Montag, 31. August 2009
Sonntag, 30. August 2009
Schwarz und schwarznahe Farben
Magie. Kult. Mystik. Schwarz und alle schwarznahen Farben verleihen Schuhen und Taschen eine geheimnisvolle Aura. Feminin dramatisch oder architektonisch kühl.
Einer der Trends für Schuhe und Taschen im Herbst und Winter dieses Jahres.
Quelle: fashionfreak.de
Beim Lesen einer Wettervorhersage
So beginnt die Wettervorhersage der Wiener ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) für Dienstag, den 1. September. Ich liebe diese Formulierungen. Sie taugen für einen Romananfang. Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" hebt ja auch mit einer Wettervorhersage an, allerdings einer vergleichsweise fachsprachlich formulierten. Die Texte der ZAMG sind volksnäher, erfahrungsgesättigter: Ungestört darf die Sonne scheinen. Das erinnert an den ersten Satz eines anderen Romans, der in nuce die ganze Weltsicht des Buches und seines Autors enthält: "Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues." (Samuel Beckett: Murphy) "Lies das, das passt zu Dir", sagte mein bester Freund zu mir. Er hatte recht.
Der Tod als Begleiter
Und vor 25 Jahren?
Mir hat er gesagt: Du kannst dat, Du warst ens im Kloster, dat machst Du. Und ich habe zugesagt. So kam ich in mein Bergisches Land zurück. Ich habe angefangen - und war geschockt.
Warum?
Der Umgang mit dem Tod hatte nichts mit dem zu tun, was ich von zu Hause kannte. 80 Prozent der Menschen starben und sterben auch heute noch in Institutionen wie Krankenhaus oder Pflegeheimen, werden ins Leichenhaus gebracht und viel zu schnell beerdigt. In Deutschland werden einem die Toten gestohlen. Tausend Berufe kommen und sagen: Ich weiß, was gut für dich ist. Diese Ratschläge sind aber mehr Schläge als Rat.Ich dagegen kam aus einer Lebenswelt, in der man Krisen aushalten konnte und damit umzugehen wusste. Auch der Tod wurde in der Gemeinschaft ausgelebt. Wenn einer starb, kam er bei uns zu Hause ins „gute Zimmer“ oder im Kloster in einen besonderen Raum, wo er von allen begriffen werden konnte.
„Begreifen“ ist ja dann auch zu einem Schlüsselwort in Ihrer Art des Umgangs mit dem Tod, Ihrer Philosophie, geworden.
Ja, genau. Wir sind ja nur noch Theoretiker: Polit-Theoretiker, die glauben, sie wüssten besser, wie die Stadt zu führen ist, wir haben drei Millionen Wirtschaftsminister, aber wir haben auch sehr viele Trauer-Theoretiker, die nicht mehr wissen, was Tod ist. Wenn ich aber nicht mehr weiß, was Tod ist, weiß ich auch nicht, was Leben ist. Insofern hatte ich von meiner Biografie her auch beste Voraussetzungen, um eine Branche auf Trab zu bringen.
Sie das angestWie habenellt?
Ich habe in meinem Unternehmen erstmal das Totenkleid abgeschafft, die Toten trugen nun persönliche Sachen. Dann habe ich die Sargmodelle reduziert und zu vermitteln versucht: Es gibt Wichtigeres als die Äußerlichkeiten. Und dann habe ich langsam angefangen, die Toten wieder nach Hause zu bringen. Und ich habe gefragt: Wie sieht man das Thema an den Universitäten? In der Medizin, der Philosophie und der Theologie? Ich habe führende Psychologen getroffen und eine Ausbildung zum Trauerpädagogen bei Prof. Dr. Jorgos Canacakis gemacht. Nicht mehr der Tote sollte im Mittelpunkt stehen, sondern der, der mit dem Tod umgehen muss. Überhaupt: Jeder Tote sollte einen Professortitel erhalten. Denn er lehrt mich mehr als in allen Büchern steht.
Zum Beispiel?
Nur über das Begreifen dessen, was tot ist, kann ich auch begreifen, was die tote Materie vorher beseelt hat, was die Persönlichkeit eines Menschen ausgemacht hat. So bekommen wir auch wieder eine spirituelle Dimension in unser Denken, was mir sehr wichtig ist. Und nicht zuletzt ist der Tod der beste Lehrmeister zu bürgerlichem Ungehorsam.
Den haben ja auch Sie ausgeübt, als Ihnen das Land etwa die Bestattung der Asche Verstorbener in Urnen auf Ihrem ersten privaten Friedhof Deutschlands verbieten wollte. Wie haben Sie da reagiert?
Wenn Sie verliebt sind, gucken Sie da zuerst in ein Gesetzbuch, um zu wissen, was erlaubt ist?
Nein.
Sehen Sie! Sie wissen, was für Sie erlaubt ist. Nicht nur Frieden ist TATsache, wie vor einigen Jahren ein Misereor-Slogan hieß, sondern auch Trauer.
Auch Bergisch Gladbach? Sie sind ja in vielen Vereinen und Initiativen aktiv ...
Auch Bergisch Gladbach ist TATsache, nicht Diskutiersache. Und wenn ich etwa an das Thema Autobahnzubringer denke, dann würde ich manchmal gerne - ich habe ja hier so einen kleinen Bagger - einfach mal loslegen.
Sie werden weltweit zu Vorträgen eingeladen und haben viele Preise erhalten. Aber Sie haben nicht nur Anhänger. Wenn man etwa der Kirche zeigt, dass sie in ihrem Umgang mit dem Tod weithin daneben liegt, kann man kaum Beifall erwarten ...
Früher hatte ich in der Kirche totale Distanz, aber seit 17 Jahren schickt mir Kardinal Meisner seine Priesteramtskandidaten ins Haus, ich bin auf vielen Bischofskonferenzen. Aber wenn man sieht, dass von zehn Trauerfällen, die ich begleite, acht Kirchenmitglieder sind, dann ist das schon für eine Kirche und ihr Personal, das ja Seelsorger sein will, sehr bedenklich - auch wenn sich in den vergangenen Jahren sicher einiges getan hat.
Wir brauchen keine Bestatter, sondern wieder eine Gesellschaft, wo ich von Herzen lachen und weinen kann.
Das sagt ein Unternehmer, der selbst Bestatter ist. Wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Wir brauchen Menschen, die einem Mut machen, den Tod und das Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Trauerbegleitung wird auch in Zukunft meine Sache sein, und da gibt es noch so viel zu entwickeln - nicht auf hochwissenschaftlicher Seite, sondern mitten im Leben. Am liebsten würde ich jeden Tag unten vor Lidl und Aldi an einem Tisch mit den Leuten über ihre Erfahrungen mit Tod reden und ihnen Mut machen, den Tod nicht als bedrückenden, sondern als motivierenden Begleiter zu begreifen.
