Sonntag, 30. November 2008

Heiliger, höherer Blödsinn

Übergänge des Lebens sind auch Krisenzeiten: der Übergang von einem Leben im Mutterleib zu einem selbständigen Leben (Ritual = Taufe), der Übergang vom Kindsein zum Erwachsenen (Ritual = Konfirmation), der Übergang vom Allein-Leben zur Zweisamkeit (Ritual = Trauung), der Übergang von der Jugend zum Alter und zum Sterben (Ritual = Begräbnis) und viele, viele kleine Übergänge, die uns das Leben zumutet.
Der Übergang zwingt den Menschen, Veränderung auf sich zu nehmen. Aber: Veränderungen verunsichern. Denn der Mensch ist ein "antiquiertes Wesen" (Günter Anders), ihm machen Veränderungen Angst und bedrohen das seelische, soziale und gesundheitliche Gleichgewicht. Krisenzeiten bringen auch die Gefahr mit sich, in der Zeit des Rückzugs zu vereinsamen.

Das wussten die Menschen "schon immer". Deshalb sind Rituale menschheitsgeschichtlich sehr alt. Sie sind "Übergangshilfen", "Bezugsbrücken" zwischen dem Einzelnen und der Umwelt. Rituale können eine heilsame Wirkung entfalten, wenn sie nicht sinnentleert zelebriert werden, sondern mit neuem Leben und Ideen gefüllt werden. 
In der Geschichte sind Rituale oft missbraucht worden für Ideologien (z.B. die ritualisierten Aufmärsche, die die NS-Ideologie "erhöhten").

Durch die Veränderungen der Gesellschaft sind viele Rituale, die die Dorfgemeinschaft konsolidiert hat, in Vergessenheit geraten. Umso wichtiger ist es heute wieder, in der Stadt/ in der Gemeinde Rituale zu entwickeln und bestehende kirchliche Rituale lebendig zu feiern.
Rituale schaffen Erinnerung und deshalb sind sie für die Verarbeitung der Trauer unverzichtbar. Je mehr die Erinnerung an den Verlust lebendig gehalten wird und der Schmerz nicht verdrängt wird, desto eher kann Heilung stattfinden.

Zu lesen auf der Homepage der Wiener Superintendentur www.evang-wien.at

Aufgrund vielfacher Kritik soll diese Seite demnächst überarbeitet werden.

Waiting for wintertime

Denn wir leben immer auch in Beziehungen...

Der Wunsch, alles durch sich selbst sein zu wollen, ist ein falscher Stolz. Auch was man anderen verdankt, gehört eben zu einem und ist ein Stück des eigenen Lebens.
 
Dietrich Bonhoeffer

Samstag, 29. November 2008

Einsamer nirgends


Einsamer nirgends als mitten im Leben
auf bevölkerten Plätzen, da spürt man das Beben
der Seele mit all ihrem Sehnen und Fragen,
mit all ihrer Mühe, die Lasten zu tragen.

Einsamer nirgends als unter den Menschen.

Die Klause des Antonius
steht heute mitten auf dem Markt.
Nicht die Wüste, nicht der Wald
ist Einöde, Verzweiflungsort,
die Wüste ist mitten unter den Leuten
bei ihrem ernsthaften Planen
des Morgen, des Heute.

Der Wald der Einsamkeit und der Versuchung
beginnt im Café, in der U-Bahn
und bei der Reisebuchung.

Freitag, 28. November 2008

U-Bahn Thaliastraße

Bürger zweier Welten

Wie die Zeit einst heißen wird, in der wir gerade leben? Schwer zu sagen. Die Etiketteure der Gegenwart nennen unser Äon das Informationszeitalter. Die Epoche der digitalen Revolution.

Ich komme aus einer Zeit, die anders war. Aus dem Elektrozeitalter. Der Paganini unserer Tage hieß Hendrix und schlug Funken aus Stahlsaiten, die magnetisch aufgenommen durch Kabel liefen, in Elektronenröhren verstärkt wurden und sich in brachialsüßen Klanggewittern in unseren Herzen entluden. Stratocaster hieß sein Heldenschwert, und er schwang es mit links.

Hendrix musste man nicht mehr selbst begegnen, um von ihm glühend geschlagen zu werden, man konnte ihn auf Konserve hören. Im Radio, der Hexenkiste, auf kleinen Lautsprechern. Oder in Repetition auf dem Plattenspieler. Ein seltsames Ding, es residierte an der Grenze zwischen mechanischer und elektrischer Welt. Mit klitzekleinen elektrischen Verkabelungen im Inneren des Geräts, die in Lautsprechermembranen endeten, deren Schwingungen Hendrix in den Raum warfen. Oder Led Zeppelin. Oder Joni Mitchell. In einer Deutlichkeit, die den Atem raubte und im Ruf stand, Irrsinn und Taubheit auszulösen.

Eine Kopie war eine Kopie

Denjenigen, die es taten, war es klar. Das war nicht Jimi Hendrix, das war die Platte, der Zauber der Kopie. Mit der Magie war es vorbei, wenn sie einen Kratzer hatte. Sammler gingen also mit den schwarzen Klangscheiben um wie Priester mit der Hostie. Wenn wir die Texte von Bob Dylan und den Beatles in Umlauf bringen wollten, setzen wir uns an die Schreibmaschinen, schlugen Buchstaben auf Bündel von eingespannten Blättern, Abfolgen von Papier und Kohlefolien. So kopierten wir Texte in der analogen Zeit. Wir wussten, es gab ein Original, wir wussten, es gab eine Abschrift, und wir wussten, es gab die Kopie. Die Welt war in Ordnung.

Auch der Siegeszug der Fotokopie sollte das nicht verändern. Eine Kopie war stets eine Kopie. Eine Kopie sah aus wie eine Kopie, sie hatte Fehler und Artefakte. Der Hendrix auf der Bühne klang anders als der Hendrix von der Platte. Und der Hendrix, den wir in Umlauf brachten, klang überhaupt anders. Er kam von der Kassette, abenteuerlich von uns reproduziert. Zum Knacken und Rauschen der Vinylkopie hatte sich das eiernde Seufzen des schleppenden Bandzugs gesellt. Wir konnten die Fehler in jeder Deutlichkeit benennen. Diese Zeit ist vorbei.

Außer Vinylfreaks und Retrojunkies ergibt sich niemand mehr der Mühe analoger Reproduktion. Texte und Musik werden elektronisch erzeugt, Kopien sind Originale. Originale sind Kopien, flutschen als Megabytebündel durch Glasfaserkabel und Wireless-Netze. Das Digitalium, der Golem der Musikindustrie, hat sich selbst vervielfältigt, steht als Zauberlehrling am Brunnen und schöpft neue Zauberlehrlinge. (...)

