Quelle: Spiegel.de
Mittwoch, 9. Juni 2010
Sonntag, 16. Mai 2010
Seele als Friedhof: Alles da
Dienstag, 11. Mai 2010
50 Jahre Antibabypille - Überlegungen eines Kommentators in der WELT
Was wäre, wenn heute ein 28-jähriger Chemiker in Mexico City auf eine biochemische Substanz stieße, die die Befruchtung von Eizellen verhindert? Wie nähme die Gesellschaft das widernatürliche Mittel auf, das den weiblichen Körper manipuliert? Wie würden die Pharmakritiker, die Anhänger der Naturheiler, die Feministinnen, die Verbraucherschützer und vor allem die Anwälte, die von Sammelklagen leben, reagieren?
(...)
Die Zeiten haben sich geändert, seit Djerassi einen Abkömmling des weiblichen Geschlechtshormons Progesteron zum Patent anmeldete. Wissenschaftler sind nicht mehr die Hoffnungsträger der Gesellschaft, sondern sie sind ihre Buhmänner geworden.
Große Teile der Öffentlichkeit unterstellen ihnen, wie Frankenstein das menschliche Leben als Verfügungsmasse ihres akademischen Ehrgeizes und ihrer perversen Visionen zu betrachten. Störenfriede im Paradiesgarten von Mutter Natur. 'Viele Menschen haben eine geradezu antiwissenschaftliche Haltung“, sagt Carl Djerassi über den heutigen Zeitgeist, „das ist fast schon eine Wissenschafts-Phobie.'
(...)
Das Zeitfenster für die Einführung des ersten sicheren Verhütungsmittels in der Hand von Frauen war sehr eng. Wie sich die Grundstimmung gewandelt hat, kann man schon daran erkennen, dass die Pille für den Mann seit Jahrzehnten nicht auf den Markt kommt. Pharmafirmen schrecken vor der Entwicklung eines neuen Kontrazeptivums zurück. Die postmoderne Ängstlichkeit und besonders die ruinöse Prozesskultur bremsen Innovationen, bevor sie sich bewähren können.
(...)
Doch dann ging es plötzlich sehr schnell. Die 60er-Jahre waren die Zeit des Rock'n'Roll, einer nach Freiheit und Abenteuer gierenden Jugendkultur. Und die weibliche Hälfte der Jugend forderte die gleichen Freiheiten, die zuvor nur jungen Männern augenzwinkernd zugestanden worden waren.
Alte Leute kennen noch die Formulierung: „Sie ist ins Wasser gegangen.“ Das sagte man, wenn ungewollt schwangere und mittellose junge Frauen sich aus Verzweiflung das Leben nahmen. Diese Redensart ist ausgestorben. Ein Glück."
Michael Miersch im Leitartikel der WELT vom 10.05.2010
Donnerstag, 1. April 2010
Scientology
Ein Schild, das zum Nachdenken anregt
Dienstag, 30. März 2010
Kleine Länder
Es ist eine Leidenschaft kleiner Länder, prominent gewordene Persönlichkeiten mit einem nationalen Copyright zu versehen. Der Grund dafür mag im übersteigerten Gefühl eigener kultureller Größe liegen, aber auch in der Angst, von der Welt übersehen zu werden. Am weitesten haben es in dieser Praxis zweifellos unsere magyarischen Freunde gebracht. Glaubt man Peter Hammerschlag („Der Mond schlug grad halb acht“), dann ist nicht nur Hollywood, sondern die ganze Welt eine „Ungarische Schöpfungsgeschichte“: „Im Ånfang wår – dås ist bestimmt – / DER WORT. Auf Griechisch LOGOSCH. / Im Weltmeer ist herumgeschwimmt / Dås Urgetier, dås Fogosch...“
Vor einigen Jahren wurde ein Bekannter von mir, ein polyglotter Weltbürger mit österreichischen Wurzeln und einer schweizerisch-britischen Lebensgeschichte, gefragt, welcher Staatsbürger er denn sei. Er antwortete: „I was born in Austria, but I try to be a human being now.“
Aus einem Kommentar in der "Presse" (Kurt Scholz: Die Österreich-Macher).
Samstag, 27. März 2010
Religiosität und Wohlstand als bestimmende Faktoren der Bevölkerungsentwicklung

Bei aller Verschiedenheit ihrer Religionen eint es gläubige Katholiken, Protestanten, Juden oder Moslems, dass sie mehr Kinder als ihre nichtgläubigen Mitmenschen haben. Traditionell propagieren alle großen monotheistischen Religionen patriarchalische Familienwerte. Frauen haben diesen zufolge die vorrangige Verpflichtung, Kinder zu bekommen und zu erziehen, Männer sind angehalten, Frau und Kinder zu schützen und materiell zu versorgen. Fortpflanzungsfeindliches Verhalten wie Scheidung, Abtreibung oder Homosexualität sind in allen großen Religionen geächtet. Historisch haben sich Glaubensgemeinschaften mit solchen Familienwerten durchgesetzt, weil die Weitergabe einer Religion an möglichst viele Nachkommen eine effektivere Form ihres Verbreitens ist als die mühsame Missionierung Andersgläubiger. Tatsächlich nimmt auch heute weltweit die Zahl religiöser Menschen zu. Das liegt unter anderem daran, dass vor allem islamische Länder, in denen Religion eine große Bedeutung hat, ein starkes Bevölkerungswachstum aufweisen.
Doch mit Blick auf wenig entwickelte Länder erweist sich der Zusammenhang zwischen wachsendem Wohlstand und sinkender Kinderzahl als stärker als jener zwischen starker Religiosität und hoher Kinderzahl. Je geringer Wohlstand und soziale Sicherheit sind, desto unentbehrlicher erscheint den Menschen offenbar der Glaube an eine höhere Macht - folglich glauben viele Menschen in den armen Ländern an Gott. Doch weil sich immer mehr Länder wirtschaftlich entwickeln, sinken dort überall die Kinderzahlen, auch in stark religiösen Gesellschaften. So liegen in klassisch islamischen Staaten wie Algerien, Marokko und der Türkei die durchschnittlichen Fertilitätsraten nur noch bei wenig über zwei Kindern je Frau und im Iran sogar darunter - und das, obwohl etwa in der Türkei 75 Prozent der Befragten angeben, dass Religion in ihrem Leben sehr wichtig sei. In Deutschland sagen das nur elf Prozent. Die Bevölkerungen der meisten islamisch geprägten Staaten wachsen nicht mehr, weil die Familien so kinderreich sind, sondern weil die Altersstruktur in diesen Ländern noch immer eine große Zahl junger Menschen aufweist, die erst ins Elternalter eintreten. Insgesamt wird das Bevölkerungswachstum in diesen Ländern aber auf absehbare Zeit zum Erliegen kommen.

In den entwickelten Ländern der westlichen Welt könnte hingegen die Religiosität der Bevölkerung auf demografischem Wege zunehmen. Wie Untersuchungen zeigen, liegen die Kinderzahlen von Menschen, die sich als religiös bezeichnen, deutlich über jenen von nichtreligiösen Menschen. Geht man davon aus, dass eine klare Mehrheit von Menschen die Religiosität ihrer Eltern beibehält, so könnte dies bei den derzeit sehr geringen Fertilitätsraten in westlichen Ländern dazu beitragen, dass der Trend zur Säkularisierung endet, beziehungsweise in das Gegenteil umschlägt. Auch die höhere Religiosität von Zuwanderern und deren Nachkommen könnte zu dieser Entwicklung beitragen. Der Trend scheint dies zu bestätigen: In zahlreichen europäischen Ländern hat der Anteil von Menschen, die an Gott oder an ein Leben nach dem Tod glauben, seit den 1990er Jahren nicht mehr weiter abgenommen oder ist sogar gestiegen.
