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Dienstag, 23. Februar 2010

Sehr schön! Dada lässt grüßen...

Mit einem doppelbödigen Kommentar hat sich der Dichter Durs Grünbein in die Literaturdebatte um die Plagiatsvorwürfe gegen die Schriftstellerin Helene Hegemann ("Axolotl Roadkill") eingemischt - und dem Feuilletonstreit eine neue, sehr ironische Wendung gegeben.

Eigentlich sollte in der Aufregung um "Axolotl Roadkill" schon alles gesagt sein und tatsächlich auch von jedem. Doch mit einer beinahe dadaistischen Plagiatsaktion hat der Dichter Durs Grünbein der ausufernden Diskussion noch einmal einen Höhepunkt gegeben. Er lieferte zur Plagiatsdebatte selbst ein Plagiat - und niemand merkte es.

Im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") vom Dienstag erschien ein Text, in dem Grünbein den Hegemann-Kritikern vorwarf, sie seien "sonderbare Persönlichkeiten" und hätten "sonderbare Vorstellungen" über Stoff und Dichtung, "sonderbare Gefühle" und "sonderbare Nerven" für die Eindrücke, die "sich ergeben aus dem Verhältnis von Material und Form!" Grünbein bejubelt in dem Text die "Inspiration einer großen Schöpferin", von der "jeder Satz und jeder Dialog durchatmet und durchströmt wird".

Das war ein ganz und gar Grünbein-untypischer Sound, und der täglicheFeuilleton-Dienst "Perlentaucher" lästerte prompt: "Wes Herz der Liebe zur jungen Literatur voll ist, des Zunge quillt oder schwillt oder, na ja." Auch in den Kommentaren im "FAZ"-Online-Forum löste der Text eine rege Debatte aus: "Himmel, welch ein dürftiger Kommentar des Herrn Grünbein. Im Grunde will er uns wohl in verschwurbelter Sprache sagen, der Zweck heilige die Mittel", regte sich ein User auf.

"Der aktuellen Debatte das parodistische Schlusslicht aufsetzen"

Doch was da unter dem Namen Grünbein in der "FAZ" erschien, ist auf ganz andere Weise der Kommentar des Dichters zur Debatte. Nach SPIEGEL- Informationen ist dieser Grünbein-Text über das Plagiat selbst ein Plagiat.

Der Originaltext, den Grünbein offenbar nur aktualisierte und in dem er ein paar Namen änderte, ist von Gottfried Benn und erschien in den zwanziger Jahren in der "Vossischen Zeitung". Benn verteidigte damals die Schriftstellerin Rahel Sanzara gegen Plagiatsvorwürfe zu ihrem Roman "Das verlorene Kind". Auch der erschien damals - wie heute Hegemanns Buch - im Ullstein-Verlag.

Grünbein sagte auf Anfrage nur: "Und wenn es so wäre?" - und verwies auf die "FAZ". Deren Mitherausgeber Frank Schirrmacher bestätigte gegenüber dem SPIEGEL: "Der Text stammt fast zu 99 Prozent von Gottfried Benn, auch der Titel 'Plagiat' ist von ihm." Die Idee zu der Aktion habe Grünbein gehabt. "Er wollte damit der aktuellen Debatte das parodistische Schlusslicht aufsetzen."

Im "FAZ"-Online-Forum war mancher auch schon auf der richtigen Spur gewesen: "Wird dies nun der endgültig letzte Kommentar zum Fall Hegemann sein? Jetzt spricht ein Machtwort der hochdekorierte Dichter. Man meint förmlich, das Ritterkreuz, Verzeihung: den Pour le Merite, unter dem generalesken Stehkragen funkeln zu sehen." Einen kleinen Hinweis hatte die "FAZ" ihren Lesern offenbar selbst geben wollen. Die Überschrift zu Grünbeins Text erschien in doppelten Anführungszeichen: ""Plagiat"".

spiegel.de

Ja, das ist in der Tat ein gelungenes parodistisches Schlusslicht. Literatur lebt von der Weiterverwendung und Weiterentwicklung von Motiven, Sprache, Formulierungen, Szenen, Themen. Und eigentlich gilt das nicht nur für Literatur, sondern auch für Wissenschaft, bildende Kunst, ja für das Leben selbst. Wir erfinden uns nie ganz neu und bringen nur selten etwas ganz Neues hervor, sondern leben immer von den Ahnen, den Vorgängern. Zwerge auf den Schultern von Riesen, so geht die Kultur weiter. Der Talmud belegt es in seiner Struktur, das Internet sowieso.

Mittwoch, 17. Februar 2010

Die Macht der Worte

ZEIT ONLINE: Frau Magén, Ihre Sprache vermittelt den Eindruck, als läge Ihnen jedes einzelne Wort am Herz, als bangten sie um es, als hüteten sie es.

Mira Magén: Das rührt sicher von meiner religiösen Erziehung her, die mich gelehrt hat, dass ich für jedes Wort verantwortlich bin. Es ist unmöglich, einfach das auszusprechen, was einem auf der Zunge liegt. Weil Worte eine Bedeutung haben. Worte sind wie Taten. Sie beeinflussen die eigene Existenz ebenso wie die desjenigen, an den man die Worte richtet.

Aus einem zeit-online-Interview mit der israelischen Schriftstellerin Mira Magén


Dienstag, 9. Februar 2010

Gott sehen - Spuren hinterlassen

Der Sohn des Zimmermanns“, wie es oft heißt, war nicht emsig im Tischlern oder so. Wahrscheinlich war Jesus eher begabt als eine Art „Till Eulenspiegel“. Denken Sie zum Beispiel an den Witz, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht denn ein Reicher. Oder wie Jesus sagte, dass noch nie je wer Gott gesehen hat. Denken Sie an „Warten auf Godot“ und wie Estragon als Sadist tätig ist. Oder wie es einmal Tex Rubinowitz formulierte, dass erst dann die Welt erlöst sein wird, wenn der letzte Witz erzählt ist.

Wir haben alle so einen Hunger zu bewahren. Es geht alles nur mit http. Es gibt noch keine Gottheit, erst bis http die Ewigkeit alles Lebens summiert. Pilze, Tiere, Pflanzen. Wir „Menschen“ sind nur die Zwischenstufe – zum Lagern! Wir kennen uns ja als Perfektionistys, wenn wir in Vollglut sind, wollen wir alles. Denken Sie an die Wissenschaft. Wie perfekt der Mensch gebaut ist, die Härchen zwischen den Arschbacken: Längst vor der Erbastelung des Klopapiers. Wenn Sie je und hemmungslos zwischen Ihre Arschbacken griffen! Stunden nach dem Gehen reinigen die Arschhärchen alles. Sorgfältig und emsig wird alles aufgeräumt. Wenn Sie sich – wie ich – nie wüschen und nachher nachprüften, wie alles weggeputzt dann ist. Arschhärchen tun das! Da zwickt nichts mehr.

Jesus hat auch einmal gesagt, dass er die mit den langen Gewändern nicht wirklich leiden kann. Nun haben im Moment eh die Bluejeans gewonnen. Ich bin total vernarrt in Bluejeans. Junge Männer in kurzen, versauten Bluejeans kann ich nicht satt werden anzusehen. Doch es ist kalt, und ich bin allein. Und niemand ist an mir interessiert. Habe alles verpasst und bin noch immer am Betteln. Begreift das Sättigen endlich mit dem Hunger nach Spüren, Duhsub! Ich hab gefressen und wurde nie satt. Und kriegte nie was zu spüren ...

Gerade das war ja das Geniale an der Denkschule Lukas-Paulus, dass NIEMAND bzw. KEINES den Gott je physisch sah noch begriff, spüren, fühlen konnte! Wir bleiben im Wettkampf, lieb zu sein, das jeweils Liebste ist das Tages-Siegy. Und die Familie Jesus von Nazareth ist prototypisch. Und flog dann in den Himmel hinauf. Wir wollen alle Spuren hinterlassen. Drum http ohne Punkt und Komma.

Phettberg Predigtdienst (877)

Montag, 8. Februar 2010

Popkulturelles Aschenputtel mit Blut im Schuh?

Steiler Aufstieg und jäher Absturz? Eben noch hatten die deutschen Feuilletons die 17-jährige Autorin Helene Hegemann als großes, ja überragendes Talent bejubelt ("Literarischer Kugelblitz"), nun stellt sich heraus, dass sie in ihrem vielgerühmten Buch "Axolotl Roadkill" sehr weitgehend aus einem anderen Werk abgeschrieben hat.