Die digitalisierte Welt ist ein Paradies mit vielen Erkenntnisbäumen.
Google hat in seinen Serverfarmen die Universalbibliothek der alten Enzyklopädien mit der Wirklichkeit multipliziert, der Große Bruder arbeitet daran, die Gutenberggalaxis einzuscannen und digital aufzubereiten. Information ist jederzeit und von überall gleichermaßen abrufbar. Sogar vom Handy surfen wir, gerade einmal von Funklöchern gestört. Das Briefeschreiben, noch zu Hendrix' Zeiten nicht viel schneller als im Mittelalter, ist zum E-Mailen geworden und zeitlich nur mehr durch unsere Aufnahmefähigkeit und die Qualität unserer Spamfilter beschränkt. Und die Mucke kommt vom iPod, wo auch immer wir das wollen. Und wenn wir es können, kommt sie gratis.

Notizbuch zum Smartphone

Aber die Welt des digitalen Archivierens ist auch ein Paradies mit fauligen Früchten. Schon der Tsunami eines Festplattenabsturzes oder das Liegenlassen des Handys am Bartresen kann das Ende der Erinnerung bedeuten. Was nicht ausgedruckt ist, auf gutem altem Papier, ist möglicherweise für immer verschwunden. Und das ist der Knackpunkt: Weil wir das wissen, leben wir insgeheim in beiden Welten, in der digitalen und in der analogen.

Wir kaufen heimlich Schallplatten beim Vinyldealer (irgendwoher müssen die steigenden Verkaufszahlen von Platten ja kommen), fischen Mixtapes aus den Caritas-Schachteln, notieren Telefonnummern auf Servietten und Handflächen. Führen analoge Kalender und Notizbücher, parallel zu iPhone und Blackberry. Kaufen teure Füllfedern und spitze Bleistifte und schwurbeln damit unsere Moleskines voll. Auch wenn wir wissen, dass deren Geschichte vom Künstler-Notizbuch erfunden ist und die teuren Kladden in China produziert werden.

Immer öfter können wir deshalb Verabredungen nicht spontan zusagen - weil iPhone und Notizbuch gerade nicht am selben Ort liegen. Die digitale Wasserscheide, einst als Bild entworfen für die mutuelle Jenseitigkeit von analoger und digitaler Welt, ist zu einem Graben geworden, der mitten durch uns läuft.


Andrea Maria Dusl: Dieser Schnitt geht tief, DER STANDARD Rondo, 28. November 2008

Donnerstag, 27. November 2008

Ein rechtes Durcheinander
























Auslage einer Konditorei (!) in Grinzing.

Zum Nicolo gehört eben auch der Krampus.

Mumbai

Aus traurigem Anlass (Berichterstattung über die Terroranschläge) habe ich wieder eine österreichische Sprachbesonderheit kennengelernt: Die indische Großstadt, die in Deutschland Bombay heißt, nennt man hierzulande Mumbai. Oder ist das einfach die neue Schreibung? Im Spiegel finde ich das jetzt auch, der Deutschlandfunk, die Welt und andere Zeituzngen bleiben aber beim gewohnten Bombay. Ich gestehe: Ich bin verwirrt.

Man denkt, man ist auf dem Mond

Sie haben auch selbst viele Jahre in den USA gelebt ...

Insgesamt 15 Jahre. Nach der Wiederwahl von George W. Bush war es aber nicht mehr auszuhalten, da habe ich doch die Reißleine gezogen. Dass sie sich nicht aufgerappelt haben, das Trauerspiel zu beenden, konnte ich nicht verwinden.

Wie hat sich das Land unter Bush verändert, Ihrer Beobachtung nach?

Es ist unglaublich provinziell geworden. Die Hälfte der Amerikaner lebt auf einem anderen Planeten, in einem Parallel-Universum. Die haben nichts mit dem Rest der Welt zu tun.

Wird Obama es schaffen, die USA aus diesem tiefen Provinzialismus rauszuholen?

Das hat er eigentlich schon durch seine Wahl geschafft. Da muss man jetzt nur sehr viel tun. Die Amerikaner sind ja dermaßen desinteressiert, das ist furchtbar. Wenn man nur mal eine Stunde Fernsehen guckt, denkt man, man ist auf dem Mond. Ich traue Obama sehr viel zu, weil er sehr cool ist und sich jetzt richtig gute Leute holt. Und weil er im Prinzip auch weiß, wie schlecht es um dieses Land steht.

Aus einem Interview mit Wim Wenders

Weihnachtsdekoration am Frankfurter Flughafen


Beobachtung

Je mehr Ablenkungen, desto mehr Langeweile.

Einfach auf einem Stuhl sitzen, in aller Ruhe: Sitzen, da sein, nichts tun - wer kann das überhaupt noch?

Mittwoch, 26. November 2008

Marburg: Alte Universität


Überraschende Aktualität eines Klassikers

Ende der siebziger Jahre wurde in Westberlin eine Postkarte feilgeboten. Unter dem Konterfei von Karl Marx standen die ironischen Worte "Knapp daneben ist auch vorbei". Gemeint war damit, dass der Marxismus einpacken könne; schließen konnte man, dass jene, die ihm immer noch das Wort redeten, sich bitte bald packen sollten.

Als das Sowjetreich untergegangen war, brachte der Historiker Francis Fukuyama eine These unter die Leute, die weniger geistreich, dafür aber eingängiger war: Der habe nun ein für alle Mal gesiegt, die Geschichte sei zu Ende, denn zu anderem als dem Kapitalismus sei die Welt nicht bestimmt. Diese Behauptung war ungefähr so tiefsinnig, wie es ist, wenn ein Tyrann sich in die Brust wirft und schmetternd verkündet, er sei der Stärkste.

Das Kapital" statt Religion

Wer auf der Suche nach ehernen Gesetzen ist, die die Geschichte lehrt, kann bei Fukuyama fündig werden: Eine so steile und gleichzeitig so banale These wie die seine konnte nicht lange Bestand haben. Mit Fukuyamas Diktum wollen die Leute sich heute nicht mehr abfinden - es ist längst historisch geworden. Schon bevor die Finanzkrise über die Welt hereinbrach, waren die Schriften von Marx in Deutschland wieder gefragt.