Aufgehen im All
ein Etwas,
ein Ding vielleicht
klein und unbeschreibbar,
etwas Mörtel in der Mauer
gut verbunden, sinnvoll,
ein Tropfen Tau
oder ein zögernd ausgesandtes Lächeln
Oder einfach ein Moment
in der Zeit,
der kommt und vergeht
auf halbem Weg zur Ewigkeit.
Samstag, 29. August 2009
Kindliches Nachdenken über Gott
Von Schwester Matthaia Osswald (*1961), die ursprünglich evangelisch war, dann katholisch wurde und schließlich zum Ziel ihres religiösen Suchens als griechisch-orthodoxe Nonne fand.
Quelle: orthodoxi-pisti.blogspot.com
Freitag, 28. August 2009
Eine Pionierin - und was für ein kuscheliges Neuwort!

Denise Simmons, die erste offen lesbische afro-amerikanische Bürgermeisterin der USA, wird heiraten: Wie sie in einer Presseaussendung verlautbarte, wird die Bürgermeisterin von Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts am 30. August 2009 um 14.00 Ortszeit ihre langjährige Partnerin Mattie B. Hayes heiraten - und das kirchlich.
Die Trauung wird in der St. Bartholomew's Episcopal Church stattfinden und von Reverend Irene Monroe durchgeführt werden. Die junge Theologin engagiert sich bereits seit Jahren für lesbischwule Themen innerhalb und außerhalb der Kirche.
Was für ein schönes, neues Wort: "lesbischwul" - das klingt doch viel besser als "lesbisch-schwul", "lesbisch und schwul" oder gar "homosexuell".
"Die erste offen lesbische afro-amerikanische Bürgermeisterin der USA" - so viel Neues auf einmal. Und nun heiratet sie auch noch kirchlich. Enkel wird sie ja wohl nicht haben, sonst würden die von ihrer Oma erzählen können, dass sie eine wirkliche Pionierin war.
Donnerstag, 27. August 2009
Schubs auf der Insel
Der Architekt Pierre Müller, 44, und die Sekretärin Anita Leuenberger, 31, haben im August geheiratet. Fehlerfrei sind beide nicht. Eine Erkenntnis, die Verbindlichkeit schuf.
Von Franziska K. Müller
«Ich traue mich, dich zu heiraten»: Ehepaar Leuenberger und Müller. Bild: Sally Montana
Pierre: Die Liebe ist kein unordentliches Gefühl, sondern eher das Gegenteil: Sie bringt Ruhe ins Leben, Harmonie im besten Fall und Geborgenheit. In einem ersten Schritt muss man das Glück allerdings erkennen. Es nützt nichts, wenn man unrealistischen Vorstellungen nachhängt und immer meint, etwas noch Besseres finden zu können. So bleibt man allein, wie so viele aus meiner Generation: die Prinzen und Prinzessinnen auf den Erbsen.
Anita: Wir hatten beide eine Enttäuschung hinter uns. Von meiner letzten Beziehung musste ich mich richtiggehend erholen. Danach wusste ich, dass ich einen spontanen Mann brauche, der mich nicht einengt und nicht meckert, wenn ich ins Fitnessstudio will oder etwas mit meinen Freundinnen unternehmen möchte. Pierre gefiel mir sofort extrem gut. Er sieht toll aus und hat von Anfang an auf eine coole Art akzeptiert, dass ich etwas Zeit brauche. Die Wochen nach der ersten Nacht waren wunderschön: Wir wussten beide, es könnte etwas Ernsthaftes werden, und trotzdem war der Ausgang der Geschichte noch offen, abenteuerlich und frei.
Pierre: Wir sind unternehmungslustige Bewegungsmenschen. Politisch sind wir nicht, auch keine Weltverbesserer, aber wir teilen ähnliche Werte: Respekt, Treue, Solidarität. In diesem Sinn ist die Heirat für mich ein Commitment, das dem anderen vermittelt: Ich traue mich, dich zu heiraten, weil ich an unsere Liebe glaube. Mehr noch: Ich übernehme Verantwortung. Natürlich ist das manchmal sehr schwierig und auch nicht immer machbar: Aus meiner ersten Ehe stammt mein 18-jähriger Sohn. So jung Vater zu werden, war eine grosse Herausforderung: Man muss auf vieles verzichten. Das merkt man erst im Nachhinein.
Anita: Mit jedem Eheversprechen ist ein winziges Risiko verbunden. Man muss sich einen Schubs geben, sonst wird es nie etwas.
Pierre: Natürlich könnte man auch friedlich und zufrieden im Konkubinat leben. Es gibt heute keine gesellschaftlichen Restriktionen mehr, wenn man ledig bleibt oder geschieden ist. Die Frauen sind wirtschaftlich unabhängig, Männer können kochen und haushalten. Hinkt das Herz befreiten Zuständen hinterher, oder rennt die moderne Gesellschaft den Herzen davon? Wie auch immer: Wir beschlossen, unsere Beziehung zu offizialisieren.
Anita: Wir wählten die Insel Ufenau als Trauungsort. Dort kann man natürlich nicht in Stöckelschuhen und im Sissikleid rumlaufen. Also zog ich das weisse Kleid nur bei der standesamtlichen Trauung an. Zur eigentlichen Hochzeitsfeier mussten die Gäste in historischen römischen Gewändern erscheinen. Ich trug eine weisse Toga mit angenähtem Schleier und eine Hochsteckfrisur, Pierre eine Ritterrüstung im Stil derjenigen von Julius Cäsar. Eine freie Theologin führte durch die Hochzeitszeremonie. Sie ist eine Naturfreundin wie wir und brachte allerlei Sachen mit, die symbolischen Gehalt hatten und uns mit der Insel und dem Tag verbinden sollten: selbstgepflückte Wildbeeren, einen rundgeschliffenen Stein und einen Felsbrocken aus grobem gespaltenem Granit, matte und glänzende Muscheln. Pierres Nichte hatte die Aufgabe, den ganzen Tag Dinge zusammenzutragen, die in eine Schale gelegt wurden: Vogelfedern, Blätter, Blumen. Dort drin lagen schlussendlich unsere Ringe. Das Eheversprechen schrieben wir auf lose Baumrinden und vergruben diese anschliessend im Boden. In wenigen Jahren werden sie von der Natur absorbiert sein.