"Am vergangenen Wochenende meldete sich der Blogger Deef Pirmasens zu Wort. In seinem Blog
Die Gefühlskonserve verglich er Stellen aus Hegemanns Roman mit denen eines Berliner Bloggers namens Airen. Der hatte vor ein paar Jahren den Roman Strobo in dem kleinen Berliner Verlag SuKuLTur veröffentlicht, gänzlich unbeachtet von der Literaturkritik. Die Ähnlichkeit der etwa ein Dutzend verglichenen Stellen ist in der Tat frappierend. Nicht nur der Inhalt, sondern insbesondere die Sprache stimmt, bis auf ein paar Umstellungen im Satzbau, größtenteils überein – eben jene radikale Sprache, für die Hegemann in den hochtönenden Rezensionen so bewundert wurde." (Die Zeit)

Und die junge Dame streitet das auch gar nicht ab: "Inhaltlich finde ich mein Verhalten und meine Arbeitsweise aber total legitim und mache mir keinen Vorwurf, was vielleicht daran liegt, dass ich aus einem Bereich komme, in dem man auch an das Schreiben von einem Roman eher regiemäßig drangeht, sich also überall bedient, wo man Inspiration findet. Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit. Und mir ist es völlig egal, woher Leute die Elemente ihrer ganzen Versuchsanordnungen nehmen, die Hauptsache ist, wohin sie sie tragen. Von mir selber ist überhaupt nichts, ich selbst bin schon nicht von mir (dieser Satz ist übrigens von Sophie Rois geklaut) – ich habe eine Sprache antrainiert gekriegt als Kind und trainiere mir jetzt immer noch Sachen und Versatzstücke an, aber mit einer größeren Stilsicherheit. Das sind Formulierungen und Weltanschauungen und auch einfach bestimmte Floskeln, die mich prägen und weiterbringen in dem, was ich äußern und vermitteln will, und da beraube ich total schonungslos meine Freunde, Filmemacher, andere Autoren und auch mich selbst. Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation. Ich selbst habe den Roman als „Lüge“ bezeichnet, das ist er auch, aber nur über die Lüge kommen wir der Wahrheit nahe. Das, was wir machen, ist eine Summierung aus den Dingen, die wir erleben, lesen, mitkriegen und träumen. Es gibt da ziemlich viel, was mit meinen Gedanken korrespondiert und sich in mein Gehirn einschreibt, dadurch aber gleichzeitig auch etwas komplett anderes wird. Ich bin nur Untermieter in meinem eigenen Kopf." buchmarkt.de)

Tatsächlich scheint sich in Zeiten des "Copy and paste" unser Begriff von Originalität und Echtheit zu relativieren, die Autorin hat schon nicht ganz unrecht. Ganz neu ist eine solche Berufung auf den Zeitgeist freilich nicht: "Im frühen 18. Jahrhundert konnte man bereits diese Haltung finden, der nach künstlerische Echtheit und ein lässiger Eigentumsbegriff sich nicht widersprechen. Der Dichter Christoph Martin Wieland schrieb dazu, den wahren Meister mache 'nicht die Erfindung eines unerhörten Sujets, unerhörter Sachen, Charaktere, Situationen usw., sondern der lebendige Odem und Geist, dem er seinem Werke einzublasen vermag'. Sein Zeitgenosse Lessing schrieb ähnliches in seiner Hamburger Dramaturgie: 'Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen.' Das war 1768. Wenig später begann man, den Gedanken des Urheberrechts weitaus strenger zu achten." So zu lesen in der Zeit.

Und heute und in Zukunft? Man wird es abwarten müssen.

Dienstag, 22. September 2009

Bekenntnis zum Existenzialismus

«Der Mann, der das geschrieben hat, wußte alles über mich, und wußte, was warten heißt ohne Hoffnung (...). Die Trauer ist die innigste Verbindung mit einem Menschen, die gemeinsame Trauer.»

Der Gefangene "Hannes" in Siegfried Lenz' neuer Novelle "Landesbühne" (ab 23.9. im Buchhandel). Dieses Theater führt Becketts "Warten auf Godot" in einer Haftanstalt auf.

Sonntag, 23. August 2009

Anpassung an die Umstände

Game-over in der Verlagslandschaft

Der renommierte Zürcher Ammann Verlag wirft das Handtuch. Die Feuilletons vergießen Krokodilstränen - Dabei dürfte das erst der Anfang sein

Wie sieht ein Autor diese Entwicklung? Ratlos, aber überhaupt nicht verwundert.

Egon Ammann meinte noch bei Ankündigung der Verlagsliquidation: Er wüsste, wie man ein neues System aufbaut, um die an Literatur interessierten Leser zu erreichen. Klubs, Karteikarten, jeden Einzelnen zusammentrommeln. Gut, daran haben auch schon andere gedacht, aber wie viele bringt man, sagen wir (und ich nenne jetzt Klassiker) zusammen für eine neue Edition von Samuel Beckett? Für Flauberts Bouvard und Pécuchet? Für Paul Nizon, Gerhard Amanshauser, Wolfgang Hildesheimer?

Ich habe eben nur aufgeblickt auf das unterste Regal in meinem Büchergestell. Also, wie viele? Wie viele Exemplare hat der letzte Michael Stavariè, der letzte Klaus Merz verkauft? Peter Handke? Adolf Muschg? Christoph Geiser?

Von einigen weiß ich es, und man würde sich wundern. Viele Kolleginnen und Kollegen treffe ich, zusammen mit meiner Wenigkeit, in Ramschkörben an. Wir sind in guter Gesellschaft, doch keiner sagt was. Mit dem Ende von Ammann (und auch demjenigen von Engeler, dem Lyrik-Verleger) hat das eine Menge zu tun. Die Auflagen sind gesunken, und zwar von allen, die sich einbilden, anspruchsvolle Literatur zu schreiben. Stark gesunken - in manchen Fällen in den Bereich der wenigen hundert Exemplare.

Das ist auch bei mir der Fall: Von meinem ersten Buch, Der Großvater, verkauften sich 1985 und später in verschiedenen Editionen (Taschenbuch, Buchklubausgaben etc.) noch über 10.000 Exemplare; von da an dümpelten die Auflagen um die 4500 (mit Taschenbuch), ein Erzählband erreichte noch 1800, zuletzt lagen die verkauften Bücher bei unter 1000. Jeder Autor fragt sich: "Bist du so viel schlechter geworden?" , "Bist du nicht mehr in?" , "Ist dir der Stoff ausgegangen?".

Vielleicht. Doch zunächst einige Tatsachen: 1985 gab es in der Schweiz noch den Buchklub Ex Libris der Lebensmittelkette Migros - und sicher Ähnliches in Österreich und Deutschland. Ex Libris sorgte mit Nachauflagen oft für die Verdoppelung der ersten Ausgabe im Hardcover. Piper, wo meine ersten drei Bücher im Pocket erschienen, baute damals seine Taschenbuchreihe aus, die später erheblich eingedampft wurde: Eingekauft wurde, wie dies übrigens auch Suhrkamp tat und mir ein Lektor dieses Verlags einmal erklärt hat, nach "literarischen Landschaften" : Bestimmte Schweizer, bestimmte Österreicher wollte man haben.

Andere Tatsachen: Bis zu meinem vierten Buch, 1993, wurden alle ausnahmslos in der ganzen Schweizer Presse und in einigen deutschen Zeitungen besprochen. Damals galt es als ausgemacht, dass die Feuilletons sich um die Literatur im eigenen Land zu kümmern hätten. Heute lese ich, nur ein Beispiel, im Zürcher Tages-Anzeiger zwar eine ganze Seite über das Ende des Ammann Verlags, aber sonst tut sich diese Zeitung in ihrem Kulturteil vornehmlich mit Madonna und Michael Jackson, Micky Maus und Tom Cruise, Feuchtgebieten und der Love-Parade hervor. Deshalb sind es in manchen Fällen Krokodilstränen, die jetzt zum Ende von Ammann vergossen werden. Literatur ist auch in den Feuilletons etwas für Ewiggestrige geworden.

Die Krise der Literatur, was ihre Verbreitung anbelangt, hat viel mit dem, sagen wir es neutral, gewandelten Selbstverständnis von Presse und Journalisten zu tun. Verlage, die nicht über sehr gute Beziehungen zu Fernsehen und Presse (oder über sehr gute Pressedamen, wie es noch einige gibt) verfügen, schaffen es mit gewöhnlichen Romanen ohne Aufregungspotenzial nicht mehr an die Öffentlichkeit.