Donnerstag, 18. März 2010
Wir wissen, was wir tun
Die Mehrheit der Deutschen ist davon überzeugt, dass das Internet die Menschen einsamer macht. Das ergab eine repräsentative Vergleichsstudie der Stiftung für Zukunftsfragen (Hamburg).
Wie diese am 16. März mitteilte, sind 59 Prozent der Meinung, dass durch die virtuelle Welt die Vereinsamung zunimmt. 1998 seien noch 41 Prozent dieser Ansicht gewesen. „Im Internetzeitalter klaffen Wunsch und Wirklichkeit immer mehr auseinander“, sagte der wissenschaftliche Leiter der Stiftung, Prof. Horst W. Opaschowski. „Neue Kontaktnetze sind oft nur einen Mausklick weit entfernt, können aber zwischenmenschliche Beziehungen immer weniger ersetzen, weil sie oberflächlich und beliebig bleiben.“ Mailen, Chatten und Surfen seien zwar zum Volkssport für die junge Generation geworden. „Aber viele junge Leute zappen durch ihr Leben und warten auf Beständigkeit vergebens.“ Ein wachsender Teil der 14- bis 34-Jährigen vermisse zunehmend „beständige Beziehungen“ (2010: 53 Prozent, 1998: 42 Prozent). 58 Prozent aller Befragten sind zudem der Ansicht, dass die Kontakte im Netz oberflächlich bleiben. 1998 meinten dies 41 Prozent. Jeder Dritte (32 Prozent) glaubt, dass man so auch weniger soziale Kontakte am Arbeitsplatz hat (1998: 25 Prozent). Das Internet sei „mehr Jobkiller als Beschäftigungsmotor“, sagen inzwischen 29 Prozent (1998: 20 Prozent). Nicht einmal jeder Vierte (24 Prozent) sieht das Internet als Bereicherung für das private Leben (1998: 26 Prozent).
Internet fördert Aggressivität
Zudem glaubt fast jeder Zweite (46 Prozent), dass die Sinnesüberreizung die Aggressivität fördert (1998: 37 Prozent). Opaschowski: „Die kulturkritische Befürchtung, wonach wir es in Zukunft mit einer reizüberfluteten Generation zu tun haben, die im Alltag zunehmend nervöser und aggressiver reagiert, kann Wirklichkeit werden.“ Hyperaktivität und Konzentrationsmangel könnten die Folge sein, weil die junge Mediengeneration permanent mit schnellen Schnitten sowie abrupten Szenen- und Situationswechseln aufwachse.
Mehrere Leben leben
Unter den Internetnutzern von 14 bis 34 Jahren geben immer mehr offen zu, dass sie im Internet selbst „eine Rolle spielen“ und „sich anders geben“ können, als sie wirklich sind (2010: 49 Prozent, 1998: 29 Prozent). Auch nutzen viele von ihnen den Computer als Rückzugsnische mit der Begründung, auf dieser Weise „dem Stress und der Hektik des Lebens zeitweilig zu entfliehen“ (2010: 44 Prozent, 1998: 30 Prozent). Gut ein Drittel der jungen Generation (37 Prozent) glaubt, Defizite des Lebens durch die Beschäftigung mit dem Computer ausgleichen zu können (1998: 30 Prozent. Opaschowski: „Für die junge Mediengeneration ist die Computerkultur ein zweites Leben (Second Life) geworden. Avatar lebt: Im Internet können sich die jungen Leute immer wieder neu erfinden. Der Wunsch kommt auf: Mehrere Leben leben!“ Dennoch glaubt nur etwa jeder Vierte (2010: 26 Prozent, 1998: 27 Prozent), dass diese Einstellung Auswirkungen auf ihre Werteorientierung hat. Das Internet ist für sie nur eine Schaubühne, auf der sie spielen und gelegentlich auch probeleben können. Nach Ansicht der Stiftung wird vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse die Erziehung zur Medienkompetenz für Kinder und Jugendliche immer wichtiger werden – vom persönlichen Medienkonsum nach Maß über regelmäßige Entspannungsübungen bis zu attraktiven Alternativen zum multimedialen Angebot. Für die Studie wurden in Deutschland 2.000 Personen ab 14 Jahren befragt.
Sonntag, 28. Februar 2010
Der Fall einer Bischöfin
Am Mittwoch ist Frau Käßmann von ihren kirchlichen Leitungsämtern zurückgetreten, obwohl ihr der Rat der EKD noch am Abend zuvor sein Vertrauen ausgesprochen hatte. Die öffentliche Diskussion vor und nach dem Rücktritt war lautstark, in den Foren aller großen deutschen Zeitungen beteiligten sich unzählige Menschen, nach meinem Eindruck wurde der Rücktritt nur von einer Minderheit gefordert bzw. begrüßt.
Margot Käßmanns Karriere gleicht der eines Wunderkindes. Schon als Vikarin wurde sie von der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck auf die Weltkirchenkonferenz in Vancouver entsandt, wurde dort in den Exekutivausschuss gewählt. Sehr jung wurde sie Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, dann als zweite deutsche Landesbischöfin geistliches Oberhaupt der größten deutschen Landeskirche, derjenigen von Hannover. Im vorigen Herbst wurde sie endlich zur Ratsvorsitzenden der EKD gewählt. Ein höheres Amt kennt die evangelische Kirche in Deutschland nicht.
Als Bischöfin entwickelte sie einen sehr offensiven Umgang mit den Medien. Als sie an Brustkrebs erkrankte, wusste dies ganz Deutschland und nahm Anteil. Als sie nach erfolgreicher Therapie sich im Jahr darauf scheiden ließ, polarisierte sie schon einmal den deutschen Protestantismus: Kann eine geschiedene Frau Bischöfin bleiben? Aber ihre Landeskirche trug sie, und sie blieb im Amt, den Konservativen bot sie natürlich noch mehr Angriffsfläche. Als sie in das höchste EKD-Amt gewählt wurde, brach die russisch-orthodoxe Kirche demonstrativ die bilateralen Gespräche mit der EKD ab. Mit einer Kirche, an deren Spitze eine Frau, und nach dazu eine geschiedene, steht, sei ein weiterer Dialog nicht möglich.
Im neuen Amt nahm Frau Käßmann kein Blatt vor den Mund, profilierte sich als moralisches Gewissen der Nation, vor allem natürlich mit ihrer Neujahrspredigt, in der sie sehr klare Worte für den Einsatz von NATO und Bundeswehr in Afghanistan fand. Eine Hoffnungsträgerin, eine Sympathieträgerin, die evangelische Positionen sehr glaubhaft und öffentlichkeitswirksam vertrat. Man nahm ihr ab, was sie sagte. Ein Glücksfall für die Evangelische Kirche.