Hartz IV und die Angst brachten die Leute dazu, die bestehenden Verhältnisse nicht fraglos hinzunehmen. Und wenn die Individuen sich über den Kapitalismus hinaus für andere Gesellschaftsentwürfe interessieren, wenn sie zu Citoyens werden, kann von einem "Ende der Geschichte" keine Rede sein. Es gibt - wie einst in den sechziger und siebziger Jahren - kleine Lesezirkel, die versuchen, Marx' Gesellschaftsanalyse zu verstehen.

Jetzt bekommen all jene Recht, die immer gesagt haben, dass Marx nicht auf den Müllhaufen der Geschichte gehört. Aber was genau ist es, was heute noch gilt? Der Historiker Eric Hobsbawm hat 1998 für eine Neuausgabe des "Kommunistischen Manifests" ein Vorwort geschrieben, in dem er darlegt, dass Marx eigentlich erst seit dem Ende des 20. Jahrhunderts wirklich aktuell sei.

"Produktivität" ist das Zauberwort

Im 19. Jahrhundert war die Weltwirtschaft noch nicht besonders entwickelt, die einzelnen Nationalökonomien konnten ihre Rechnungen ohne Rücksicht auf das Ausland machen. Erst die Revolutionierung des Transport- und Verkehrswesens nach dem Zweiten Weltkrieg, so Hobsbawm, habe eine "kosmopolitische" Wirtschaftsgestaltung möglich gemacht. Entscheidend sei, dass die durch den Kapitalismus veränderte Welt, die Marx 1848 "mit düsterer, lakonischer Eloquenz beschreibt, unübersehbar die Welt ist, in der wir 150 Jahre später leben".

Aber das wollte 1998, als neoliberale Theorien die Köpfe beherrschten, so gut wie niemand hören. Als eine Ironie der Geschichte bezeichnete es der Soziologe Oskar Negt in seiner Abschiedsvorlesung 2003, dass in einer Zeit, da "der Kapitalismus Triumphgesänge über alle Alternativen anstimmt, das Kapital erstmalig in der modernen Welt genau so funktioniert, wie Marx es in seinem 'Kapital' beschrieben hat".

Wer verstehen will, wie Geschichte abläuft, ist seit jeher gut damit bedient gewesen, Marx in Betracht zu ziehen. Man darf "Moden" nicht mit "Fortschritt" verwechseln. Fortschritt im Sinn der Wohlfahrt der Menschen ließ sich jahrhundertelang am Bevölkerungszuwachs und an der Steigerung des durchschnittlichen Lebensalters messen. Beides hängt davon ab, wie produktiv die Ressourcen verwendet wurden, zu denen auch die menschliche Arbeitskraft gehört.

Franziska Augstein: Im Weltwirtschaftsgewitter, sueddeutsche.de 26.11.2008

Sonntag, 23. November 2008

Am Westbahnhof

Zeig mir deine Zähne...

(... ) Die Ärzte sind auf einen bislang eher unbeachteten Indikator für die Spaltung der Gesellschaft gestoßen: die Zahnfäuleverteilung. "Viele haben wenig Karies, wenige haben viel Karies", meldet die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung und spricht von einer "deutlichen Kariespolarisation". Das staatliche Robert Koch Institut kommt in einer aktuellen Untersuchung zu dem Schluss, dass sozial benachteiligte Schichten ein mehrfach höheres Kariesrisiko tragen als die Durchschnittsbevölkerung.

Dass sich Reich und Arm mehr denn je am Zahnstatus unterscheiden lassen, ist eine besonders bittere Erkenntnis für die zuständige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). Der Satz, man dürfe die Herkunft eines Kindes nicht an seinem Gebiss erkennen, gehört von jeher zu den zentralen Wahlkampfversprechen der Sozialdemokraten. Zur Bundestagswahl 1998 hatte die SPD sogar Plakate geklebt mit einem Kind, dessen scheues Lächeln eine Zahnlücke offenbarte.

Nun aber zeigen die Untersuchungen der Mediziner, dass sich, was die Zahngesundheit betrifft, eine Zweiklassengesellschaft herausgebildet hat - dabei haben die Krankenkassen mehr Geld für die Prävention von Dentalkrankheiten ausgegeben.

Auf den ersten Blick ist es gelungen, die Zahngesundheit der Deutschen in den vergangenen Jahren stark zu verbessern. Laut Statistik der Zahnärztekammern hatten zwölfjährige Kinder im Jahr 1989 noch durchschnittlich 3,9 kariöse Zähne im Mund. Dieser Wert sank bis 1997 auf 1,7. In der jüngsten Mundgesundheitsstudie für das Jahr 2006 liegt die Kariesquote dann sogar nur noch bei 0,7, ein stolzes Resultat, mit dem sich Deutschland nach Einschätzung der Zahnarztfunktionäre auch international sehen lassen kann.

Gäbe es da nicht die erhebliche Schieflage bei der Verteilung: Im Detail zeigen die Studien, dass 1997 gut 60 Prozent aller kariösen Zähne rund 20 Prozent aller Kinder zuzurechnen waren. Acht Jahre später konzentrierten sich gut 60 Prozent der Schäden hingegen bei 10 Prozent der Kinder. Der größte Teil von ihnen stammte aus Familien, in denen die Eltern über geringe Bildung verfügen. (...)


Ann-Dorit Boy und Alexander Neubacher: "Z" wie zerstört, spiegel.de (aus Heft 47/2008)

Der Eingang zum Lutherhof

Posted by Picasa

Samstag, 22. November 2008

Die Herausforderung des Islam

„Einigermaßen schizophren“ – so beschrieb ein hochrangiger Kirchenvertreter jüngst seine Stimmung, nachdem er Duisburgs Muslimen zur Einweihung der bundesweit größten Moschee gratuliert hatte. Angesichts dieses Prachtbaus für 1200 Gläubige, der das Wachstum des Islam spiegle, spüre er Faszination ebenso wie Sorge. Und beides nicht halbherzig und lau, sondern kräftig.

Genau diese beherzte Schizophrenie, dieses entschiedene Respektieren wie Kritisieren dürfte für Christen und Freunde christlich geprägter Kultur der einzig gangbare Weg sein, die hiesige Entfaltung islamischen Lebens zu begleiten – jenseits vom preisgünstigen Bekenntnis zur Religionsfreiheit, die jeden nach seiner Façon selig werden lässt. Denn offensichtlich ist der wachsende Islam hierzulande beides: bereichernd wie verarmend. Und wer einen dieser Aspekte unterschlägt, verkennt nicht nur die Realität, sondern erleidet auch einen Glaubwürdigkeitsschaden.