Auch die Verlage haben sich verändert. Ich gehe immer noch vom Jahr 1985 aus, als ich zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Häuser wie Hanser, Suhrkamp, Residenz, Nagel und Kimche, Arche hatten ein klares Profil. Sie veröffentlichten keine Ratgeber, kaum Kriminalromane, keine VIP-Storys, Instantbücher, Leiberl, Scherzartikel usw. Man sah es einem Buch von Hanser nur schon äußerlich an, dass es eines war. Heute lese ich Titel aus diesen Häusern der Art "Wenn wir zu zweit sind, sind wir weniger allein" , "Mord an der Wall Street" , "Glück in sieben Lektionen" .

Dafür finde ich keinen Beckett, keine Gebrüder Goncourt, auch keinen Günter Eich in den Buchhandlungen. Noch vor fünfzehn Jahren gab es in diesen Läden lange Regale mit alphabetisch geordneten Büchern, in denen ich fast alles fand, was ich suchte, mich selbst inbegriffen, zwischen Francis und Franzobel. Heute ist nicht mal mehr Frisch halbwegs komplett, und von Dürrenmatt liegen nur die Kriminalromane herum. Dafür stapeln sich die Forsyth, Wilbur Smith, Clancy ...

Die Lesegewohnheiten haben sich verändert: Ich komme aus einer nicht besonders bildungsnahen Familie (aber Politik und Wirtschaft waren immer Themen, mit den entsprechenden Zeitungen), doch mir wäre nicht eingefallen, falls ich sie in meiner Buchhandlung überhaupt gefunden hätte, nach dieser angelsächsischen Massenware zu suchen. Ich kaufte mir die billigen dtv-Ausgaben von Böll, sogar eine Anthologie österreichischer Autoren von Amanshauser bis Artmann, Handke bis Rosei; die Bachmann im Piper Verlag; Bichsel und Grass bei Luchterhand im Taschenbuch.

Traditionslos

Meine Söhne sind große Leser. Der ältere hat nun das Alter, das ich hatte, als ich alle die Bölls las. Ich versuchte ihn mit Hildesheimers Lieblosen Legenden und Bölls Nicht nur zur Weihnachtszeit anzustecken. Er las je eine Erzählung, aber ... es war nicht seine Welt. Geprägt von digitalen Medien, Fernsehen, Film liest er jedoch ohne weiteres Thriller von 600 Seiten Länge. Alessandro Barrico, der italienische Autor, hat diesen Paradigmenwechsel einmal analysiert: Bis zum Mauerfall (einer Wegmarke für vieles) galt als der Referenzrahmen für die Literatur die Tradition der Literatur selbst. So verhielt ich mich im Alter meines Sohnes: Ich kaufte mir die dtv-Bändchen nach der Lektüre von bestimmten Autoren in der Schule, auf Empfehlung eines anderen Lesenden, auch versuchsweise (dtv hatte ein Profil). Nach Barrico verhält sich heute kein Käufer von Literatur mehr so. Sein Referenzrahmen geht über die Tradition der Literatur hinaus - der Literaturgeschichte zum Beispiel, die er in der Schule gelesen hat - oder sieht gänzlich davon ab. Seine Erwartungen an ein Buch sind geprägt von Actionfilm oder Soap, Comic oder Märchen, House oder Techno, Mode oder Design. Barrico, einem erfolgreichen Autor, gelingt es offenbar, eine Brücke zwischen diesen beiden Polen zu schlagen, zwischen traditioneller und außerliterarischer Erwartung. Oder vielmehr: Es gelang ihm in den Neunzigerjahren, denn heute ist auch er wieder aus der Mode, eben doch zu "literarisch".

Auch ich bin zu literarisch, um auf die andere, die neue Seite des Paradigmas zu gelangen. Das bewiesen Kommentare von Lesern zu meinem letzten Buch, das zwei Erzähler hat. Das genügte schon, damit - durchaus lobend übrigens - der Roman als "experimentell" eingestuft wurde. Egon Ammann, für den es nach seiner Selbsteinschätzung keinen Nachfolger geben kann (nicht nur aus Eitelkeit, sondern weil er mit Literaturvorstellungen aufgewachsen ist wie etwa ich) hat erkannt, dass sein Verlag zu einem billigen HipHop-Unternehmen werden würde, wollte ihn jemand weiterführen. Mit Lektoren, die allenfalls etwas von Literatur verstehen, den Autoren dann aber sagen (müssen): "Sie kommen doch aus Norditalien. Wir haben da ein Projekt über die Polenta ..."

Natürlich schmerzt mich das. Aber gesellschaftliches Denken, das ich mir nicht abgewöhnen kann, hilft mir. Auch historisches: Mir fällt etwa ein, dass um das Jahr 600 nach Christus im römischen Westreich, das von Goten erobert worden war, die Schrift innerhalb von wenigen Jahrzehnten verschwand, weil sie den Eroberern unbekannt war und von ihnen als überflüssig erachtet wurde. Der Mensch passt sich den Umständen an. Und der Autor? Ist auch nur ein Mensch: Einige, die ich kenne, suchen sich jetzt historische Stoffe; versuchen Annäherungen an Paris Hilton; schreiben Wander- oder Pendlerbücher; bilden sich zu Weindegustatoren aus; gehen der Volksmusik nach; werden stilistisch schwächer, aber persönlich stärker, und das heißt: auffälliger. Von den Etablierten, die partout nicht untergehen wollen - und das kann man ihnen ja nicht verübeln -, lernt man ja, wie man Medienskandale inszeniert. Aus der Presse, auch aus den Feuilletons kann man die in der VIP-Lounge angesagten Themen entnehmen. Marktangleichung, Marktanpassung, Marktfähigkeit nennt man das.

Wer nicht mitmacht, muss verstummen. Ammann hat recht, wenn er aufgibt. (Dante Andrea Franzetti, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 22./23.08.2009)

Mittwoch, 19. August 2009

Totentanztagung - Landpartien inkludiert

Die österreichische Sektion der Europäischen "Totentanz"-Vereinigung tagt von 28. bis 30. August im oststeirischen Grafendorf. Der "Totentanz" ist eine kulturelle Erscheinung des ausgehenden Spätmittelalters, in der sich die Bildenden Künste mit dem "Triumph des Todes" in Zyklen auf Friedhofsmauern, Kirchen, Kapellen und frühen Drucken befassten und so dem Menschen seine unausweichliche Sterblichkeit vor Augen hielten.


Grafendorf wurde bewusst als Tagungsort gewählt, weil es dort die eindrucksvollste "Totentanz"-Darstellung der Steiermark gibt. Zur Tagung werden Wissenschaftler, Künstler und Interessierte aus ganz Europa erwartet, um sich über das Thema "Totentanz" auszutauschen, so Benediktinerpater Winfried Schwab, der Vorsitzende der österreichischen Sektion der Europäischen "Totentanz"-Vereinigung. Fachvorträge, Lesungen, Musik, eine szenische "Totentanz"-Aufführung, ein Kunst-Brunch am St. Pankrazen-Berg und geschichtsträchtige Landpartien gehören zum Programm.


Meisterliche "Totentanz"-Fresken finden sich in der Kreuzkapelle am Grafendorfer Kirchplatz. Der Vorauer Stiftsmaler Johann Cyriak Hackhofer schuf 1724 auf engstem Raum eine eindrucksvolle Darstellung zu den "vier letzten Dingen". Mit nur zwei Bildern spannt er den weiten Bogen von der Kindheit bis zum Greisenalter. In den Fresken "Das Kind und der Tod" und "Der Wucherer und der Tod" sowie den zwei ovalen Wandbildern der "Armen Seelen" übersetzte Hackhofer den "Allgemeinen Totenspiegel" des P. Abraham a Sancta Clara von 1710 in Bilder.


Szenische Darstellung in der Pfarrkirche


Die Jahrestagung der "Totentanz"-Vereinigung ist auch für Nicht-Mitglieder zugänglich. Die Auftaktveranstaltung findet am Freitag, 28. August ab 19 Uhr im Mehrzwecksaal der Marktgemeinde Grafendorf statt. Der Historiker Johann Huber führt in den "Grafendorfer Totentanz" ein, außerdem gibt es bei freiem Eintritt Musik und eine Lesung des österreichischen Autors Gerhard Ruiss.


Ein weiterer Höhepunkt ist die Aufführung des "Grafendorfer Totentanzes" in der Pfarrkirche Grafendorf am Samstag, 29. August um 20.30 Uhr. Grundlage für die szenische Darstellung durch die Theatergruppe des steirischen Ortes und den Chor "Hartberg Voices" ist ein im 19. Jahrhundert von den Priestern Franz Schönberger und Joseph Wallner verfasster Text mit dem Titel "Der Tod". Das Lied zum Text wurde bis in die 1980er Jahre in Pongrazen in der steirischen Gemeinde Stambach bei Totenwachen gesungen.