Und nun diese Trunkenheitsfahrt, bei der zwar niemand zu Schaden kam, die aber doch die moralische Autorität Margot Käßmanns radikal in Frage stellte. Dass sie mit diesem Alkoholpegel überhaupt noch ein Auto lenken konnte, spricht für eine gewisse Gewöhnung an Alkohol. Dass sie noch dazu mit ihrem Dienstwagen unterwegs war, fiel kaum ins Gewicht. In der öffentlichen Diskussion überwog das Verständnis: Ein Fehler, natürlich, aber kein Grund zum Rücktritt.
Evangelische Christen wissen, dass wir alle Sünder sind und bleiben. Die öffentliche Meinung aber lebt von der Projektion, die "Prominenten" (Filmstars ausgenommen) hätten perfekt zu sein. Politiker sind schon über kleinere Delikte gestolpert. Öffentliche Moral ist scheinheilig und werkgerecht, weiß nichts vom Evangelium.
Margot Käßmann hat am Mittwoch ihren Rücktritt vom Ratsvorsitz der EKD und vom Bischofsamt erklärt, und das war sehr klug. Viele Menschen haben ihren Schritt bedauert, aber tatsächlich hat sie so weiteren Schaden von der evangelischen Kirche abgewendet. Persönlich hat sie auch in ihrem Rücktritt Format bewiesen, und genau darum wird sie ihre moralische Autorität so bewahren, ihre Stimme wird auch weiterhin zu hören sein, sicher auch schon beim Ökumenischen Kirchentag in München.
Samstag, 19. Dezember 2009
Von den wahren Werten
Deutsche Kinder haben Schwierigkeiten mit dem Lesen. In Schulbüchern erscheinen vereinfachte Fassungen bekannter Texte, weil Astrid Lindgren für einen durchschnittlichen Achtjährigen zu hoch ist. Auch die Studenten, die seit Monaten für bessere Studienbedingungen demonstrieren, sind ihres Lesens nicht mehr sicher. Laut einer Untersuchung der Universität Dortmund können nur noch die wenigsten einen komplexen und abstrakten Text durchdringen, weshalb nicht mehr von Lesefaulheit, sondern von "intellektueller Legasthenie" zu sprechen sei. In der Gesamtbevölkerung gelten inzwischen vier Millionen Bundesbürger als funktionale Analphabeten. Sie kennen zwar die Buchstaben, sind aber schon mit dem Lesen eines einfachen Hinweisschilds hoffnungslos überfordert.
Vor diesem Hintergrund ein Zitat von Angela Merkel, nachzulesen, wenn Sie können, in der deutschen "Le monde diplomatique" vom November 2009:
"Stellen Sie sich nur kurz einmal vor, wir würden zehn Jahre lang, vier Stunden in der Woche, genauso viel über unsere Körper lernen wie über die deutsche Sprache und Geschichte. Medizin als Hauptfach - warum eigentlich nicht, meine Damen und Herren, soll das Lesenlernen eine öffentliche Angelegenheit sein, aber das Gesund-leben-Lernen nicht? Warum soll der Körper nur im Sportunterricht vorkommen, warum könnte nicht im Lehrplan stehen, wie man Kopfschmerzen vermeidet, wie man Zuckerkrankheit gar nicht erst entstehen lässt, wie man gesund kocht oder einen Wadenwickel anlegt?"
Ja, zum Teufel, warum eigentlich nicht? Jetzt ganz scharf nachdenken. Vielleicht weil ein Wadenwickel weniger wichtig ist als Sprache und Geschichte? Weil das Vermeiden von Kopfschmerzen im Gegensatz zur Alphabetisierung tatsächlich keine öffentliche Angelegenheit darstellt? Falsch? Falsch. Wer derartige Zweifel hegt, muss in spießigen bildungsbürgerlichen Ideen aus dem vorletzten Jahrhundert gefangen sein. Immerhin ist auch die Schweinegrippe eindeutig wichtiger als der Notstand im deutschen Schul- und Hochschulsystem. Wir leben schließlich nicht in einer Bildungsnation, sondern in einer öffentlichen Krankenstation.
Ein Blick in die Schlagzeilen der letzten Monate beweist das. Während sich Studenten und Schüler gegen die Auswirkungen der Bologna-Umstellung wehren, kämpfen Presse und Politik lautstark gegen H1N1. Die Bundesländer haben 600 Millionen Euro, also einen Betrag, der in etwa dem geschätzten Gesamtaufkommen der Erststudiengebühren im Wintersemester 09/10 entspricht, für einen Impfstoff ausgegeben, der von der Bevölkerung nicht angenommen wird und deshalb zur Kostendeckung ins Ausland verscherbelt werden muss. Bislang hat Deutschland 94 Schweinegrippe-Opfer zu verzeichnen. Auf "normale" Influenza sind, je nach Statistik, 6000 bis 20 000 Todesfälle pro Jahr zurückzuführen.
Angesichts solcher Vergleichszahlen muss man den Schweinegrippen-Hype wohl als gesundheitspolitische Hysterie bezeichnen. Die Schweinebedingungen im Bildungssystem hingegen sind äußerst konkret. Was haben diese beiden Dinge nun miteinander zu tun? Ganz einfach: In einer Demokratie sind politische Entscheidungen auf eine gesamtgesellschaftliche Prioritätensetzung zurückzuführen. Wenn für Bildung auf politischer Ebene notorisch das Geld und auf privater Ebene notorisch die Zeit fehlt, dann stellt dieser Zusammenhang keinen Zufall dar. Im Gegenteil: Er ist ein Ausdruck von wechselseitiger Kausalität. Anders gesagt: Wer keine Zeit hat, ein Buch zu lesen, während es für die tägliche Stunde Fitnesscenter oder Yoga durchaus reicht; wem ein Theaterbesuch zu teuer ist, die neue Anti-Falten-Creme mit dreifachem Wirkstoffkomplex aber nicht; wer politische Demonstrationen sinnlos findet und am Wochenende mit Tausenden von Gleichgesinnten in bunten Wurstpellen durch die Innenstadt joggt - der muss sich nicht wundern, wenn sein Kind in der Schule Lindgren light zu lesen bekommt.
Einst gab es den schönen Satz: "Es kommt auf die inneren Werte an." Gemeint waren nicht die Blut- oder Leberwerte. Stark, schön und gesund sein kann auch ein Tier; lesen und schreiben kann nur der Mensch, vorausgesetzt, man bringt es ihm bei. Homo sapiens definierte sich über seine Vernunft, über Sprachbegabung, Intelligenz, Bewusstsein oder Seele, mithin über geistige Eigenschaften. Selbst die immer wieder aufs Neue missverstandene Mens-sana-in-corpore-sano-Formel begründete die Notwendigkeit von körperlicher Ertüchtigung mit dem Erhalt der Geisteskraft und betrachtete somit das Herumschrauben an der Physis als Mittel zu einem höheren Zweck. Es bereitet mir kaum noch Mühe, diese Sätze in der Vergangenheitsform zu formulieren. Würde man heute jungen Eltern die Frage stellen: "Was hättet ihr lieber, ein schlankes Kind oder ein fettes, das den Dreisatz kann?" - ich würde für die Antwort keine Hand ins Feuer legen.