Pierre: Um Mitternacht – als das Fest auf dem Höhepunkt war – erklärten wir den Abend für beendet. Eine Schifffahrt unter dem Sternenhimmel beschloss den wunderschönen Tag für die Gäste. Und wir verbrachten die Hochzeitsnacht frisch und munter – nicht wie viele Frischverheiratete, die todmüde in die Federn sinken.
Na denn, Prost, Herr Reformator!
Vorgeschmack
Mittwoch, 26. August 2009
Ehre - namus
Was ist Ehre?
Die türkische Ehre, auf die sich ein Mörder beruft, hat nichts mit der deutschen Ehre zu tun, die einem zuteil wird, wenn man das Bundesverdienstkreuz erhält, hohen Besuch empfängt oder ein Versprechen gibt. Das leicht altertümlich klingende deutsche Wort drückt ein besonders positives, vornehmes, erhebendes Gefühl aus. In der Regel wird die Ehre verdient: Man ehrt einen Wissenschaftler für seine Forschung oder eine Politikerin für ihre Bemühungen um den Frieden.
In der türkisch-islamischen Kultur dagegen wird die namus nicht verdient, sondern verteidigt. Auch Seyran Ateş, eine der profiliertesten deutschen Frauenrechtlerinnen aus der Türkei, weist in ihrem Buch Der Multikulti-Irrtum auf die völlig unterschiedliche Bedeutung hin: „Wer in einem türkischen Zusammenhang namus hört, assoziiert damit zum überwiegenden Teil nicht etwas Positives, sondern eine Last, etwas, was es zu behüten gilt und wofür man bereit ist, sein Leben zu geben, etwas, was man ganz schnell verlieren kann und damit dann auch seine Existenzberechtigung.“ Denn wer seine Ehre nicht verteidigt, wird zum namussuz adam, zum ehrlosen Mann. Das ist „das Schlimmste“, was einem Türken passieren kann.
Die türkische Frau dagegen wird – vor allem, wenn sie jung ist – nicht als eigenständiges Wesen gesehen. Ihre Funktion ist, die Ehre der gesamten Familie zu tragen, inklusive Tanten und Onkel. Daher haben sämtliche Clan-Angehörigen das Recht (und die Pflicht), sich im Namen der Ehrverteidigung konstant in das Leben der Frau einzumischen. So wird die Ehre zu einem Instrument der totalen Kontrolle. Sie fördert Überwachung und Denunziation.
Denn die Ehre des Clans, die die Frau trägt, besteht aus ihrer sexuellen Enthaltsamkeit. Sie muss vor der Ehe Jungfrau sein und nach der Hochzeit treu. Das hört sich zunächst einmal lediglich konservativ an. Doch ein einziges Wort, ein einziger Blick kann die Ehre beschmutzen. Das bedeutet: Ein Vater kann seine Tochter einsperren, weil sie ihr Haare offen trägt oder sich nicht an die allgemeinen Regeln der Familie hält. Ein Ehemann kann seine Frau verprügeln, wenn sie ihm Widerworte gibt oder weil sie den Kassierer im Supermarkt seiner Meinung nach zu lange angeschaut hat. Ein Bruder kann seine Schwester erschießen, weil er glaubt, dass sie zu westlich lebt oder schlicht, weil sie kein Kopftuch tragen will.
Das Bundeskriminalamt bewertet Ehre als Motiv für Gewaltverbrechen so: »Der Fokus der Diskussion über die Motive und kulturellen Hintergründe richtete sich teilweise sehr vordergründig auf den Islam und die Türkei als Herkunftsland der Täter (und Opfer). Bei genauerer Analyse der gesicherten polizeilichen Daten ist allerdings erkennbar, dass wohl eher die auch nach der Migration andauernde starre Verwurzelung in vormodernen agrarischen Wirtschafts- und Sozialstrukturen und damit verbunden ein extrem patriarchalisches Familienverständnis die durchgängige Ursache für das Phänomen der sog. Ehrenmorde darstellen. - Das Verständnis von der Rolle der Frau ist in patriarchalischen Familienstrukturen teilweise mit Unterdrückung und extremer Reglementierung verbunden, wobei das männliche Familienoberhaupt und die männlichen Familienangehörigen sich in der Rolle der Garanten der Familienehre sehen.« Einfach ausgedrückt: Ehre ist nicht Teil der Religion, sondern ein Machtinstrument des Mannes gegen die Frau.
Ein solcher Ehrbegriff, der in früheren abendländischen Zeiten Männer zum Duell antreten ließ, wenn die Ehre der Frau oder der eigene gute Ruf beschädigt wurde, ist heute bei uns nur noch eine historische Erinnerung. Die Reste der Ehre (Ruf, Leumund) werden heute unter Mitteleuropäern ggfs. vor Gericht verteidigt, aber ohne Blutvergießen.
Beilegung
Aus einer Parte
Ist das eine Entschuldigung?
Frage: Warum sind so viele Wissenschaftler bereit, ihre Reputation zu verkaufen?
Theisen: Auch Professoren haben Geldsorgen – manche müssen ihr Haus abzahlen oder ihre Scheidung finanzieren.
Manuel René Theisen, Professor für BWL und Steuerrecht an der Uni München im Interview mit der ZEIT über akademischen Titelhandel in DeutschlandDienstag, 25. August 2009
Freiheit in reformatorischer Sicht
Die Reformatoren forderten ebenfalls Freiheit für den christlichen Glauben. Luther und Zwingli schrieben je eine Schrift über dieses Thema (Luther: Die Freiheit eines Christenmenschen; Zwingli: Die freie Wahl der Speisen). Die Menschen konnten sich eine totale Freiheit, wie wir sie heute gerne ausleben würden, nicht vorstellen. Sie lebten in einer Zeit, in der die Machtstrukturen genau geregelt waren. Jeder wusste, wem er zu gehorchen hatte. Selbst in der gegen die Knechtschaft kämpfenden Schweiz gab es Herren, die das Sagen hatten. Neben der weltlichen Autorität gab es dann eben noch die Vorrangstellung der Kirche. Sie schrieb genau vor, wie ein Christenmensch zu leben hatte. Gegen Vorschriften, die die Kirche erlassen haben, aber von der Heiligen Schrift nicht gefordert sind, wehrten sich die Reformatoren.
Der Christ ist nicht an Vorschriften von Menschen gebunden, sondern einzig seinem Schöpfer verantwortlich, der sich in seinem Wort offenbart. Hier soll der Mensch sein Gewissen prüfen und nicht an den Geboten, die Menschen erlassen haben. Der Grund für die reformatorische Freiheit war und ist das Vertrauen auf Gott und seine Gnade.