Aus der Region stammt auch die zweite Quelle für die musikalische Bearbeitung des "Grafendorfer Totentanzes" durch den Komponisten Hannes Löschberger: Bei der traditionellen Wallfahrt von Pongrazen nach Miesenbach wird bis heute nach dem Einzug in die Kirche das Lied "Verschiebe die Bekehrung nicht" gesungen. Der Text erinnert an den unvermeidlichen Tod ("memento mori") und fordert den Menschen auf, sich noch rechtzeitig zu bekehren.


Samstag, 15. August 2009

Ironisch gebrochene Sentimentalität

Sonnenblumen

Am Abend zwischen Traum und Wachen,
Ich dachte nicht grad an heilige Sachen,
Vor mir der Nazarener stand.
Die schönen Gottesaugen lagen
Auf mir wie zwei freundliche Fragen.
Hielt eine Blume in der Hand,
Hochstengelig ein goldner Stern
Lehnt an der Schulter unserm Herrn,
Wie frommer Maler Engelsgestalten
Ihre Friedenspalmen halten:
Eine Sonnenblume, voll erschlossen,
Von einem lieblichen Licht umflossen,
Hob sich von seinem blauen Kleid
Als ein glänzendes Geschmeid.
So schwebte wie ein Nebel zart,
Vor mir die göttliche Gegenwart,
Darauf ich holden Schreckens geblickt,
Bis ich darüber eingenickt.

Am Morgen, nach gesundem Schlaf,
Stand mir der Sinn ins Feld hinaus,
Wo ich auf eine Hütte traf,
Ein leicht gezimmert hölzern Haus.
Drum ragten als Schirm und Zaun,
Als ein golden Gegitter anzuschaun,
Hochsäulig aufgereiht beisammen,
Sonnenblumen, zehn helle Flammen.

Das war ein dichterischer Platz,
Wie nur am Wege hold versteckt
Ein Sonntagskind ihn einmal entdeckt.
Ein Wässerlein lief mit süßem Geschwatz
Durch eine schattige Wiese hin,
Sonst war die Stille hier Königin;
Ihr König, der Frieden, saß auf der Bank
Und putzte seine Krone blank.

So oft ich dem Häuslein vorübergeh,
Ein blau Gewand ich vor mir seh.
Geht nicht, steht nicht, schwebt vielmehr
In einiger Höh vor mir her.
Schöne Gottesaugen schlagen
Sich nach mir auf mit freundlichen Fragen,
Und von der Schulter unserm Herrn
Nickt schwankend der goldne Blätterstern,
Die Sonnenblume voll erblüht,
Von einem himmlischen Leuchten umglüht.

War nie diesen Blumen recht gut gewesen.
Schalt sie bäuerisch und gemein,
Kamen mir vor wie Küchenbesen,
Die gerne wollten Prinzessinnen sein.
Aber so lässt, was wir verachtet,
Eh’s drüber getagt nur oder genachtet,
Oft plötzlich die schlichte Hülle sinken
Und uns seine heimliche Schönheit trinken.
Besonders Poeten kommen oft
Zu solchen Gnaden unverhofft.

Gustav Falke (1853 - 1916)

Sonntag, 21. Juni 2009

Angekommen, ich weiß nicht, wo...

Einar Schleef notierte im Frühjahr 1981 in seinem Tagebuch, dass er angekommen sei, aber nicht wisse, wo. Diese paradoxe Auskunft könnte über dem gesamten Leben des 1944 in Sangerhausen geborenen und 2001 in Berlin gestorbenen Multitalents stehen. Nach einem Studium für Bühnenbild in Ost-Berlin, verließ er 1976 die DDR, weil er das vom Honecker-Staat verhängte, mit regelmäßigen Einkünften verbundene Berufsverbot nicht akzeptieren wollte. Aber Einar Schleef war kein Wolf Biermann. Es sollte viele Jahre dauern, ehe der passionierte Theatermann eine Inszenierung übertragen bekam: Seine Lesart der "Mütter" nach Euripides und Aischylos im Schauspiel Frankfurt begründete 1986 seinen Ruf als Enfant terrible des westdeutschen und später des Gesamt-Berliner Theaterbetriebs.

Die Jahre, in denen er nicht für die Bühne tätig sein konnte, sind in dem - als "Tagebuch" nur unzureichend bezeichneten - vierten Band des Monumentalwerks sofort zu erkennen: Es sind hier die literarisch ergiebigsten. Bis er in Frankfurt/Main unter der Intendanz von Günther Rühle Regie-Aufgaben übernehmen konnte, widmete er sich dem Schreiben. Das Diarium der frühen achtziger Jahre, besonders das Jahr 1981, ist ein Steinbruch aus zum Teil in mehreren Fassungen geschriebenen Prosa-Stücken und Fragmenten. Auch wenn ihm zu dieser Zeit die Theater verschlossen waren, hatte Schleef als Schriftsteller einigen Erfolg. 1980 erschien, durch Golo Mann gefördert, der erste Teil des Romans "Gertrud". Nach Publikation des zweiten Bandes 1984 attestierte "Der Spiegel" dem Autor im Vorspann zu einem Interview: "Die Besessenheit, mit der Einar Schleef schreibt, war stets eine Erkennungsmelodie großer Literatur." Eingeordnet wird er damals schon zwischen Uwe Johnson und Samuel Beckett. (...)

Thüringische Landeszeitung (Rezension des vierten Bandes des "Tagebuches" von Einar Schleef)

Freitag, 19. Juni 2009

Frage und Antwort

- Why do you like the inspector?
- He's so unfriendly.

Aus einer Englisch-Matura über John Priestley's "Ein Inspektor kommt"

Montag, 15. Juni 2009

Sloterdijk liest im Akademietheater

Der Philosoph stellte im Akademietheater sein neues Buch "Du musst dein Leben ändern" vor. Dabei faszinierte, amüsierte und strapazierte er sein Publikum.

Der Philosoph auf der Theaterbühne punktet als Hauptdarsteller mit sich selbst. Nur am Schluss fällt er aus der Rolle. Er winkt. Das würde ein Schauspieler nie tun. Peter Sloterdijk präsentierte Freitagabend im Akademietheater sein bei Suhrkamp erschienenes Buch „Du musst dein Leben ändern“, eine Kulturgeschichte der Selbstverbesserung. Der Titel ist einem Satz Rilkes vor einem Torso Apollos entnommen. Der Lichtgott, der das Dunkel seines Gegenspielers Dionysos einzuschließen scheint, überwältigt den Dichter mit seiner unerhörten Aura.

Sloterdijk redet anfangs frei, da ist er am besten. Das geschriebene Wort erschließt sich bei Weitem nicht so leicht wie das gesprochene, wiewohl die Eloquenz sehr ähnlich ist. Wie sich beim Zauberlehrling Harry Potter eine Episode an die andere reiht, ohne dass ein Ziel erkennbar wäre, so schlägt auch der Philosoph immer neue Funken aus ein und demselben Stein. Sie glänzen alle gleich perfekt. Trotzdem sah man beim Vortrag aus dem Buch manchen im Auditorium einnicken.

Schlafen mit Händen über der Decke. Sloterdijk erzählt von den „Träumen“, die Rousseau nach seiner Flucht aus Genf auf eine einsame Insel notierte, wobei er nicht einmal in seiner beglückenden Isolation die Demütigungen, die ihm in seiner Heimatstadt zuteil wurden, vergessen konnte. Am meisten schien das Publikum von den Betrachtungen über die Schule amüsiert: Um vier Uhr früh mussten die ersten Jesuiten-Zöglinge aufstehen, um fünf oder sechs Uhr abends gingen sie zu Bett, die Hände über der Decke. Dazwischen mussten sie studieren. Die Geistlichen hatten die Hoffnung auf Bekehrung durch freien Willen, Einsicht aufgegeben. Sie setzten nun auf Zwang, Furcht und Schrecken. Das Ergebnis waren Reformation und Gegenreformation. Bis heute sind wir in der sogenannten zivilisierten Welt das Produkt drakonischer Systeme der Verbesserung. Eine angeborene Lebensfähigkeit scheint es nicht zu geben bzw. sie wurde ausgetrieben, vor Ablauf von zehn oder 20 Schuljahren kann davon gar nicht die Rede sein: „Generalisierendes Kidnapping, das sich Pädagogik nennt“, so bezeichnet das Sloterdijk. Strenge Herren, undankbare Schüler, wer die Disziplinierung überstanden hat, taugt als Leistungsträger und nützliches Mitglied der Gesellschaft.

