Samstag, 9. Februar 2008

Sehnsüchtige Klage

Nie

Nie
werde ich
die Drossel erreichen

nie mit drei Lauten
umzugehn wissen
als wären sie
alles

Rose Ausländer

In einer Autoscheibe

Wien und die Bundesländer

"Warum sind Sie eigentlich nach Österreich gekommen?" fragt mich ein Schüler. "Ich bin nicht nach Österreich gekommen, sondern nach Wien", ist meine Antwort. Österreich, das übrige Österreich, das Land der Berge und der Seen, ist von Wien aus ganz weit weg, quasi nichts als ein abstrakter Horizont. "Die Bundesländer", sagt man hier und meint: die Provinz. Die fängt zwar gleich hinter der Stadtgrenze an und ist andererseits unendlich weit entfernt, so weit, dass man fast schon gereizt ist, hinzufahren und nachzuschauen, ob sie wirklich existiert.

Applaus

Der anrührendste Moment einer Opernübertragung im Fernsehen ist für mich immer wieder der Einzelapplaus für die Sängerinnen und Sänger, die dann jeweils auch in Großaufnahme zu sehen sind, in all ihrer Freude und Erschöpfung. Das sieht man im Fernsehen so viel deutlicher als aus dem Parkett... Warum rührt mich das so? Vielleicht, weil es so wenig Glück in der Welt gibt, oder weil hier Leistung wirklich einmal honoriert wird.

Ein Haus der Menschen, ein Haus mit Fenstern

"Die geschichtlichen Religionen haben die Tendenz, Selbstzweck zu werden und sich gleichsam an Gottes Stelle zu setzen, und in der Tat ist nichts so geeignet, dem Menschen das Angesicht Gottes zu verdecken, wie eine Religion. Die Religionen müssen zu Gott und seinem Willen demütig werden; jede muß erkennen, daß sie nur eine der Gestalten ist, in denen sich die menschliche Verarbeitung der göttlichen Botschaft darstellt, - daß sie kein Monopol auf Gott hat; jede muß darauf verzichten, das Haus Gottes auf Erden zu sein, und sich damit begnügen, ein Haus der Menschen zu sein, die in der gleichen Absicht Gott zugewandt sind, ein Haus mit Fenstern; jede muß ihre falsche exklusive Haltung aufgeben und die rechte annehmen. Und noch etwas ist not: die Religionen müssen mit aller Kraft darauf horchen, was Gottes Wille für diese Stunde ist, sie müssen von der Offenbarung aus die aktuellen Probleme zu bewältigen suchen, die der Widerspruch zwischen dem Willen Gottes und der gegenwärtigen Wirklichkeit der Welt ihnen stellt. Dann werden sie, wie in der gemeinsamen Erwartung der Erlösung, so in der Sorge um die noch unerlöste Welt von heute verbunden sein."

Martin Buber

Überlebenskünstler in der Stadt


Bäume in meiner Straße

Ein Schmaus für Ohren und Augen

Selten genug, aber es kommt doch vor, dass auch das Fernsehprogramm eine Quelle des Glücks ist: Beethoven, Buñuel, dann die Berlinale - und schließlich sogar noch Uecker. Als habe der Sender sein Programm genau für mich gemacht, in gerade dieser Zusammenstellung.
Natürlich heißt der berühmte Buñuel-Film in Wahrheit "Ein andalusischer Hund", aber eine ordentliche Programmzeitschrift kann ich mir leider nicht leisten.

Die neuesten Blüten der political correctness

Schon seit Jahren ist es in den USA kaum mehr legitim, einander "Frohe Weihnachten" zu wünschen, es könnte ja die Gefühle von Nicht-Christen verletzen, darum sagt man korrekterweise "Frohe Feiertage" oder dergleichen. Eine neue Stufe erreicht der Wahn der political correctness nun in Großbritannien: "Derweil gab die BBC in ihrer Internet-'Section on Islam' eine Neuerung bekannt: Wann immer der Name des Propheten erwähnt werde, solle sogleich der Zusatz folgen: 'Peace be upon him', der Friede sei mit ihm. Das, erklärte ein Sprecher der BBC, sei man einer 'fairen und ausgewogenen' Darstellung des Islam schuldig. Es dauerte nicht lange, und das britische Innenministerium kündigte eine weitere Sprachregelung für den amtlichen Gebrauch der Regierung an: Begriffe wie 'war on terror' und 'Islamic extremism' sollten nicht mehr benutzt werden. Innenministerin Jacqueline Jill Smith erklärte, die Extremisten würden nicht im Namen des Islam agieren, sondern gegen ihren Glauben. Deswegen sollten deren Taten als 'anti-islamische Aktivitäten' bezeichnet werden. Auf diese Weise schaffte Frau Smith den Terrorismus mit einem rhetorischen Trick ab.

Wie in England üblich, wurde die Verfügung der Ministerin gelassen hingenommen. Nur ein paar extrem kritische Briten fragten sich, warum in Zeiten der IRA-Terrors nicht von 'anti-irischen Aktivitäten' geredet wurde." [Henryk M. Broder: Scharia ist für alle da!, spiegel-online 08.02.2008]