Ich küsse gern. Und in Belgien gibt es auch reichlich Gelegenheit dazu. Zur Begrüßung: Küsschen. Zum Abschied: Küsschen. Männer küssen Frauen. Frauen küssen Frauen. Männer küssen auch Männer. Wange an Wange, Bartstoppel an Bartstoppel. Eigentlich also ein reges Betätigungsfeld für mich.
Nur: Wen wann, wie oft - das ist und bleibt rätselhaft. Kein Witz: Für Frankreich gibt es eine Internet-Seite, die Hilfestellung leistet. Da lerne ich, dass in manchen Regionen Frankreichs bis zu fünf Mal geküsst wird.
In Belgien hätte man diesen Wegweiser auch dringend nötig. Denn oft sieht man, dass flächendeckend, aber nur "einmal" geküsst wird. Also mache ich es nach. Und erlebe doch so oft, wie mir dann doch noch die zweite Wange erwartungsvoll hingehalten wird.
Wer zu spät kommt, küsst ins Leere
Also beim nächsten Mal zweimal. Aber gerade will ich zum zweiten Busserl ansetzen, hat sich mein Gegenüber bereits abgewendet. Ich lande mit meinen geschürzten Lippen nicht auf dem Zielobjekt Wange, sondern irgendwo gegenüber zwischen Ohrläppchen und Halsansatz.
"Einmal" geht eben einfach schneller
Ich habe meine belgischen Freunde angerufen oder ihnen eine Mail geschickt: Wie macht Ihr’s? Und siehe da, es gibt Regeln. Aber jeder hat seine eigenen. Mein Freund Pierre, ein Meister des knappen, aber klaren Wortes, sagt: Auf alle Fälle nur "une bise" - also einmal. Alles andere sei Quatsch, den die Franzosen eingeführt hätten. Einmal, beschwören auch Benedicte und Xavier. Und eine andere Bekannte bestätigt das: Weil die belgischen Familien so groß seien, gehe "einmal" eben schneller.
Paquita aus Lüttich aber gibt zu bedenken: "Dreimal" sei dann angesagt, wenn man einen lieben Menschen ewig lange nicht gesehen habe. Wobei: Die Holländer - und davon gibt’s hier auch viele - greifen zupackend und grundsätzlich zu "dreimal". Oft mit buchstäblich ohrenbetäubender Wirkung.
Unter Männern nie mehr als einen!
Zweimal gehe auch, meint Karin aus Brüssel, nämlich dann, wenn man jemanden höflich, aber nicht zu freundschaftlich begrüßen wolle. Paquita aus Lüttich schreibt dagegen: Alles, bloß nicht zwei! Tomas aus Leuven meint, dreimal sei möglich, aber unter Männern bitte nie mehr als einen. Und in Flandern sowieso nicht. (...)
Christopher Plass, hr-Korrespondent in Brüssel, auf tagesschau.de
Belgien ist ein Land voller Wunder. Lebte ich nicht mittlerweile in Österreich, wollte ich gerne in Belgien leben, dem Land meiner Jugendträume, der Heimat von Pieter Breughel und Felix Timmermans.