In unserer Zeit der absoluten Freiheit sehnen sich die Menschen immer wieder nach Punkten, an denen sie sich festhalten können. So verrückt es klingt, so glaube ich doch, dass wir heute ganz besonders in Gefahr sind die christliche Freiheit zu verlieren. Überall dort wo Menschen sich ihre eigenen Gedanken machen, was Gott wohl gefällt und wie sie ihr Leben führen sollen, machen sie sich eigene Gesetze. Luther und Zwingli riefen die Menschen nicht weg von jeder Norm, sondern hin zu Gottes Wort. Hier ist die wahre Freiheit zu finden. Hier stellt sich Gott vor. Hier sehen wir, dass Glaube das Einzige ist, was unserem Schöpfer gefällt. Die reformatorische Freiheit ruft uns zur Heiligen Schrift und und zum Glauben, dass Christus alles geleistet hat, was der Mensch zum Heil nötig hat.
Thomas Reiner: Reformiertes ABC - F wie Freiheit, in: reformiertheute.blogspot.com
Christliche Freiheit ist niemals Willkür. Luther wusste um das in Gottes Wort gebundene Gewissen des Christenmenschen. Die Freiheit, zu der Christus befreit, ist immer auch eine Freiheit von uns selbst - oder anders gesagt, die Freiheit, von uns selbst abzusehen und zu lieben.
Die Philosophie - ein geköpfter Leichnam?
Jean Calvin
Vietnam und Afghanistan
WELT ONLINE: Anfangs erschien der Afghanistankrieg ja als der „richtige“ Krieg gegen den Terrorismus mit klarem Mandat und klaren Zielen, ganz anders als die Irak-Invasion, deren Rechtfertigungen von der amerikanischen Regierung zusammengelogen worden waren.
Walser: Ja, und deshalb nennt der Herr von Klaeden die Taliban „Verbrecher“. Der Krieg ist also ein „Einsatz“ gegen „Verbrecher“. Wer soll da etwas dagegen haben? Nein, nein. Auch in Afghanistan wird die Legitimierung des Krieges künstlich produziert.
WELT ONLINE: Siebzig Prozent der Bevölkerung sind gegen den Krieg in Afghanistan. Aber eine richtige Erregung darüber ist nicht zu spüren.
Walser: Es gibt heute keine Studentenbewegung. Ohne die Studenten wäre der Vietnamkrieg in den Sechzigerjahren auch hingenommen worden. Wie dem auch sei. Solange mir von der Politik kein Konzept angeboten wird, wo er hinführen soll und wie er beendet werden kann, so lange halte ich diesen Krieg für verderblich.
Martin Walser im Interview der WELT
Man mag ihn mögen oder nicht - wenn Martin Walser sich zu Fragen der Politik äußert, sind die Meinungen wenigstens ebenso geteilt wie bei der Qualität seiner Bücher. Der Vergleich zwischen Vietnam und Afghanistan legt sich aber jedem aufmerksamen Zeitgenossen inzwischen nahe. Der Unterschied liegt in der Internationalität des Einsatzes. Aber zu gewinnen ist ein solcher Krieg im unwegsamen Bergland Afgahanistan ebensowenig wie damals in Vietnam.
In Vietnam ging es um die Verhinderung eines Domino-Effekts. Das Spiel ist noch dasselbe, nur der Gegner ist ein anderer.
Vergleichbar ist vor allem der Grad der ideologischen Fanatisierung des Guerilla-Gegners, der bei muslimischen Kämpfern wahrscheinlich noch höher ist als bei den Vietkong.
Angelegt aufs Paradies
Wenn wir indes genauer zusehen, lebt nur der Glückselige, wie er will, und ist nur der Gerechte glückselig. Jedoch auch der Gerechte wird erst leben, wie er will, wenn er dorthin gelangt ist, wo er überhaupt nicht sterben, sich irren und zu Schaden kommen kann und überdies die Gewissheit hat, dass es immer so bleibt. Dies verlangt die Natur, und nur die Stillung dieses Verlangens kann sie ganz und vollkommen glückselig machen. Aber wer könnte hienieden leben, wie er will, da doch niemand auch nur zu leben in seiner Gewalt hat? Leben will jeder, und jeder muss sterben. Wie kann da die Rede sein von leben, wie man will, wenn man nicht lebt, solang man will? Und wenn einer sterben will, so kann erst recht nicht von leben, wie man will, die Rede sein; ein solcher will ja überhaupt nicht leben. Sollte er aber nicht aus Überdruss am Leben sterben wollen, sondern aus Sehnsucht nach einem besseren Leben jenseits des Todes, so lebt er also jetzt noch nicht so, wie er will, sondern erst dann, wenn er durch Sterben zu dem gelangt ist, was er will. Aber gut, es lebe einer so, wie er will, nachdem er es über sich gebracht und sich streng auferlegt hat, nicht zu wollen, was er nicht kann, und nur das zu wollen, was er kann, sagt: „Da doch nicht geschehen kann, was du willst, so wolle, was du kannst“, so ist ein solcher deshalb noch nicht glückselig, weil er in Geduld unglücklich ist.
Ein glückseliges Leben hat man ja nur, wenn man es auch liebt. Liebt man es aber und hat man es, so muss man es mehr als alles andere lieben, weil um seinetwillen alles, was man sonst liebt, liebenswert ist. Liebt man es nun nach Verdienst [und glückselig ist nur, wer das glückselige Leben auch nach Verdienst liebt], so schließt das von selbst das Verlangen in sich, es möge ewig sein. Nur dann also wird es ein glückseliges Leben sein, wenn es ein ewiges sein wird.
Augustinus
Montag, 24. August 2009
Pantheistische Meditation

Eins und Alles
Im Grenzenlosen sich zu finden,
Wird gern der Einzelne verschwinden,
Da löst sich aller Überdruß;
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,
Statt läst'gem Fordern, strengem Sollen
Sich aufzugeben ist Genuß.
Weltseele, komm, uns zu durchdringen!
Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen
Wird unsrer Kräfte Hochberuf.
Teilnehmend führen gute Geister,
Gelinde leitend, höchste Meister,
Zu dem, der alles schafft und schuf.
Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich's nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges lebendiges Tun.
Und was nicht war, nun will es werden
Zu reinen Sonnen, farbigen Erden,
In keinem Falle darf es ruhn.
Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht's Momente still.
Das Ewige regt sich fort in allen!
Denn Alles muß in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.
Johann Wolfgang von Goethe
Sonntag, 23. August 2009
Endlich: ein Sternzeichen für jeden Tag
Petra Maria Scheid, vielfach ausgezeichnete Autorin zahlreicher Fantasyromane, Romane, Kinderbücher, Gesundheitsbücher und Malerin, stellt die mystischen Elfensternzeichen ihrem breiten Publikum zur Verfügung.
