Mittwoch, 31. Oktober 2007

Konvertiten

















Gefunden auf spiegel.de

Niederbayern - wo die Welt noch in Ordnung ist

"Rotthalmünster - Proteste von katholischen Kirchenvertretern in Niederbayern haben dazu geführt, dass zwei Bilder aus der Ausstellung 'Das Schwein in der Kunst' im Museum Kloster Asbach in Rotthalmünster entfernt wurden. Betroffen ist das Bild 'Dinner für 13' des Wiener Malers und Mitbegründers der EAV Nino Holm: eine Parodie des 'Letzten Abendmahls' mit Schweinen anstelle von Jesus und seinen Jüngern. Holms 'Mona Lisau' blieb hingegen unbehelligt.

Das zweite zensierte Bild ist die Aktfotografie 'Schweinebauch weiblich' der niederbayerischen Künstlerin Gisela Hellinger. Auf dem Foto ist ein gemalter Schweinekopf auf einem nackten Frauenbauch zu sehen - was dem katholischen Frauenbund missfiel.

Durchgesetzt

Zunächst waren die Bilder wochenlang ohne Proteste ausgestellt worden. Dann hatte es wegen der Kunstwerke Beschwerden vom Bistum Passau und dem katholischen Frauenbund gegeben. Den Künstlern wurde - von Kirchenvertretern - 'Frauenfeindlichkeit' und 'Blasphemie' vorgeworfen. 'Auf Grund dieser sehr heftigen Kritik hat der Landrat verfügt, dass die beiden Bilder nicht mehr gezeigt werden', erklärte der Sprecher des Landratsamtes, Eduard Bosch. Es sollten keine religiösen Gefühle verletzt werden.

Der Landkreis ist Veranstalter der Ausstellung. Auf Anregung des Kulturreferats des Kreises wurden die Bilder zunächst noch mehrere Tage lang in einen Nebenraum Interessierten gezeigt. Diese Nebenschau ist nun aber vom Landratsamt beendet worden, die Kunstwerke werden nun gar nicht mehr präsentiert.(APA/dpa/red)"

(Gefunden im Standard vom 30. 10. 2007)

Dienstag, 30. Oktober 2007

Lichtschirm für herbstliche Gedanken

Wien und der Tod

CHiLLi: Ist der Zugang zum Tod in Wien tatsächlich ein spezieller?
Wittigo Keller: Die Außergewöhnlichkeit dieser Stadt hat darin bestanden, den Tod in einer Form zu inszenieren, wie es auf der Welt einzigartig ist. Es war weniger die Auseinandersetzung mit dem Tod, als die Möglichkeit, eine ideale Selbstdarstellung der eigenen Person zu realisieren. Eigene Produktionsstätten wurden entwickelt für Uniformen, Kopfbedeckungen und Equipment. Diese letztmalige Selbstdarstellung mit dem Bedürfnis, für die Ewigkeit präsent zu sein, als besonderes Denkmal auf dem Friedhof, die ist in dieser Stadt das Besondere.

(...)

CHiLLi:
Warum gibt es noch immer so viele Vorbehalte gegen die Feuerbestattung?
Wittigo Keller: Der prozentuelle Anteil der Feuerbestattung liegt derzeit bei ungefähr zwanzig Prozent. Die Gründe dafür mögen in der Vergangenheit liegen, dass die Urne einfach zu klein und zu unscheinbar war, als dass sie in einem theatralischem Konzept, wie es die schöne Leich damals gewesen ist, die Repräsentanz gehabt hätte, die notwendig war. Und psychologisch gibt es das Transformationsproblem. Viele alte Menschen haben große Schwierigkeiten, einen geliebten Freund, 1,78 Meter groß, dann plötzlich in einer relativ kleinen Dose wiederzufinden.

CHiLLi: Inwiefern ist Kannibalismus eine Form des Umgangs mit dem Tod?
Wittigo Keller: Kannibalismus im Sinn der Ritualisierung, wie wir sie in ganz veränderter Form im mexikanischen Tod, dem „altar de los muertos“, finden, ist sicher eine mögliche Umgangsform. Sieh dich als nicht unsterblich, betrachte dich, und eines Tages wirst du so enden, den Tod in sich aufzunehmen, sich selbst zu verzehren, und damit den Tod zu überwinden.

CHiLLi: Gibt es das Denken noch, dass man mit dem Verspeisen die Kräfte des Opfers übernimmt?
Wittigo Keller: Das war die ursprüngliche Idee des rituellen Kannibalismus, wie wir ihn bei vielen außereuropäischen Völkern vorgefunden haben, was letztlich auch dazu geführt hat, einzelne Teile des Körpers zu ritualisieren. Es wurden aus Schädelhälften Masken hergestellt, es wurden ganze Kirchen, auch in Europa, wie die von Kutna Hora (in Tschechien nahe Prag, Anmerkung der Redaktion) ausgestattet, indem Luster oder Altäre aus Totenschädeln gemacht wurden. Eine Konfrontation mit dem Tod durch den Schädel als möglicherweise letzte Instanz eines Körpers zu zeigen und ihm damit Unsterblichkeit verleihen zu können.

CHiLLi: Warum ist die Bestattung und der ritualisierte Umgang mit dem Tod so bedeutend?
Wittigo Keller: Es ist unwahrscheinlich schwer, sich dem Tod zu stellen und ihn zu akzeptieren. Da gibt es Grundvoraussetzungen in der Gesellschaft, die das blockieren. Und Ritualisierungen und Inszenierungen sind die Möglichkeit, eine Kompensationsmöglichkeit zu schaffen, für sich selbst, und das Bedürfnis der Umgebung.

CHiLLi: Die beiden letzten großen Bestattungen in Wien waren die Bestattung von Kaiserin Zita und Falco. Beide wurden von Bestattung Wien durchgeführt?
Wittigo Keller: Zita war das Finale des letzten Pomps, einer Nostalgie, einer k. und k. Periode. Das Begräbnis von Falco hat eigentlich eine neue Dimensionierung eingeleitet. Eine Rockoper, ein Spektakel. Wir müssen bedenken, dass gerade Menschen im öffentlichen Leben, vor allem, wenn sie in der Kulturszene tätig waren, ihr Begräbnis als die allerletzte und größte Show betrachten.

(Aus einem Interview auf ChiLLi.cc)

Währing in der Nacht

Passend zum Reformationstag...

Was verstehen Sie unter dem Begriff "Reformation" und wer hat sie eingeleitet?



Aus einem „Einbürgerungstest“ auf welt-online.

Wenn der Rechnungshof den Geheimdienst unter die Lupe nimmt...