Das Buch selbst ist in seinen Botschaften weniger ironisch, eindeutig. Rilkes Torso-Gedicht, das entstand, als er Sekretär von Rodin war und dessen unbeschreiblich harte Arbeit an seinen Skulpturen beobachtete, steht an einer Schwelle: nicht die Ganzheit, sondern das Fragment wird von der Moderne als schön empfunden. Die Natur ist durch den Fortschritt der Technik und der Wissenschaft in Misskredit geraten. Nun können auch Krüppel und Hybride perfekt sein. Ein weiterer fundamentaler Wert fällt: die Religion.

Hochkultur festigt Werte. Seit 1900 explodiert der schon bei den alten Griechen wichtige Sportkult, der nach Sloterdijks Überzeugung auch im 21. Jahrhundert dominieren wird. Der Trainer repräsentiert das bessere Selbst: „Er will, dass ich will.“ Andernfalls tobt er wie im Fußball. Immer wieder muss Sloterdijk hunderte Seiten seines Buchs überspringen. Er kommt bei der Hochkultur zum Stehen. Ihre Verbindung mit Familie und Schule festigt Werte über Generationen. Gegeben ist dies bei Brahmanen, Rabbinern und in protestantischen Pfarrhäusern. Die andauernde Differenz zwischen den eigenen Möglichkeiten und den übermächtigen Vorbildern, Forderungen erzeugt eine „chronische Höhlenkrankheit“, eine „Entzündung der Selbstwahrnehmung“. (...)

Barbara Petsch: Was Sloterdijk mit Potter verbindet, Die Presse 14.06.2009

Freitag, 5. Juni 2009

Ganz einfach

(...) Die Krebs-To-do-Liste. Am Beginn ihrer Behandlung greift Dahlia in einer Buchhandlung, in der sie ihr Vater mit Tonnen von Krebsberatungsbüchern eindecken will, nach einem schmalen Band mit dem Titel „Es liegt bei dir: die Krebs-To-do-Liste“ von Gene Orenstein. Orenstein lebt laut Klappentext sechsundzwanzig Jahre nach seiner eigenen Kebsdiagnose glücklich und zufrieden mit Frau und drei Kindern in Pennsylvania und hat sich der Aufgabe verschrieben, seine Erfahrungen an andere weiterzugeben.

Fortan befindet sich Dahlia in einer Art imaginierten Zwiegesprächs mit Gene und zeigt ihm, wie untauglich und anmaßend seine Tipps („Du willst leben? Dann kremple die Ärmel hoch. Du, lieber Leser, bist deines Glückes Schmied. Es ist dein Abenteuer, im großen Stil. Du sitzt am Steuer. Dies ist die größte Aufgabe deines Lebens.“) angesichts ihrer realen Lebenssituation sind.

Alberts kämpft in ihrem Buch gegen das weitverbreitete Vorurteil, dass Krebs nur die logische Folge eines unglücklichen Lebens und damit immer auch die Schuld des Erkrankten selbst ist. So ändert sich Dahlia auch angesichts der niederschmetternden Diagnose demonstrativ nicht. Sie hängt weiter auf ihrer Couch herum, nur dass ihr das Gras nun auf Rezept verschrieben wird. Während Alberts flapsige Sprache auf die Dauer ermüdet, bleiben viele scharfe Beobachtungen und können die esoterisch anmutenden Genesungstipps („Löse dich von allen Menschen, die nicht ganz und gar gut für dich sind“) vor allem als Handlungsanleitung für Gesunde herhalten.

Oder wie Gene und Dahlia sagen würden: „Wähle das Leben. Entscheide dich dafür, diese Krankheit zu überwinden. Entscheide dich dafür, ein langes, glückliches Leben zu führen. So einfach ist das.“ „Gene, du kannst mich mal.“

Aus der Rezension von Elisa Albert: Das Buch Dahlia in der "Presse" (Print-Ausgabe vom 31. 05. 2009) 

Sonntag, 8. März 2009

Unterschiede

Als Gott der Herr die Trompete des Jüngsten Gerichts hatte erschallen lassen: da standen die Deutschen ausgerichtet in zwei Reihen, mit einem besonders zuwidern Kerl vor der Front; die Engländer kamen pünktlich und gelassen angestelzt, ihre Köpfe trieben sie mit Golfschlägern vor sich her; aus der Ecke der Franzosen hörte man gar fröhliches Hämmerklopfen: sie schlugen sich kleine Löcher in die dritte Querrippe, um ihre Bändchen darin unterzubringen; die Schweizer brummelten, aufgeweckt seien sie noch nie gewesen; die Spanier blieben liegen und sagten: »Mañana! Morgen!« und die amerikanische Abteilung des Friedhofs hatte illuminiert:

    Heute Jüngstes Gericht!
    Das jüngste der Welt!
    Von Pastor Higgins von der Chicagoer Sonntagsschule vorausgesagt!
    Pastor Higgins und lieber Gott persönlich anwesend!

Als Gott der Herr dies aber alles mitansah, da jammerte ihn der Affenstall, und er vertagte die Sitzung auf unbestimmte Zeit.

Kurt Tucholsky

 Peter Panter: Nationales         Die Weltbühne, 13.10.1925, Nr. 41, S. 570 
[Kurt Tucholsky: Werke und Briefe: 1925. Tucholsky-GW Bd. 4, S. 236) (c) Rowohlt Verlag]

Freitag, 27. Februar 2009

Hier setzt jemand Maßstäbe!

Harald Schmidt packt aus: »Ich hatte 3000 Frauen«
Ich hatte 3000 Frauen - Dieses Buch kommt unerwartet. Bis dato lag über Harald Schmidts Privatleben ein dichter Schleier der Diskretion. Nun die Kehrtwende - ein zu allem entschlossener Autor spricht Klartext: über »das erste Mal«, in Ungarn, am Plattensee. Über seine Vorlieben: die Lomi-Lomi-Massage auf Kreuzfahrten. Über die größte Gefahr: das Umschlagen von Sex in Freundschaft. Hochinteressant!

Aus dem Newsletter des Kiepenheuer & Witsch-Verlags

Sonntag, 15. Februar 2009

Harry Potter und Jesus

"Fiktive Erzählung"

Das Hexenmilieu, schwarze und weiße Magie, böse Zauberer, Verbannungen u.a.m. sehen viele Kritiker als satanisches Gut an.

Doch Harry Potter ist eine fiktive Erzählung. Die Geschichte könnte genauso gut irgendwann in der Zukunft in einem völlig anderen Milieu angesiedelt sein", erklärt der Innsbrucker Theologe Nikolaus Wandinger.

Der bekennende Harry-Potter-Fan hat sich mit den einzelnen Bänden der mittlerweile weltbekannten Zaubergeschichte auseinandergesetzt und sie aus theologischer Sicht genauer angeschaut.

„Das Hexenmilieu kann jemandem, der an Hexerei glaubt, durchaus Angst machen und es gibt natürlich auch einen historischen Abschnitt - die Zeit der Hexenverfolgung -, der sehr negativ behaftet ist", ist der Theologe überzeugt.

Aber für die meisten ist klar, dass Hexerei nicht wirklich existiert und es hier nicht um die Verbreitung von satanischem Gut geht."

Gut und Böse wird klar dargestellt

Wandinger sieht im Gegensatz dazu sogar positive Aspekte in den Romanen der britischen Autorin J. K. Rowling. „Es wird sehr deutlich klargestellt, was gut und böse ist, und dass das Böse beziehungsweise die Greueltaten der Bösewichte verwerflich und alles andere als nachahmenswert sind", unterstreicht Wandinger.

„Das Böse ist in den Geschichten natürlich sehr präsent, aber es wird nur gezeigt und nicht propagiert."
Für den Leser ist daher eindeutig klar, was gut und was böse ist. Bei den Romanfiguren ist das anders: „Da gibt es keine so klare Trennung zwischen schwarz und weiß, gut und böse. Niemand ist - wie im wirklichen Leben und beim christlichen Menschenbild - perfekt. Nicht einmal der Held Harry Potter selbst. Die Guten haben schwarze Flecken auf der Seele, wie die Bösen positive Züge in sich tragen. So ist etwa Lord Voldemort nicht nur Täter, sondern er war auch selbst Opfer."

Bemerkenswert sind laut Wandinger klare Parallelen zwischen dem jungen Zauberer und der Lebensgeschichte Jesu. „Harry ist eindeutig eine so genannte Figura Christi, die viele Gemeinsamkeiten mit Jesus aufweist." So gibt es bei beiden eine Prophezeiung, die einem mächtigen Mann voraussagt, dass ihm ein unschuldiges Kind gefährlich werden kann.