Die Elfensternzeichen unterscheiden sich von den Tierkreiszeichen Sternzeichen dadurch, dass sie nicht auf wenige 12 beschränkt sind.
Es gibt für jeden Geburtstag des Jahres ein unterschiedliches Elfensternzeichen. So wird die Individualität einer jeden Persönlichkeit besonders gut zur Geltung gebracht.
Das jeweilige Elfensternzeichen hat aber noch dazu eine ganz besonders wertvolle Bedeutung, symbolisiert es doch die jeweilige Schutzelfe seines Besitzers.
Die Schutzelfen sind sowohl männlich als auch weiblicher Natur und können mit Hilfe des Geburtstagselfenelixiers herbei geflüstert werden.
Ein nicht alltägliches Ritual, das dazu dient, sich mit seinen ureigenen natürlichen Kräften auseinanderzusetzen um längst verloren geglaubte Energie wieder zu neuem Leben zu erwecken.
Somit sind die Elfensternzeichen von Petra Maria Scheid nicht wie alle anderen Sternbilder, Astrologien und Horoskope nur auf theoretisches Wissen beschränkt.
Viel wertvoller und für jung und alt gleichermaßen leicht umsetzbar erfolgt hier neben der theoretischen Erfahrung, die nicht den wesentlichen Teil der Elfensternzeichen ausmacht, die praktische, ganz persönliche Erfahrung einer symbiotischen Verbindung mit den spirituellen Energien der Natur, der Sterne und den machtvollen Elfen von Eschtinbur, die Petra Maria Scheid in ihren Büchern wie Der Mondschlüssel, Mari`s Sehnsucht, Elfenmärchen, Wing Tsun bereits beschrieben hat.
Entdecken Sie Ihre persönlichen Möglichkeiten, Kräfte, die in Ihnen schlummern und von denen Sie bisher nicht einmal ahnten, dass sie vorhanden sind.
Sie werden feststellen: Dieses Buch wird Ihr Leben komplett verändern, denn nun eröffnen sich Ihnen neue Wege und Horizonte, werden begehbar, zu einer vielfach bereichernden Zukunft.
Petra Maria Scheid bietet auch Ihnen mit ihrem Buch Elfensternzeichen und dem dazu gehörigen Geburtstagselfenelixier den Wegweiser zu einem neuen Lebensabschnitt.
Gehen müssen Sie ihn aber selbst.
Sind auch Sie nun bereit den ersten Schritt zu wagen?
Pressemitteilung
Großartige Aussichten
"Wer war ich? Reise in ein früheres Leben", hieß ein aufsehenerregendes Format, in dem vox vor über fünf Jahren erstmals Trance-Reisen in die Vergangenheit zum Gegenstand einer Dokureihe machte. Ein hochemotionaler Reality-Thriller mit einem Hauch Mystik und Esoterik-Elementen - das muss doch immer noch trendy sein, glaubt man bei RTL und nimmt unter dem Titel "Mein erstes Leben - Mich hat es schon einmal gegeben" nun ein zunächst einmaliges Spin-Off ins Programm.
Wieder mit dabei: Ursula Demarmels, eine international anerkannte Schweizer Rückführungstherapeutin, die schon mal einen coolen Top-Manager dazu brachte, sein soziales Gewissen zu entdecken und dieses fortan als Leiter eines Kinderheimes auszuleben - nachdem er unter Hypnose sich selbst als bettelarme afrikanische Mutter begegnet war. Für RTL begleitet nun "Punkt 12"-Moderatorin Katja Burkard "ganz normale Menschen" bei ihrer Rückführung in ein früheres Leben.Gesucht wird die Antwort auf eine der komplexesten Fragen überhaupt: Gibt es die Wiedergeburt wirklich? Man kriegt zwar durchaus Gänsehaut, aber wirklich schlauer ist man am Ende nicht. Denn könnte es nicht einfach so sein, dass das Unterbewusstsein einem, etwa wie in einem Traum, einen Streich spielt? Könnte wohl. Andererseits: Warum belegen dann die Experten und Historiker, die Katja Burkhard zurate zieht, dass der geschichtliche Hintergrund der geschilderten Rückführungserlebnisse absolut realistisch ist?
Begleitet werden zwei "Probanten": Die 28-jährige Innenarchitektin Anne Zeughardt aus Köln erzählt während der Hypnose von ihrem Leben als Burgfräulein in der Mitte des 16. Jahrhunderts auf einer Ritterburg im Elsass. Nach, so RTL, "intensiver Recherche" erweisen sich die räumlichen Details als korrekt, obwohl Anne noch nie im Elsass gewesen sein will. Und, diesen emotionalen Show-down kennt man schon aus den vox-Dokus, vor Ort kommt es zu einer emotionalen Begegnung mit Annes erstem Leben. RTL beteuert, die junge Frau habe bislang "mit Esoterik oder dergleichen wenig im Sinn" gehabt. "Reines Interesse und der Tod ihres Großvaters" seien ihre Beweggründe gewesen, sich in Trance versetzen zu lassen.
Der 46-jährige Verkaufsleiter Bodo Uffelmann berichtet in Trance von seinem Leben als einfacher Bauernsohn Anfang des 19. Jahrhunderts. Auf dem Weg von Deutschland nach Italien verliert er bei einem Unfall ein Bein und wird von Kapuzinermönchen in einem Kloster in den Abruzzen aufgenommen. Von einem alten Mann lernt er das Mandolinespielen und verdient von nun an seinen Lebensunterhalt mit dem Anfertigen von Gehhilfen und Spazierstöcken.
"Durch spezielle Trance-Techniken und mithilfe hoher Lichtführer aus der spirituellen Welt führe ich Sie sanft in tiefe Entspannung und begleite Sie auf Ihrer inneren Reise in frühere Leben und in die lichtvolle, faszinierende Welt Ihrer unsterblichen Seele. Ihre Eindrücke und Erlebnisse teilen Sie mir gleichzeitig verbal mit, und diese werden zu Ihrem späteren Gebrauch aufgezeichnet", verrät Ursula Demarmels auf der Internetseite "transwelten.de" auf die Frage, wie solche Rückführungen überhaupt ablaufen. Was diese spirituellen Worte wirklich bedeuten, weiß wohl erst, wers selbst erlebt hat.