"Vor den strengen Augen und Taschenrechnern der Rechnungshofprüfer sind alle gleich: Da können die Beamten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, wie der österreichische Geheimdienst zivilisiert heißt, noch so geheime Organisationen beschatten und noch so gefährliche Terroraktivitäten verhindern, am Ende heißt es schlicht: Die Überstunden an Sonn- und Feiertagen müssen um 25 Prozent gekürzt werden! Und bitte weniger Dienstfahrten, jetzt muss einmal gespart werden! Klingt vertraut. Auch dass eine alte Immobilie, die im konkreten Fall mehr aufgrund ihrer guten Lage, denn ihrer (vergammelten) Innenausstattung zu viel kostet, erscheint nachvollziehbar. Aber wenn ein derart eigenständig agierendes Amt erst 2006 so etwas Ähnliches wie ein Budget zusammenbringt, darf man getrost von einem österreichischem Unikum sprechen.
Nicht ganz so unterhaltsam sind andere Empfehlungen der Prüfer, deren nüchtern-beiläufige Formulierungen entweder darauf deuten, dass sie nicht wissen, was sie da schreiben, oder ein verheerendes Zeugnis für Österreichs Terrorabwehr ausstellen. Irgendwo zwischen der Anregung, den hauseigenen Newsletter auch den Büros in den Bundesländern zuzuschicken, und der dezenten Warnung, beim frei vergebenen Bargeld mehr zu kontrollieren, heißt es da unauffällig: Der Rechnungshof vermisse 'nationale Bekämpfungsstrategien für die Bereiche Extremismus und Spionageabwehr'. Nach welcher Strategie arbeiten die jetzt? Nach Dienstplan?" (Die Presse 30. 10. 2007)

Interkulturalität in Ottakring

Wiener Schimpfwortschatz

Was ist das Besondere am Wiener Schimpfwortschatz? Gibt es irgendein Spezifikum?

Es gibt zwei Spezifika: Einerseits die Häufigkeit von sogenannten "brutalen Aufforderungen": Das sind Ausdrücke wie beispielsweise "Schleich dich" und "Geh scheißen". In Deutschland gibt es das kaum. Die Wiener erreichen beim Erfinden brutaler Aufforderungen eine beeindruckende Ausdruckskraft: Das geht bis zu "Bohr dir ein Loch ins Knie und schieb dir ein Gurkerl rein", wie einer meiner Interview-partner einmal sagte. Das zweite Spezifikum sind die sogenannten zusammengesetzten Schimpfwörter: Zwei abwertende Wörter werden zu einem kombiniert. Ein Klassiker ist "Drecksau". In der Literatur findet man solche zusammengesetzten Schimpfwörter bei Werner Schwab oder H. C. Artmann.

Halten Sie den Wiener Schimpfwortschatz für kreativer als andernorts?

Wenn man in die Tiefe geht, ja. Meine Interviewpartner begannen mit ganz banalen Schimpfwörtern wie "Depp" oder "Trottel". Aber bald waren sie im ausgefeilteren Stadium. Das Vokabular wird dann sehr kreativ. Ich habe Dinge gehört von "Hirnederl" bis "Du sollst Warzen am Arsch bekommen und zu kurze Hände zum Kratzen". Flüche, die mit "Du sollst ..." beginnen, bezeichnet die Schimpfwortwissenschaft als "Verwünschungen". Diese Verwünschungen sind in Österreich eher selten. Seltener jedenfalls als in der Ukraine.

Warum?

Es hängt damit zusammen, dass die Ukrainer viel abergläubischer und religiöser sind als Österreicher. Im Westen des Landes gibt es bei diesen Verwünschungen sogar Schimpfwortgermanismen, die noch aus der k.u.k. Zeit stammen.

Welche zum Beispiel?

Angepasst an die ukrainische Grammatik, gibt es in der Westukraine beispielsweise "Schlak by tebe trafyv". Das ist ukrainisiert und heißt "Der Schlag soll dich treffen". Oder "Ban'kart" für "Bankert". Interessant ist auch der Bedeutungswandel von Schimpfworten: "Schickse", ukrainisch "Syksa", stammt eigentlich aus dem Jiddischen und war die Bezeichnung für ein christliches Mädchen.

Gibt es beim Schimpfen nationale Unterschiede?

Definitiv. Es gibt zwei verschiedene Schimpfwortgruppen: Österreicher, Deutsche, Tschechen und Ukrainer beispielsweise sind analfixierte Schimpfer. Das heißt, sie verwenden hauptsächlich Schimpfworte aus dem fäkalen Bereich wie "Scheiße" oder "Arschloch". Amerikaner, Russen und Serben zum Beispiel sind dagegen sexualfixierte Schimpfer. Die Amerikaner sagen oft "Fuck off" oder "Fuck you".

Lässt sich daraus irgendetwas auf die Gesellschaft schließen?

Das anal- und sexualfixierte Schimpfen ist eine gesellschaftliche Eigenheit, deren genauer Ursprung noch unklar ist. Andere Bereiche lassen sehr vieles auf die Gesellschaft schließen. Anhand von Schimpfwörtern kann man sich über die schwachen Stellen von Gemeinschaften informieren: In der Ukraine, einem Land mit vergleichsweise hoher Korruption, gibt es beispielsweise vier Ausdrücke für einen korrupten Menschen. In Österreich gibt es keinen einzigen. Dafür finden sich in der deutschen Sprache mehrere Schimpfwörter, die einen Pedanten bezeichnen - "Mäusemelker", "Nudeldrucker", "Erbsenzähler" oder "I-Tüpferl-Reiter" zum Beispiel. In der Ukraine gibt es davon wiederum kein einziges. Pedanterie scheint also in der Ukraine, Korruption in Österreich keine weit verbreitete Eigenschaft zu sein. Ein anderes Beispiel: Wenn Sie in die tiefkatholischen Länder Südeuropas - Spanien, Portugal oder Italien - fahren, dann werden Ihnen besonders viele blasphemische Schimpfwörter begegnen.

Gesellschaftliche Werthaltungen fließen also in den Schimpfwortschatz sein?

Ja. Fast immer. Während eines Interviews hat mir ein alter Mann beispielsweise erzählt, dass ihn sein Vater immer "du Welser" geschimpft und sich dabei von hinten am Kopf gekratzt hat. Das hängt damit zusammen, dass in Wels die Leute sehr arm waren und sich von hinten am Kopf kratzten, damit die Läuse nicht in den Ärmel fallen. Ein anderes Beispiel: Ich habe Exjugoslawen und Türken, die in Österreich leben, zu den Schimpfwörtern gefragt, die sie verwenden. Hier fiel sehr oft: "Ich fick deine Mutter." Das ist typisch für traditionelle Gesellschaften, wo die familiäre Gemeinschaft noch eine wichtige Rolle spielt. Dort sind sogenannte "Ahnenschmähungen" viel weiter verbreitet als in Österreich oder Deutschland. Besonders fiel mir in diesem Zusammenhang auf, dass österreichische Schüler, die mit Türken oder Exjugoslawen in dieselbe Schulklasse gehen, solche Ausdrücke übernehmen. Ähnliches ist auch in der Ukraine passiert: Vor 1939, als die Russen - wie gesagt sexualfixierte Schimpfer - die Westukraine okkupierten, war "Ich fick deine Mutter" hierzulande völlig unbekannt. Heute ist es gang und gäbe.

