Sonntag, 23. November 2008

Zeig mir deine Zähne...

(... ) Die Ärzte sind auf einen bislang eher unbeachteten Indikator für die Spaltung der Gesellschaft gestoßen: die Zahnfäuleverteilung. "Viele haben wenig Karies, wenige haben viel Karies", meldet die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung und spricht von einer "deutlichen Kariespolarisation". Das staatliche Robert Koch Institut kommt in einer aktuellen Untersuchung zu dem Schluss, dass sozial benachteiligte Schichten ein mehrfach höheres Kariesrisiko tragen als die Durchschnittsbevölkerung.

Dass sich Reich und Arm mehr denn je am Zahnstatus unterscheiden lassen, ist eine besonders bittere Erkenntnis für die zuständige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). Der Satz, man dürfe die Herkunft eines Kindes nicht an seinem Gebiss erkennen, gehört von jeher zu den zentralen Wahlkampfversprechen der Sozialdemokraten. Zur Bundestagswahl 1998 hatte die SPD sogar Plakate geklebt mit einem Kind, dessen scheues Lächeln eine Zahnlücke offenbarte.

Nun aber zeigen die Untersuchungen der Mediziner, dass sich, was die Zahngesundheit betrifft, eine Zweiklassengesellschaft herausgebildet hat - dabei haben die Krankenkassen mehr Geld für die Prävention von Dentalkrankheiten ausgegeben.

Auf den ersten Blick ist es gelungen, die Zahngesundheit der Deutschen in den vergangenen Jahren stark zu verbessern. Laut Statistik der Zahnärztekammern hatten zwölfjährige Kinder im Jahr 1989 noch durchschnittlich 3,9 kariöse Zähne im Mund. Dieser Wert sank bis 1997 auf 1,7. In der jüngsten Mundgesundheitsstudie für das Jahr 2006 liegt die Kariesquote dann sogar nur noch bei 0,7, ein stolzes Resultat, mit dem sich Deutschland nach Einschätzung der Zahnarztfunktionäre auch international sehen lassen kann.

Gäbe es da nicht die erhebliche Schieflage bei der Verteilung: Im Detail zeigen die Studien, dass 1997 gut 60 Prozent aller kariösen Zähne rund 20 Prozent aller Kinder zuzurechnen waren. Acht Jahre später konzentrierten sich gut 60 Prozent der Schäden hingegen bei 10 Prozent der Kinder. Der größte Teil von ihnen stammte aus Familien, in denen die Eltern über geringe Bildung verfügen. (...)


Ann-Dorit Boy und Alexander Neubacher: "Z" wie zerstört, spiegel.de (aus Heft 47/2008)

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