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Donnerstag, 8. Juli 2010

Patriotismus und Antipatriotismus in Zeiten von Fußballgroßereignissen

Fußballweltmeisterschaften sind Ereignisse, bei denen mit dem Nationalgefühl Erstaunliches passiert. Wird z. B. in Deutschland oft ein Mangel an Patriotismus beklagt, bricht dieser alle vier Jahre (oder alle zwei Jahre, für Europameisterschaften gilt ja Ähnliches) aus wie ein Virus. Das Phänomen ist nicht auf bestimmte Staaten beschränkt, in Deutschland ist es aber besonders bemerkenswert. Während zwischen Fußballgroßereignissen wohl niemand darauf käme, eine deutsche Fahne aufzuziehen oder aus dem Fenster hängen zu lassen, ist dann auf einmal alles schwarz-rot-gold. Im Falle von Erfolgen gibt es viel zu jubeln (und zu trinken). Bei Niederlagen oder Ausscheiden bricht dann der Katzenjammer aus, in manchen Staaten (wie Frankreich) kann ein solcher sportlicher Misserfolg sogar politische Wellen schlagen.

Ein solcher Ausbruch von fußballinduziertem Nationalismus bietet aber auch die Möglichkeit, sich zu distanzieren, die eigene Immunität gegen diese Art von Wahnsinn zu demonstrieren - oder gar den verborgenen Groll oder Hass auf das eigene Land an die Öffentlichkeit zu tragen, so wie in diesen (sicher tief aus dem Bauch des Verfassers kommenden) Versen, die als Kommentar zu einem Artikel in der ZEIT publiziert wurden:

"Durch Deutschland weht ein kalter Wind
Menschen hasten tränenblind
weil sie so verzweifelt sind
in der Stadt herum

Sogar den Bäumen häng'n die Blätter
schlaff herunter wie Lametta
Alle Vöglein singen Moll
Fussball-Deutschland beklagt sich
immer wieder und man fragt sich
wie es weiter gehen soll

Freudentaumel zieht durchs Land
von Garmisch bis zur Waterkant
Alle singen Hand in Hand
Deutschland hat verloren

Links und Rechts und zick und zack
Das "unverkrampfte" Patriotenpack
kriegt endlich wieder aufn Sack
Deutschland hat verloren

lalalalalalalalalala
Deutschland hat verloren
lalalalalalalalalala
Deutschland hat verloren

Ein leichter Gegner eigentlich
machte die Stars heut lächerlich
Mutti Merkel ärgert sich
Deutschland hat verloren
Jogi sitzt alleine da
wie ein alter Fußballstar
Doch kein Meister trallala
Deutschland hat verloren

lalalalalalalalalalala
Deutschland hat verloren
lalalalalalalalalalala
Deutschland hat verloren

Wie Amateure wie Amateure - Ich mach die Säge
Deutschland hat verloren
Wie Amateure wie Amateure - Gott ist das herrlich
Deutschland hat verloren
Wie Amateure wie Amateure - Ich habe fertig
Deutschland hat verloren"

Von Nutzer "aeferiihkaefe", Rechtschreibung leicht gebessert von mir.

Der Verfasser weiß sich mit seinen Gefühlen der Schadenfreude nicht allein (vgl. die 3. Strophe). Aber das ist statistisch vermutlich schwer zu erheben. Denn wer würde sich in einer Umfrage schon als Antipatriot outen?

Die meisten "Patrioten auf Zeit" werden sich die Tränen bald aus den Augen wischen und zur Tagesordnung übergehen. Schade eigentlich, dass es noch dieses Spiel um den 3. Platz gibt, für die deutsche Mannschaft eine weitere Gelegenheit zum Verlieren, im Falle eines Sieges im "kleinen Finale" aber winkt eben nur Anerkennung - und kein Pokal. Und auf den Fanmeilen wird die Freude auch bei einem Sieg über Uruguay verhaltener ausfallen. Ein Anlass zum Trinken ist es, so oder so. Aber den braucht man in Deutschland ja im Grunde nicht - so wenig wie in Österreich übrigens...

Sonntag, 6. Juni 2010

Heil aus Hannover?

Wenn ich gefragt werde, woher ich stamme, gerate ich in Verlegenheit: "Geboren in Essen, dann mit 10 Jahren nach Stuttgart verpflanzt, dort Gymnasium und Zivildienst, dann Studium in Marburg und Göttingen, schließlich verschiedene Orte in Nord-, Mittel- und Südosthessen." - "Aber Ihre Sprache, woher kommt die?" - "Meine Mutter stammt aus der Nähe von Hannover, und da soll man das beste Deutsch sprechen."
Diese Auskunft gebe ich regelmäßig. Hannover gilt in Deutschland als Inbegriff der Provinz, trotz Hannovermesse und EXPO 2000. In diesen Tagen ergibt sich eine neue Perspektive: Nachdem die Hannoveranerin Lena Meyer-Landrut den Eurovision Song Contest gewonnen hat, soll nun auch noch der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff das höchste deutsche Staatsamt übernehmen. Da spreche ich doch über die Herkunft meiner Mutter gleich mit mehr Gewicht. Und vielleicht sagt meinen österreichischen Gesprächspartnern der Name "Hannover" in Zukunft mehr.
Ach ja: Die zurückgetretene EKD-Ratsvorsitzende Margot Kässmann war Bischöfin der hannoverschen Landeskirche. Und ihre verhängnisvolle Trunkenheitsfahrt ereignete sich in der Stadt Hannover. Von dort ging heuer wirklich schon viel aus, was Schlagzeilen machte.
Der Name dieser Stadt wird in Österreich übrigens fast wie in England ausgesprochen, mit einem sehr sanften "v" wie in in "Hoover". Dann klingt es auch gleich viel geheimnis- und verheißungsvoller als bei der in Deutschland üblichen Aussprache, die das "v" fast wie ein "f" artikuliert.

Freitag, 4. Juni 2010

Poetry meets politics

Ein außergewöhnlicher Stoff für Literatur: Fünfzig europäische Dichter haben die EU-Verfassung in Verse gesetzt, darunter auch der irische Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney. Entstanden ist ein fast hundert Seiten langer, vielstimmiger Text, in dem sich nicht nur der europäische Gedanke spiegelt, sondern auch die Probleme der EU auf poetische Weise reflektiert werden. Das Projekt der "Europäischen Verfassung in Versen" wurde 2008 von einer Gruppe belgischer Künstler unter dem Namen "Kollektiv Brüsseler Poeten" gestartet.

Information des Deutschlandradios (im E-mail-Newsletter) zu einer Sendung am 4. Juni 2010 ("Thema" - 14.07 Uhr).

Dienstag, 11. Mai 2010

Wie war das mit der stabilen Währungspolitik?