Sie sprechen von nationalen Unterschieden. Spiegelt sich auch die Bewertung des Unterschieds zwischen den Geschlechtern im Schimpfen wider?

Ja, in der deutschen Sprache gibt es beispielsweise etwa 500 abwertende Ausdrücke für eine Frau mit abwechslungsreichem Liebesleben. Beim Mann sind es weit weniger. Außerdem sind diese Ausdrücke beim Mann nicht so abwertend und oft sogar mit einer gewissen Bewunderung verbunden, wie bei "Filou" oder "Casanova" zum Beispiel. Wie tief diese unterschiedliche Bewertung reicht, zeigte mir ein Vorfall während eines Interviews: Ich befragte die Menschen, für wie schlimm sie das Wort "Sauluder" halten. Für Frauen war es unisono eine sehr abwertende Bezeichnung für eine Frau, die beispielsweise ihren Mann betrügt. Für Männer dagegen war "Sauluder" eher ambivalent: Das sei eine gutaussehende Frau in attraktiver Kleidung, wurde mir zum Beispiel erklärt.

Was ist das Kreativste, das Ihnen untergekommen ist?

Vor allem ältere Menschen haben einen unglaublich kreativen Schimpfwortschatz. Bei den Interviews kamen zum Beispiel "Alle Huren sollen ins Feuer brunzen" oder "Ich reiß dich in der Mitte auseinander, dann laufen zwei Kurze herum". Das ist schon fast poetisch.

Aus einem Interview des "Falter" mit der ukrainischen Germanistin Oksana Havryliv, Autorin einer Dissertation über den Wiener Schimpfwortschatz.

Herbst

Zeitwahrnehmung

"... in seiner Schrift 'Über das Alter' hält Jacob Grimm fest, wie subjektiv und veränderlich der Zeitbegriff immer war: 'Unter unsern Vorfahren hergebracht war eine zusagende, progressive Berechnung des Menschenalters, wie sie ein Hausvater den ihm zunächst umgebenden Gegenständen entnehmen konnte. Ein Zaun währt drei Jahre, ein Hund erreicht drei Zaunes Alter, ein Ross drei Hundes Alter, ein Mann drei Rosses Alter. . .'“

(Aus dem Artikel von Frank Schirrmacher in der FAZ vom 30. 10. 2007: Wie das Internet den Menschen verändert -
leicht gekürzte Fassung der Dankesrede anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Jacob-Grimm-Preis für Deutsche Sprache 2007)

Wortspielerei


































Ein Wortspiel, hier natürlich sehr beliebt...

Heviz (Ungarn)

Freitag, 26. Oktober 2007

Melancholie in der Heide

"Am Buchweizen gähnen vier schwarze Schlünde und vier an den Kartoffeln; das sind Ansitze, die sich der Bauer gemacht hat; von da aus erlegt er die Sauen und das Rotwild, die seine Äcker verwüsten. Hier unter dem struppigen Machangel gähnen lauter silbergraue Sandtrichter; in jedem lauert ein scharfbewaffnetes Ungetüm auf Spinnen und Ameisen, die in den Trichter fallen. Ein grüner Käfer rennt flink über den Sand, in den scharfen Zangen eine Fliege. Zierliche Schwalben fahren über die Heide; ich höre die kurzen Schnäbel knappen; jeder solcher Laut ist der Tod eines Wesens. Aus dem Brombeerbusche klingt ein jammervoller Ton, dünn, fein, aber voll Todesangst; da wickelt die dünne Spinne eine bunte Schwebfliege ein. Überall ist der Tod.

Ich gehe gelassen über die Heide und blase sorglos den Dampf der Pfeife in die Luft; ich gehe und töte im Gehen Pflanzen und Tiere. Das ist nun einmal so. Und wer weiß, ob dicht bei mir nicht etwas auf mich lauert, um mich hinabzuzerren, heute oder morgen oder übermorgen oder einen Tag später. Eigentlich müßte mir das alle Lebenslust nehmen."
Aus: Hermann Löns, Der Heidweg, in ders., Mein braunes Buch

Im Hause meiner niedersächsischen Großeltern hoch geschätzt und verehrt: Hermann Löns, der Heidedichter. Ob es daran lag, dass mein Großvater im Grunde seines Herzens immer ein alter Nazi geblieben war? Oder kam es von der Großmutter her, die aus der Heide stammte? Sie wohnten im weiteren Sinne noch immer am Rande der Lüneburger Heide, und ab und zu gab es Ausflugsfahrten dahin, die etwas von Wallfahrten in heilige Landschaft an sich hatten.

Hermann Löns hat einen sehr verwickelten Lebenslauf mit Ecken und Kanten, einer, der unbedingt ein Schriftsteller sein wollte und es dann doch nur bis zum Journalisten brachte, der von Hannover aus die Landschaft der Lüneburger Heide entdeckte und erwanderte, von den Einheimischen zunächst als Dandy verspottet... Dann aber kam doch der schriftstellerische Erfolg mit Büchern, deren eigentlicher Gegenstand eben jene Landschaft ist.

Hermann Löns gelang es wohl nur durch Beziehungen, zu Beginn des 1. Weltkrieges als Freiwilliger akzeptiert zu werden, er fiel in der Marneschlacht. Die Nachspiele um seinen Leichnam und seine diversen Exhumierungen und Begräbnisse sind eine eigene Geschichte.

Um sein Erbe ließ sich gut streiten. Wandervögel und Nationalsozialisten, aber auch moderne Naturschützer haben in ihm einen Ahnherrn gesehen. Eine schillernde Gestalt, ein großer Dichter sicher nicht, in der Literaturgeschichte heute eine Fußnote wert, ein großer Melancholiker allemal. Manches in seinen Gedichten mutet fast buddhistisch an:

Auch ich, noch jetzt so lebensmunter,
Kein Plan zu kühn, kein Wunsch zu schwer,
Von Westen steigt der Tod herunter,
Ein Ruck, ein Stoß, ich bin nicht mehr;
Und all' mein Jauchzen, all' mein Klagen,
Ein Traum, schon morgen unbekannt,
Mein Schaffen, Dichten, Tun und Sagen,
Es rollt darüber gelber Sand.