Wer wissen will, wie es um unsere Präferenzen bestellt ist, muss nur die Gehirnwaschmaschine namens Werbung einschalten. Ob Fernsehen, Radio oder Plakate - gezeigt werden nicht Menschen, die 23 mal 7 im Kopf multiplizieren, "Satellit" buchstabieren oder das deutsche Wahlsystem erklären können. Sondern solche, die jung, schön und leistungsfähig sind, weil sie das Richtige essen, die richtige Kosmetik benutzen und mehr Vitamin-Präparate als Bücher im Schrank haben. Auch der Spam in meinem E-Mail-Postfach bietet keine Goethe-Gesamtausgaben, sondern Schwanzverlängerungen und Diätprogramme an. Es lebe der Körper. Bildung ist unsexy. (...)
Nun auch in Österreich
Erstmals geht ein Vater aus Niederösterreich vor den Österreichischen Verfassungsgerichtshof (VfGH), um das christliche Kreuz in Kindergärten anzufechten. Anlass ist nicht zuletzt das Kruzifix-Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Der Antragsteller - bekennender Atheist - sieht das konfessionslose Aufwachsen seiner Tochter durch die Veranstaltung religiöser Feiern und die Anbringung von Kruzifixen von Seiten des Kindergartens gestört und das Recht auf Glaubensfreiheit - und damit das Recht auch ohne religiöses Bekenntnis aufzuwachsen - verletzt. Das berichtete der "derStandard.at" am Freitag.
Die Tochter habe in diesem Schuljahr an vier religiösen Festen (Erntedank, Martinsfest, zwei Nikolausfeiern) inklusive Kirchenbesuch teilnehmen müssen. Außerdem hänge im Aufenthaltsraum des Kindergartens ein Kreuz in Augenhöhe der Kinder. Der Kindergarten teilte dem Vater mit, dass bei der Vorbereitung auf die religiösen Feste nicht auf andere Religionen und Weltanschauungen eingegangen werde. Einen privaten Kindergarten ohne religiöse Feste gebe es in der näheren Umgebung nicht, heißt es im Antrag.
Konkret will der niederösterreichische Vater zwei Passagen aus dem niederösterreichischen Kindergartengesetz geändert bzw. aufgehoben haben: Jenen, in dem steht, dass das Kindergartenpersonal einen grundlegenden Beitrag "zu einer religiösen und ethischen Bildung zu leisten" habe und jenen, wonach in Kindergärten, in denen die Mehrzahl der Kinder ein christliches Religionsbekenntnis haben, ein Kreuz anzubringen sei.
Das war nur eine Frage der Zeit, bis ein solcher Prozess auch in Österreich angestrengt wird. Man darf gespannt sein. Die Kindergartengesetze der einzelnen Bundesländer sind vermutlich auch noch unterschiedlich. In Wien gibt es bestimmt keine "Kreuzpflicht", wenn in den städtischen Kindergärten aus Gründen religiöser Korrektheit schon der Nikolo nicht mehr kommen darf.
Gibt es ein Kinderrecht auf religions- und konfessionsloses Aufwachsen? Noch nicht, aber wer weiß, worauf man noch verfällt. Aber wenn man dann schon dabei ist: Wie wäre es mit dem Recht auf die Freiheit von Werbung, Konsumterror und Gewaltdarstellungen in den Medien? Müssen Eltern nicht immer in Kauf nehmen, dass ihre Kinder mancherlei Einflüssen ausgesetzt sind, mit denen man in der familiären Erziehung dann kritisch umgehen muss?
Mittwoch, 9. Dezember 2009
Tod beim Würgespiel
Potsdam - Die Mutter hat den 14-jährigen Gymnasiasten aus dem Havelland am vergangenen Freitag laut einem Bericht der "Märkischen Allgemeinen" (MAZ) leblos zu Hause gefunden. Der Junge sei bei einem sogenannten Würgespiel ums Leben gekommen. Er habe sich hingekniet, mit einem Strick kurzzeitig stranguliert und dabei offenbar das Bewusstsein verloren, meldete das Blatt weiter. Der 14-Jährige sei jetzt beigesetzt worden. Die Polizei im Havelland bestätigte am Dienstag den Vorfall.
Der Computer sei angeschaltet gewesen und eine Anleitung für das vermeintliche Spiel, mit dem sich nach Aussagen französischer Experten in jüngster Zeit vor allem Jungen einen Rausch verschaffen wollen, noch abrufbar gewesen, schreibt die Zeitung.
Ziel der Würge- oder Schalspiele ist es laut MAZ, so lange die Luft anzuhalten oder die Halsschlagader abzudrücken, bis das Bewusstsein schwindet. Das Gehirn erhält zu wenig Sauerstoff, was einen rauschhaften Zustand hervorruft. In den USA und Frankreich soll es schon zahlreiche Todesfälle gegeben haben.
In diesem Jahr seien allein in Frankreich 13 Kinder auf diese Weise ums Leben gekommen, hatte die Psychiaterin Marie-France Le Heuzey bei einer internationalen Tagung zu dem Thema am vergangenen Donnerstag in Paris erklärt. Schon Sechsjährige seien davon fasziniert, sich mit dem Mangel an Sauerstoff in einen rauschähnlichen Zustand zu versetzen, sagte sie der Zeitung "Le Figaro". Dabei käme es immer wieder zu Unfällen, die teils als Selbstmorde gedeutet werden.
Seit etwa zehn Jahren habe sich das Phänomen an Schulen ausgebreitet, neuerdings auch unter Grundschülern. Waghalsige Jungen, die sich beweisen wollten, seien besonders gefährdet. Le Heuzey empfiehlt Eltern, darauf zu achten, ob ihre Kinder regelmäßig mit Gürteln oder Schals spielen oder sich in ihrem Zimmer einschließen.
Was tun nicht Menschen alles für ein wenig Rausch? Geht es darum - oder eher um die Mutprobe? Wenn der rauschähnliche Zustand begleitet wird von einer Adrenalin-Ausschüttung, wird es wohl wirklich der ultimative Kick, im wahrsten Sinne des Wortes.
Sonntag, 6. Dezember 2009
Apokalyptisches zur neuen Grippe (eine Fundsache)
Die weltweite Schattenregierung hat das Programm der quantitativen Verringerung der Menschheit begonnen, in dem sie Nanoteilchen in den hohen Schichten der Atmosphäre zerstäubt. Diese rufen Immunitätsschwäche hervor und die Menschen können vom gewöhnlichen Schnupfen die furchtbarsten Komplikationen bekommen und zu Tausenden sterben. Die Impfungen von der fiktiven Schweinegrippe, die es in Wirklichkeit nicht gibt, darf man nicht machen, weil diese Impfungen die Menschen vernichten werden. Auf diese Weise will die Schattenregierung die Bevölkerung der Erde bis zu einer bestimmten Zahl verringern. Ihr Plan sieht so aus: Wenn die Menschen die Dämpfe der Stickstoff-wasserstoffhaltigen Säure einatmen, die bei der Temperatur 37,2 aufkocht, so wird bei der gewöhnlichen Erkältung die Temperatur des Körpers steigen, die Säure geht eine Reaktion mit dem Wasserstoff ein, sondert dann leichtes Wasserstoff und leichtes Stickstoff ab. Dieser Verbindung ruft die Symptome der Lungenentzündung, Lungenödem und den Tod hervor. Aber! Wenn man eine chemische Analyse des Blutes des Menschen macht, in dessen Organismus solche Reaktion geschieht, bekommt man die chemische Formel 1N1, die auch Schweinegrippe genannt wird!!! Gerade deshalb wird eine solche Analyse nur in einem bestimmten Labor in Großbritannien gemacht! Die Terroristen können diese Säure von den Flugzeugen und sogar mit Hilfe der gewöhnlichen Spraydosen verteilen. Seien Sie äußerst aufmerksam, es existiert keine Epidemie, das ist nur der gewöhnliche chemische Terrorismus! Um die Säure zu neutralisieren reicht es einmal am Tag ein halbes Glas Wasser mit einem Tropfen des Wasserstoffperoxids 22 zu trinken!