"Kann es wirklich wahr sein, dass Menschen von einem früheren Leben berichten?", fragt RTL. Die Frage ist aber womöglich eher: Will man wirklich wissen, was man vor 400 Jahren angestellt hat? Trance-Rückführungen in die eigene Vergangenheit mögen gewiss dem einen oder anderen Aufschluss über die eigenen Talente und Neigungen geben, aber unter Umständen kann genau dies wohl auch fatale Folgen haben: Es sollen etwa schon Beziehungen zerbrochen sein, nachdem brave Ehefrauen, die sich unter Hypnose als chinesischer Seefahrer und Eroberer im 9. Jahrhundert wiedergefunden hatten, in ihrer Wanderlust bestärkt in die Welt hinauszogen ... Andererseits klingt Ursula Demarmels Einladung allzu verlockend: "Sich selber seiner wunderbaren Einzigartigkeit als unsterbliche Seele bewusst zu werden, ist ein bewegendes Ereignis, welches Ihr ganzes Leben positiv beeinflussen und verändern kann." Keine Angst mehr vor dem Tod - eine großartige Aussicht.
Mit 15 ins Kloster
Sie wollte auch sehr jung eintreten und ist dann mit 15 Jahren ins Kloster gegangen. Als Teenager wollte ich das Gleiche tun. (Na ja, sie wurde mit 24 Jahren schon Heilig, und das wünschte ich es mir auch…aber ich glaube ich bin immer noch nicht so weit!)
Sr. Christine im Weblog der Paulus-Schwestern Deutschland
Zwei Leben
Der Erforschung wert, wahrhaftig...

December 12, 2009, 1:00-7:00 p.m
Public Assembly
70 North 6th St.
Brooklyn, NY
Cover charge: $10.00
Erik Butler, “The Counter-Reformation in Stone and Metal: Spiritual Substances”
Hunter Hunt-Hendrix, TBA
Nicola Masciandaro, “Anti-Cosmosis: Black Mahapralaya”
Benjamin Noys, “‘Remain true to the earth!’: Remarks on the Politics of Black Metal” (in absentia)
Joseph Russo, TBA
Anthony Sciscione, TBA
Niall Scott, “Black Confessions and Absu-lution”
Steven Shakespeare, “The light that illuminates itself, the dark that soils itself: blackened notes from Schelling’s underground”
Aspasia Stephanou, “Black Metal and Evil”
Brandon Stosuy, TBA
Evan Calder Williams, “The Headless Horsemen of the Apocalypse”
Scott Wilson, “BAsileus philosoPHOrum METaloricum”
Lionel Maunz, sculpture
Nader Sadek, Baptism in Black (Phase II)
Anpassung an die Umstände
Der renommierte Zürcher Ammann Verlag wirft das Handtuch. Die Feuilletons vergießen Krokodilstränen - Dabei dürfte das erst der Anfang sein
Wie sieht ein Autor diese Entwicklung? Ratlos, aber überhaupt nicht verwundert.
Egon Ammann meinte noch bei Ankündigung der Verlagsliquidation: Er wüsste, wie man ein neues System aufbaut, um die an Literatur interessierten Leser zu erreichen. Klubs, Karteikarten, jeden Einzelnen zusammentrommeln. Gut, daran haben auch schon andere gedacht, aber wie viele bringt man, sagen wir (und ich nenne jetzt Klassiker) zusammen für eine neue Edition von Samuel Beckett? Für Flauberts Bouvard und Pécuchet? Für Paul Nizon, Gerhard Amanshauser, Wolfgang Hildesheimer?
Ich habe eben nur aufgeblickt auf das unterste Regal in meinem Büchergestell. Also, wie viele? Wie viele Exemplare hat der letzte Michael Stavariè, der letzte Klaus Merz verkauft? Peter Handke? Adolf Muschg? Christoph Geiser?
Von einigen weiß ich es, und man würde sich wundern. Viele Kolleginnen und Kollegen treffe ich, zusammen mit meiner Wenigkeit, in Ramschkörben an. Wir sind in guter Gesellschaft, doch keiner sagt was. Mit dem Ende von Ammann (und auch demjenigen von Engeler, dem Lyrik-Verleger) hat das eine Menge zu tun. Die Auflagen sind gesunken, und zwar von allen, die sich einbilden, anspruchsvolle Literatur zu schreiben. Stark gesunken - in manchen Fällen in den Bereich der wenigen hundert Exemplare.
Das ist auch bei mir der Fall: Von meinem ersten Buch, Der Großvater, verkauften sich 1985 und später in verschiedenen Editionen (Taschenbuch, Buchklubausgaben etc.) noch über 10.000 Exemplare; von da an dümpelten die Auflagen um die 4500 (mit Taschenbuch), ein Erzählband erreichte noch 1800, zuletzt lagen die verkauften Bücher bei unter 1000. Jeder Autor fragt sich: "Bist du so viel schlechter geworden?" , "Bist du nicht mehr in?" , "Ist dir der Stoff ausgegangen?".
Vielleicht. Doch zunächst einige Tatsachen: 1985 gab es in der Schweiz noch den Buchklub Ex Libris der Lebensmittelkette Migros - und sicher Ähnliches in Österreich und Deutschland. Ex Libris sorgte mit Nachauflagen oft für die Verdoppelung der ersten Ausgabe im Hardcover. Piper, wo meine ersten drei Bücher im Pocket erschienen, baute damals seine Taschenbuchreihe aus, die später erheblich eingedampft wurde: Eingekauft wurde, wie dies übrigens auch Suhrkamp tat und mir ein Lektor dieses Verlags einmal erklärt hat, nach "literarischen Landschaften" : Bestimmte Schweizer, bestimmte Österreicher wollte man haben.
Andere Tatsachen: Bis zu meinem vierten Buch, 1993, wurden alle ausnahmslos in der ganzen Schweizer Presse und in einigen deutschen Zeitungen besprochen. Damals galt es als ausgemacht, dass die Feuilletons sich um die Literatur im eigenen Land zu kümmern hätten. Heute lese ich, nur ein Beispiel, im Zürcher Tages-Anzeiger zwar eine ganze Seite über das Ende des Ammann Verlags, aber sonst tut sich diese Zeitung in ihrem Kulturteil vornehmlich mit Madonna und Michael Jackson, Micky Maus und Tom Cruise, Feuchtgebieten und der Love-Parade hervor. Deshalb sind es in manchen Fällen Krokodilstränen, die jetzt zum Ende von Ammann vergossen werden. Literatur ist auch in den Feuilletons etwas für Ewiggestrige geworden.
Die Krise der Literatur, was ihre Verbreitung anbelangt, hat viel mit dem, sagen wir es neutral, gewandelten Selbstverständnis von Presse und Journalisten zu tun. Verlage, die nicht über sehr gute Beziehungen zu Fernsehen und Presse (oder über sehr gute Pressedamen, wie es noch einige gibt) verfügen, schaffen es mit gewöhnlichen Romanen ohne Aufregungspotenzial nicht mehr an die Öffentlichkeit.