Ottakring




Donnerstag, 25. Oktober 2007

Verösterreicherung

„Man wird eher das Maximalprogramm ansteuern müssen, dessen Ziel in einer Verösterreicherung besteht (auch wenn das manchem Österreicher selbst als gefährliche Drohung erscheinen mag.) Der zu Verösterreichernde behält selbstverständlich seine kulturelle und religiöse Identität, nimmt aber dazu auch noch eine österreichische Identität an. Hier gilt, dass Integration auch eine Pflicht des Aufnahmestaates ist: Er wird Angebote (zu Sprachkursen etwa) machen müssen, aber auch deren Annahme erzwingen; er muss fördern, darf aber auch fordern; er wird aber nicht zulassen können, dass „kulturelle Eigenheit“ die Geltung der Gesetze relativiert. Kurz: Er wird mehr oder minder sanften Assimilationsdruck ausüben.“ (Kommentar in Die Presse)

Die Themen Migration und Integration beschäftigen die österreichischen Medien meinem Eindruck nach viel stärker als die deutschen. Das Verfasser dieses Kommentars denkt, wie aus anderen Passagen seines Textes hervorgeht, eher an Zuwanderer vom Balkan, aus der Türkei oder aus anderen muslimischen Ländern. Aber wenn die Leute pauschal über "Ausländer" schimpfen, zucke ich als Ausländer natürlich innerlich zusammen. Natürlich werden, wenn es um kulturelle und sprachliche Identität geht, Deutsche von einer solchen Argumentation wie in der zitierten Kolumne sicher am wenigsten getroffen, trotzdem frage ich mich: Bin nicht auch ich "ein zu Verösterreichernder"? Denn nichts trennt ja Deutsche und Österreicher so sehr wie die gemeinsame Sprache, wie Karl Kraus einst schrieb.

Mittwoch, 24. Oktober 2007

Melancholie























Sei mir gegrüßt, Melancholie,
Die mit dem leisen Feenschritt
Im Garten meiner Phantasie
Zu rechter Zeit ans Herz mir tritt!
Die mir den Mut wie eine junge Weide
Tief an den Rand des Lebens biegt,
Doch dann in meinem bittern Leide
Voll Treue mir zur Seite liegt!

Die mir der Wahrheit Spiegelschild,
Den unbezwungnen, hält empor,
Daß der Erkenntnis Träne schwillt
Und bricht aus dunklem Aug hervor;
Wie hebst das Haupt du streng und strenger immer,
Wenn ich dich mehr und mehr vergaß
Ob lärmendem Geräusch und Flimmer,
Die doch an meiner Wiege saß!

Wie hängt mein Herz an eitler Lust
Und an der Torheit dieser Welt!
Oft mehr als eines Weibes Brust
Ist es von Außenwerk umstellt,
Und selbst den Trost, daß ich aus eignem Streben,
Was leer und nichtig ist, erkannt,
Nimmst du und hast mein stolz Erheben
Zu Boden allsobald gewandt,

Wenn du mir lächelnd zeigst das Buch
Des Königs, den ich oft verhöhnt,
Aus dem es, wie von Erz ein Fluch,
Daß alles eitel sei! ertönt.
Und nah und ferne hör ich dann erklingen
Gleich Narrenschellen ein Getön –
O Göttin, laß mich dich umschlingen,
Nur du, nur du bist wahr und schön! –

Noch fühl ich dich so edel nicht,
Wie Albrecht Dürer dich geschaut:
Ein sinnend Weib, von innerm Licht
Erhellt, des Fleißes schönste Braut,
Umgeben reich von aller Werke Zeichen,
Mit milder Trauer angetan;
Sie sinnt – der Dämon muß entweichen
Vor des Vollbringens reifem Plan.

Gottfried Keller


"Beim Brand eines Museums in der niederländischen Stadt Amersfoort sind Gemälde im Wert von mehreren Millionen Euro zerstört worden. Das in einer ehemaligen Kirche untergebrachte Armando-Museum brannte vollständig aus. Besonders bedauerlich ist der Verlust von "Melancolia I", einem allegorischen Meisterwerk von Albert Dürer." (Die Presse) Dabei handelt es sich freilich ja bekanntlich um kein Gemälde, sondern um einen Kupferstich. Zerstört wurden außerdem viele moderne Gemälde.

Die Endlichkeit und Zerstörbarkeit der Dinge steigert in manchen Fällen ihren Wert.

So kann sogar der Verlust einer Melancholie melancholisch machen.

Richtig

Ich ... war ... einmal

Oft weiß ich ganz genau: Ich ... war ... einmal;
Ich habe schon einmal all dies gesehn;
Der Baum vor meinem Fenster rauschte mir
Ganz so wie jetzt vor tausend Jahren schon;
All dieser Schmerz, all diese Lust ist nur
Ein Nochmals, Immerwieder, Spiegelung
Durch Raum und Zeit. - Wie sonderbar das ist:
Ein Fließen, Sinken, Untertauchen und
Ein neu Empor im gleichen Strome: Ich
Und immer wieder ich: Ich ... war ... einmal.

Otto Julius Bierbaum (1865-1910)

Nach knapp zwei Monaten da in Wien werde ich natürlich öfters gefragt, ob ich mich denn "schon eingelebt habe". Diese Frage kann ich mittlerweile ehrlich bejahen, wenngleich in der Wohnung noch manches improvisiert und nicht endgültig fertig ist. Ich kann das vor allem im Hinblick darauf, dass mir fast von Anfang an viele Situationen, Orte, Menschen so bekannt vorkommen, als hätte ich das alles schon einmal erlebt, so dass mir manche Tage wie eine Kette von Déja-vu-Erlebnissen vorkommen. Mit einem Glauben an Reinkarnation, den ich ablehne, hat das nichts zu tun; ich verstehe dieses Erleben als ein tiefes Einverständnis der Seele mit der jetzigen Situation, als ein Symptom dafür, dass ich den richtigen Entschluss gefasst habe und mich da jetzt sehr richtig am Platz fühle.

Worauf wir noch gewartet haben...

„Der vom Bundesverband deutscher Bestatter geplante Fernsehkanal Etos TV will noch in diesem Jahr auf Sendung gehen. Die Lizenz liege seit September vor, erklärte der Initiator Wolf Tilmann Schneider in Glienicke (Nordbahn).

Derzeit liefen aber noch Verhandlungen mit möglichen Partnern. Wenn diese positiv abgeschlossen würden, könne es losgehen. Das Redaktionsteam werde aus acht Mitarbeitern bestehen. Ursprünglich wollte der Sender sein Programm bereits im November starten.

Das Studio des Spartenkanals befindet sich in Glienicke. Er soll zunächst über Satellit und Internet zu empfangen sein. Der Bestatterverband plant nach eigenen Angaben keinen Werbe- und Verkaufskanal, sondern 'ein seriöses Informationsprogramm'. Träger von Pflegeheimen oder Hersteller von Treppenliften sollen Beiträge sponsern.