Doch genau in diesem Sowohl-als-auch, in dieser Kunst des gedanklichen Spagats sind christliche Politiker bislang oft schlecht geschult. So erinnert es schon ein wenig an orwellsches Neusprech, wenn Integrations- und Innenpolitiker jeder Couleur die Zuwanderung aus muslimischen Ländern unentwegt als „Bereicherung“ zu feiern verlangen. Vom grünen Christenschreck Volker Beck muss man derlei Einseitigkeit vielleicht erwarten, von Christdemokraten wie Staatsministerin Böhmer oder NRW-Integrationsminister Laschet aber nicht.

Tatsächlich ist der Verlust an religiöser und kultureller Homogenität zumindest für Christen keineswegs immer bereichernd. Im Gegenteil. Er verwandelt einen Teil der geistigen Heimat in Fremde. Beispielsweise wenn Kirchen plötzlich so verloren wie verlassen in einem demografisch „gekippten“, überwiegend muslimischen Viertel stehen. Oder wenn Geschäftsleute im Advent darauf verzichten, ihr Schaufenster weihnachtlich zu schmücken – weil das muslimische Kunden verärgern könnte. Oder gar wenn ein Pastor von türkischstämmigen Jugendlichen bespuckt und als „Schweinefleischfresser“ beschimpft wird, weil er partout nicht dulden wollte, dass das Kirchenkreuz als Haken für ein Basketballnetz missbraucht wird.

Natürlich trägt daran nicht „der Islam“ Schuld (der könnte eher zur Problemlösung beitragen). Aber hier zeigen sich doch die besonderen Kollateralschäden einer islamischen, nicht einer buddhistischen, hinduistischen oder atheistischen Zuwanderung. Und: Da deutet sich an, wie viel zusätzliches Aggressionspotenzial in multireligiöse Gesellschaften einzieht – weil es einen gewaltigen gefühlten Unterschied macht, ob ein Pfarrer von einem frechen Jugendlichen oder einem frechen (und zumindest nominell) muslimischen Jugendlichen bespuckt wird.

Kaum bereichernd wirkt auch die längst überwunden geglaubte Tiefe konfessioneller Gräben, mit der wir nun wieder leben müssen. Schließlich halten viele muslimische Gelehrte den Kern christlichen Glaubens – das Vertrauen auf die Menschwerdung Gottes in Jesus – für ein religiöses Kapitalverbrechen. Die islamischen Gründungsdokumente sind da so unmissverständlich wie die Exegeten einig: Was Christen als Zeichen größtmöglicher Liebe Gottes erscheint, ist laut Koran und Prophetenaussprüchen „Shirk“, also ein von Gott verfluchter, höllenwürdiger Irrglaube.

In der Sache haben die Kirchen daher gar keine Wahl: Einen Glauben, der das Innerste des Christentums als sündig verunglimpft, können sie nur zum Preis des spirituellen Selbstmords als gleich wahr anerkennen. Anders als manche Politiker der C-Parteien haben die Kirchen aber ihre Lektion in beherzter Schizophrenie und beeindruckender Seelenweite gegenüber dem Islam gelernt. Niemand demonstriert das zurzeit klarer als die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD). Unermüdlich betreibt sie ihren viel belächelten Dialog mit den Muslimen, überall gründen Ortskirchen Initiativen für gute Nachbarschaft mit der nächsten Moschee, und zahllos sind die örtlichen Kirchentreffs für interreligiöses Kaffeetrinken – denn Christen sollen „bekanntlich auch die Muslime lieben“, wie Bischof Wolfgang Huber sagt.

Aber: Zugleich hat kein Ratsvorsitzender vor Huber es je gewagt, den Islam so konsequent als Kontrastmittel des eigenen Glaubens zu nutzen. Selbst die lauesten und liberalsten Landesbischöfe bekennen inzwischen, „niemals“ werde die EKD eine entweihte Kirche in eine Moschee umwandeln lassen (wie in den Niederlanden). Und sogar tiefrote Kirchenobere warnen, der EU-Beitritt der Türkei wäre ein allzu massiver Tritt gegen die christliche Tradition Europas.

Selbstverständlich gibt es dazu auch katholische Pendants: Brüsker als Benedikt XVI. in seiner Regensburger Rede hat schon lange kein Papst mehr über den Islam zu urteilen gewagt. Aber gleichzeitig lud er erst in der Vorwoche islamische Geistliche und Gelehrte ein, um Gemeinsamkeiten zwischen Christen und Muslimen herauszustellen.

Bedauerlich an dieser Profilierung ist nur: Sie wirkt manchmal unnötig schroff. Weshalb sie muslimische Funktionäre, Multiplikatoren und Medienkonsumenten auch noch immer verärgert. Immerhin erinnern sich viele von ihnen an die ungleich sanftere interreligiöse Gangart in der bunten Schmuserepublik vor dem 11.September 2001. Irritierte Muslime rätseln nun, ob es denn nicht mehr ehrenwert sei, auch in der Diaspora dem eigenen Glauben treu zu bleiben?

Doch! Natürlich! Ihre Glaubenstreue sollten die Muslime sogar viel offensiver auf dem religiösen Markt präsentieren. Darin steckt ja die Verheißung der multireligiösen Gesellschaft. Die schimmert durch, wenn Muslime auf Dialogforen en passant fallen lassen, „bei uns in der Moschee“ würde jeder Geistliche rausfliegen, der wie manche Pfarrer 20 Minuten über seine Zweifel predige anstatt zu erbauen.

Ahnen lässt sich der Reiz religiösen Wettbewerbs auch, wenn der Islamrat-Vorsitzende Ali Kizilkaya einem verdutzten Pfarrer ins Gesicht sagt, ein Geistlicher, der nur politisiere, aber die Angehörigen Verstorbener nicht trösten könne, der tauge nichts.

Ob das in seiner Glaubensglut manchmal recht abgekühlte Amtskirchenvolk hier Ehrgeiz entwickelt? Ob es sich am Islam ein Beispiel nimmt? Hoffentlich. In solchen Momenten lässt sich jedenfalls ahnen, wie sehr uns der Islam auch bereichert. Auf viele Christen wirkt die islamische Herausforderung jedenfalls wie ein religiöses Potenzmittel. Sie belebt und erregt, ja, sie setzt Selbstbehauptungswillen frei. Und dafür können Christen dankbar sein – auch wenn sie darüber ein bisschen schizophren zu werden drohen.