Diese Information bekam ich von dem letzten Apostel Christi, Doktor Baas.
Der Apostel ist überzeugt, dass diese Aktion eine Prüfung des Gehorsams für die verängstigte Herde ist. Die Weltregierung führt solche Aktionen durch, um menschliche Reaktion zu testen. Weiter wird sie öfter, intensiver und vielfältiger auf uns als Herde wirken. Apostel Baas ruft alle vernünftige Menschen dazu auf sich dem rasenden Monster nicht zu unterwerfen, keine gehorsame Herde zu sein, sondern anfangen zu handeln. So wie die Berliner Mauer nicht durch die Regierung, sondern durch Freidenker zerstört wurde, können auch wir-gewöhnliche Menschen, die Weltregierung, wie die Berliner Mauer zerstören, in dem wir uns am Plan des Gottes Hausbau beteiligen, der Seinem letzten 153-ten Apostel gegeben wurde. Die Länderregierungen sind machtlos, weil sie wirtschaftlich von der Weltregierung abhängig sind. Wir sind aber nicht abhängig, deswegen können wir handeln. Aber unsere Taten sollen nicht chaotisch sein, sondern nach dem Plan der Hausbau der Liebe. Ich schlage allen vernünftig denkenden Menschen vor sich zu vereinigen und ohne jeglicher Gewalt oder Terror, sondern mit ihren guten Taten den schrecklichen Plänen der Starken dieser Welt zu widerstehen.
Sollen alle die Wahrheit über die Weltregierung und ihre Pläne kennen, um sich mit dem letzten Apostel Christi zu vereinigen und durch die Taten der apostolischen Jüngerschaft und des lebendigen Glaubens Christi alle Angriffe des Satans, Krankheiten, Unzucht, Stolz, Geiz und Lüge überwinden. Die machtlosen Regierungen dieser Welt können nichts gegen den Teufel ausrichten, aber wir können. Die Rettung liegt im Plan des Hausbaus eines neuen Lebens von Christus, dem Herrn und diesen Plan kennt der letzte 153-er Apostel Baas- Diener und Gesandter von Jesus Christus und kein anderer kennt den Rettungsplan. Lasst uns zusammen kommen und handeln für eine gesunde Zukunft der Menschheit und für die Kinder in der ganzen Welt.
Dienstag, 1. Dezember 2009
"... gesetzlich geschützt." Wenigstens in der Regel
So schützt man die christliche Religion. Nicht, indem man wie in der Schweiz der muslimischen Minderheit verbietet, ihre Gotteshäuser entsprechend ihren Glaubenstraditionen zu bauen – nämlich mit Minarett! – sondern indem man sicherstellt, dass die christliche Mehrheit den prägenden Einfluss auf Grundordnungen des gesellschaftlichen Lebens behält. Also nicht durchs Beschneiden der Religionsfreiheit bei einer Minderheit, sondern durchs Bewahren der religiösen Mehrheitskultur.
Zu dieser Mehrheitskultur gehört die Einteilung der Woche in sechs Arbeitstage und einen freien Tag, den christlichen Sonntag, laut Bibel der Tag der Auferstehung. Dem folgt auch das Grundgesetz, das hierbei den Artikel 139 der Weimarer Reichsverfassung übernimmt, wo es klipp und klar heißt: „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“
Angesichts dieser Bestimmung blieb den Karlsruher Richtern gar nichts anderes übrig, als das Berliner Ladenöffnungsgesetz zu kippen. Denn das sieht verkaufsoffene Sonntage nicht etwa als Ausnahme vor, sondern macht sie im Advent zur Regel, weil da nämlich in der Hauptstadt durchgehend verkauft werden kann, vom 1. Advent bis zum Mittag des 24. Dezembers in einer Tour, ohne einen einzigen Tag der Unterbrechung. In einer christlich bedeutsamen Zeit, dem Advent als Vorbereitung auf die Geburt Christi, wurde da der Sonntagsschutz komplett abgeräumt.
Dadurch aber, so haben die Kirchen mit Recht argumentiert, wird zahlreichen Beschäftigten im Handel die Möglichkeit genommen, Adventsonntage frei zu gestalten und sie so einzurichten, wie es christlichem Lebensprinzip entspricht: Kirchgang am Morgen, am Nachmittag Zeit für Gemeinschaft in der Familie oder in der Gemeinde, für Singen, Vorlesen, Nachdenken. Es ist ein Stück Religionsfreiheit, solches tun zu können. Diesem Recht gegenüber sind Einschränkungen begründungspflichtig. Es muss also ein besonderer, zusätzlicher Anlass, ein höheres Interesse bestehen, um jenes Recht einzuschränken. Ein solches höheres Interesse aber ist nicht erkennbar, wenn wie in Berlin der gesamte Advent zur verkaufsoffenen Zeit wird.
Montag, 5. Oktober 2009
Wechsel der Ideale
Samstag, 26. September 2009
Der Piefke-Faktor
Eigentlich sind sie ganz schön viele, die Deutschen in Wien. Doch ohne große Anlässe (EM) fallen sie kaum auf. Eine Ausnahme war der gestrige Freitag: Eine Woche nach Start des Münchner Originals wurde beim Heurigen Zimmermann in Döbling das (eintägige) „Wiener Oktoberfest“ begangen, mit entsprechender Deutschendichte. Auch morgen, Sonntag, ist die Chance, auf Deutsche in Großgruppen zu treffen, hoch: Einige Lokale (darunter nicht unbedingt typisch deutsche, denn die gibt es in Wien kaum) laden zum Public Viewing zur deutschen Bundestagswahl. Anlässlich der deutschen Bundestagswahl gehen wir der Frage nach: Wie beeinflussen die Deutschen Wien und Österreich?
Durchaus. Nach den Serben und den Türken stellen sie in Wien die größte Gruppe an Nichtösterreichern. 27.759 deutsche Staatsbürger sind laut Statistik Austria in Wien gemeldet, vor fünf Jahren lebten erst knapp 16.100 Deutsche hier.
Der rasante Zuzug der vergangenen Jahre hat sich in Wien, wie auch im Rest Österreichs, aber mittlerweile eingependelt – und wird sich, so Stephan Marik-Lebeck von der Direktion Bevölkerung (Statistik Austria), „kurz- und mittelfristig nicht wesentlich verändern. Die Zuwanderung aus Deutschland nach Österreich ist in den vergangenen Jahren zwar stetig gewachsen, seit 2006 bleibt sie aber relativ konstant.“ Rechnet man die Wegzüge (Studienabsolventen etc.) ab, kommen etwa 10.000 Deutsche pro Jahr nach Österreich. Die Wahrscheinlichkeit, deutsche Nachbarn zu haben, ist übrigens im dritten Bezirk am höchsten: Hier leben wienweit die meisten Deutschen, gefolgt von der Leopoldstadt und Döbling.