Als weitere Finanzierungsquelle nannte der Verband Trauernachrufe etwa in Form kurzer Filme, die Menschen zu Lebzeiten von sich drehen lassen. Zudem seien Dokumentationen über berühmte Friedhöfe oder Diskussionsrunden über Tod und Bestattung geplant.“ (welt-online)

Seit vor nicht allzu langer Zeit der Bestatter zu einem anerkannten Ausbildungsberuf geworden ist, werden die Bestatter und ihr Verband immer aktiver und auch immer professioneller... Natürlich ist das Bestattungsgewerbe ein Geschäftsfeld mit Zukunft, trotzdem sind Zweifel angebracht, ob ein solcher Spartenkanal wirklich Zuschauer findet.

Regenwetter

Dienstag, 23. Oktober 2007

Alles mit Maß, sonst droht der Irrtum

"Der Schriftsteller Gabriel Zaid zählt die wichtigsten Irrtümer auf, die mit dem Begriff der Kultur verbunden werden: ‚Der Glaube, wir seien keine Tiere, oder wir seien nichts anderes als Tiere; der Glaube, alles sei bereits erfunden, oder man könne von allen Erfindungen absehen und 'bei Null anfangen'; der Glaube, alle Traditionen seien zu respektieren, oder keine einzige; der Glaube, früher sei alles besser gewesen, oder in der Zukunft werde alles besser sein; der Glaube, alle Experimente seien gefährlich, oder kein Experiment sei gefährlich; der Glaube, Kultur dürfe oder könne kein Geschäft sein, oder sei ein Geschäft wie jedes andere.’" (Zusammenfassung eines Artikels in "Letras Libres" bei Perlentaucher.)

Oder noch kürzer: Alle Extrempositionen führen in Sackgassen. Das gilt, nebenbei gesagt, natürlich nicht nur im Hinblick auf Feuilleton und Politik, sondern auch für jeden Einzelnen, zumindest für die allermeisten Menschen.

Herbstwetterbericht

"Ab Mitternacht ist verbreitet mit kräftigem Regen zu rechnen. Die Niederschlagssummen bewegen sich zwischen 25 und 35mm. Der Wind weht lebhaft bis kräftig aus Nordwest bis Nord und erreicht zeitweise Spitzen zwischen 65 und 70km/h. Es ist grau in grau und meist regnet es, zum Teil auch intensiv. Im Wienerwald können mitunter auch ein paar Schneeflocken dabei sein. Der Wind weht lebhaft aus Nordwest bis Nord. Die Frühtemperatur liegt um 4 Grad, es gibt kaum eine Tageserwärmung, am Nachmittag bewegt sich die Temperatur um 6 Grad."

Montag, 22. Oktober 2007

Lutherhof, belichtungstechnisch dramatisiert

Ende einer Kampagne

"Die deutsche Elektronikmarktkette Saturn setzt ihre "Geiz-ist-geil"-Kampagne ab. Offizielle Begründung: Sie passt nicht mehr zur gestiegenen Kauflust der Deutschen infolge des wirtschaftlichen Aufschwungs. 'Als wir die Kampagne vor fünf Jahren gestartet haben, war die deutsche Wirtschaft noch in einer völlig anderen Verfassung. In solch schwierigen Zeiten hat der Kunde zu aller erst auf den Preis geschaut', sagte der Geschäftsführer der Media-Saturn-Holding, Roland Weise, der 'Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung'. (...)

'Diese Stimmung haben wir optimal getroffen und zugleich Qualität geliefert', fügte Weise hinzu. Inzwischen seien die Konsumenten wieder ausgabefreudiger. 'Geiz ist geil' sei die erfolgreichste Saturn-Kampagne aller Zeiten gewesen. Insgesamt werde die Media-Saturn heuer etwa eine halbe Milliarde Euro für Werbung ausgeben, mehr als jeder andere Konzern in Deutschland.

Der auch in Österreich präsente deutsche Elektronikkonzern musste für seine Kampagne aber auch vermehrt Kritik einstecken, er appelliere an die niederen Instinkte der Käufer und trage zum Werteverfall in der Gesellschaft bei. So kam es Mitte September bei der Eröffnung eines zum Konzern zählenden Media-Marktes auf dem Berliner Alexanderplatz ('Die größte Öffnung seit dem Fall der Mauer') zu tumultartigen Szenen unter den 'kaufgeilen' Besuchern, die durch günstige Eröffnungsangebote in das Einkaufszentrum gelockt wurden. Mehrere Menschen wurden verletzt. (APA)" Gefunden im Standard.

Die Kampagne ist zu Ende - wird so in Deutschland der erwünschte Aufschwung herbeigeredet? Man wird sehen. Aber ein geflügeltes Wort wird bleiben, auf das man sicher immer wieder zurückkommen wird.

Sonntag, 21. Oktober 2007

S-Bahn (S 45)

Bis 70...?

„Vor Beginn ihres Deutschlandtages haben führende Mitglieder der Jungen Union (JU) eine zügige Heraufsetzung des Renteneintrittsalters gefordert. Die Landesverbände Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sprachen sich für die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre aus.
Der Vorsitzende der JU in Schleswig-Holstein, Rasmus Vöge, sagte der ‚Bild’-Zeitung, zur ‚Entlastung der Rentenkasse müssen alle länger arbeiten’. Niedersachsens JU-Chef Kristian Tangermann betonte, nur so sei der Wohlstand zu erhalten.“ (WELT-online)

Ein Land in Sozialpanik? Zumindest ein Land, in dem man sich als junger Mensch angesichts der Altersverteilung berechtigte Sorgen um die Zukunft machen muss.

In bestimmten Berufsgruppen war der Wunsch nach längerer Lebensarbeitszeit natürlich immer schon da, vor allem bei Hochschullehrern, deren Pensionierungsalter ja vor nicht allzu langer Zeit zwangsweise von 68 auf 65 Jahre herabgesetzt wurde. Hier will das Bundesbildungsminiserium jetzt eine Flexibilisierung des Dienstrechts ("Seniorprofessur") erreichen. Nobelpreisträger kurz vor dem Pensionsalter - das fördert eben doch das Nachdenken...

MA 48

Wien ist eine unglaublich saubere Stadt, fällt mir oft auf. Ich habe noch nie bemerkt, dass irgendjemand achtlos etwas fallen ließ, die Straßen sind ebenso sauber wie die Öffis, in denen es dabei nicht einmal Abfallbehälter gibt... Allenfalls lassen die Leute ihre Gratiszeitungen in der U-Bahn liegen, wovon eine gelegentlich ertönende freundliche Ansage sie abzuhalten sucht...

