Sonntag, 21. Juni 2009

Angekommen, ich weiß nicht, wo...

Einar Schleef notierte im Frühjahr 1981 in seinem Tagebuch, dass er angekommen sei, aber nicht wisse, wo. Diese paradoxe Auskunft könnte über dem gesamten Leben des 1944 in Sangerhausen geborenen und 2001 in Berlin gestorbenen Multitalents stehen. Nach einem Studium für Bühnenbild in Ost-Berlin, verließ er 1976 die DDR, weil er das vom Honecker-Staat verhängte, mit regelmäßigen Einkünften verbundene Berufsverbot nicht akzeptieren wollte. Aber Einar Schleef war kein Wolf Biermann. Es sollte viele Jahre dauern, ehe der passionierte Theatermann eine Inszenierung übertragen bekam: Seine Lesart der "Mütter" nach Euripides und Aischylos im Schauspiel Frankfurt begründete 1986 seinen Ruf als Enfant terrible des westdeutschen und später des Gesamt-Berliner Theaterbetriebs.

Die Jahre, in denen er nicht für die Bühne tätig sein konnte, sind in dem - als "Tagebuch" nur unzureichend bezeichneten - vierten Band des Monumentalwerks sofort zu erkennen: Es sind hier die literarisch ergiebigsten. Bis er in Frankfurt/Main unter der Intendanz von Günther Rühle Regie-Aufgaben übernehmen konnte, widmete er sich dem Schreiben. Das Diarium der frühen achtziger Jahre, besonders das Jahr 1981, ist ein Steinbruch aus zum Teil in mehreren Fassungen geschriebenen Prosa-Stücken und Fragmenten. Auch wenn ihm zu dieser Zeit die Theater verschlossen waren, hatte Schleef als Schriftsteller einigen Erfolg. 1980 erschien, durch Golo Mann gefördert, der erste Teil des Romans "Gertrud". Nach Publikation des zweiten Bandes 1984 attestierte "Der Spiegel" dem Autor im Vorspann zu einem Interview: "Die Besessenheit, mit der Einar Schleef schreibt, war stets eine Erkennungsmelodie großer Literatur." Eingeordnet wird er damals schon zwischen Uwe Johnson und Samuel Beckett. (...)

Thüringische Landeszeitung (Rezension des vierten Bandes des "Tagebuches" von Einar Schleef)

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