"Das Bundeskabinett will heute einen Gesetzentwurf zum deutschen Anteil am Rettungsschirm für die Euro-Länder auf den Weg bringen. Deutschland haftet mit bis zu 123 Milliarden Euro, allerdings befürchtet die Opposition, dass sich diese Zahl noch erhöhen könnte. Alle beteiligten Staaten zusammen sollen insgesamt Kreditgarantien über 750 Milliarden Euro aufbringen. Wenn andere Länder aber nicht zahlten, werde der deutsche Beitrag weiter steigen, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Oppermann. Er warf Bundeskanzlerin Merkel vor, das wahre Ausmaß der Krise verschleiert zu haben. Bei Wirtschaftsexperten stößt das Rettungsprogramm auf Kritik.Der Wirtschaftsweise Schmidt sagte der 'Bild'-Zeitung, es passiere nun das Gegenteil von dem, was Deutschland sich bei der Einführung des Euro unter stabiler Währungspolitik und einer unabhängigen Notenbank vorgestellt habe. Der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung warf den Regierungen vor, sie hätten sich nur Zeit gekauft. Bundesbankpräsident Weber kritisierte den Ankauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank. Dies berge erhebliche stabilitätspolitische Risiken, sagte er der 'Börsen-Zeitung'."

Aus den Morgennachrichten des Deutschlandfunks

So geht Europa also unter. Unsere armen Kinder. Vermutlich sollte alles noch einmal neu beginnen. Alle zurück an den Start, aber das geht eben nur im Spiel. Neustart des Programms, so einfach wäre das am Computer. Der Ruf nach einem allgemeinen Schuldenerlass wurde bislang immer nur für Staaten der früher so genannten "Dritten Welt" laut. Inzwischen täte ein solcher Schuldenerlass auch der Euro-Zone gut, wenigstens in ihrem südlichen Abschnitt. Kinder, wie die Zeit vergeht und die Welt sich verändert! Das wahre Ausmaß dieser Krise wird von den meisten Menschen wohl gar nicht wahrgenommen. Die machen sich Sorgen um Vulkanausbrüche, fiebern der Fußball-Weltmeisterschaft entgegen oder fragen sich ganz schlicht, wie sie die nächste Stromrechnung bezahlen sollen. Es ist die alte Vogel-Strauß-Politik: Uns wird es schon nicht treffen - oder jedenfalls nicht so schlimm. Andere werden es bezahlen müssen - vermutlich unsere Kinder und Enkel.

50 Jahre Antibabypille - Überlegungen eines Kommentators in der WELT

"Die Verhütungspille kennt jeder, ihren Erfinder nicht. Das könnte sich ändern, wenn unsere Nachfahren eines Tages mit mehr historischem Abstand, als wir ihn heute aufbringen, auf das 20.Jahrhundert blicken. Von den großen technischen Revolutionen des Industriezeitalters, Auto, Flugzeug, Antibiotika, Kunstdünger, Telefon, Radio, Computer, Internet, erschütterte Carl Djerassis Erfindung die Gesellschaften wohl am heftigsten – weltweit und bis in die intimsten und persönlichsten menschlichen Gefühle und Entscheidungen. Sie veränderte die Demografie ebenso wie die Sexualmoral.

Was wäre, wenn heute ein 28-jähriger Chemiker in Mexico City auf eine biochemische Substanz stieße, die die Befruchtung von Eizellen verhindert? Wie nähme die Gesellschaft das widernatürliche Mittel auf, das den weiblichen Körper manipuliert? Wie würden die Pharmakritiker, die Anhänger der Naturheiler, die Feministinnen, die Verbraucherschützer und vor allem die Anwälte, die von Sammelklagen leben, reagieren?

(...)

Die Zeiten haben sich geändert, seit Djerassi einen Abkömmling des weiblichen Geschlechtshormons Progesteron zum Patent anmeldete. Wissenschaftler sind nicht mehr die Hoffnungsträger der Gesellschaft, sondern sie sind ihre Buhmänner geworden.

Große Teile der Öffentlichkeit unterstellen ihnen, wie Frankenstein das menschliche Leben als Verfügungsmasse ihres akademischen Ehrgeizes und ihrer perversen Visionen zu betrachten. Störenfriede im Paradiesgarten von Mutter Natur. 'Viele Menschen haben eine geradezu antiwissenschaftliche Haltung“, sagt Carl Djerassi über den heutigen Zeitgeist, „das ist fast schon eine Wissenschafts-Phobie.'

(...)

Das Zeitfenster für die Einführung des ersten sicheren Verhütungsmittels in der Hand von Frauen war sehr eng. Wie sich die Grundstimmung gewandelt hat, kann man schon daran erkennen, dass die Pille für den Mann seit Jahrzehnten nicht auf den Markt kommt. Pharmafirmen schrecken vor der Entwicklung eines neuen Kontrazeptivums zurück. Die postmoderne Ängstlichkeit und besonders die ruinöse Prozesskultur bremsen Innovationen, bevor sie sich bewähren können.

(...)

Djerassis Weltrevolution wurde durch die Sehnsucht nach Freiheit entfacht. Es ist, frei nach Marx, die Gesellschaft, die Technologien vorantreibt – und nicht umgekehrt. Als ein Jahr nach der Einführung in Amerika die „Sex-Bombe“ („Bild“-Zeitung) in Deutschland auf den Markt kam, ließ sich die Gesellschaft der Adenauer-Ära anfangs nur recht zögerlich auf das neue Mittel ein.

Doch dann ging es plötzlich sehr schnell. Die 60er-Jahre waren die Zeit des Rock'n'Roll, einer nach Freiheit und Abenteuer gierenden Jugendkultur. Und die weibliche Hälfte der Jugend forderte die gleichen Freiheiten, die zuvor nur jungen Männern augenzwinkernd zugestanden worden waren.

Alte Leute kennen noch die Formulierung: „Sie ist ins Wasser gegangen.“ Das sagte man, wenn ungewollt schwangere und mittellose junge Frauen sich aus Verzweiflung das Leben nahmen. Diese Redensart ist ausgestorben. Ein Glück."


Michael Miersch im
Leitartikel der WELT vom 10.05.2010

Donnerstag, 6. Mai 2010

Griechenland ist wo?

Das Schöne an Klischees ist, dass sie, entgegen weitverbreiteten Vorurteilen, letztlich dann doch meist zutreffen.

Von den Griechen gibt es etwa das Klischee, dass sie es gern ein wenig gemütlicher angehen, Vorschriften eher großzügig auslegen und nicht gerade durch übertriebenen Arbeitseifer auffallen. Die Schlüsse daraus zu ziehen bleibt selbstverständlich Ihnen überlassen.

Und anderorts ist es auch nicht viel anders. Dass es um die englische Küche ähnlich schlecht bestellt ist wie um den deutschen Humor, wird jeder bestätigen können, der schon einmal in England gegessen beziehungsweise einen „Comedian“ im deutschen Fernsehen gesehen hat.