Die Sauberkeit dieser Stadt ist das Verdienst der MA 48. Die MA 48 kennt hier ein jeder, das ist die Magistratsabteilung, die für die Abfallwirtschaft zuständig ist. Auf nahezu jedem öffentlichen Papierkorb ("Mistkübel") findet sich die Telefonnummer des "Misttelefons", wo nicht nur Freiwillige für die Schneeräumung gesucht werden, sondern freundlichst Auskunft zu allen Fragen "rund um den Mist"erteilt wird. Die "Mistplätze" in den einzelnen Bezirken haben bürgerfreundliche Öffnungszeiten und nehmen fast alles an. (Früher wurden sogar Schrottautos gebührenfrei abgeholt, das ist nicht mehr so: Meinen alten goldenen Fiat habe ich über den Händler entsorgen lassen, immerhin kostenfrei)

Gegenkundgebung ohne Gegner

Gestern sagte mir ein Freund aus Kassel am Telefon, er sei eben von einer Kundgebung gegen Rechts gekommen... Ich konnte das nicht einordnen, heute las ich dann von den von verschiedenen rechten Gruppierungen ankündigten Aufmärschen und Gegenkundgebungen in drei hessischen Städten. Während in Frankfurt und Rüsselsheim Gerichte ein Verbot der Aufmärsche abgelehnt hatten, - ließen sich die Rechten in Kassel gar nicht erst blicken. So waren nur die Gegendemonstranten da, unter ihnen auch manche Christen und Kirchenvertreter. Als die Kasseler evangelische Dekanin aber die Anwesenden mit "Liebe Mitchristinnen und Mitchristen" begrüßte, erntete sie doch Gelächter.

Ein "Farbattentat" auf den Trevi-Brunnen in Rom


Rote Farbe gegen die graue bürgerliche Gesellschaft: Man kann auch Aufmerksamkeit erzielen ohne Gewalt...

Mit allen Mitteln...

In Deutschland würde ein solches Banner auf der Startseite einer Internetplattform wahrscheinlich Stürme der Entrüstung auslösen.

Wittgenstein musikalisch

Ludwig Wittgenstein, wahrscheinlich der bedeutendste Sohn Österreichs unter den Philosophen der Moderne, ist einerseits berüchtigt für die Sprödigkeit seiner Texte und Gedanken, andererseits bemüht man sich auch sehr um ihn, auf vielfältige Weise, hier das neueste Beispiel aus Linz:

"Am Mittwoch war im Brucknerhaus ein einzigartiger, mutiger Versuch zu erleben, scheinbar spröde philosophische Literatur in Musik zu gießen.

Es war gleichzeitig der Auftakt der Residenz von Anna Maria Pammer, die in den nächsten drei Jahren dem Linzer Konzerthaus eng verbunden sein wird.

Es handelte sich aber nicht um irgendeinen philosophischen Text, sondern um einen, der zu den bedeutendsten Denkanstößen des 20. Jahrhunderts zu zählen ist: Ludwig Wittgensteins 'Tractatus logico-philosophicus'. Und Balduin Sulzer hat dazu Musik erdacht, die auf den ersten Blick nicht spröder sein könnte und doch einen unglaublich spannenden Abend bescherte. Sulzer hat hier eine Ein-Frau-Oper geschrieben, ein Werk für Sopran solo und sonst nichts. Die einzige nicht vokale Zutat waren Schlaginstrumente, die die Sängerin höchst ausdrucksvoll selbst zum Klingen brachte.

Die musikalische Grundidee geht von der Musik der Entstehungszeit des Tractatus, also der Zeit des Ersten Weltkriegs, aus und greift mit den gewagt großen und schwierig zu treffenden Intervallen und dem aberwitzig schnellen und in extremsten Höhen geflüsterten Sprechgesang auf die Wurzeln neuer Gesangskultur der Zweiten Wiener Schule zurück.

Aber nicht nur in der Textrealisation finden sich Bezüge zu Schönberg, sondern auch in der reihenförmigen Struktur der Töne, die dem 75-Minuten-Werk Zusammenhalt gibt. Minutiös deutet Sulzer die Sätze, legt Schwerpunkte auf einzelne Ausdrücke, markiert immer wiederkommende Wörter – so zum Beispiel den Begriff 'Sachverhalt', dessen Sprachrhythmus jedes Mal mit dem Holzblock mitgeklopft wird." (OÖNachrchten)

Herbst in Grinzing

A.B.und H.B.

"Die Evangelische Kirche A.u.H.B. ist die einzige Glaubensgemeinschaft in Österreich und wohl auch weltweit, die keine natürliche Personen als Mitglieder hat. In ihr sind die A.B.- und die H.B.-Kirche zur gemeinsamen Verwaltung zusammengeschlossen.

Die Kirchenleitung und die Vertretung der Kirche nach außen hat der Oberkirchenrat A.u.H.B. mit Sitz in Wien inne. Ihm gehören an: der Bischof, der Landeskurator und die Oberkirchenräte A.B. (für die A.B.-Kirche) sowie der Landessuperintendent und ein weltlicher Oberkirchenrat H.B. (für die H.B.-Kirche). Den Vorsitz führt der Vorsitzende des Oberkirchenrats A.B. Zu den Aufgaben des Oberkirchenrats A.u.H.B. gehören Verordnungen zur Vollziehung der Kirchenverfassung und der kirchlichen Gesetze der beiden Mitgliedskirchen sowie die Regelung des Religionsunterrichts." (Wikipedia)

Eigentlich ganz einfach, oder? Ach ja: "A.B." steht für "Ausgburgischen Bekenntnisses" und "H.B. für "Helvetischen Bekenntnisses", in Deutschland würde man also sagen für "Lutheraner" bzw. "Reformierte" (aber diese Ausdrücke sind in Österreich ganz ungebräuchlich).

"Bist Du A.B. oder H.B.?" Diese Frage, die nur für nicht-österreichische Ohren lustig klingt, kann hier jedes evangelische Kind ohne Zögern beantworten.

Aber trotz dieser klaren Trennung bilden die beiden Kirchen eine Glaubensgeeinschaft mit weitgehend gemeinsamer Verwaltung: eine Leuenberger Kirche par excellence, wo ich mich als Pfarrer aus Kurhessen-Waldeck (einer durch die Geschichte zusammengewachsenen Kirche ohne Konsensunion) ganz richtig fühle.