Auch die Verlage haben sich verändert. Ich gehe immer noch vom Jahr 1985 aus, als ich zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Häuser wie Hanser, Suhrkamp, Residenz, Nagel und Kimche, Arche hatten ein klares Profil. Sie veröffentlichten keine Ratgeber, kaum Kriminalromane, keine VIP-Storys, Instantbücher, Leiberl, Scherzartikel usw. Man sah es einem Buch von Hanser nur schon äußerlich an, dass es eines war. Heute lese ich Titel aus diesen Häusern der Art "Wenn wir zu zweit sind, sind wir weniger allein" , "Mord an der Wall Street" , "Glück in sieben Lektionen" .
Dafür finde ich keinen Beckett, keine Gebrüder Goncourt, auch keinen Günter Eich in den Buchhandlungen. Noch vor fünfzehn Jahren gab es in diesen Läden lange Regale mit alphabetisch geordneten Büchern, in denen ich fast alles fand, was ich suchte, mich selbst inbegriffen, zwischen Francis und Franzobel. Heute ist nicht mal mehr Frisch halbwegs komplett, und von Dürrenmatt liegen nur die Kriminalromane herum. Dafür stapeln sich die Forsyth, Wilbur Smith, Clancy ...
Die Lesegewohnheiten haben sich verändert: Ich komme aus einer nicht besonders bildungsnahen Familie (aber Politik und Wirtschaft waren immer Themen, mit den entsprechenden Zeitungen), doch mir wäre nicht eingefallen, falls ich sie in meiner Buchhandlung überhaupt gefunden hätte, nach dieser angelsächsischen Massenware zu suchen. Ich kaufte mir die billigen dtv-Ausgaben von Böll, sogar eine Anthologie österreichischer Autoren von Amanshauser bis Artmann, Handke bis Rosei; die Bachmann im Piper Verlag; Bichsel und Grass bei Luchterhand im Taschenbuch.
Traditionslos
Meine Söhne sind große Leser. Der ältere hat nun das Alter, das ich hatte, als ich alle die Bölls las. Ich versuchte ihn mit Hildesheimers Lieblosen Legenden und Bölls Nicht nur zur Weihnachtszeit anzustecken. Er las je eine Erzählung, aber ... es war nicht seine Welt. Geprägt von digitalen Medien, Fernsehen, Film liest er jedoch ohne weiteres Thriller von 600 Seiten Länge. Alessandro Barrico, der italienische Autor, hat diesen Paradigmenwechsel einmal analysiert: Bis zum Mauerfall (einer Wegmarke für vieles) galt als der Referenzrahmen für die Literatur die Tradition der Literatur selbst. So verhielt ich mich im Alter meines Sohnes: Ich kaufte mir die dtv-Bändchen nach der Lektüre von bestimmten Autoren in der Schule, auf Empfehlung eines anderen Lesenden, auch versuchsweise (dtv hatte ein Profil). Nach Barrico verhält sich heute kein Käufer von Literatur mehr so. Sein Referenzrahmen geht über die Tradition der Literatur hinaus - der Literaturgeschichte zum Beispiel, die er in der Schule gelesen hat - oder sieht gänzlich davon ab. Seine Erwartungen an ein Buch sind geprägt von Actionfilm oder Soap, Comic oder Märchen, House oder Techno, Mode oder Design. Barrico, einem erfolgreichen Autor, gelingt es offenbar, eine Brücke zwischen diesen beiden Polen zu schlagen, zwischen traditioneller und außerliterarischer Erwartung. Oder vielmehr: Es gelang ihm in den Neunzigerjahren, denn heute ist auch er wieder aus der Mode, eben doch zu "literarisch".
Auch ich bin zu literarisch, um auf die andere, die neue Seite des Paradigmas zu gelangen. Das bewiesen Kommentare von Lesern zu meinem letzten Buch, das zwei Erzähler hat. Das genügte schon, damit - durchaus lobend übrigens - der Roman als "experimentell" eingestuft wurde. Egon Ammann, für den es nach seiner Selbsteinschätzung keinen Nachfolger geben kann (nicht nur aus Eitelkeit, sondern weil er mit Literaturvorstellungen aufgewachsen ist wie etwa ich) hat erkannt, dass sein Verlag zu einem billigen HipHop-Unternehmen werden würde, wollte ihn jemand weiterführen. Mit Lektoren, die allenfalls etwas von Literatur verstehen, den Autoren dann aber sagen (müssen): "Sie kommen doch aus Norditalien. Wir haben da ein Projekt über die Polenta ..."
Natürlich schmerzt mich das. Aber gesellschaftliches Denken, das ich mir nicht abgewöhnen kann, hilft mir. Auch historisches: Mir fällt etwa ein, dass um das Jahr 600 nach Christus im römischen Westreich, das von Goten erobert worden war, die Schrift innerhalb von wenigen Jahrzehnten verschwand, weil sie den Eroberern unbekannt war und von ihnen als überflüssig erachtet wurde. Der Mensch passt sich den Umständen an. Und der Autor? Ist auch nur ein Mensch: Einige, die ich kenne, suchen sich jetzt historische Stoffe; versuchen Annäherungen an Paris Hilton; schreiben Wander- oder Pendlerbücher; bilden sich zu Weindegustatoren aus; gehen der Volksmusik nach; werden stilistisch schwächer, aber persönlich stärker, und das heißt: auffälliger. Von den Etablierten, die partout nicht untergehen wollen - und das kann man ihnen ja nicht verübeln -, lernt man ja, wie man Medienskandale inszeniert. Aus der Presse, auch aus den Feuilletons kann man die in der VIP-Lounge angesagten Themen entnehmen. Marktangleichung, Marktanpassung, Marktfähigkeit nennt man das.
Bestattung? Bitte billig!
Günstige Sammelgräber werden immer beliebter, Grabsteine im Internet bestellt, Trauerfeiern immer seltener.
Im Leben gibt es kaum etwas geschenkt. Und auch der Tod ist nicht gratis. Bestattung, Grabstelle, Trauerfeier - da können schnell 10 000 Euro zusammenkommen. Aber das kommt für viele Hinterbliebene nicht in Frage. Selbst beim Abschied von einem geliebten Menschen machen sie da offenbar keine Ausnahme. "Die Leute sparen am Tod", sagt Joachim Gersch, Friedhofsverwalter in Ahrensburg.