Von uns Österreichern gibt es übrigens das Klischee, dass wir es gern ein wenig gemütlicher angehen, Vorschriften eher großzügig auslegen und nicht gerade durch übertriebenen Arbeitseifer auffallen. Wie meinte schon der Ökonom Paul Krugman im Vorjahr: „Island und Irland geht es ziemlich schlecht, Österreich könnte sich dieser Liga anschließen.“ Da wollen wir mal hoffen, dass nicht jedes Klischee zutrifft.


oliver.pink@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2010)

Samstag, 27. März 2010

Dick oder dünn - das ist hier die Frage

Krach mit Soße

Für viele Amerikaner ist es eine Glaubensfrage: Sollte eine Pizza eine dicke Kruste, viel Tomatensoße und viel Käse drauf haben, wie sie in Chicago serviert wird - oder sollte sie dünn, biegsam und sparsam belegt sein wie in New York? An dieser Frage scheiden sich die Geister oft noch eher als an Konflikten über Partei- und Religionszugehörigkeit.

Und ausgerechnet zu dieser Grundsatzfrage äußerte sich dieser Tage die First Lady der USA, Michelle Obama. In der New Yorker Pizzeria Grimaldi's soll sie verkündet haben, dass die dort produzierten Teigfladen besser seien als die aus Chicago.

Ein Verrat an der Heimat

Dicke Kruste und viel Käse oder dünner Teig und sparsam belegt - das ist mehr als eine Geschmacksfrage.Das alleine wäre schon schlimm genug. Doch die Obamas stammen aus Chicago - ihr Mann war dort sogar Senator. Ein Aufschrei ging durch die Medienlandschaft der "Windy City": "Pizzagate" war geboren. Korrespondenten wurden in die Pizzeria im Feindesland entsandt, um den umstrittenen Wortlaut der Restaurantkritik zu ergründen. Kommentatoren fragten, warum Michelle Obama überhaupt in der Öffentlichkeit die an Fett, Salz und Kohlehydraten reichen Teigfladen anpreist, während sie sich sonst doch so intensiv für gesunde Ernährung einsetze. (…)

Tagesschau-"Schlusslucht"

Sonntag, 6. Dezember 2009

Ersatzreligion?

Jeder braucht doch etwas, woran er glauben kann. Weil Gott bei uns durch die Aufklärung aus der Mode gekommen ist, wurden schon einige Ersatzreligionen ausprobiert. In den letzten Jahrzehnten gab es zum Beispiel das Waldsterben, die Technikfeindlichkeit und den Atomtod. Sie alle haben einen apokalyptischen Hintergrund, immer geht es auf dem direkten Weg in den Untergang. Zum Bedauern der Anhänger dieser Glaubensrichtungen ist der große Knall aber bislang ausgeblieben.

Jetzt setzen sie ihre Hoffnungen auf den Klimawandel. Auch wenn nicht so klar ist, was passieren wird. Riesenwellen werden Holland zerstören, aber zugleich die Ozeane so heiß werden, dass sie kochen. In den Alpen schmelzen die Gletscher und Dürrekatastrophen lösen Völkerwanderungen aus. Irgendwie so soll er kommen, der Endsieg von Mutter Natur.

Ein Großteil der Daten, auf die sich die Weltuntergängler stützen, ist manipuliert. Abweichende Erkenntnisse wurden gar nicht erst in Fachzeitschriften veröffentlicht. Die Weltuntergangs-Wissenschaftler hielten zusammen. Man wollte sich gegenseitig die Daten bestätigten, die man gesammelt hat. Mitmachen durfte nur, wer sich zum Weltuntergang bekannte. Mit Wissenschaft hatte das oft weniger zu tun, als mit dem Versuch, den Dogmatismus der katholischen Kirche zu kopieren. Warum diese Forscher nicht konsequenterweise Pfarrer wurden, ist dabei die eigentlich interessante Frage. Von der Schlechtigkeit der Welt hätten sie dann immer noch reden können, aber zumindest hätte man ihnen ihren Starrsinn als Glaubensstärker durchgehen lassen. So aber offenbaren sie nur ihre sehr seltsames Wissenschaftsverständnis.

Wobei sie aber nicht nur Täter, sondern auch Opfer sind. Immerhin bedienen sie ja nur einen Markt. Sie haben ihn nicht selbst geschaffen, die Menschen der Industrienationen verlangen danach. Die langweilen sich nämlich, so ganz ohne Kriege, in denen sie morden und gemordet werden können und umsorgt von Wohlfühlstaaten, die ihnen alle Sorgen abnehmen. Diesen Zustand können die meisten nicht aushalten. Wo sich Glück einstellen sollte, macht sich Langeweile und Frustration breit. Der Mensch braucht eben einen Weltuntergang, um sich sorgen zu können, also zufrieden zu sein. Sonst wird er nervös, launig und sieht keinen Sinn im Leben. Diese Marktlücke erkannte als erstes Al Gore und nichts beweist eindrucksvoller, wie groß die Sehnsucht nach der Vernichtung ist, als die Tatsache, dass man sogar mit dieser zu Mensch gewordenen Verneinung von Charisma, Eleganz und Sprachbegabung als Führungsfigur zufrieden war. In der Not sinken die Ansprüche.

Deswegen werden die aktuellen Enthüllungen über die Klimamafia, in der jährlich viele Milliarden umgesetzt werden, nichts an deren Popularität ändern. Wer das annimmt, geht immer noch davon aus, dass er es mit richtiger Wissenschaft zu tun hat und nicht mit einem Glauben. Selbst wenn noch tausendmal bewiesen wird, dass das Grabtuch von Jesus eine Fälschung ist, ändert das nichts an seiner Anziehungskraft. Genauso ist es auch mit dem Klimawandel, er ist mehr Religion als Wissenschaft, seine Protagonisten eher Propheten als Forscher. Der Klimawandel wird solange erfolgreich sein, solange er genug Anhänger hat.

Nicht-Mitglieder sehen die Sache nüchterner. Die Natur ändert sich, das hat sie schon immer getan und wird sie auch weiterhin. Das beweist nichts, außer, dass es eben keinen Stillstand gibt. Als Hannibal über die Alpen zog, gab es da auch keine Gletscher. Die kamen später und sie werden irgendwann auch wieder verschwinden.


Gideon Böss, Beliebte Religionen: Christentum, Islam, Klimawandel, welt.de

Das ist zwar ein geschliffener Kommentar, und tatsächlich ist die Lust am Weltuntergang natürlich da, aber dieses Mal ist es vielleicht doch ernster.

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Minarette

Die Mehrheit der Schweizer hat begriffen, was jeder Muslim weiß: Minarette sind kein bloßer Bauschmuck, sondern politische Symbole, sie verkörpern einen Machtanspruch. Sie dienen daher keineswegs dem Religionsfrieden, den die Schweizer auf alle Fälle wahren wollen.

