sind heute in gesetzterem Alter (zwischen 50 und 60), müssen vielleicht noch ihren Kindern das Studium finanzieren und sehen dem Bankrott des Rentensystems entgegen, weil ihre Kinder einfach zu wenige Kinder bekommen... Da muss man bei der Energie natürlich sparen. So ändern sich die Zeiten.

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