Im Falle Jesu ist es Herodes, bei Harry Potter Lord Voldemort. „Beide - sowohl Jesus als auch Harry Potter - sind bereit, im Kampf um das Gute ihr Leben zu lassen.

Eine bessere Welt ermöglichen

Es geht dabei nicht darum, den Gegner - wie etwa in anderen klassischen Heldengeschichten - einfach in einem Duell zu besiegen, sondern sein Leben hinzugeben, um eine bessere Welt zu ermöglichen", erklärt der Theologe.

So sei Jesus auch nicht freiwillig in den Tod gegangen. Aber er habe erkannt, dass nur durch sein eigenes Sterben die Menschheit erlöst werden könne.

Harry würde ebenfalls sein Leben opfern, um das Böse zu zerschlagen. Ihm geht es nicht um den Sieg über Lord Voldemort, sondern darum, die Zauberwelt von den dunklen Mächten zu befreien. Er hat nicht von vorne herein die Absicht, Lord Voldemort zu töten, und damit auch den Tod seiner Eltern zu rächen.

Rowling transportiert christliche Werte

„Nein, darum geht es ihm nicht, deshalb wendet er im Gegensatz zu Voldemort im letzten Kampf auch keinen Tötungs- sondern einen Verteidigungsfluch an", sagt Wandinger. Die Autorin transportiere in ihren Romanen zudem viele christliche Werte.

Sie lässt ihre Figuren erkennen, dass sich Moral und Ethik über gesetzliche Vorschriften hinwegsetzen können, und dass es manchmal notwendig ist, Hausregeln zu brechen, um jemanden zu retten. Wandinger: „Sie legt damit großes Gewicht auf die Eigenverantwortung ihrer Helden."

tt.com

Samstag, 14. Februar 2009

Literatur im Kalten Krieg

Als die CIA Pasternak den Nobelpreis gab

Von Kerstin Holm, Moskau

Boris Pasternaks Roman „Doktor Schiwago“ war tatsächlich, wie die sowjetische Propagandapresse schon kurz nach der Nobelpreisverleihung an den Schriftsteller 1958 wetterte, ein Ziehkind des amerikanischen Geheimdienstes CIA. Zu diesem Befund, der auch bestätigt, dass Pasternak nur dank der von der CIA gesponserten russischen Erstpublikation den prestigeträchtigsten aller Literaturpreise überhaupt erhalten konnte, kommt Iwan Tolstoi.


Zwanzig Jahre lang hat der russische Historiker die Publikationsgeschichte von Pasternaks Bürgerkriegsepos durchforstet, Interviews geführt sowie einschlägige Briefe und Akten gesichtet. Iwan Tolstoi, der als Redakteur für den amerikanisch finanzierten Sender „Radio Liberty“ in Prag tätig ist, brachte seine Forschungsergebnisse soeben als Abenteuergeschichte heraus. „Der gewaschene Roman“ (Otmytyj roman) heißt Tolstois Spionagethriller, der vorführt, wie im Kalten Krieg Werke der literarischen Hochkultur, die die Bolschewiken in ihrer Heimat verboten, von den Amerikanern als Waffe gegen die Sowjetunion eingesetzt wurden.


„Konterrevolutionärer Geist“: Publikation unmöglich


Pasternak arbeitete an seinem, wie er es einschätzte, „entscheidendsten, wichtigsten“ Werk über den Dichter Juri Schiwago, der aus sozialem Verantwortungsgefühl Arzt wurde und sich in brudermörderischer Zeit für seine Nächsten aufopfert, seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Er beendete das Manuskript 1956, im Jahr des 20. Parteikongresses der KPdSU, auf dem Chruschtschow die stalinistischen Exzesse anprangerte und das „Tauwetter“ einläutete. Doch die Redaktion von „Nowyj mir“ teilte dem Autor mit, der konterrevolutionäre Geist des Werks und der darin zum Ausdruck kommende „pathologische Individualismus“ machten eine Publikation unmöglich.

Pasternak, der in seiner Datscha im Moskauer Vorort Peredelkino isoliert hauste wie ein Gefangener im Burgverlies, schickte aber auch fünf Fassungen seines großen Spätwerks in den Westen. Wie ein Schachspieler versuchte er die Fäden in der Hand zu behalten, schreibt Tolstoi, der mit dem Romancier Leo Tolstoi verwandt ist. Im Sommer 1956 bevollmächtigt der Schriftsteller den Mailänder Verleger und bekennenden Kommunisten Giangiacomo Feltrinelli, die italienische sowie andere fremdsprachige Ausgaben herauszubringen. Pasternak händigt Feltrinelli allerdings ein unredigiertes Typoskript aus.


Die korrigierte Fassung, die, wie er schriftlich erklärt, der russischen Publikation zugrunde liegen soll, übergibt er im Januar 1957 der französischen Slawistin Jacqueline Proyart. Pasternak, der im Frühjahr 1956 von Albert Camus für den Nobelpreis nominiert worden war, rechnete mit dem Erfolg des Buches ebenso wie mit einem politischen Skandal - und damit, dass er verfolgt werden würde, versichert Tolstoi.


Was er nicht wissen konnte, war, dass sich das Erscheinen der russischen Originalausgabe zu verzögern drohte. Jacqueline de Proyart arbeitete mit anspruchsvollen Emigrantenverlagen, die schon finanziell nicht in der Lage waren, ein so dickes Buch im Eiltempo zu produzieren. Und Feltrinelli, der die internationalen Rechte besaß, scheute vor der russischen Publikation zurück, um die Sowjets nicht offen zu provozieren.


Flugzeug umgeleitet und geräumt, Manuskript entwendet und kopiert

Da schritten die amerikanischen Dienste ein. Im Spätherbst 1956, irgendwann nach dem 31. Oktober, wird ein Inlandsflug, mit dem Feltrinelli seinen russischen Text des „Doktor Schiwago“ aus Mailand zu seinem Übersetzer nach Rom beförderte, nach Malta umgeleitet. Für zwei Stunden müssen die Passagiere die Maschine verlassen. Das reicht ein paar Agenten, das dicke Manuskript zu entwenden, es in einem Büro heimlich zu kopieren und wieder zurück ins Flugzeug zu legen. Der Chronist Tolstoi spricht von einer „Legende“, die ihm allerdings dreimal berichtet wurde, von Feltrinelli junior, von einem russischen Verleger und von dem Gelehrten Isaiah Berlin, der Pasternak im Sommer 1956 besucht und eines der fünf Typoskripte mitgenommen hatte. Danach tauchen „gewaschene“ Kopien der Feltrinelli-Fassung auf. Eine davon wird Anfang 1958 in München gesetzt und im Sommer heimlich in Den Haag beim Wissenschaftsverlag Mouton gedruckt. Schade sei allein, dass die Ausgabe, die mit dem Nobelpreis belohnt wurde, so fehlerhaft gewesen sei, meint Tolstoi, der darin sechshundert Druckfehler, Auslassungen, Sinnentstellungen gezählt hat.


Paradoxerweise hat die russische Literatur Tolstoi zufolge vom Kalten Krieg profitiert. Westliche Geheimdienste verlegten nicht nur Andrej Sacharow, sondern beispielsweise auch frivole Lyrik von Puschkin oder Lermontow, die in der Sowjetunion nicht oder nur in Kleinstauflagen erscheinen konnte. Pasternak verdankte dem Kalten Krieg die schnelle Publikation seines „Schiwago“, den Nobelpreis und weltweiten Ruhm. Dafür fiel die Sowjetpresse über ihn her, er wurde aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, musste den Preis zurückweisen, Komsomol-Sekretär Semitschastnyj fordert ihn auf, zu den Kapitalisten überzusiedeln.


Seit Tschechow, dem professionellen Mediziner, steht der Arzt in der russischen Literatur für das Bemühen, das unheilbare Unglück der Menschen wenigstens zu lindern. Pasternaks Doktor, der viel härtere Zeiten erlebte als Tschechow, und der dem politischen Tauwetter eine so schlechte Diagnose ausstellte, hat die schlimmsten Geheimnisse seines Lebens nie verraten.


FAZ 12.02.2009

Freitag, 13. Februar 2009

Kunst, wo man sie nicht erwartet

Die einen bekommen eine Statue, die dem stadt- bekannten grauen Federvieh zu dessen Erleichterung oft mehr dient, als etwas anderem. Den anderen wird überhaupt erst posthum die große Anerkennung gezeigt. Wie Thomas Bernhard auf die Idee der Volkshochschule Hietzing reagiert hätte, lässt sich leider nur mutmaßen. Denn am 12. Februar 1989, vor genau 20 Jahren also, starb der großartige Schrift- steller an einer Lungenkrankheit. Und aus genau diesem Anlass zeigte sich die Bildungsanstalt (von A wie Aerobic bis Z wie Zitronen schälen) besonders kreativ.