Aus einem Kommentar im Deutschlandradio Berlin

Montag, 7. September 2009

Konvervative Berufswünsche österreichischer Mädchen

"Frisörin, Bürokauffrau oder Einzelhandel". Das ist eine Antwort, die Eva Bauer von Mädchen auf die Frage nach ihren Berufswünschen oft bekam. Eva Bauer war zwei Jahre für den Salzburger Girls' Day tätig und arbeitete somit daran, das Auswahlspektrum an Berufen für junge Frauen und Mädchen zu vergrößern und Möglichkeiten in technischen Berufen aufzuzeigen. Mädchen ab 11 Jahren können seit 2001 an dem Aktionstag in verschiedenste technische Berufe schnuppern und so Interessen und Fähigkeiten ausloten. Der Girl´s Day findet mittlerweile österreichweit statt und wird von jedem Bundesland selbst organisiert.

Bevor Eva Bauer Ende Oktober ihre Tätigkeit als Girls' Day-Projektleiterin beendet, sprach dieStandard.at mit ihr über ihre Erfahrungen, "konservative" Jugendliche und die Auswirkungen von Initiativen wie dem Girls' Day auf den Arbeitsmarkt.

*******

dieStandard.at: Wie schätzen Sie den Einfluss von Initiativen wie den Girls' Day ein: Können solche Projekte eine Trendwende auf dem Arbeitsmarkt bewirken?

Eva Bauer: Derartige Initiativen haben zumindest eine Trendwende angestoßen. Dass es neben dem Girls' Day auch Projekte gibt wie MUT ("Mädchen und Technik") oder speziell in Salzburg das Projekt meet ("Mädchen entdecken EDV und Technik"), das auch ganzjährig durchgeführt wird, werte ich als positives Signal und dass die Notwendigkeit geschlechtersensibler Berufsorientierung erkannt wird. Aber von einer generellen Trendwende kann man noch nicht sprechen, dazu müssten die Initiativen noch verstärkt und ausgebaut werden.

dieStandard.at: Ist Ihrer Erfahrung nach den Mädchen bewusst, dass sie in einem "typischen Frauenberuf" schlechtere Verdienstmöglichkeiten haben?

Eva Bauer: Gute Verdienstmöglichkeiten stehen bei den Mädchen nicht im Vordergrund. Sie wählen in erster Linie nach ihren Fähigkeiten und Interessen aus, die von den Mädchen oft als eingeschränkter wahrgenommen werden als sie es tatsächlich sind. Geprägt von den stark vorhandenen Rollenbildern ist für viele zumindest die Richtung, die sie einschlagen wollen, schon sehr früh klar. Die Palette an Lehrberufen, aus denen die Mädchen dann wählen, kommt aus einem sehr eingeschränkten Spektrum, in dem man niedrigere Gehälter bezieht, wie etwa im Sozialbereich, im Einzelhandel oder als Bürokauffrau und Frisörin. So etwas stellen sich die meisten Mädchen für sich vor. Wenn man sie allerdings fragt, was sie beispielsweise in ihrer Freizeit machen, kommt dann schon "ich spiele sehr gern Computer". Auf die Frage, ob sie sich vorstellen können, einen EDV-Beruf zu ergreifen, kommt dann aber: "Nein, das kann ich nicht." Es kostet viel Mühe, die Mädchen zu überzeugen, dass sie bei der Berufswahl eben jene persönlichen Interessen berücksichtigen sollten.

dieStandard.at: Was den Verdienst anbelangt: Sehen sich die Mädchen manchmal schon in der Rolle der "Zweitverdienerin" oder "Zuverdienerin"?

Eva Bauer: Ja, die Vorbereitung auf die spätere Rolle der Mutter spielt sicher eine Rolle. Die Burschen beeinflusst wiederum die Vorstellung, später mal eine Familie erhalten zu müssen.

dieStandard.at: Sind die Jugendlichen tatsächlich so konservativ?

Eva Bauer: Ja, was die Berufswahl betrifft, sind sie sehr konservativ. Es ist ja auch eine Tatsache, dass viele Eltern nach wie vor mit sehr traditionellen Rollenverteilungen leben und Frauen nur geringfügig oder Teilzeit arbeiten. Dass es umgekehrt ist, wird noch immer als Ausnahme wahrgenommen. Auch Heirat und Kinder bekommen hat einen großen Stellenwert. Es ist natürlich begrüßenswert, dass sich die Mädchen mit Familienplanung beschäftigen, allerdings werden dabei Beruf und Verdienstmöglichkeiten wenig berücksichtigt und so werden bei der Berufswahl auch meist nur die Klassiker Einzelhandel, Gastronomie oder Büro in Betracht gezogen.

(...)

dieStandard.at: Wo sehen sie Möglichkeiten, den Girls' Day noch zu verbessern?

Eva Bauer: Initiativen wie der Girl´s Day oder auch FIT ("Frauen in die Technik") sind auf eine Ausweitung des Spektrums der Berufswahl und Chancengleichheit ausgerichtet. Was aber derzeit noch ausgeklammert wird, ist, dass auch Mädchen mit Beeinträchtigungen technische Berufe ergreifen möchten. Diese Mädchen werden meiner Meinung nach noch nicht ausreichend angesprochen. Wenn man Firmen etwa fragt, ob sie barrierefrei sind, wird oft schnell nein gesagt, weil davon ausgegangen wird, dass damit eine Rollstuhlrampe gemeint ist. Dass aber auch Mädchen in einen Betrieb kommen könnten, die beispielsweise eine Sehbeeinträchtigung haben, daran wird nicht gedacht. Dadurch werden Mädchen mit Beeinträchtigungen ziemlich ausgeschlossen. Viele wissen auch beispielsweise gar nicht, dass beeinträchtigten Personen ArbeitsplatzassistenInnen zur Seite gestellt werden können, die von den Bundessozialämtern finanziert werden. Für den Raum Salzburg ist 2007 eine Studie erschienen, die diese Problematik sehr gut aufzeigt und auch eine Reihe von Maßnahmen vorschlägt. Der Girl´s Day könnte eine gute Möglichkeit sein, dahingehend einiges zu verbessern.

(...)

ieStandard.at: Hören Sie öfters den Einwand, dass mit Projekten wie dem Girl´s Day Burschen diskriminiert werden?

Eva Bauer: Ja, sehr oft. Für Außenstehende ist oft nicht klar, dass es überhaupt nicht darum geht, Burschen aus Berufen zu verdrängen. Es geht darum, junge Frauen überhaupt mal auf bestimmte Berufe aufmerksam zu machen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Mädchen zwar Interesse an dem einen oder anderen technischen Beruf haben, sich aber schlichtweg nicht trauen, um einen Schnupperplatz anzufragen. Für so etwas ist der Girls' Day sehr hilfreich, sie müssen selbst nicht anrufen und können das alles über uns machen. Vor kurzem erst ist es erst passiert, dass ein Mädchen bei einer Autowerkstätte angerufen hat, wo ihr gesagt wurde, dass sie generell keine Mädchen aufnehmen. Natürlich ruft dieses Mädchen als nächstes in einem Büro an. Der Zugang ist einfach nicht derselbe, den Burschen haben. (Die Fragen stellte Beate Hausbichler, dieStandard.at, 6.9.2009)

Meine Erfahrungen bestätigen diese Einschätzung völlig. Österreich ist nach wie vor ein konservatives Land, die Ideale und Lebensvorstellungen der Jugendlichen hier sind sehr viel traditioneller als etwa in Deutschland.