2 Wie und wo prägen Deutsche das Stadtbild?
Ein typisch deutsches Grätzel gibt es in Wien, anders als etwa ein asiatisches (Kettenbrückengasse), nicht, wohl aber ein paar Lieblingslokale. Die Xing-Gruppe „Piefke Connection“, ein Netzwerk für Deutsche, die in Österreich leben, hält ihren Stammtisch im Xpedit Kiosk oder im Glacis-Beisl im MQ. Auch die Cafés rund um den Yppenplatz, den man eher als Treffpunkt der türkischen Community zählt, sollen bei Deutschen beliebt sein.
Architektonisch haben die Deutschen das Bild Wiens durchaus mitgeprägt. Wenn auch vielleicht anders als erwartet. Wer bei „deutschen Bauwerken“ an die NS-Zeit denkt, hat zwar recht – die Flaktürme der Stadt wurden 1942 bis 1945 nach den Plänen des deutschen Architekten Friedrich Tamms errichtet. Einerseits. Andererseits war der deutsche Einfluss vor allem früher und anderswo – entlang des Rings – wesentlich größer. So manches Gebäude an der Ringstraße wurde von bekannten Deutschen entworfen. Das Rathaus hat Friedrich von Schmidt geplant. Das Burgtheater gegenüber war eine deutsch-österreichische Koproduktion: Der Grundriss stammt vom bekannten deutschen Architekten Gottfried Semper, die Fassade vom Wiener Karl von Hasenauer. Semper war auch am Ausbau der Hofburg (Neue Burg) beteiligt. Und danach? Zeitgenössische deutsche Architektur in Wien ist „vor allem verglichen mit der Präsenz deutscher Architekten in Wien im 19. Jahrhundert eher rar“, sagt Gabriele Kaiser, Kuratorin im Architekturzentrum Wien.
3 Wie sehr braucht unsere Wirtschaft die Deutschen?
Ein Sonntag im September auf der Türlwandhütte am Fuße des Dachstein. Die Trachtenkapelle Ramsau gibt auf der Terrasse ihr traditionelles Herbstkonzert, viele Touristen sind gekommen. Eine Kellnerin im Dirndl nimmt die Bestellung auf. Und antwortet auf die Frage, was denn die Wilderersuppe beinhalte, in breitem Bundesdeutsch und tiefstem Ernst: „Na, Wildererfleisch!“
Deutsche in Österreich – alles (ostdeutsche) Gastarbeiter im Tourismus? Der Schein trügt, sagt die Statistik des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger. So arbeiteten mit Stichtag Ende August zwar 11.400 Deutsche im Tourismus, aber auch 12.000 in der erzeugenden Industrie und 10.000 im Handel. Der Rest verteilt sich auf so ziemliche alle Branchen.
Das deckt sich auch mit der Erfahrung von Jockel Weichert, Exil-Münchner und Gründer der 600 Mitglieder zählenden Gruppe „Piefke Connection Austria“ auf der Webplattform Xing. Der kennt besonders viele Kreative – Werber, Grafikdesigner, Schauspieler und Leute aus dem Filmgeschäft. Er ortet auch Architekten, Analysten aus der Finanz- und Versicherungsbranche und natürlich Mitarbeiter deutscher Großkonzerne. Beliebt ist die Alpenrepublik dabei auch unter Deutschlands Studenten. Nach den Niederlanden und Großbritannien ist es das beliebteste Zielland; im Wintersemester 2008 waren hier 17.432 deutsche Studierende inskribiert.
Deutschland ist auch mit Abstand Österreichs wichtigster Handelspartner. 2008 gingen 30Prozent der Exporte nach Deutschland, 40Prozent aller Importe kommen von dort. Manches beäugt man mit gemischten Gefühlen. „Wenn deutsche Firmen österreichische kaufen, tut das besonders weh“, so Oliver Kühschelm vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. Gleichzeitig seien die Deutschen als Retter den Österreichern im Zweifelsfall doch lieber.
Für den Wiener Tourismus sind deutsche Gäste nach wie vor ein Hauptmarkt. Nur aus Österreich selbst kommen noch mehr Besucher nach Wien. 2008 besuchten fast 890.000 Deutsche die Stadt.
4 „Voll krass“? Verdrängt das bundesdeutsche Deutsch das österreichische?
Die Antwort darauf ist eine sehr österreichische, nämlich: schon ein bisschen. Zwar gibt es keine Studien, die die Wirkung des Bundesdeutschen auf das Österreichische messen, sagt Ulrike Kramer von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Aber Beobachtungen sprächen für einen zunehmenden Einfluss – zwar nicht auf die typisch mehrdeutige Sprechweise, aber doch aufs Vokabular. Daran ist einerseits, wie so oft, das Fernsehen schuld. 55 Prozent der heimischen Fernsehteilnehmer haben via Satelliten, 38 Prozent via Kabel Zugang zu deutschen Programmen.
Eine andere Eintrittsstelle ortet Kramer in der Jugendkultur. „Zicke, Zoff, krass, Klamotten, irre – diese Ausdrücke waren vor zehn Jahren unter Jugendlichen nicht so gebräuchlich“, sagt sie. Die Begriffe sind nicht zuletzt ein Ausdruck der Globalisierung: Wenn Christl Stürmer ein „ziemlich ausgeprägtes Bundesdeutsch“ singt, wie Kramer findet, hat sie den großen Absatzmarkt der Nachbarn im Auge. Das typisch Deutsche werde von Teenagern auch als Provokation eingesetzt: „Jugendliche merken, dass bundesdeutsche Wendungen genau wie Anglizismen Erwachsene stören.“
Charmant sein genügt nicht
Allerdings sagen auch volljährige Österreicher schneller „lecker“, als sie denken. „Wenn es Sprachkontakt gibt, beeinflusst zumeist die Sprache mit dem höheren Prestige die andere“, sagt Kramer. Zwar hört man „so halt“ oder „Pickerl“ für Vignette inzwischen auch in Deutschland, aber generell gilt: Das Österreichische wird – auch von Österreichern – zwar als charmant, aber eben nicht als regelkonform empfunden.
Sehr selbstbewusst werden die Österreicher, vor allem die Wiener, allerdings wenn es um „ihr“ Burgtheater geht. Nicht ständig, aber immer wieder gebe es Beschwerden, erzählt Pressechefin Konstanze Schäfer, dass „zu Deutsch“ gesprochen werde. Tatsächlich besteht die Hälfte des Ensembles aus Deutschen (den Direktor nicht miteingerechnet) bzw. Schweizern. Nachvollziehen kann Schäfer, selbst eine Deutsche, den Vorwurf aber nicht: „Es gibt seit jeher – sieht man von Nestroy oder Horváth-Stücken ab – eine Standardsprache auf der Bühne.“ Und zwar eine, na ja, eher bundesdeutsche.
Samstag, 19. September 2009
Vornamen und Grundschullehrer
SPIEGEL ONLINE: Frau Kaiser, welchen Namen würden Sie Ihrem eigenen Kind auf keinen Fall geben?