Till-Reimer Stoldt: Der Islam als Potenzmittel für Christen, welt-online, 20.11.2008 

Das Irritierendste für die meisten Menschen in Deutschland (und ebenso in Österreich), ob nun Mitglied einer Kirche oder nicht, ist die identitätsstiftende Funktion des Islam, die stare, unhinterfragbare Bindung von Muslimen an ihren Glauben, in dem sie groß geworden sind. Nach mitteleuropäischen Maßstäben sind eben die meisten Anhänger des Islam fundamentalistisch in dem Sinne, dass sie an der Wahrheit ihres Glaubens keinen Zweifel zulassen. Dagegen ist die abendländisch-aufgeklärte Grundauffassung, die mir am deutlichsten in Gesprächen mit Schülern entgegen tritt, doch die, dass religiöser Glaube zum einen eine Privatangelegenheit sei, zum anderen eine Sache der eigenen Entscheidung und Wahl. Jede andere Auffassung in dieser Frage gilt als Fanatismus und erregt ungläubiges oder ängstliches Kopfschütteln.

Freitag, 21. November 2008

Arg zerfetzt...




















... sind die Schutznetze am Turmgerüst der Lutherkirche. Nach dem Sturm mit 100 km/h Windgeschwindigkeit muss man schon froh sein, dass das Gerüst sebst standhält. 
Die Bauarbeiten ruhen nun wegen der gesunkenen Temperaturen. Das ist schade. Wir hatten gehofft, bis Weihnachten wenigstens einen Teil des Turms abrüsten zu können. So wird es darüber wohl doch Frühjahr werden.

Wiener Konzertpublikum

Die Wiener Symphoniker unter Eliahu Inbal im großen Saal des Konzerthauses: Das Wiener Publikum ist wesentlich disziplinierter als das deutsche. Gehustet und geschneuzt wird tatsächlich nur zwischen des einzelnen Sätzen. Aber vielleicht ist es im tiefen Winter doch anders, ich weiß es nicht.

Mittwoch, 19. November 2008

Herbst in Grinzing





Passend zur Jahreszeit

Merkzettel

Die schönen Frauen
die ich nicht beschlief.

Das Vaterland
das ich nicht rief

Die Traumgedichte
die ich mir nicht schrieb.

Sankt Brandans Insel
die mir übrigblieb.

Die Druckerei
die mich nicht druckt.

Der feige Tag
da ich nicht aufgemuckt.

Das schöne Leben
das ich nicht geführt.

Das ganze Elend
das mich nicht gerührt.


Peter Maiwald

Montag, 17. November 2008

Alkohol

Am späteren Freitagabend in der U-Bahn habe ich das Gefühl: 80 bis 90 Prozent der Fahrgäste sind mehr oder weniger betrunken. Ein Gang durch die Innere Stadt bestärkt mich in dem Eindruck. Vor allem Jugendliche sind unterwegs, die meisten sind alkoholisiert, viele haben ihre Bierdosen in der Hand. 
Was wäre dieses Land, was wäre Mitteluropa oder die westliche Welt überhaupt ohne Alkohol?
Unter den Weltreligionen nehmen Judentum und Christentum als einzige dem Alkohol gegenüber eine wohlwollende Position ein. Im Christentum steht der Wein sogar im Zentrum des heiligsten Ritus (Eucharistie / Abendmahl). Das Trinken gehört zu unserer westlichen Kultur. Durch Jahrtausende war Europa dank christlicher Ethik insgesamt trotzdem ein erfolgreicher Kontinent. Aber seit die Werte des Maßhaltens, des Fleißes usw. einer Kultur der sofortigen Bedürfnisbefriedigung Platz gemacht haben, sieht die Sache anders aus. Wie viel an Wirtschaftskraft geht uns durch den Alkoholkonsum und seine Folgen verloren, wie viele Krankheiten, wie viele Frühpensionierungen wären vermeidbar? Wie viele Ehen und Familie zerbrechen am Alkoholmissbrauch, wie viele Unfälle sind der Trunkenheit zuzuschreiben?
Die östliche Hemisphäre wird den Westen wirtschaftlich überrunden, die Kulturen der Mäßigung tragen den Sieg davon über Europa und Nordamerika, die versoffene erste Welt.

Lutherkirche: Variation


So viel Gewalt denn doch nicht...

Nach einer umstrittenen Premiere ist am Freitagabend an der Leipziger Oper die überarbeitete Inszenierung des "Fliegenden Holländers" ohne Zwischenfälle über die Bühne gegangen.

Bei der Premiere vor rund fünf Wochen hatte ein in die Aufführung eingebundenes Gewalt-Video für Tumulte gesorgt. Zuschauer quittierten damals die gezeigten Szenen mit Pfiffen und Buh-Rufen und verließen bereits nach kurzer Zeit die Oper. Der Leipziger Wagner-Verband forderte wiederholt die Absetzung des Stücks. Für die Neuinszenierung hatte die Oper das Video entschärft und auf einzelne Szenen verzichtet.

Auf Unmut war bei der Premiere unter anderem die Darstellung einer tödlichen Kampfhund-Attacke gestoßen. Szenen aus einem Schlachthaus waren am Freitag aber weiterhin zu sehen. Dennoch feierte das Publikum nach der rund zweieinhalbstündigen Aufführung das neu besetzte Ensemble. (...)

Berliner Morgenpost (Onlineausgabe), 16.11.2008

Sonntag, 16. November 2008

U6 Gumpendorfer Straße


Neuerdings vielfältig: Der Umgang mit dem Tod

Der Abschied, er dauerte drei Tage, so lange eben wie der Verstorbene in seinem Haus aufgebahrt wurde. Im offenen Sarg. Und wenn der Tote hinausgetragen wurde, zur Beerdigung, dann geschah das mit den Füßen zuerst. Denn wäre sein Gesicht dem Haus zugewandt gewesen, hätte er womöglich dorthin zurückkehren wollen und keine Ruhe im Grab finden können.

„Die Rituale, die früher gepflegt wurden, gaben den Menschen Halt. Heute ist der Tod sehr schnell geworden, aus dem Leben ausgegliedert”, sagt die Münsteraner Volkskundlerin Christiane Cantauw. Die 44-Jährige hat sich intensiv mit dem Tod und dem Umgang mit ihm befasst und stellt fest, dass die Menschen heute mehr denn je auf der Suche sind nach Formen des Abschiedes. Von der klassischen christlichen Bestattung über die Dixieland-Band am Grab bis hin zur Beisetzung der Urne in einem Friedwald. Aber gleichzeitig sei der Tod so weit weg wie nie. „Wer hat heute schon noch einen Toten gesehen!”, sagt Cantauw.