Mittwoch, 2. September 2009

Zu Tode gesichert auf dem Weg nach unten

Schon auf dem Weg nach unten? Zumal sehr viel darauf hindeutet, dass selbst ein geordneter Schuldenabbau den langen wirtschaftlichen Abstieg Europas nicht mehr verhindern kann – den dürften wir nämlich längst anzutreten begonnen haben. Das heißt nicht, dass Europa vor der Verarmung stünde – die Bewohner des Alten Kontinents werden noch über Jahrzehnte hinaus überproportional wohlhabend bleiben. Das Problem liegt allerdings darin, dass die Bevölkerung überaltert und schrumpft. Was wiederum bedeutet, dass die Financiers der Wohlfahrtsstaaten sukzessive ausdünnen, während die Zahl jener Menschen, die immer höhere Forderungen an die abnehmende Zahl von Aktiven stellt, rasant wächst.

Zu lösen wäre dieses Dilemma über immer neue Schulden oder eine deutliche Steigerung der Produktivität. Letzteres wiederum geht nur über Innovationen. Und genau da scheint Europa längst nicht mehr die erste Adresse zu sein. Es ist kein Zufall, dass Bill Gates und Steve Jobs nicht aus Wuppertal oder Palermo kommen und die großen europäischen Pioniere allesamt im letzten Jahrtausend lebten.

Zu Tode gesichert. Obwohl die sozialen Sicherungsnetze nirgendwo so dicht geknüpft sind wie in Europa, fürchten sich die Menschen nirgendwo in der Welt so vor Risiko wie in unseren Breiten. Wer wirtschaftlich scheitert, ist ebenso der sozialen Ächtung ausgesetzt wie jemand, der reich wird. Der unternehmerische Erfolg wird vielerorts noch immer als unverschämter Diebstahl an der Solidargemeinschaft verstanden – ungeachtet des Umstands, dass die Allgemeinheit ohnehin die Hälfte der Risikoprämie (Gewinn) des Unternehmers einstreift. Jedenfalls dürfte das nicht gerade das Umfeld sein, in dem jene Innovationen entstehen, die unser aller Wohlstand dauerhaft sichern.

Aber sehen wir die Sache einmal positiv. Die tobende Krise bringt nicht nur die Wohlfahrtsstaaten Europas in Schwierigkeiten, sie beschleunigt auch den wirtschaftlichen Aufstieg jener Länder, deren Menschen bis dato wenig zu lachen hatten. Schon heuer geht das Wachstum der Weltwirtschaft fast zur Gänze auf das Konto der aufstrebenden Märkte Asiens und Südamerikas. Die drei teuersten Banken der Welt kommen mittlerweile aus dem roten China – wer hätte das vor zehn Jahren für möglich gehalten? Prognosen zufolge werden 2025 fünf der zehn größten Volkswirtschaften der Welt aus der Gruppe der heutigen Schwellenländer kommen. Das heute von Korruption zerfressene Indien soll dann zur Nummer drei der Welt aufgestiegen sein (hinter den USA und China).

Jung, gebildet, hungrig nach Erfolg. Mit einem Durchschnittsalter von 24,9 Jahren ist Indien vor allem eines: jung. Laut Klaus Malle von Accenture Österreich stehen dem Land mit einer halben Milliarde Menschen im erwerbsfähigen Alter doppelt so viele Arbeitskräfte zur Verfügung wie der gesamten EU. Knapp drei Millionen Inder verlassen jährlich eine Universität, womit nicht einmal der Bedarf der Hightechsektoren gestillt werden kann. Dennoch wird sich Indiens Wirtschaftsleistung in den nächsten 15 Jahren verfünffachen.

Gemessen an der Wirtschaftsleistung pro Kopf werden die Helden von morgen den wohlhabenden Europäern noch länger unterlegen sein. Allerdings zählen allein China und Indien mehr als 123 Millionen Mittelschichthaushalte – das ist mehr als die Anzahl aller Haushalte in den USA. Im Jahr 2025 werden über die Hälfte aller Elektronikgeräte, Autos, Nahrungsmittel und Textilien in den aufstrebenden Märkten verkauft. Die Verbraucher in China, Indien, Russland, Südkorea, Brasilien und Mexiko werden jüngsten Schätzungen zufolge in 15 Jahren 25 Billionen Dollar für Konsumgüter ausgeben – und damit mehr als die Menschen in den USA, Japan und Westeuropa.

Der Gartenzaun als Messlatte. Während die Bewohner der unterprivilegierten Regionen in der Marktwirtschaft den schnellsten und sichersten Fluchtweg aus der Armut sehen, warnen in Europa durchaus intelligente Zeitgenossen vor dem „ungezügelten Kapitalismus“, der den Sozialstaat zerstöre. Und das in Ländern, in denen die öffentliche Hand der größte Wirtschaftsfaktor ist, in denen 30 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung für Soziales ausgegeben und 50 Prozent Einkommensteuer eingehoben wird.

Wenn mitten in der Wirtschaftskrise zur Sicherung des Wohlstandes angeregt über die Einführung der 35-Stunden-Woche diskutiert wird (obwohl sich dadurch die menschliche Arbeitskraft schlagartig um zehn Prozent verteuert), ist schon eine Menge über Europas Zukunftschancen gesagt. Arm ist in unseren Breiten eben nicht, wer kein Dach über dem Kopf oder nichts zu essen hat. Sondern wer nicht mehr mit 58 in Pension gehen darf oder mit einem etwas weniger luxuriösen Lebensstandard zurechtkommen muss als sein Nachbar.

So gesehen ist es nach Jahrhunderten europäischer Dominanz vielleicht kein Fehler, Menschen aus anderen Teilen der Welt am reichlich gedeckten Tisch des Wohlstands Platz zu machen.

Aus: Franz Schellhorn, Europa: Reich und schwach, Die Presse 30.8.2009

Dienstag, 1. September 2009

Fragiles Lebensgefühl

Würden Sie zustimmen, dass die Auffassung, Israel befindet sich in existenzieller Bedrohung, eher eine rechte ist?