Astrid Kaiser: Adolf.SPIEGEL ONLINE: Die Frage stammt aus einer Studie, die Sie betreut haben und für die rund 1800 Lehrer online befragt wurden, 500 Bögen haben Sie auswerten lassen. Die meisten Grundschullehrer nannten nicht Adolf, sondern Kevin, gefolgt von Jaqueline und Chantal.
Kaiser: Justin, Marvin und Mandy kamen auch nicht besonders gut weg.
SPIEGEL ONLINE: Das Ergebnis der Studie lautet: Grundschullehrer verbinden bestimmte Vornamen mit Vorurteilen, Kevin gilt sogar als Prototyp des verhaltensauffälligen Kindes. Wie verbreitet sind solche Meinungen unter Lehrern?
Kaiser: Sehr weit, das hat die Untersuchung deutlich gezeigt. Ich kenne das auch aus dem Alltag. Ich habe früher als Lehrerin gearbeitet und habe bei mir selbst Vorurteile gegenüber manchen Namen beobachtet. Heute bilde ich Lehrer aus. Was mich bei der Studie allerdings überrascht hat, war die Deutlichkeit und die Schärfe, mit der die befragten Lehrer über bestimmte Namen urteilen - und mit welcher Bestimmtheit sie davon ausgehen: Das ist kein Vorurteil, das ist eigene Erfahrung, das ist die Wahrheit.
SPIEGEL ONLINE: Vielleicht sprechen die Lehrer wirklich aus Erfahrung. Vielleicht kommen tatsächlich viele Kevins aus Familien, in denen die Erziehung überwiegend durch Trickfilmprogramme stattfindet - und seltener aus Familien, die auf musikalische Früherziehung setzen.
Kaiser: Sicher bringen bildungsferne Schichten mehr Kevins und Justins hervor als Alexanders oder Maximilians. Aber bildungsfern heißt nicht unintelligent, sondern ungefördert. Der hochbegabte Kevin bekommt nicht die schulische Förderung, die er bräuchte, weil er aus der falschen Schicht kommt und seine Lehrer ihn schon beim ersten Blick auf die Klassenliste entsprechend sortieren. Der intelligente Kevin ist dumm dran.
SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den dummen Kevins?
Kaiser: Auch der unintelligente Kevin wird schlechter gefördert und erzielt nicht die Leistungen, die er erbringen könnte. Die Forschung zeigt: Vorurteile führen zu ungerechten Bewertungen.
SPIEGEL ONLINE: Wo zeigt sich das?
Kaiser: Zum Beispiel bei Diktaten: Wenn ein Lehrer einem Kind viel zutraut, übersieht er mehr Fehler. Bei Kindern, die er für leistungsschwach hält, korrigiert er sehr akribisch und findet mehr.
SPIEGEL ONLINE: Viele Grundschullehrer sind empört, sie fühlen sich ungerecht behandelt und sagen: Hier werde die eigene Erfahrung schlechtgeredet.
Kaiser: Erfahrung ist gut, aber Verallgemeinerung ist schlecht. Man kann bei neun Kevins richtig liegen, aber die Lehrer müssen auch beim zehnten Kevin wieder genau hingucken: Was kann der? Was braucht der? Wie kann ich ihn fördern?
SPIEGEL ONLINE: Freunde machen Sie sich mit dem Thema nicht bei den Lehrern.
Kaiser: Ja, man macht sich unbeliebt. Mich beschäftigt das Thema schon lange, aber ich habe nie jemanden gefunden, der das genauer untersuchen wollte. Eine Habilitandin lehnte das Thema ab, weil sie Angst hatte, dass man ihr Lehrerschelte vorwirft. Auch andere sind abgesprungen. Um so glücklicher bin ich, dass die Autorin der Studie, Julia Kube, sich des Themas angenommen hat.
SPIEGEL ONLINE: Warum die Aufregung bei Lehrern?
Kaiser: Unter der Hand und in privaten Gesprächen bestätigen fast alle Lehrer, dass auch bei ihnen die Namensfalle zuschnappt. Nur sobald es öffentlich diskutiert wird, fühlen sich viele ertappt. Das ist das Spannende an Vorurteilen gegenüber Vornamen: Sie sind nicht sichtbar und den meisten deshalb auch nicht bewusst - anders als etwa bei der Hautfarbe. Dafür sind viele Lehrer sensibilisiert.
SPIEGEL ONLINE: Haben nur Lehrer diese Vorurteile oder wir alle?
Kaiser: Vor allem Grundschullehrer schließen vom Vornamen auf die soziale Schicht - eben wegen ihrer Erfahrung. Sie sind die einzigen echten Gesamtschullehrer in diesem Land, sie haben mit allen sozialen Gruppen zu tun. Aber wir alle ziehen bestimme Schlüsse aus dem Vornamen. Wenn jemand Gisela heißt, wissen Sie ziemlich sicher, dass diejenige älter als 15 Jahre ist.
SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie solche Vorurteile auch aus anderen Ländern?
Kaiser: In Australien gelten Kinder mit amerikanisch gefärbten Namen als doof, also Namen mit einem Y am Ende, Jimmy oder Joey. Meine Schwiegertochter unterrichtet in London afrikanische Kinder, auch dort gibt es Namen, die mit Bildungshunger oder Unterschicht assoziiert werden. Es ist weit verbreitet, über kulturelle Grenzen hinweg.
SPIEGEL ONLINE: Was lässt sich gegen Namensvorurteile tun?
Kaiser: Wir machen hier an der Uni Oldenburg sogenannte Anti-Bias-Trainings, also Rollenspiele und ähnliches, um Vorannahmen und Vorurteile bewusst zu machen und zu überwinden. Das sollte zu jeder Lehrerausbildung gehören, tut es aber nicht.
SPIEGEL ONLINE: In der Studie bewerten die Lehrer Namen wie Charlotte, Hannah, Sophie, Simon, Maximilian positiv. Welche Namen haben das Zeug zu künftigen Knallernamen?
Kaiser: Emma könnte bald ein Edelname für Mädchen werden, bei Jungs hat Walter gute Chancen; Paul ist es schon geworden. Aus den altmodischen Namen spricht auch eine gewisse Nostalgie, die Sehnsucht nach konservativen Werten.
SPIEGEL ONLINE: Welche Namen empfanden Sie als Höchststrafe, als Sie noch Lehrerin waren?
Kaiser: Oliver war das damals in den siebziger Jahren. Olivers kamen aus Problemfamilien.
SPIEGEL ONLINE: Ich danke Ihnen trotzdem für das Gespräch.
Vornamen können eine Strafe sein, keine Frage. In aller Regel verwirklichen sich eben die Eltern in der Namensgebung für ihre Kinder - und die tragen dann ein ganzes Leben daran. In meiner Kindheit assoziierte man mit meinem Vornamen vor allem den Fußballer Uwe Seeler, den Erfinder des Fallrückziehers. Fußball war aber meine Sache nicht. Zum Glück scheint meine Grundschullehrerin von Vorurteilen gegenüber bestimmten Vornamen frei gewesen zu sein.
Der Schriftsteller Uwe Johnson und der Schauspieler Uwe Friedrichsen traten erst später in meinen Horizont. Da war es dann schon fast egal, die Kindheit war gelaufen. Von vielen Menschen habe ich schon gehört, dass die Entwicklung des Verhältnisses zum eigenen Vornamen auch Züge der Resignation trägt. Oder aber solche des bewussten "Dennoch!".