Auf dem Land wurden diese Rituale noch lange gepflegt, länger eben als in den großen Städten, in denen es bereits im 19. Jahrhundert erste Leichenhallen gab. Nachbarn waren es, sogenannte Notnachbarn, die bei wichtigen Familienereignissen Aufgaben übernahmen. Den Haushalt, das Versorgen der Kinder, wenn die Nachbarin nach einer Geburt im Wochenbett lag. Aber sie waren auch die Helfer in der Not, wenn es einen Toten zu betrauern gab. Fütterten das Vieh, brachten den Trauernden Essen, wuschen und kleideten den Toten ein. Noch am selben Tag nämlich kam der Zimmermann ins Haus, nahm Maß und fertigte aus zu diesem Zweck in der Scheune oder auf dem Dachboden gelagerten Brettern den Sarg.

Der Umgang mit dem Tod ist so vielfältig wie nie zuvor

„Tatsächlich lagen zumindest für jeden Erwachsenen die Bretter parat, die einmal für das Begräbnis benötigt wurden. Auch das Leinen für das Totenhemd gehörte zur Aussteuer einer Braut”, erklärt Christiane Cantauw. War der Tod im Haus, hielt man die Uhren an, verdeckte die Spiegel und öffnete die Fenster, damit die Seele des Verstorbenen so schnell wie möglich das Sterbezimmer verlassen konnte. In den drei Tagen nach dem Tod versammelten sich Angehörige und Nachbarn rund um den Aufgebahrten zum Beten.

Aber auch das Begräbnis selbst verlief nach genau festgelegten Bräuchen. War der Weg zum Friedhof nahe, so wurde der Sarg von den Notnachbarn dort hingetragen, war er weiter, folgten die Trauernden einem Wagen über festgelegte Wege. „Liekweg”, Leichenwege, nannte man sie im Niederdeutschen. Die Handschuhe der Sargträger wurden dabei nur dieses eine Mal benutzt, ebenso wie die Nadel, mit der das Totenhemd genäht worden war. Cantauw: „Sie wurden mitbegraben.” Eins blieb, bis heute: der Streuselkuchen zum Beerdigungskaffee.

Heute, in Zeiten, in denen immer mehr Menschen nicht mehr konfessionell gebunden sind, ist der Umgang so vielfältig wie nie zuvor. Alles, fast alles zumindest, ist möglich. Eigentlich auch die Aufbahrung eines Verstorbenen zu Hause. „Aber versuchen sie dafür einmal ein Beerdigungs-Institut zu finden! Das ist sehr schwer”, sagt Christiane Cantauw und erzählt von weitläufig Bekannten, die ihr bei der Geburt gestorbenes Baby aus dem Krankenhaus tatsächlich nach Hause nahmen. „Sie wollten Abschied nehmen und ihrem älteren Kind auch diese Möglichkeit geben”, erklärt die Volkskundlerin.

Die Normalität sei heute jedoch der Tod im Krankenhaus. Sofort setze, so Cantauw, eine ganze Maschinerie ein. Auch wenn ein Mensch zu Hause sterbe, wenn der Notarzt gerufen werde, dauere es doch höchstens eine halbe Stunde bis der Verstorbene ins Leichenhaus abtransportiert werde. Dem Angehörigen, der noch ganz unter Schock steht, müsse dies alles wie ein böser Traum vorkommen.

Dabei übernehmen heute Beerdigungsinstitute längst nicht nur das Nötige, sie verstehen sich mehr und mehr als Trauerbegleiter. Begleiter für eine kurze Zeit. Denn wer trägt heute noch ein Jahr lang Schwarz? Was früher auch ein Zeichen für andere war, Rücksicht zu nehmen, ist längst als Äußerlichkeit abgestreift worden. Vielleicht nimmt man ein, zwei Wochen Urlaub. Aber dann wird wieder gearbeitet, wieder funktioniert.

Gefunden auf derwesten.de

Freitag, 14. November 2008

Unser Kindergarten

Das Haus Martinstraße 23 ist das "Zinshaus" der Pfarrgemeinde. Neben diversen Dienst- und Mietwohnungen, einer Arztpraxis und einer Trafik beherbegt es auch den dreigruppigen Kindergarten und die zweigruppige Kinderkrippe.

De iuventute

Neulich in der Straßenbahn: Ein verschleiertes muslimisches Mädchen telefoniert ganz selbstverständlich mit ihrem IPod. Offenbar eine Frucht des interkulturellen Gruppenzwangs, dem auch muslimische Eltern keinen Widerstand mehr entgegen setzen können.
Kindern und Jugendlichen werden mit solcher Selbstverständlichkeit Wünsche erfüllt nach materiellen Gütern oder Geld, dass der Übergang ins Erwachsenenleben einerseits gar nicht reizvoll ist (Warum soll ich arbeiten gehen? Meine Mutter gibt mir doch Geld zum Weggehen!) und andererseits immer schwerer fällt. Dass es Mühe macht, sich sein täglich Brot und sein Obdach zu verdienen, dass diese Mühe aber andererseits auch Befriedigung verschafft - unsere Jugend will das lieber gar nicht wissen. Solche Gedanken kommen mir leider nicht selten im Umgang mit meinen Schülern.
Was mir da auch auffällt, ist das Verschwinden der Neugier. Es scheint an der medialen Überflutung zu liegen, dass viele Jugendliche tatsächlich immer weniger interessiert, dass sie sich nur sehr schwer für etwas begeistern lassen. Vor dreißig Jahren waren wir irgendwie alle links und für die Revolution, wir wollten die Welt retten oder jedenfalls verändern. Heutige Siebzehnjährige denken kaum weiter als bis zum nächsten Wochenende, und ihr Horizont endet leider oftmals mit dem eigenen Freundeskreis. So gesehen, sollten Lehrer an Höheren Schulen viel mehr Pädagogik studieren und viel weniger Fachwissenschaften. Auf sie wartet eine Aufgabe, die leider oftmals der von Animateuren gleicht.

Solche Gedanken gehen mir oft durch den Kopf. Ich merke, dass ich alt werde. Oder jedenfalls älter. Oder dass die Welt sich einfach sehr geändert hat in den letzten dreißig Jahren.

Abends im Grätzel


Donnerstag, 13. November 2008

Ein letzter Schritt

Gertraud Knoll wegen Haider-Lob aus Kirche ausgetreten

Ehemalige Superintendentin und SPÖ-Abgeordnete protestierte gegen Nachruf in Kärntner Hirtenbrief - Bischof Bünker kritisiert den Ausstieg

Wien - Die langjährige burgenländische Superintendentin Gertraud Knoll ist aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Wie die Zeitschrift "News" am Donnerstag berichtete, reagiert Knoll damit auf einen Hirtenbrief, in dem der Kärntner Superintendent Manfred Sauer den verstorbenen Landeshauptmann Jörg Haider gelobt hatte. Nachdem eine Reaktion der Kirchenführung ausgeblieben war, habe sie "als Ausdruck meiner protestantischen Identität" ihr Austritt erklärt, so Knoll. Kritik an ihrem Schritt kam vom evangelischen Bischof Michael Bünker.