Ich würde zustimmen, dass die Rechte paranoider ist, aber auch in der Linken gibt es längst nicht mehr die Sicherheit, dass Israel existieren wird. Von außen macht Israel den Eindruck, stark zu sein, militant, aggressiv, eine Supermacht. Wer hier lebt, weiß, wie sehr das israelische Lebensgefühl von Verletzbarkeit und Zerbrechlichkeit geprägt ist und von der Bedrohung, in 20 Jahren vielleicht nicht mehr zu existieren. Die Angst, nicht mehr zu sein, ist ein Grundpfeiler der israelischen Erfahrung. Die Angst, dass eine große Katastrophe bevorsteht. Es gibt kein anderes Land auf der Welt, das vom Iran bedroht wird, ausgelöscht zu werden. Gegen uns wurde das Todesurteil verhängt. Und mehr als das: Es gibt kein anderes Land auf der Welt, dem, wenn es einen Fehler macht oder es ein Verbrechen begeht, wie es Israel von Zeit zu Zeit tut, das Existenzrecht abgesprochen wird. Nach der irakischen Invasion in Kuwait, als Saddam Hussein auszog, um tausende Kurden zu morden, hat niemand gesagt, dass der Irak kein Existenzrecht hat. Nur über Israel wird das gesagt, und das ist unerträglich.

Aus einem Interview der "Presse" mit dem Autor David Grossman

Neonazis im Netz

Menschen, die im realen Leben kontaktarme Außenseiter sind, finden hier eine zweite Chance, aber auch Leute, die aus guten Gründen in normalen Kreisen als suspekt und unerwünscht gelten. Neonazis haben von Anfang an das »Weltnetz« intensiv genutzt. Neu ist, daß die braunen Kameraden mittlerweile wie der berühmte Fisch im Wasser in einem virtuellen Biotop schwimmen. Es hat sich eine Allianz von klassischen Faschisten über paranoide Verschwörungstheoretiker bis zu unpolitischen Esoterikjüngern gebildet. Bernd Merling hat dafür die Bezeichnung »Faschismus 2.0« geprägt und eine Initiative zur Durchleuchtung und Bekämpfung obskurer Cyberkrieger gegründet (www.faschismus2.de).

Der gemeinsame Nenner dieser heterogenen Randgruppen ist ein Selbstverständnis als »Ausgegrenzte«. Im Namen von »Meinungsfreiheit« und »unabhängiger Information« führen sie erklärtermaßen einen »Infokrieg« gegen »Zensur« und »Manipulation« durch die »Herrschenden«. Dazu nutzen sie gezielt die zunehmend populären virtuellen Sozialnetzwerke, in denen sie als ganz harmlose Individuen und »kritische« Zeitgenossen mit »eigener Meinung« auftreten und für ihre »unabhängigen« Informationsquellen werben.

Dringend Gold kaufen

Diese tragen Namen wie »Alles Schall und Rauch«, »Politik Global«, »Secret TV«, »Wahrheitsbewegung« oder gar »Radio Utopie«. Sie alle nehmen für sich in Anspruch, »freie unabhängige Meinungen«, »alternative Nachrichten« und »neutrale Informationen« zu verbreiten. Als solche deklariert werden alle möglichen Enthüllungen, die beweisen sollen, daß der »Globalismus« von Geheimzirkeln der »Finanzelite« mit den Mitteln des Massenbetrugs organisiert wird. »Infokrieg TV« ist ein direkter Ableger der Organisation des konservativen US-Journalisten und Verschwörungstheoretikers Alex Jones, der uns dringend zum Ankauf von Gold rät. Sehr nahe steht der Infokrieger-Szene die Leipziger »NuoViso Filmproduktion«. Und wer hätte gedacht, daß die unter die »Wahrheitskämpfer« gegangene Punk-Diva Nina Hagen über Kanäle wie MySpace außer ihrem altbekannten Ufo-Schmarrn auch Propaganda gegen »Talmud-Juden« und »Massenmord durch Zwangsimpfung« verbreitet?

Die Inhalte werden so verpackt, daß sie »kritisch«, ja sogar »antifaschistisch« erscheinen können – denn faschistisch ist nach Ansicht der Infokrieger die angebliche geheime Weltregierung der »Finanzelite«. Ein das Finanzkapital von den Produktionsverhältnissen isolierender Pseudo-Antikapitalismus wird mit Verschwörungstheorien amalgamiert, die desorientierten Kleinbürgern und Deklassierten, Verängstigten und Frustrierten die Auseinandersetzung mit einer komplexen Realität ersparen: Die Anschläge vom 11. September wurden angeblich von der CIA organisiert, Klimawandel und Energiekrise sind pure Propaganda von Abzockern, die Schweinegrippe ist reine Erfindung der Pharmaindustrie. Ach ja, das Grundgesetz wurde durch die Wiedervereinigung Deutschlands ungültig, was die vortreffliche Gelegenheit bieten soll, echte »Volksmacht« durchzusetzen. Kein Wunder, daß solche »Erkenntnisse« regelmäßig vom offen neonazistischen Nachrichtenportal »Altermedia« übernommen werden. Doch auch die ganz grob der computerverblödeten Kleinbürgerlinken zuzurechnende »Piratenpartei«, welche die Hauptprobleme unserer Epoche im Cyberspace sieht, ist Unterwanderungsversuchen der »Infokrieger« ausgesetzt.

Nicht einig

Stehen hinter all dem Übel »Zionisten«? Da sind sich die »Wahrheitskämpfer« nicht ganz einig. Hartgesottene Antisemiten springen auf Komplottkonstrukte aller Art immer an, mit sanfteren Varianten gewinnt man jedoch zusätzlich die Sympathien von Naturheilkunde-Aposteln, die Schutzimpfungen für ein Verbrechen von »Schulmedizin« und »Pharmalobby« halten. Pluralistisch ist man auch in der Auswahl der Quellen: Man beruft sich auf Autoren von dem rechtskonservativen Islam-Hasser Udo Ulfkotte bis zum Möchtegern-Volksfrontpolitiker Jürgen Elsässer. Dessen »Volksinitiative gegen Finanzdiktatur« will jetzt gemeinsame Stammtische mit den Infokriegern aufbauen.

Schon die historischen Nazis hatten differenzierte ideologische Angebote für verschiedene Zielgruppen: Nietzsche und Wagner für die Kultur­intelligenz, neuheidnische Esoterik für den eingebildeten Germanenadel, »deutsches Christentum« fürs Landvolk und Kleinbürgertum. Nichts davon paßte zusammen, aber eine zentralisierte Staatsmacht konnte es irgendwie zusammenschustern. Der neue »Faschismus 2.0« unterscheidet sich vom in Reih und Glied marschierenden Führerprinzip-Faschismus dadurch, daß im Cyberspace keine Kontrollinstanz existiert, welche die Widersprüchlichkeit all der in diesem Umfeld gedeihenden ideologischen Sumpfblüten bändigen kann. Diese unreglementierte Freiheit des individuellen Ausdrucks hat zur Folge, daß im Milieu der Infokrieger inmitten von völkischen Antiglobalisten und Grundgesetz-Leugnern, Impfgegnern und Mondlandungsskeptikern regelmäßig Personen auftauchen, bei denen es sich offenkundig um Psychopathen handelt. Nicht einmal die Geschickteren unter den Bekloppten dürften in der Lage sein, den völlig Ausgetickerten die für eine politische Bewegung im wirklichen Leben nötige Disziplin aufzuerlegen. Weshalb von dieser virtuellen Bewegung für die reale Welt auch keine Gefahr ausgeht. Nervtötend ist sie trotzdem.