Dienstag, 8. September 2009
Facebook verliert bei jüngeren Nutzern
Montag, 7. September 2009
Konvervative Berufswünsche österreichischer Mädchen
"Frisörin, Bürokauffrau oder Einzelhandel". Das ist eine Antwort, die Eva Bauer von Mädchen auf die Frage nach ihren Berufswünschen oft bekam. Eva Bauer war zwei Jahre für den Salzburger Girls' Day tätig und arbeitete somit daran, das Auswahlspektrum an Berufen für junge Frauen und Mädchen zu vergrößern und Möglichkeiten in technischen Berufen aufzuzeigen. Mädchen ab 11 Jahren können seit 2001 an dem Aktionstag in verschiedenste technische Berufe schnuppern und so Interessen und Fähigkeiten ausloten. Der Girl´s Day findet mittlerweile österreichweit statt und wird von jedem Bundesland selbst organisiert.
Bevor Eva Bauer Ende Oktober ihre Tätigkeit als Girls' Day-Projektleiterin beendet, sprach dieStandard.at mit ihr über ihre Erfahrungen, "konservative" Jugendliche und die Auswirkungen von Initiativen wie dem Girls' Day auf den Arbeitsmarkt.
*******
dieStandard.at: Wie schätzen Sie den Einfluss von Initiativen wie den Girls' Day ein: Können solche Projekte eine Trendwende auf dem Arbeitsmarkt bewirken?
Eva Bauer: Derartige Initiativen haben zumindest eine Trendwende angestoßen. Dass es neben dem Girls' Day auch Projekte gibt wie MUT ("Mädchen und Technik") oder speziell in Salzburg das Projekt meet ("Mädchen entdecken EDV und Technik"), das auch ganzjährig durchgeführt wird, werte ich als positives Signal und dass die Notwendigkeit geschlechtersensibler Berufsorientierung erkannt wird. Aber von einer generellen Trendwende kann man noch nicht sprechen, dazu müssten die Initiativen noch verstärkt und ausgebaut werden.
dieStandard.at: Ist Ihrer Erfahrung nach den Mädchen bewusst, dass sie in einem "typischen Frauenberuf" schlechtere Verdienstmöglichkeiten haben?
Eva Bauer: Gute Verdienstmöglichkeiten stehen bei den Mädchen nicht im Vordergrund. Sie wählen in erster Linie nach ihren Fähigkeiten und Interessen aus, die von den Mädchen oft als eingeschränkter wahrgenommen werden als sie es tatsächlich sind. Geprägt von den stark vorhandenen Rollenbildern ist für viele zumindest die Richtung, die sie einschlagen wollen, schon sehr früh klar. Die Palette an Lehrberufen, aus denen die Mädchen dann wählen, kommt aus einem sehr eingeschränkten Spektrum, in dem man niedrigere Gehälter bezieht, wie etwa im Sozialbereich, im Einzelhandel oder als Bürokauffrau und Frisörin. So etwas stellen sich die meisten Mädchen für sich vor. Wenn man sie allerdings fragt, was sie beispielsweise in ihrer Freizeit machen, kommt dann schon "ich spiele sehr gern Computer". Auf die Frage, ob sie sich vorstellen können, einen EDV-Beruf zu ergreifen, kommt dann aber: "Nein, das kann ich nicht." Es kostet viel Mühe, die Mädchen zu überzeugen, dass sie bei der Berufswahl eben jene persönlichen Interessen berücksichtigen sollten.
dieStandard.at: Was den Verdienst anbelangt: Sehen sich die Mädchen manchmal schon in der Rolle der "Zweitverdienerin" oder "Zuverdienerin"?
Eva Bauer: Ja, die Vorbereitung auf die spätere Rolle der Mutter spielt sicher eine Rolle. Die Burschen beeinflusst wiederum die Vorstellung, später mal eine Familie erhalten zu müssen.
dieStandard.at: Sind die Jugendlichen tatsächlich so konservativ?
Eva Bauer: Ja, was die Berufswahl betrifft, sind sie sehr konservativ. Es ist ja auch eine Tatsache, dass viele Eltern nach wie vor mit sehr traditionellen Rollenverteilungen leben und Frauen nur geringfügig oder Teilzeit arbeiten. Dass es umgekehrt ist, wird noch immer als Ausnahme wahrgenommen. Auch Heirat und Kinder bekommen hat einen großen Stellenwert. Es ist natürlich begrüßenswert, dass sich die Mädchen mit Familienplanung beschäftigen, allerdings werden dabei Beruf und Verdienstmöglichkeiten wenig berücksichtigt und so werden bei der Berufswahl auch meist nur die Klassiker Einzelhandel, Gastronomie oder Büro in Betracht gezogen.
(...)
Eva Bauer: Initiativen wie der Girl´s Day oder auch FIT ("Frauen in die Technik") sind auf eine Ausweitung des Spektrums der Berufswahl und Chancengleichheit ausgerichtet. Was aber derzeit noch ausgeklammert wird, ist, dass auch Mädchen mit Beeinträchtigungen technische Berufe ergreifen möchten. Diese Mädchen werden meiner Meinung nach noch nicht ausreichend angesprochen. Wenn man Firmen etwa fragt, ob sie barrierefrei sind, wird oft schnell nein gesagt, weil davon ausgegangen wird, dass damit eine Rollstuhlrampe gemeint ist. Dass aber auch Mädchen in einen Betrieb kommen könnten, die beispielsweise eine Sehbeeinträchtigung haben, daran wird nicht gedacht. Dadurch werden Mädchen mit Beeinträchtigungen ziemlich ausgeschlossen. Viele wissen auch beispielsweise gar nicht, dass beeinträchtigten Personen ArbeitsplatzassistenInnen zur Seite gestellt werden können, die von den Bundessozialämtern finanziert werden. Für den Raum Salzburg ist 2007 eine Studie erschienen, die diese Problematik sehr gut aufzeigt und auch eine Reihe von Maßnahmen vorschlägt. Der Girl´s Day könnte eine gute Möglichkeit sein, dahingehend einiges zu verbessern.
(...)
Eva Bauer: Ja, sehr oft. Für Außenstehende ist oft nicht klar, dass es überhaupt nicht darum geht, Burschen aus Berufen zu verdrängen. Es geht darum, junge Frauen überhaupt mal auf bestimmte Berufe aufmerksam zu machen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Mädchen zwar Interesse an dem einen oder anderen technischen Beruf haben, sich aber schlichtweg nicht trauen, um einen Schnupperplatz anzufragen. Für so etwas ist der Girls' Day sehr hilfreich, sie müssen selbst nicht anrufen und können das alles über uns machen. Vor kurzem erst ist es erst passiert, dass ein Mädchen bei einer Autowerkstätte angerufen hat, wo ihr gesagt wurde, dass sie generell keine Mädchen aufnehmen. Natürlich ruft dieses Mädchen als nächstes in einem Büro an. Der Zugang ist einfach nicht derselbe, den Burschen haben. (Die Fragen stellte Beate Hausbichler, dieStandard.at, 6.9.2009)
Meine Erfahrungen bestätigen diese Einschätzung völlig. Österreich ist nach wie vor ein konservatives Land, die Ideale und Lebensvorstellungen der Jugendlichen hier sind sehr viel traditioneller als etwa in Deutschland.