"Wien ist ein Toilettenskandal"

In einer Toninstallation vor dem Haus in der Hofwiesengasse 48 heißt es: "Wir haben Thomas Bernhard gelesen und ernst genommen". Im Roman "Alte Meister" treffen sich die Gelehrten Atzbacher und Reger und philosophieren unter anderem über den Zustand der Toiletten in Wien: "Die Wiener Toiletten sind insgesamt ein Skandal, selbst auf dem unteren Balkan findet sich nicht eine einzige solche verwahrloste Toilette, sagte Reger. Wien hat keine Toilettenkultur, sagte er. Wien ist ein einziger Toilettenskandal." Im 1. Stock des VHS-Gebäudes findet man das davon inspirierte "Kultur-Häusl". Die Wände wurden mit passenden Bernhard-Zitaten verziert. Im 2. Stock wird übrigens David Irving mit seinem Roman "Wasserlassen" gewürdigt.

Robert Streibel, Direktor der Volkshochschule Hietzing, konnte so aus der Not(durft) eine Tugend machen, des Öfteren bekam er nämlich Beschwerden über die zu kleinen Toilettenkabinen. "Da wir die bauliche Situation nicht verändern konnten, haben wir diesen Ort einfach zum Kunstobjekt erklärt", so Streibel.

Wer das geschmacklos findet, dem sei versichert: Dem Autor ist es höchst-wahrscheinlich mehr als wurscht, ob es nun Tauben oder Menschen sind, die sich auf der Würdigung (sei's aus Stein oder aus Porzellan) erleichtern.


Wien ist eben eine Stadt der Kultur. Wo sonst käme man auf eine solche Idee?

Montag, 9. Februar 2009

Tipps für Liebesbriefe

(...) Seit Neunklässler wie Blackberry-Besitzer kaum mehr in der Lage sind, mit einem einfachen Schreibgerät umzugehen und ohne Autokorrekturfunktion zu formulieren, gewinnt der klassische Liebesbrief wieder an Bedeutung. Eine handgeschriebene Seite beeindruckt eine Frau heute mehr als ein Dutzend duftender Lilien. Billiger ist es sowieso, wahrscheinlich bekommen Bankergattinnen an diesem Valentinstag so viele Briefe wie seit hundert Jahren nicht mehr. In einer dem Plagiatismus eher aufgeschlossenen Gesellschaft muss der Brief ja nicht einmal komplett selbst verfasst sein. Schon im Film "Sex and the City" benutzte Mr. Big das Buch "Liebesbriefe großer Männer", um Carrie seine Liebe zu beweisen (liegt in dritter Auflage vor, herausgegeben von Sabine Anders und Katharina Maier, Marixverlag, fünf Euro). Mit diesem Zitatenschatz in der Hand gelingt es Ihnen auch:

Steigen Sie mit etwas Pathos ein, wie Alexander von Humboldt: "Mir ist ein Wesen wie Sie nie erschienen; Sie haben wieder Gefühle in mir erschlossen, die ich für tot und abgestorben hielt; ich bin auch so unendlich gewiss, dass das immer gleich und unverändert in mir bleiben wird, dass ich die Erinnerung dieser Vergangenheit und die Hoffnung selbst einer gleich schönen Zukunft nicht mehr von meinem Dasein abtrennen kann."

Für hysterisch Veranlagte empfiehlt sich Beethoven. "Schon im Bette drangen sich die Ideen zu Dir, meine Unsterbliche Geliebte, hier und da freudig, dann wieder traurig, vom Schicksale abwartend, ob es uns erhört - leben kann ich entweder nur ganz mit Dir oder gar nicht, ja, ich habe beschlossen, in der Ferne so lange herumzuirren, bis ich in Deine Arme fliegen kann und mich ganz heimatlich bei Dir nennen kann (...)."

Danach rasch persönlich werden! Erwähnen Sie gemeinsame Erinnerungen, die gemeinsamen Kinder, sofern vorhanden. Und schmieden Sie gleich mal einige Pläne für die Zukunft! Sie wollen ja mit diesen Zeilen den Empfänger zugleich betören und an sich ketten. Leidenschaftliche Naturen schließen mit Napoleon Bonaparte: "In Kurzem hoffe ich, Dich in meine Arme zu schließen und Dich mit einer Million Küssen, so heiß wie unter dem Äquator, zu bedecken."

Für Fernbeziehungen besser John Keats: "Du kannst Dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich sehne, bei Dir zu sein, wie gerne ich für eine Stunde mit Dir sterben würde - denn was bietet schon die Welt?"

Auch immer gut für kurze Einschübe, wenn Ihnen gerade mal nichts Inhaltliches mehr einfällt: "Vielleicht bin ich zu ungestüm, dann denke mich auf Knien."

Oder auch als Schluss: "Ich werde mir Dich heute Nacht als Venus denken und zu Deinem Stern beten, beten, beten wie ein Heide. Für immer Dein schöner Stern ...........................(Hier bitte eigenen Namen einsetzen)" (...)

Aus: Was nützt die Liebe in Gedanken?, auf welt.de


Freitag, 6. Februar 2009

Bakelit

Gestern vor einhundert Jahren begann das Kunststoffzeitalter. Der aus Gent in Flandern stammende Chemiker Jan Hendrik Baekeland stellte in New York im Kreis von Fachkollegen erstmals den von ihm entwickelten künstlichen Werkstoff Bakelit vor.

Gedacht war der neue Stoff als Ersatz für den teuren Schellack, "(...) der aus Sekreten der indischen Lackschildlaus hergestellt wurde. Für ein Kilogramm Schellack brauchte man rund 300.000 Schildläuse.

1910 ging Baekeland mit dem Bakelit auf den Markt: der Beginn des Kunststoffzeitalters - eine ähnlich epochale Zäsur wie der Schritt von der Stein- zur Bronze- oder von der Bronze- zur Eisenzeit. Nicht nur Steckdosen und Lichtschalter wurden aus Bakelit hergestellt, sondern alle möglichen Gebrauchsgegenstände: von Schüsseln über Aschenbecher, Klemmlampen, Büromaterialien und Radios bis hin zum Klassiker: dem schwarzen Bakelit-Telefon.

Viele Dinge wurden für die breite Masse durch das billige und robuste Material überhaupt erst erschwinglich. Seit Mitte der zwanziger Jahre setzten sich auch führende Designer mit dem neuen Werkstoff auseinander. Im Art Déco entwickelten Konsumgüter aus Bakelit ihren eigenen Stil.

Der einzige Nachteil: Bakelit ließ sich nur in relativ dunklen Farbtönen herstellen - schwarz, braun, rotbraun oder dunkelgrün. Seit Ende der 30er Jahre machten ihm neue Kunststoffe in hellen und grellen Farben Konkurrenz.

Allmählich verblasste der Glanz des Bakelit. Am längsten hielt es sich noch hinter dem Eisernen Vorhang, in Osteuropa. Die Karosserie des "Trabi" bestand im Wesentlichen aus einem bakelitähnlichen Kunststoff. Im Verborgenen lebt der legendäre Werkstoff weiter: Auch heute noch werden Isolatoren, Schalter und Stecker aus Bakelit hergestellt."
(DLF Kalenderblatt vom 05.02.2009)

Ein Telefon aus Bakelit hatte ich früher in Marburg noch in meinem Büro in der Universität, und ebenso eine "Schreibtischgarnitur". Heute findet sich so etwas beim Trödler.

Vielleicht war es Bakelit, das indirekt Kurt Kusenberg zu seiner wunderbaren kleinen Geschichte "Nihilit" inspiriert hat: Das ist jener (fiktive) Werkstoff, der zwar völlig untauglich zu allem ist, aber doch vor allem von Frauen gerne gekauft und eingelagert wird, weil er so gut nach Oleander duftet.

Donnerstag, 5. Februar 2009

Vom Ekel in Kunst und Literatur

Wie die Begleiterscheinungen der Verdauung, von flatulatorischen Geräuschen bis zu Kotgerüchen, ästhetisch zu bewerten seien, ist schon immer umstritten gewesen. Nach der antiken Sentenz „naturalia non sunt turpia“ sind natürliche Vorgänge nicht schändlich, also auch nicht ekelhaft. Eine andere Frage war und ist, ob sie Gegenstand oder gar Medium künstlerischer Darstellungen sein sollten. Da galt lange Zeit der von Joseph Haydn in schönste Musik gebrachte Reim: „Beherzigt doch das dictum: Cacatum non est pictum!“ Darauf berief sich auch Wilhelm Liebknecht, als der Gothaer Parteitag der SPD 1896 über die „Schweinereien“ des Naturalismus diskutierte.