"Missbrauch" des Hirtenbriefs

Der Kärntner Superintendent Sauer (das Amt entspricht dem eines katholischen Bischofs, Anm.) hat Haider demnach als "charismatischen und leidenschaftlichen Politiker mit Leib und Seele" bezeichnet, "der wie kein anderer das politische Geschehen der Zweiten Republik mitgeprägt und gestaltet hat. (...) ein äußerst zuvorkommender, herzlicher und einfühlsamer Mensch (...) Er hat oft sehr spontan und unbürokratisch geholfen."

Ein Hirtenbrief muss am Sonntag in jedem Gottesdienst verlesen werden. Knoll spricht von einem "Missbrauch" dieses Instruments durch Sauer. Sie war bis zur Nationalratswahl SPÖ-Abgeordnete, hat nun aber kein Mandat mehr.

Die evangelisch-lutherische Kirchenleitung hat den Austritt Knolls "zur Kenntnis genommen". Es sei "immer schade, wenn ein Mensch sich entscheidet, seine Kirche zu verlassen", sagte Bischof Michael Bünker gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. Persönlich bedaure er diesen Austritt wie jeden anderen. Die persönliche Entscheidung der früheren Superintendentin und nunmehrigen SPÖ-Politikerin kann Bünker "nicht nachvollziehen". "Sachliche Kontroversen lösen wir in unserer demokratischen Kirche nicht mit Austreten, sondern mit Auftreten", so der Bischof. (APA)

Der Standard 13.11.2008

Die damalige Superintendentin hatte vor einigen Jahren erfolglos bei der Bundespräsidentenwahl kandidiert, seither hat sie keine kirchlichen Ämter mehr inne.

Lyrik

lyrik besteht aus ohnmächtigen befremdlichen einfällen
und wenn sie auch glücklich und strahlend erscheint
zwängt sich eine ohnmächtige formulierung
aus der
verzweiflung des schlammlochs

Per Kirkeby

Dienstag, 11. November 2008

Fast vergessen


Gestern war Luthers 525. Geburtstag. Über all dem Gedenken um den 9. November ist das fast untergegangen, in den Medien sowieso, aber auch bei mir privat. Zu viel anderes...

Mittwoch, 5. November 2008

Fernwärme

Schule

In hundert Jahren wird man vermutlich über das heutige Schulwesen lächeln und es kaum noch verstehen können, wie man einmal auf die Idee kommen konnte, hunderte oder gar tausend Jugendliche in ein Gebäude zu stecken, um ihnen den Tag über jede Stunde etwas anderes beizubringen.

Montag, 3. November 2008

Jugend und Evangelium

"Wir erleben eine Renaissance der materialistischen Werte", brachte es der Wiener Jugendforscher Manfred Zentner auf den Punkt. Mit der Zeit, in der Jugendliche Auen besetzten oder sich für sozial Ausgegrenzte engagierten und den Wunsch nach Selbstverwirklichung ganz an vorderster Stelle ihrer Prioritäten reihten, ist es vorbei.

"Der heutigen Jugend ist Sicherheit wichtig", sagte Zentner. Materialistische Werte wie Einkommen, Leistung, Karriere und eine gute Ausbildung sind die zentralen Werte der jungen Generation.

Ideale der Eltern-Generation werden von Österreichs Jugendlichen abgelehnt, stattdessen leben die Werte aus der Zeit der Großeltern wieder auf. "Wir leben heute in einer wirtschaftlich unsicheren Zeit. Dadurch ist ein sicherer Job sehr hoch bewertet", erklärte Zentner. "Der Werteverfall ist jetzt der, dass man sagt, die heutige Jugend hat keine Ideale mehr."

Sozialutopien, wie sie die Jugend der 70er oder 80er Jahre prägten, spielen im Alltag der heutigen Jugendgeneration fast keine Rolle mehr, hieß es in einem Vortrag von Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. Die Jugend will Geld verdienen und steht zum Leistungsprinzip. Daraus resultiert aber auch, dass der geforderte Leistungseinsatz immer größer und die Möglichkeit des Versagens immer wahrscheinlicher wird.

Der Ausbildungs- oder Berufsalltag von jungen Menschen ist nicht mehr von Selbstverwirklichung geprägt, sondern von Versagensängsten und Gefühlen der Überforderung. Laut Heinzelmaier fühlen sich bereits 60 Prozent der Jugendlichen in Arbeit, Schule oder Studium stark unter Druck, jedem zweiten elf- bis 14-Jährigen macht die Schule wegen des großen Leistungsdrucks keinen Spaß mehr. (APA)

Religionspädagogik, Jugendarbeit und Konfirmandenunterricht müssen sich umstellen. Tatsächlich ist die Selbstbezogenheit heutiger Jugendlicher stark ausgeprägt, Neugier oder soziales Interesse hingegen sind schwer zu wecken. Eigentlich müsste das die Stunde der reformatorischen Botschaft sein: Rechtfertigung als die Befreiung aus Zwängen und Abhängigkeiten, evangelische Freiheit anstatt des Verkrümmtseins in sich selber - das wären wahrhaft befreiende Botschaften, wenn es uns denn gelingt, sie so zu übersetzen, dass sie auch verstanden werden.

Sonntag, 2. November 2008

So weitet sich meine Seele...


Wenn ich das Wunder eines Sonnenuntergangs oder die Schönheit des Mondes bewundere, so weitet sich meine Seele in Ehrfurcht vor dem Schöpfer.

Mahatma Gandhi

Währinger Perspektive

Blick vom Turm der Lutherkirche hinüber nach Weinhaus und Gersthof

Schneeflocken und alles andere

Wenn die theoretische Physik als Richtschnur gelten kann, so dürfen wir annehmen, dass sich die Wissenschaft an einem festen Ziel orientiert. Seit einigen Jahrzehnten suchen theoretische Physiker nach einer sogenannten Theorie von Allem (Weltformel) – die der Nobelpreisträger Steven Weinberg als "endgültige Theorie" bezeichnet hat. Diese ultimative Ansammlung von Gleichungen würde die heute unter Physikern anerkannten Grundkräfte Gravitation, Elektromagnetismus und Kernkraft miteinander verbinden. Doch eine solche Theorie würde, auch wenn wir sie aus den heutigen Modellen ableiten könnten, nichts darüber besagen, wie sich Proteine bilden oder wie die DNA entstand. Noch weniger würde sie die Geschäftigkeit einer lebenden Zelle oder die Wirkungsweise des menschlichen Geistes beleuchten. Eine Theorie von Allem würde nicht einmal erklären, wie Schneeflocken zustande kommen.

