Wien wird ja ein besonderes Verhältnis zum Tod nachgesagt. Im Standard kann man aber auch erfahren, dass Österreich überhaupt ein Paradies für Pathologen ist:
"'Nirgendwo kann man soviel Schaden anrichten, wie in der Pathologie', sagt Soleiman. Wenn man zum Beispiel einen Tumor diagnostiziere, wo keiner ist und 'die Ärzte alles rausreißen. Dann stört das den Patienten', sagt der 34-Jährige und lächelt. Zynismus ist in der 'Patho' Programm. (…)
Während sich die Assistenzärztin an einer Niere mit riesigem Tumor zu schaffen macht, bittet ein Kollege Afschin Soleiman um seine Einschätzung zu einem Tumor in einer weiblichen Brust. Zu zweit starren sie auf den histologischen Schnitt, der unter einem Mikroskop liegt, das Okulare für vier Personen bietet. 'Das Ding ist böse, sehr böse', sagt Soleiman. Zwischen unzähligen runden rosafarbigen Gewebezellen machen sich große Mengen von braunen verschiedenförmigen Zellklumpen breit. 'Die ist erledigt', sagt sein Kollege. (…)
Der Stress sei hier ein anderer, als beispielsweise auf der Intensivstation, sagt Afschin Soleiman. 'Es ist ein Entscheidungsstress. Jede Entscheidung verändert ein Leben'. Er ist durch ein zufälliges Jobangebot in der Pathologie gelandet und hatte nicht vor, zu bleiben. Das ist mittlerweile beinahe zehn Jahre her und Soleiman ist immer noch da. Er mag seinen Job. Grauslich sei es zwar schon, wenn man um acht Uhr morgens eine Leiche öffne, und auch ihm kommt der Vergleich mit dem Schlachthof über die Lippen. 'Das Herausfinden von Ursachen zählt aber mehr als das Empfinden', erklärt der Pathologe mit persischen Wurzeln. 'A la longue gewöhnt man sich an die Toten besser, als an lebende Patienten'. Die würden einen mit der Zeit wirklich fertig machen.
'In keinem anderen Land hat man einen so einfachen Zugang', sagt Afschin Soleiman. Gemeint ist der Zugang zum 'Arbeitsmaterial', sprich toten Körpern. Angehörige haben in Österreich gesetzlich nicht das Recht eine Autopsie zu verweigern, weshalb EU-weit nirgendwo sonst so viele Autopsien durchgeführt werden wie hier.
Mit vor Staunen geweiteten Augen hört ein angehender Arzt aus Saudi-Arabien Soleimans Ausführungen zu. In seiner Heimat sind Autopsien aufgrund des muslimischen Glaubens verboten. Ausnahmen werden selten gemacht, dazu bedarf es einer gerichtlichen Anordnung. Um als Mediziner promovieren zu können, sind in Saudi-Arabien 40 Obduktionen vorgeschrieben, und die absolvieren viele Saudis im AKH.“
Aus der Standard-Reportage über die Pathologie im Wiener Allgemeinen Krankenhaus (Birgit Wittstock: Der Tod steht ihm gut) [derStandard.at, 22.1.2008]