Donnerstag, 21. Mai 2009
Der Turm der Lutherkirche
Protestantischer Rhabarberkuchen
Kennen Sie das, LeserInnenschaft? Die Befriedigung, die sich einstellt, wenn Sie genussvoll ein Schüsserl voll gesüßtem Schlagrahm ausschlecken (vielleicht mit ein bisserl Zimt obendrauf)? Ja? Sie kennen das? Dann ist Ihnen vermutlich auch das schlechte Gewissen danach ein Begriff. Wenn's reuevoll drückt und zwickt, weil Sie sich wieder mal was gegönnt, anstatt - wie's die allgemeinen Vorschriften so verlangen - versagt haben. Aber: Es gibt Lösungen! Sie tun einfach, was immer Ihre sinnlichen Sinne gerade so von Ihnen möchten. Und beichten das dann. Rückwirkend. Reueproblem erledigt. (Kultur-)Katholizismus nennt man das. Praktisch, über Jahrhunderte bewährt und gut. Aber ob damit heute noch Kulturfortschritt zu erzielen ist? Schon Max Weber hat uns wissen lassen, dass unser aktuelles Wirtschaftssystem aus nichts anderem als aus dem Geist des Protestantismus entstehen hat können. Und Protestantismus verlangt ebensosehr nach Disziplin wie nach Selbstbeschränkung. Wirklich schlecht geht es uns nicht damit, oder? Es mögen uns dabei zwar einerseits die wunderschönen Höhen des sinnlichen, genussvollen Schlemmens verlustig gehen. Andererseits gewinnen wir Ausgeglichenheit und Harmonie (laut Konfuzius, um den auch noch zu bemühen, dann hören wir schon auf mit der Philosophie-Stunde, eines der höchsten Güter). Auch nicht schlecht, oder? Unser heutiger Rhabarberkuchen jedenfalls passt in dieses Konzept: Artig, brav, harmonisch, wohlschmeckend, aber: keine Sünde, ob deren Genuss die Welt rings um uns versinkt. (...)
Aus einem Kochblog, wo dann auch das Rezept folgt.
Engel, Hemden, Tod und Abwasch
(...) "Tod und Erotik treffen sich im Schwinden der Sinne", erläutert Flörke, der seine Dissertation über den "Tod der Romantik" geschrieben hat. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof, 1877 eröffnet, hat Flörke in der Grabkunst viele Beispiele romantischen Denkens entdeckt. "Im 19. Jahrhundert hat man den Tod überhöht und als größtmögliche Schönheit dargestellt, und das war in der patriarchalischen Welt eine Frau." Und da natürlich keine faltige Alte. Auf den Friedhof gelangten die spärlich bekleideten Schönen, um den Verstorbenen ein Symbol des Lebens zur Seite zu stellen. "Liebe über den Tod hinaus, Erotik in der Paarung mit dem Tod - das ist eine Tradition, die seit der Antike besteht und in der Romantik ihren Höhepunkt findet."In der Weltliteratur sterben wie Romeo und Julia die Liebenden immer dann, wenn es am schönsten ist. Tragisches Ableben statt ewig der Streit um den Abwasch: Wo Dichter der unsterblichen Liebe mit Worten ein Denkmal setzen, tun die Grabmäler es in Bronze, Marmor und Stein. "Der Ohlsdorfer Friedhof weist eine Fülle von Beispielen für das romantische Todesbild auf", weiß Flörke. Da lockt der Hüftschwung einer Männerphantasie in Marmor, der der Träger des Kleides langsam von der Schulter gleitet. "Auch wenn das Gesicht traditionelle Trauer zeigt, ab dem Ellbogen wird es erotisch." Wenn der Tod als gieriger Alter nach der Hand der Schönen fasst, Rosen im Schoß vom Verlust der Unschuld künden oder aber Mohn als Inbegriff von Rausch und Tod erscheint - unter der Führung des Literaturwissenschaftlers erschließen sich auch jene Motive, die nicht so eindeutig sind wie transparente Hemden. (...)
Aus: Bettina Albrod, Der Tod trifft die Erotik. Der Literaturwissenschaftler Lutz Flörke bietet eine sehr ungewöhnliche Führung auf dem Friedhof Ohlsdorf an, welt.de