Henning Böke: Unter Infokriegern, Junge Welt 25.08.2009

Verschwörungstheorien sind en vogue, wie immer in Krisenzeiten. Und das Netz ist eine Plattform mit vielen Möglichkeiten, auch zur raschen Verbreitung von radikalem Gedankegut und höherem Blödsinn. Im Umgang mit meinen Schülern fällt mir immer wieder auf, wie unkritisch sie mit dem world wide web umgehen. "Es stand doch im Internet", ja - aber das heißt doch noch lange nicht, dass es auch wahr ist. Wenn ein Schüler ein Referat über eine Sekte halten soll und sich nur auf deren Selbstdarstellung verlässt, wird wenig Sinnvolles herauskommen. Medienerziehung in der Schule ist ebenso schwierig wie nötig.

Damnatio memoriae - modern version

Im Gaza-Streifen will die herrschende radikalislamische Hamas verhindern, dass Kinder im Schulunterricht über den millionenfachen Mord an den Juden informiert werden. Der Holocaust sei eine "zionistische Lüge".

In einem am Sonntag veröffentlichten offenen Brief der radikalislamischen Hamas an die zuständige UN-Hilfsorganisation für palästinensische Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) wird der Holocaust offen bestritten und als Lüge bezeichnet.

"Wir lehnen es ab, dass unsere Kinder eine Lüge lernen sollen, die von den Zionisten erfunden wurde", schrieb ein Hamas-Komitee an den Geschäftsträger der UNRWA im Gaza-Streifen, John Ging.

Die Presse

Holocaust? Massaker an den Armeniern? Hat es nie gegeben. Wann werden Menschen endlich so erwachsen, dass sie es nicht mehr nötig haben, Geschichte einfach wegzulügen?


Dienstag, 25. August 2009

Vietnam und Afghanistan

Walser: Aber was sind das für Argumente! Joffe wirft mir vor, dass ich den Afghanistankrieg mit dem Vietnamkrieg verglichen habe. Das sei ein uralter Trick der Rhetorik, mit Analogien etwas beweisen zu wollen. Was soll das? Warum sollen die beiden Kriege nicht miteinander verglichen werden? Es ist unheimlich schwer, aus Afghanistan wieder herauszukommen. Dieser Krieg hat die Tendenz, zu wachsen und zum Alltag zu werden. Die Sowjetunion ist an Afghanistan praktisch kaputt gegangen. Und wir haben das Beispiel Irak-Krieg. Ich verstehe diese ganzen Experten nicht, die einen Krieg beginnen, ohne zu wissen, wie man ihn wieder beenden kann.

WELT ONLINE: Anfangs erschien der Afghanistankrieg ja als der „richtige“ Krieg gegen den Terrorismus mit klarem Mandat und klaren Zielen, ganz anders als die Irak-Invasion, deren Rechtfertigungen von der amerikanischen Regierung zusammengelogen worden waren.

Walser: Ja, und deshalb nennt der Herr von Klaeden die Taliban „Verbrecher“. Der Krieg ist also ein „Einsatz“ gegen „Verbrecher“. Wer soll da etwas dagegen haben? Nein, nein. Auch in Afghanistan wird die Legitimierung des Krieges künstlich produziert.

WELT ONLINE: Siebzig Prozent der Bevölkerung sind gegen den Krieg in Afghanistan. Aber eine richtige Erregung darüber ist nicht zu spüren.

Walser: Es gibt heute keine Studentenbewegung. Ohne die Studenten wäre der Vietnamkrieg in den Sechzigerjahren auch hingenommen worden. Wie dem auch sei. Solange mir von der Politik kein Konzept angeboten wird, wo er hinführen soll und wie er beendet werden kann, so lange halte ich diesen Krieg für verderblich.

Martin Walser im Interview der WELT

Man mag ihn mögen oder nicht - wenn Martin Walser sich zu Fragen der Politik äußert, sind die Meinungen wenigstens ebenso geteilt wie bei der Qualität seiner Bücher. Der Vergleich zwischen Vietnam und Afghanistan legt sich aber jedem aufmerksamen Zeitgenossen inzwischen nahe. Der Unterschied liegt in der Internationalität des Einsatzes. Aber zu gewinnen ist ein solcher Krieg im unwegsamen Bergland Afgahanistan ebensowenig wie damals in Vietnam.

In Vietnam ging es um die Verhinderung eines Domino-Effekts. Das Spiel ist noch dasselbe, nur der Gegner ist ein anderer.

Vergleichbar ist vor allem der Grad der ideologischen Fanatisierung des Guerilla-Gegners, der bei muslimischen Kämpfern wahrscheinlich noch höher ist als bei den Vietkong.

Freitag, 21. August 2009

Koranverse - nicht ohne böse Absicht ausgewählt



Die "Bürgerbewegung Pax Europa" nennt als Ziele: "Für europäische Werte & Freiheiten - gegen Islamisierung".

Es geht bei dieser Plakataktion mit Koranversen um die Entlarvung des Islam als intolerante und gewaltbereite Religion. Ein ähnlicher Nachweis wäre für das Judentum und das Christentum natürlich auch nicht schwer...

Freitag, 14. August 2009

Zweierlei Maß

Man stelle sich mal vor, Christen würden in Marburg einen prominenten Referenten zur öffentlichen Proklamation des christlichen Glaubens einladen. Wir würden das Stadion mit 5.000 Menschen füllen, pro Kopf 50 Euro Eintritt verlangen, Devotionalien und Merchandising jeder Art feilbieten. Der Starredner würde sich mit "Gottkönig" anreden lassen und in einer Luxuslimousine vorfahren. Die Medien würden zu Recht Sturm laufen. Volker Beck würde den Bundestag mit Anfragen befassen und Roland Koch und der Marburger Oberbürgermeister würden gezwungen, sich von dieser Veranstaltung zu distanzieren. Die Universität würde öffentlich aufgefordert werden, keine Räume für dieses pseudo-wissenschaftliche Spektakel bereit zu stellen.

Kürzlich hat der Dalai Lama in der Commerzbank-Arena in Frankfurt gesprochen. Ein total kommerzialisierter Auftritt mit Eintrittspreisen bis zu 200 Euro. Keine Anfrage der Medien zur Rolle der Frau im Buddhismus, keine Anfrage zur Rolle von Schwulen und Lesben. Der Dalai Lama hält Homosexualität für ein Fehlverhalten, das ein falsches Karma nach sich ziehen würde. Im Januar 2001 antwortete er in einem Interview mit der französischen Zeitung "Dimanche" auf die Frage, was er über Homosexualität denke: "It's part of what we Buddhists call 'bad sexual conduct'. Sexual organs were created for reproduction between the male element and the female element -- and everything that deviates from that is not acceptable from a Buddhist point of view."

