Freitag, 6. Juni 2008
Polarisierungen
Remele ist Professor für Ethik und Gesellschaftsethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz.
Seinen Beitrag stellte er unter den Titel „Kardinalssünde“. Darin wirft der Professor dem Kardinal eine Nähe zur Wiener Verlegerfamilie Dichand vor.
Hans Dichand (87) ist Herausgeber des österreichischen Boulevardblatts ‘Kronen Zeitung’. Kardinal Schönborn schreibt für die Zeitung eine wöchentliche Sonntags-Betrachtung.
(…)
„Moralische Grundsätze wie die unverletzliche Würde des Menschen zu propagieren, andererseits aber in Publikationen aufzutreten, die diese mit Füßen treten, überschreite die Grenzen des Zulässigen.“
Dabei schießt sich sich Remele selber ins Knie: Er kritisiert den Kardinal ausgerechnet in einer Zeitung, die für ihre schamlose Homo-Propaganda und niederträchtige, skrupellose Bejubelung der Abtreibungsgewalt bekannt ist: Unverletzliche Würde des Menschen? Überschreitung der Grenzen des Zulässigen?
(…)
Dann schreitet Fachmann Remele zur moraltheologischen Analyse des angeblichen Fehlverhaltens des Kardinals. Er schätze den Kardinal – sagt er einleitend zur Beschwichtigung. Dann kommt er zur Sache:
„Gerade deshalb befürchte ich, daß Schönborn durch seine Verstrickung mit der ‘Kronen Zeitung’ einen nicht zu unterschätzenden Glaubwürdigkeitsverlust erleidet“ – verkündet Remele von den blutbeschmierten Seiten des ‘Standard’.
Es entstehe dadurch der fatale Eindruck einer kirchlichen Doppelmoral und Klassenjustiz.
Daß auch Moraltheologe Remele etwas von schamloser Doppelmoral versteht, wird klar, wenn er sich im weiteren als Verteidiger des ‘Katechismus der katholischen Kirche’ aufspielt.
In dem Katechismus – „dessen Redaktionssekretär Schönborn war“ – würden junge Menschen dazu aufgefordert, sexuelle Selbstbeherrschung und Mäßigung zu erringen, erinnert er:
Masturbation werde als „eine in sich schwer ordnungswidrige Handlung“ gebrandmarkt, künstliche Methoden der Empfängnisverhütung werden pauschal (sic) als „verwerflich“ zurückgewiesen.
Wer hätte geglaubt, so etwas noch erleben zu dürfen: Ein staatlich bestallter katholischer Moralprofessor weist in einer notorischen Abtreibungs- und Homo-Zeitung auf Grundfesten der katholischen Moraltheologie hin.
Remeles ‘Standard’-Artikel wird Theologiegeschichte machen, markiert er doch die lang erwartete Rückkehr der heterodoxen katholischen Beamten-Moraltheologie zum Lehramt.
Eine Wette abgeschlossen?
Das war übrigens schon der dritte ‘Standard’-Artikel gegen Kardinal Schönborns Kolumne in der ‘Kronen Zeitung’.
Daß Pornographie und sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen diesem zeitgeistlichen Schundblatt ein Dorn ihm Auge sind, ist auszuschließen.
Vielmehr ist zu vermuten, daß hinter der Kampagne eine Wette unter ‘Standard’-Redakteuren steht.
Preisfrage: Wie viele Artikel braucht es, bis der für sein fehlendes Rückgrat bekannte Wiener Kardinal die Segel streicht und seine Kolumne bei der großen Schwester des ‘Standard’ aufgibt?
Kreuz.net ist eine der radikalsten Internetplattformen des rückwärts gewandten, vorkonziliaren (wenn nicht tridentinischen oder prätridentinischen) Katholizismus. Der Text zeugt aber nicht nur von den Verwerfungen innerhalb der katholischen Kirche in Österreich, sondern auch die Zerrissenheit innerhalb der hiesigen Presselandschaft, die wiederum die Polarisierung der österreichischen Bevölkerung insgesamt widerspiegelt. In diesem Land ist es mit dem falschen Parteibuch nicht nur schwierig, einen Job zu finden; viele Österreicher würden auch einen Schwiegersohn, der dem anderen politischen Lager angehört, nur widerstrebend akzeptieren. Und in diesem Land gibt es (derzeit noch) eine Große Koalition!