Der Winter kündigt sich in den Farben des Morgens an


Verkehrte Welt

„Schon oft verblüfften Killifische mit bemerkenswerter Anpassungsfähigkeit.“ Eine Art lebt „im Elizabeth River an der Ostküste der USA. Durch Abwässer ist der Fluss so verschmutzt, dass vom Grund Öl aufsteigt. Das Wasser ist so verpestet, das kaum ein Wesen überlebt – außer dem 'Fundulus heteroclitus'. Mutationen machten ihn resistent gegen den Dreck. Dagegen ist sauberes Wasser für den Fisch inzwischen Gift geworden – klare Gewässer sind eine Todesfalle, in denen er stirbt.“ Gefunden auf WELT-online.

Samstag, 20. Oktober 2007

Universal



Wien bietet mir alles, Weinberge und Industriekultur, Schönes und Hässliches liegen oft so nah beieinander. Es gibt Eindrücke, die mich direkt an meine Heimat im Ruhrgebiet erinnern, und andere gemahnen an meine Jugend im schönen Stuttgart. So wird Wien mir zur Stadt der beglückenden coincidentia oppositorum...

Der Tag geht

Wehmütig...

Abschied für immer

Ist's ein Wunder, daß dich alle lieben,
Die nach meinem Scheiden sich dir nahen,
Meine Seufzer sind bei dir geblieben
Und als Luftgeist sehnlich dich umfahren,
Wer zu athmen wagt an deinem Munde
Zieht sie unbewußt zu seinem Herzen,
Diese Seufzer mancher trüben Stunden,
Diese Geister, mir entflohn in Schmerzen.

Zu lebendig war des Herzens Hoffen,
Es vergeht nicht mit den Schmerzenstagen,
Ja es liegt die Welt jetzt vor mir offen,
Meine Liebe fühl' ich drinnen schlagen;
Leb' ich nun in Andern, die dich lieben,
Mag ich wohl der armen Mutter gleichen,
Die ihr Kind von ihrer Brust vertrieben,
Ihre Brust dem fremden Kind zu reichen.

Hoffnungsgeister, die mit schönen Bildern
Mich getäuschet wie die Jugendzeiten,
Meiner Nächte Einsamkeit zu mildern,
Ich entlaß euch in die blauen Weiten,
Einen Händedruck gebt noch zum Scheiden,
Sei's die Jugend, die ich heut entlassen,
Was auch komme, nichts will ich vermeiden,
Was vorbei, das läßt sich nicht mehr fassen.

Achim von Arnim (1781-1831)

Freitag, 19. Oktober 2007

Ein kühler Morgen in Hernals



Immerhin...

Immerhin im "Standard" wird die geplante Online-Observierung auch kritisch bedacht. Auszug aus einem Gespräch mit ARGE Daten-Chef Hans Zeger:

WebStandard: Sie meinen man wird durch den Bundestrojaner keinen Kriminellen erwischen?

Zeger: Kleinkriminelle, Personen, die gewisse Daten auf dem Computer haben oder Wichtigtuer werden sicherlich aufgespürt werden können. Aber im Unterschied zur Telefonüberwachung ist es bei der Computer- und Internetüberwachung sehr einfach sich zu schützen. Wenn man eine geordnete IT hat, und ich gehe davon aus, dass professionelle und organisierte Kriminelle das Geld haben um entsprechende Vorkehrungen zu treffen, dann sind diese Maßnahmen wirkungslos.

WebStandard: Aber wieso dann der "Bundestrojaner?

Zeger: Es ist ein Signal an die Bevölkerung. Wir tun etwas und kümmern uns um die Probleme. Und wenn ihr was macht, dann erwischen wir euch. Grundsätzlich handelt es sich hier nur um eine Erweiterung bereits bestehender Möglichkeiten und Befugnisse.

WebStandard: Wie soll der Bundestrojaner überhaupt funktionieren?

Zeger: Sie können sich schön jetzt entsprechende Software aus dem Internet laden, diese wird zu Preisen zwischen 100 und 1000 Euro zum Kauf angeboten. Je nach den Möglichkeiten, können dann der E-Mailverkehr oder auch die Tastenanschläge mitgeschnitten und ausspioniert werden."

WebStandard: Das bedeutet eine einfache Firewall würde ausreichen, um das Ausspionieren zu verhindern?

Zeger: Ja. Eine gute konfigurierte Firewall sollte diese Trojaner erkennen.

WebStandard: Denken Sie, dass sich der Innenminister Platter mit dieser Entscheidung und dem Thema Vorratsdatenspeicherung zum heißen Kandidaten für die Big Brother Awards gemacht hat?

Zeger: Ich bin nicht im Komitee für die Big Brothers Awards und kann daher dazu nur sagen, dass die Polizei immer ein heißer Kandidat für eine "Auszeichnung" im Bereich Verletzung der Privatsphäre ist. Wir leben schon heute in einem Stasi-ähnlichen Überwachungssystem. Die Vorratsdatenspeicherung ist dabei jedoch der wesentlich tief gehendere Einschnitt in die Privatsphäre als dies die Online-Überwachung ist. Der Online-Trojaner ist nur ein wesentlich spektakuläreres System. Viel mehr Gefahr ergibt sich aus der allgegenwärtigen Überwachungsmentalität und den Eingriffen durch die Vorratsdatenspeicherung.

Donnerstag, 18. Oktober 2007

Lachnummer

Wer hätte das gedacht? Eine Idee, die wahrhaft die Welt bewegt, das Angesicht der Erde verändert, unzählige Menschen beflügelt und Millionen in Unglück und Leid gestürzt hat - heute nur noch eine Lachnummer, ein Werbegag einer Billigfluglinie...

Martinstraße, Spätnachmittag



Mittwoch, 17. Oktober 2007

Kinderfreies Restaurant in Deutschland

„Es ist schon ein wenig seltsam. Da versucht unsere Familienministerin mehr Krippenplätze zu schaffen, da wird wochenlang über das Elterngeld debattiert, Eva Hermann plädiert wieder einmal für ein kinderfreundliches Deutschland. Und was muss man dann in der Zeitung lesen? - 'Kinder müssen draußen bleiben!'
Ein Wirt aus Kraiburg hatte genug von den quengelnden Quälgeistern und verhängte kurzerhand ein Lokalverbot für Jungen und Mädchen unter 12 Jahren. Viele Gäste bewundern den Mut von Dieter Hein. Schließlich ist der 52-jährige der erste bayrische Gastwirt, der sein Restaurant zur kinderfreien Zone erklärt. Er sei nicht dafür da, andere Kinder zu erziehen, begründete der vierfache Vater seine Entscheidung. Aber das verlangt ja auch niemand von ihm, für die Erziehung sind immer noch Vater und Mutter zuständig. Na gut, und die Lehrer Seine Horror-Szenarien von Chaos am Büfett, lautem Geschrei, Dreckschuhen auf der Couch oder Filzstiften auf der Tischdecke scheinen mir allerdings ein wenig übertrieben zu sein. Die Kinder sitzen schließlich nicht allein am Tisch, sondern mit ihren Eltern.
(…)
Der eigentliche Grund scheint ein ganz anderer – das liebe Geld. Denn nach Meinung von Herrn Hein schaden Kinder dem Geschäft. „Viele Eltern wollen dann nicht mal den vollen Preis zahlen. Da verdiene ich nur 15 Euro an einem Tisch“, so der Wirt. Vielleicht sollte Herr Hain mal über halbe Portionen für Kinder nachdenken?
Wie dem auch sei: Seit dem Kinderverbot steigen die Umsätze. Das Restaurant sei besser besucht als vorher: „Es kommen mehr Gäste, sie bleiben länger und konsumieren mehr“, freut sich Hein. Ein Ergebnis, von dem er sich in seiner Entscheidung bestätigt fühlen wird. Aber was wollen wir eigentlich? Wir reden ständig davon, dass uns der Nachwuchs fehlt und wir in Deutschland mehr Angebote für Kinder brauchen. Doch das nützt alles nichts, wenn Familien mit Kindern in unserer Gesellschaft nicht anerkannt werden, sondern schiefe Blicke ernten, wenn das Kind beim Einkaufen einen Wutanfall bekommt. (...)"