Am Montag dieser Woche hat die Marburger Philipps-Universität dem "Gottkönig" die Ehrendoktorwürde verliehen. Demos gegen Vermischung von Religion und Wissenschaft, Sitzblockade an der Auffahrt zum Schloss, Schmierereien an Häusern von Lama-Sympathisanten? Fehlanzeige! Gut so! Rückfragen zur wissenschaftlichen Begründung der Ehrendoktorwürde sind kaum laut geworden. Das sonst schnell aufgebrachte, wissenschaftlich aufgeklärte und politisch korrekte Marburg bleibt verdächtig stumm. Keiner will die religiösen Gefühle des Gastes und seiner Jüngerinnen und Jünger verletzen. Gut so! Aber die religiösen Gefühle der Christen in Marburg durften im Zusammenhang mit dem evangelikalen APS-Kongress mit Füßen getreten werden. Kongressreferenten und Teilnehmer wurden massiv unter Druck gesetzt. Der liebenswürdige Mann aus dem Exil hingegen wird gefeiert. Er lächelt.

Ich kritisiere nicht den Dalai Lama, auch nicht seine Religion! Seine Verdienste für Tibet und den Frieden sind unbestritten! Ich frage nur, warum die Parteien und Gruppierungen vom Aktionsbündnis gegen den APS-Kongress jetzt alle wegschauen? Zur Frage, warum der APS-Kongress so scharf angegriffen wurde, schreibt Hansjörg Hemminger, Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Kirche in Württemberg, in der neuen Ausgabe des "EZW-Materialdienstes" (8/2009, S. 283f.): "Die linken Flügel der Grünen und der SPD sowie die Linkspartei sind seit einiger Zeit dabei, die evangelikale Bewegung zum Feindbild aufzubauen. Dahinter steckt ein simples Machtkalkül: Der Kampf gegen die Religion, der vor 2001 in der alten Bundesrepublik kaum von politischer Bedeutung war, ist inzwischen Anliegen eines Klientels, um das Grüne und SPD mit der Linkspartei konkurrieren." Ein bemerkenswertes Zeitzeichen! Bleiben wir wachsam!


Jürgen Mette ist Geschäftsführer der Stiftung Marburger Medien.
www.marburger-medien.de


Man muss kein Freund der Evangelikalen sein, um zu erkennen, dass hier tatsächlich sehr deutlich mit zweierlei Maß gemessen wird.

Keine Frauenquote für Medizin

NACH MEDIZINER-TESTS

Hahn lehnt Frauenquote an Med-Uni ab

Minister Hahn: "Quoten würden nur das Symptom verdecken."

Wissenschaftsminister gegen Rasingers Vorschlag

Wien - "Man kann nicht an der Oberfläche operieren, wenn eine Wurzelbehandlung nötig ist" : Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) lehnt eine Frauenquote an den Medizin-Unis ab. VP-Gesundheitssprecher Erwin Rasinger, hatte via Standard gefordert, 50 Prozent der Studienplätze verpflichtend an Anwärterinnen zu vergeben. Grund: Bei den Aufnahmetests zum Studium ergattern Frauen regelmäßig weniger Plätze als Männer. Weil die gestellten Fragen, wie Rasinger glaubt, Letztere bevorzugen würden.

Hahn glaubt das nicht, schließlich würden an den Unis in Wien und Graz unterschiedliche Tests verwendet, die aber zum selben Problem führten. "Es liegt vor allem an der unterschiedlichen Kultur bei der Benotung in den naturwissenschaftlichen Fächern in der Schule, wo junge Frauen weniger gefordert werden als männliche Schulkollegen" , meint der Minister: "Zusätzliche Kategorien von Quoten würden nur das Symptom verdecken, nicht aber die Ursache für das unterschiedliche Abschneiden behandeln. Ich bin dafür, dass die Ursache behoben wird." Und da sei das Bildungsministerium gefordert, "die Lehrkräfte für eine gleiche Kultur in der Benotung zu sensibilisieren."

Den Universitäten macht die Schieflage zwischen Männern und Frauen auch Sorgen. Wien kündigt ein Forschungsprojekt an, in Graz soll der Test weiterentwickelt werden, um auch Fähigkeiten wie soziale Kompetenz zu belohnen. Erste Erkenntnis: Auch der Altersunterschied - Männer treten oft nach Bundesheer oder Zivildienst an - spielt eine Rolle. Gleichaltrige Männer und Frauen schnitten in Graz jedenfalls gleich gut ab.

Nein der Frauenministerin

Auch von Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek bekommt Rasinger keine Schützenhilfe. "Die Idee klingt verlockend, und ich bin auch eine Pro-Quo-Frau" , sagt die Sozialdemokratin. Im Fall der Medizin-Unis hält Heinisch-Hosek eine Quote aber nicht für klug, weil sie sich den Rückstand der Frauen ebenso wie Hahn mit den eingefahrenen "Rollenbildern im Bildungsbereich" - Mädchen werden in Naturwissenschaften weniger gefördert - erklärt. Außerdem verweist sie auf die knappen Studienplätze: "Ich will niemanden, der besser qualifiziert ist, benachteiligen. Keinen Mann und keine Frau." (Gerald John/DER STANDARD-Printausgabe, 14.8.2009)

Die Ergebnisse der Aufnahmetests hatten ein unerwünschtes Ergebnis gebracht: Die Männer schnitten besser ab...

Donnerstag, 13. August 2009

Heiliges christliches Polen...

In Polen darf die Popsängerin Doda Elektroda wegen abfälliger Äußerungen über die Bibel nicht mehr im Staatsfernsehen TVP auftreten.

«In unserem Fernsehen dürfen keine Personen auftreten, die öffentlich Ansichten vertreten, die die Gefühle von Christen verletzen», sagte TVP-Sprecher Wojciech Bosak am späten Mittwochabend in Warschau. Die 25-Jährige hatte in einem Interview mit der Zeitung «Dziennik» erklärt, «irgendwelche Kerle», die viel Wein getrunken hätten, hätten sich die «Geschichten» in der Bibel ausgedacht.

Nach Angaben des privaten Nachrichtensenders TVN24 beschäftigt sich auch der Generalstaatsanwalt und Justizminister Andrzej Czuma mit den Äußerungen Dodas. Die Sängerin, die mit bürgerlichem Namen Dorota Rabczewska heißt, ist eine der bekanntesten Stars des polnischen Showgeschäfts. Sie selbst bezeichnet sich als gläubig und den verstorbenen polnischen Papst Johannes Paul II. als ihr «großes Vorbild».

Quelle: epd, zit. n. jesus.de