Er berichtet von einem Trend, der nicht erst seit der Wirtschaftskrise erkennbar sei, sondern schon seit fünf, sechs Jahren. "Viele haben das Geld einfach nicht. Die Frage 'Was kostet mich das?' ist gang und gäbe." Das bekomme die ganze Branche zu spüren. "Es werden zum Beispiel Preise von Bestattungsinstituten verglichen, und örtliche Steinmetze stehen im Wettbewerb mit Anbietern aus dem Internet", sagt Gersch, "die Pietät auf diesem Sektor verändert sich."
Olaf Falke vom Ahrensburger Beerdigungsinstitut Falke bestätigt, dass bei der letzten Ruhe zunehmend aufs Geld geachtet wird: "Etwa die Hälfte der Kunden interessiert sich für günstige Bestattungsvarianten." Einen Grund dafür sieht Falke im Wegfall des Sterbegeldes. Früher übernahm die Krankenversicherung einen Teil der Bestattungskosten, umgerechnet 2000 Euro wurden gezahlt, seit 2004 müssen die Angehörigen alles selbst bezahlen.
Auf dem Ahrensburger Friedhof ist die günstigste Bestattungsform der Kieferngarten, ein Urnengemeinschaftsgrab ohne Namensnennungen. "Die Grabkosten betragen 290 Euro", sagt Joachim Gersch. Zum Vergleich: Ein Einzelgrab kostet etwa 810 Euro. "Hinzu kommen noch die Kosten für Grabpflege, Grabstein und Bepflanzung."
Den Kieferngarten gibt es seit November 2005. Die Standorte jeder Urne werden mit einem Ziergras gekennzeichnet. "Die Verstorbenen werden also namenlos, aber nicht ortlos bestattet." Das sei vor allem für die Hinterbliebenen wichtig. Gersch sagt: "Anders als bei anonymen Bestattungen, die wir bis 2005 hatten, können Angehörige bei der Beisetzung dabei sein und wissen genau, wo die sterblichen Überreste des Verstorbenen liegen. Sie haben einen Ort, an dem sie trauern, Blumen ablegen an den Verstorbenen denken können." Viele würden mit der seelischen Belastung nicht fertig, nicht zu wissen, wo der Verstorbene begraben liegt. "Dieser Anonymität wollten wir mit dem Kieferngarten entgegenwirken", sagt der Friedhofsverwalter. "Wir haben uns bewusst dafür entschieden, Verstorbene nicht mehr still und leise irgendwo auf der grünen Wiese zu beerdigen." Jemanden völlig anonym zu bestatten, müsse nicht sein - auch nicht aus Kostengründen. Und das Angebot sei sehr gefragt. "Bisher hat es dort 180 Urnenbeisetzungen gegeben. Von den durchschnittlich 330 Bestattungen im Jahr sind rund 25 Prozent im Kieferngarten", sagt Gersch. Zwei Drittel dieser Bestattungen seien ohne Trauerfeier. "Eine erschreckend hohe Zahl", meint er.
Auch Bestattungsunternehmer Olaf Falke vom Beerdigungsinstitut Falke sagt: "Ja, wir beobachten, dass immer häufiger keine Trauerfeiern gewünscht werden." Weil es den Hinterbliebenen zu teuer sei. Weil sie keine Trauerfeier wollten. Oder weil es keine Angehörigen oder Bekannten mehr gebe.
Der Ahrensburger Pastor Detlev Paschen nennt diese Menschen die "unbedacht Verstorbenen". Menschen, die ohne Verwandte oder Freunde beigesetzt werden. Die unbedacht Verstorbenen seien eines der seelsorglichen Themen, mit denen er sich dieses Jahr intensiver auseinandersetzen wolle. "Das ist ein Trend, der in letzter Zeit erheblich zunimmt", sagt Paschen. Ein Trend, dem er entgegenwirken will. "Bestattungsunternehmer melden sich bei mir, wenn sie einem Toten keine Angehörigen zuordnen können." Er begleite den Bestatter, wenn die Urne beigesetzt wird. "Weil es mir grundsätzlich wichtig ist, dass Verstorbene nicht unbedacht bleiben", sagt Paschen. Im Gottesdienst wird der Namen unter Gottes Wort und Gebet genannt, und die Gemeinde nimmt Anteil. Die Gründe dafür, dass Menschen versterben und kein Lebender davon Notiz nimmt oder nehmen will, seien vielfältig. "Auch ich kann nur Vermutungen anstellen, welche Faktoren eventuell dazu beitragen", sagt der Pastor. Die Familienverbunde seien beispielsweise kleiner geworden, und die soziale Bindung sei früher wesentlich höher gewesen. "Manchmal wollen sich die Angehörigen auch der Pflicht entziehen, die Bestattung zu übernehmen. Oder es sind keine Verwandten zu ermitteln." Andererseits hätten viele den Wunsch, nach dem Tod niemandem zur Last zu fallen. "Sie wollen anonym bestattet werden."
Joachim Gersch schätzt, dass in Deutschland ein Drittel der Toten anonym beigesetzt wird. Wenn sich die Eltern eine anonyme Bestattung wünschten, seien die Kinder jedoch häufig unglücklich damit. "Sie wollen den Willen der Verstorbenen respektieren, aber auch einen Ort zum Trauern auf dem Friedhof", sagt Pastor Paschen.
Der Kieferngarten kann beide Ansprüche er füllen. "Es kommt häufiger vor, dass mich eine Familie bittet, sie zur Beisetzung zu begleiten. "Ich halte an dem Urnengrab dann eine Ansprache, in der ich mit den Angehörigen in besonderer Weise den Dialog suche", sagt er. "Mein Ziel ist, die Lebensmelodie des Verstorbenen zum Klingen zu bringen." Mit Geld hat die seelsorgerliche Arbeit von Pastor Paschen nichts zu tun: "Einige denken jedoch, dass ein Pastor extra kostet, wenn er bei der Bestattung dabei ist."
Doch das ist - Gott sei Dank - nicht so. Wenigstens den Beistand der Kirche in den schweren Stunden des Abschieds von einem geliebten Menschen gibt es weiterhin gratis.
Franziska Behring: Jetzt sparen die Menschen sogar am Tod, Hamburger Abendblatt
Rudolf Bultmanns 125. Geburtstag
Als ich mich 1979 in Marburg immatrikulierte, war Rudolf Bultmann schon mehrere Jahre tot. Aber sein Ruf überstrahlte die Fakultät noch nach außen. In Marburg Theologie studieren? Bei allen Frommen löste ein solcher Satz Entsetzen aus. Wie konnte man sich nur freiwillig in die Höhle des Löwen begeben?
