
Pro-Ana-Web-Seite, Selbstbildnisse Magersüchtiger: "Glaubensbekenntnisse" und Handlungsanweisungen
Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) hat erstmals ein Privatblog auf den Index gesetzt. Betroffen ist "Anna-Hanna-Blogspot", in dem sich eine minderjährige Autorin mit ihrer Magersucht Anorexia Nervosa auseinandersetzt. Laut BPjM gehört die Autorin zur "Pro-Ana"-Szene und verherrlichte die Krankheit in Gedichten, "Glaubensbekenntnissen", Handlungsanweisungen und "Motivationsverträgen", so die Prüfstelle in ihrer Entscheidung. "Gefährdungsgeneigte Jugendliche oder heranwachsende Betroffene fühlen sich auf Pro-Ana-Seiten verstanden und ermutigt, weiter an der Essstörung festzuhalten." Blog-Hoster Google hat das Angebot bereits aus dem Netz genommen - eine Zugangsbeschränkung für Minderjährige hätte genügt. Beim Lawblog hat die Sperrung derweil eine Diskussion um Netz-Zensur und Präzedenzwirkung entfacht: Wird Minderjährigen - und damit praktisch allen Nutzern - bald auch der Zugriff auf andere kritische und ungemütliche Internet-Beiträge durch Altersverifikations-Systeme gesperrt? Ein Kommentator fragt hintergründig: "Wann werden denn Modellwettbewerbe zensiert?"
Verständlich, diese Maßnahme der Bundesprüfstelle, einerseits. Andererseits ist der Gedanke doch nicht abwegig, dass das ehemals so freie Internet immer stärker der Zensur unterworfen wird, und das nicht nur in Ländern wie China.
Wie weit darf der Staat gehen, um seine Bürger vor sich selbst zu schützen? In der Frühen Neuzeit gab es in manchen Territorien Erlasse, die die Ausgaben bei Taufen und Hochzeiten begrenzten, um die Menschen vor Verarmung zu schützen. In diesem Sinne müsste man sich heute fragen, ob nicht das Lotteriewesen und jegliches Glücksspiel ebenso begrenzt und scharf beobachtet werden sollten, aber daran verdienen die Staaten ja gut und gerne mit. Die Vorsorge des Staates geht weit. Die Raucher bekommen es zu spüren, trinken darf man vorläufig noch. Extremsportarten mit hoher Verletzungsgefahr gehören sicher auf den Index. (Vor Jahren war das schon einmal ein vorgeschlagenes Erörterungsthema für die Abschlussklausuren an hessischen Berufsfachschulen: Sollten die Krankenkassen auch in Zukunft für die Folgen von Sportunfällen aufkommen?) Das ungesunde Leben fängt aber eigentlich schon beim Autofahren und beim Einkaufen an. Im Grunde ist der ganze Kapitalismus gesundheitsschädlich. Oder er fördert zumindest die menschlichen Selbstzerstörungsimpulse. Wenn es dem Staat gelänge, die Menschen ganz und gar umzuerziehen und alle Selbstzerstörungsimpulse auszuschalten, was bliebe dann übrig? Ein Märchenland, ein großer Kibbuz, oder doch eine Art Arbeitslager?