Die künstlerische Darstellung von Abstoßendem und Ekelhaftem begann indes nicht erst mit dem Naturalismus. Ansätze gab es bereits in der Antike und im Mittelalter. Größeren Raum bekam das Ekelhafte in der Vanitas-Dichtung und in den Satiren der Barockzeit, und gelegentlich findet man die Imagination von Ekelhaftem auch in der Literatur der folgenden Epochen bis zur Klassik hin. Hatte Goethe sich in „Faust II“ noch mit Andeutungen bei der Beschreibung des hässlichen alten Weibes Phorkyas zufriedengegeben, wurde Charles Baudelaire in seinen „Les Fleurs du Mal“ (1857) konkreter.

Der Ekel in seiner paradoxen Schönheit

„Mal“ meint weniger das moralisch Böse als vielmehr das ästhetisch Unangenehme, das Widerwärtige, Abstoßende und Ekelhafte, das aber nicht nur als solches betrachtet und verabscheut oder ausgegrenzt, sondern in seinem überraschenden Reiz und in seiner paradoxen Schönheit gesehen werden soll. „Tu m'as donné ta boue et j'ai fait de l'or“, sagte er in einem Epilog zu seiner „Mutter“ Paris: „Du gabst mir deinen Schmutz, und ich hab' Gold daraus gemacht.“ Das berühmteste Beispiel dieser Malitätsflorifizierung ist das zwölfstrophige Gedicht „Une charogne“ (Ein Stück Aas). Darin erinnert sich der Sprecher, wie er eines Tages auf einem Spaziergang, seine schöne Geliebte am Arm, plötzlich vor dem Kadaver eines kleinen Tieres stand, vom Gestank fast umgeworfen wurde, und doch die Augen von dem aufblühenden „Knospenflor“ - „une fleur s'épanouir“ - dieses „Prachtgerippes“ kaum abwenden konnte.

Diese herausfordernde Vergegenwärtigung eines ekelerregenden Gegenstands fand nicht nur Beifall. Stefan George, der die „Fleurs du Mal“ um 1890 ins Deutsche übertrug, hat „Une Charogne“ weggelassen. Aber Rainer Maria Rilke berichtet 1907 in seinen „Briefen über Cézanne“, dass dieser das Gedicht noch in seinen letzten Jahren „auswendig Wort für Wort hersagen“ konnte, und in seinem Künstlerroman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ (1910) verteidigte Rilke Baudelaire ausdrücklich. Die Auseinandersetzung mit Baudelaires Ekel-Kunst wurde ihm zu einer wichtigen Station auf dem Weg zum „sachlichen Sagen“.
Der Expressionismus intensivierte die Darstellung von Ekelhaftem, um die Beschaffenheit des Menschen und den Charakter des Lebens zu verdeutlichen.

Gottfried Benn reduzierte die Menschen in seinem Gedicht „Nachtcafé“ von 1912 auf krankhafte und abstoßende Äußerlichkeiten wie „Pickel“, „Lidrandentzündung“ und „Bartflechte“. Franz Werfel stellte in seinem langen Gedicht „Der Äser-Weg“ von 1913 Christus in den nicht abreißenden Strom der fortlaufend verendeten oder getöteten Tiere.

Aller Ekel muss raus

Der Krieg erfüllte viele Zeitgenossen mit einem massiven Ekel vor dem Leben wie den Menschen. Nach mehrjährigem Dienst in einem Brüsseler Militärkrankenhaus für Prostituierte und nach einigen Jahren Berliner Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten zog Benn 1921 Bilanz und stellte in seinem „Epilog“ fest, man müsste, um das Gefühl des Erledigt- und Angeekeltseins adäquat auszudrücken, „mit Spulwürmern schreiben und Koprolalien“, also mit dem ekelhaftesten Material aus dem Innersten des Menschen und in Kaskaden von Wörtern aus dem Fäkalbereich. Kot, Rotz und Blut sollten nicht mehr nur Gegenstand künstlerischer Darstellung sein, sondern auch als Medien des künstlerischen Ausdrucks dienen.

So extrem wie Benn hatte das zuvor niemand gesagt; aber ganz neu war der Gedanke, Ekelhaftes zum Ausdrucksmittel von Kunst zu machen, auch nicht. Apollinaire hatte mit seinem Gedicht „La victoire“ schon einige Jahre früher vorgeschlagen, zwecks Erweiterung der sprachlichen Leistungskraft neue und eher abstoßende Konsonanten zu bilden, etwa durch Schmatzen, „kratzendes Spuken aus voller Lunge“, „Lippen-Fürze“ und Rülpsen, an das man sich wie an einen „feierlichen Glockenton“ erinnern werde.
Das blieben keineswegs avantgardistische Anwandlungen, die nur proklamatorischen Charakter gehabt hätten.

Im „Ulysses“ etwa hat Leo Bloomgerade kein Taschentuch, und so legt er „den trockenen Rotz, aus dem Nasenloch gepopelt, auf einen Sims aus Fels“. Joyces Held liest gern beim Stuhlgang und sitzt, die Zeitung in der Hand, „gelassen über seinem eigenen aufsteigenden Geruch“. Einmal hat er Apfelwein und Burgunder durcheinander getrunken. Auf dem Heimweg machen ihm Blähungen zu schaffen: „Also ich muss wirklich mal. Fff. Wenn ich das bei einem Bankett täte. Bloß eine Frage von Sitte und Gebrauch...“ Die Blähungen werden stärker: „Fff. Uh. Rrpr.“ Dann kommt eine Tram, die es Bloom erlaubt, sich vollends zu erleichtern: „Pprrpffrrppfff. Geschafft.“

Kunst der Ekelüberwindung

Die moderne Kunst will das Ekelhafte nicht verbergen und den Ekel nicht vermeiden; sie will das Ekelhafte als Bestandteil des Lebens zeigen und den Ekel provozieren, um ihn zur reflektierten Erfahrung zu machen. Im Interesse einer schärferen, wahrhaftigeren Wahrnehmung des Lebens dreht sie die kulturelle Erziehung zum Ekeln zurück und bewegt die Rezipienten dazu, den Ekel vorübergehend abzustreifen oder auszuhalten. Hierfür sind, wie Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ und Heinz Strunks „Fleckenteufel“ zeigen, durchaus noch Anlässe zu finden. Strunk hat schon mit seinem „Fleisch ist mein Gemüse“ eine Sphäre ins Licht gerückt und zur Sprache gebracht, vor der man bisher Augen und Ohren verschloss - und stellt sich damit in die Tradition der durchaus aufklärerisch zu nennenden Kunst der Ekelüberwindung.

Freilich erreicht die Darstellung von Ekelhaftem in diesen Büchern einen neuen Grad. Leopold Blooms blähungsvoller Heimweg nimmt von den mehr als tausend Seiten des „Ulysses“ kaum fünf in Anspruch. Das ekelerregende Haus, das Rilke in Paris sah, bekommt von den über zweihundert Seiten der „Aufzeichnungen“ nur zweieinhalb. Ekelhafte Dinge bilden in diesen wie in späteren Werken etwa von Günter Grass nur Momente der Darstellung von sehr viel reicheren Lebensverhältnissen mit noch ganz anderen Dimensionen. Das gilt erst recht für die „Mal“- und „Morgue“-Gedichte Baudelaires und Benns, in denen das Ekelhafte gleichsam vor einem in Form und Vokabular sich zeigenden Hintergrund des wenigstens noch ersehnten Schönen oder gar Heils erscheint. In der zeitgenössischen Literatur aber wird die Darstellung von Ekelerregendem dominant und durch nichts gebrochen, was darüber hinausführte.

Was insgeheim bewegt

Der Leser wird nicht nur für einen Moment unter eine Ekeldusche gestellt; er muss in ein Ekelbad eintauchen. Ob man diese Monomanie, die manche weniger als ekelhaft denn als pornographisch empfinden, als ein Versagen oder schlichtes Nicht-Vorhandensein von Kunst oder aber als eine neue und berechtigterweise ad nauseam gehende Form von Ekelkunst zu bewerten hat, ist schwer zu sagen. Der Erfolg zumal des Buches von Charlotte Roche deutet darauf hin, dass hier etwas zur Sprache gebracht wird, was viele Menschen insgeheim bewegt und was sie einmal gesagt wissen wollen, und sei es nur testweise im Medium der Kunst. (...)

Hellmuth Kiesel: Der feierlichste Glockenton ist der Rülpser. FAZ 04.02.2009