In einem Zeitalter, in dem wir den Ursprung des Universums entdeckt und die Krümmung der Raumzeit beobachtet haben, mag es ernüchternd wirken, dass Wissenschaftler nicht einmal in der Lage sind, etwas scheinbar so Banales wie die Bildung von Eiskristallen zu erklären, doch genau so verhält es sich. Der Caltech-Physiker Kenneth Libbrecht ist ein weltweit anerkannter Fachmann auf diesem Gebiet und betreibe sein Projekt seit rund zwanzig Jahren genau deshalb: "Auf diesem Planeten leben sechs Milliarden Menschen, und ich dachte, wenigstens einer von uns sollte wissen, wie sich Schneekristalle bilden."

Nach zahlreichen Experimenten in speziell aufgebauten Druckkammern meint Libbrecht jetzt besser zu verstehen, wie Eis am Rand der alle Eisstrukturen umgebenden quasi flüssigen Schicht kristallisiert. Seiner Theorie hat er den Namen "strukturabhängige Bindungskinetik" gegeben, betont indes, noch weit von der endgültigen Lösung entfernt zu sein. Der Übergang von Wasser zu Eis ist ein unglaublich komplexer Prozess, an dem sich schon so brillante Denker wie Johannes Kepler und Michael Faraday versucht haben. Libbrecht hofft, dass ihm der nächste kleine Schritt zum Verständnis der wunderbaren Substanz gelingen wird, die für das Leben selbst eine zentrale Rolle spielt.

Daneben gehört Libbrecht zum Kreis der Physiker, die am Laser Interferometer Gravitational-Wave Observatory (LIGO) arbeiten, um die mutmaßlich von Schwarzen Löchern und anderen kosmischen Massen abgestrahlten Gravitationswellen aufzuspüren. Physiker glauben deshalb an die Existenz solcher Wellen, weil sie aus der Allgemeinen Relativitätstheorie folgt. Damit hat ihr Glaube eine Investition von einer halben Milliarde Dollar begründet. Eine erfolgreiche Theorie von Allem wird die Gravitation erklären müssen, die sich ebenso wie die drei anderen Kräfte letzten Endes sowohl in Wellen- als auch in Teilchenform manifestieren müsste. LIGO soll nun den Wellenaspekt dieser äußerst rätselhaften Kraft nachweisen, sofern es sie wirklich gibt.

Vor einigen Jahren stellte der Fachjournalist John Horgan die provokative These auf, dass die Wissenschaft sich ihrem Ende nähere, da alle großen Theoriebauwerke stünden. In gewissem Sinne traf das zu, denn die Hochenergiephysik könnte tatsächlich bald ihre endgültige Einheit erreichen. Doch in so vielen anderen Gebieten findet die Wissenschaft gerade erst ihren Weg.

Zum Beispiel schafft sie heute erst die nötigen Instrumente und Techniken, um zu erforschen, wie unsere Atmosphäre und wie Ökosysteme funktionieren, wie Gene Proteine erzeugen, wie sich Zellen entwickeln und wie das Gehirn arbeitet. Zwar hat einerseits gerade der Erfolg der "Grundlagenforschung" Türen aufgestoßen, die früheren Generationen verschlossen blieben – doch andererseits scheint es heute mehr denn je zu geben, was wir nicht wissen. Zu einer Zeit, in der Physikmagazine am laufenden Band Theorien darüber veröffentlichen, wie man ganze Universen im Labor erzeugen kann, entsteht nur zu leicht der Anschein, die Wissenschaft sei bereits im Besitz der Wahrheit. Doch in Wirklichkeit wissen wir fast nichts – und ich glaube, dies wird immer so bleiben.

Kurz vor dem Aufblühen der wissenschaftlichen Revolution plädierte Kardinal Nikolaus von Kues, der große frühe Fürsprecher einer mathematisch orientierten Naturwissenschaft, für die von ihm so bezeichnete "gelehrte Unwissenheit", also nicht Allwissenheit, sondern ein immer mehr verfeinertes, einsichtsvolles Nichtwissen. Die schlichten Schneeflocken Ken Libbrechts eignen sich als Metapher für diese anregende Sichtweise: Zwar schmelzen sie auf der Zunge, aber jedes winzige Eiskristall umfasst ein Universum, dessen Grundregeln wir gerade erst zu verstehen beginnen.

Margaret Wertheim: Warum wir niemals alles wissen werden, spiegel.de

Beisl

Die Trauer einer vaterlosen Gesellschaft

"Schreiben als disziplinierte Raserei, als Luftschöpfen eines vom Ertrinken Bedrohten, Schreiben als mühsam gebändigte Bilderflut - das war das Merkmal des Autors Josef Winkler", sagte Weinzierl, bevor er in seiner Rede auf den tödlichen verunglückten Kärntner Landeshauptmanns Jörg Haider Bezug zu sprechen kam: "Tränenselig trauert die vaterlose Gesellschaft dem entschwundenen, mit 58 immer noch relativ jugendlichen Patriarchen nach." Und weiter: "Alles, was bei Haiders Wesen und Erfolg in Zusammenhang mit homoerotischen Signalen und ebensolchen biographischen Fakten steht, wird in Österreichs Öffentlichkeit radikal ausgeblendet."

Laudator Ulrich Weinzierl bei seiner Rede anlässlich der Verleihung des Büchnerpreises an Josef Winkler (kurier.at)

Abend in der Martinstraße


Samstag, 1. November 2008

Gewagt

"Auch wer Scheiße gebaut hat", sagt Bischof Wolfgang Huber, "bleibt eine Person mit Menschenwürde, die ihm niemand nehmen kann. Das ist Rechtfertigung." Auf diese Idee, ergänzt ein Sprecher im neuesten Internetvideo der evangelischen Kirche, "kam Luther auf dem Klo, als er über einem Brief des Apostels Paulus brütete". Dazu rauscht eine Toilettenspülung. Auch beim Versuch also, den Gehalt des Reformationsfestes der Allgemeinheit zu vermitteln, gibt die Kirche ihre Probleme mit jugendlicher Populärkultur zu erkennen.