Michaela Warnke: Familienfeindlich?!: Im Lokal »Hacienda« müssen Kinder ab sofort draußen bleiben, auf jesus.de

An der U 6




Online-Fahndung

"Justizministerin Maria Berger (SPÖ) und Innenminister Günther Platter (ÖVP) haben sich auf die Online-Durchsuchung privater Computer geeinigt. Vor allem der Innenminister verspricht sich von dieser Maßnahme besondere Fahndungserfolge bei der Terrorfahndung. Zuerst soll allerdings eine Expertengruppe alle technischen und gesetzlichen Details klären. Spätestens im Herbst 2008 soll dann die Online-Durchsuchung erstmals in Österreich möglich sein.
Allerdings nur unter bestimmten Bedingungen: Die Polizei darf die Online-Durchsuchung nur beim Verdacht schwerer bzw. terroristischer Verbrechen einsetzen, erklärte Platter im Ö1-'Morgenjournal'. Dazu gehört auch der Verdacht auf Unterstützung terroristischer Vereinigungen. Konkret muss es sich um Taten handeln, auf die mindestens 10 Jahre Haft drohen." (Die Presse, 17.10.2007) In Deutschland haben ähnliche Überlegungen und Ankündigungen große öffentliche Diskussionen ausgelöst, in Österreich nimmt man das alles anscheinend viel gelassener. "Oesterreich" überschreibt die entsprechende Meldung mit "Online-Fahndung kommt fix", ohne sie zunächst weiter zu kommentieren. Es steht zu vermuten, dass der Beschluss eher als eine Erfolg der großen Koalition bewertet wird. Die Angst vor Terror und Kriminalität ist hierzulande stärker als die Sorgen um den Datenschutz und die Wahrung der Intimsphäre gegenüber staatlichen Organen, so scheint es.

Dienstag, 16. Oktober 2007

Roulettenburg

"Wladimir Putin trifft Angela Merkel in Roulettenburg. So hat Fjodor Dostojewski die Casinostadt Wiesbaden in seinem Roman Der Spieler getauft. Welches Spiel Putin und Merkel beim so genannten Petersburger Dialog am Rhein spielen werden, ist noch nicht klar: Schmusekurs oder Abkühlung? Das wird von Wladimir Putin abhängen: Wer die Hand am Gashahn hat, bestimmt die Agenda."
Ankündigungstext zur gestrigen Sendung "Zieht euch warm an! Der Russe kommt" in der Reihe "Der Tag" in hr2.

Montag, 15. Oktober 2007

Straßenschluchten (Währing am Nachmittag)



Kontinental

"Als Kontinentalklima bezeichnet man den Temperaturverlauf verschiedener Klimatypen, welche sich durch jahreszeitlich bedingt große Temperaturschwankungen auszeichnen. Typisch sind heiße Sommer und kalte Winter." (Wikipedia).

Dass Wien (ebenso wie Berlin) ein kontinentales Klima aufweist, gehört zum Grundwissen. Ich erlebe erstmals solche Verhältnisse. In ganz kurzer Zeit sind die Nachttemperaturen in Gefrierpunktnähe gesunken. Am Tage erwärmt sich die Luft noch immer auf 13 oder 14 Grad, und der Himmel ist wolkenlos, von magischem Blau; aber der Winter kündigt sich an, in Wien ist er meistens hart und kalt, das höre ich oft. Wenn unser Organist freilich von Kindheitserinnerungen an Schlittenpartien Anfang November erzählt, sind das wohl doch Geschichten aus der Zeit vor der globalen Erwärmung...

Ein aufgegebener Plan

"Ich will jetzt nichts durchpeitschen, sondern glaube, dass uns eine Atempause hilft, über wirksame Schritte im Jugendschutz zu diskutieren", so die deutsche Familienministerin von der Leyen (CDU) in der "Bild"-Zeitung. Den Plan, Jugendliche als Testkäufer für Alkohol, Tabakwaren und brutale Computerspiele loszuschicken, hat sie nach massiven öffentlichen Protesten fallen gelassen. Das Bemühen um den Jugendschutz treibt schon seltsame Blüten. Irgendwie bin ich froh, dieses Deutschland aus einer gewissen Distanz betrachten zu können.

Kluges über das Lesen

"Lesen hat in meinen Augen nur Sinn, wenn es sich auf Nichtgelesenes bezieht: auf Welterfahrung als Spracherfahrung. Wenn ich höre, es wird schon wieder einer dieser Lektüregeistlichen mit den Worten gelobt, er liebte wie kein anderer die Literatur, weshalb er hochstehend sei, dann hege ich den Verdacht, dass mit solchen Slogans das Lesen als Einschränkung auf ein selbstreferenzielles System propagiert wird: Lektüre sei sich selbst genug. In meiner Vorstellung bezieht sich das Lesen auf Nichtgelesenes, erst in der Dialektik des Einschließens von Lektüre in die Lebenserfahrung und von Lebenserfahrung in die Lektüre, erst in dieser Wechselwirkung macht das Lesen, wenn überhaupt, "einen gebildeten Menschen".

Weder ist das Lesen von vornherein löblich noch das Nichtlesen verdammenswert. Wenn jemand alles nur im Kopf hat und gegen das Angelesene nichts mehr selber findet, ist das ein Jammer. Wenn jemand eine Abwehr gegen alles bloß Fiktive hat, ist er unter Umständen auf diese Art der Idee der Literatur näher als der belesene Schmock. Es stimmt auch geschäftlich, dass das Nichtlesen nicht von vornherein verdammenswert sein kann: Wirklich berühmt (und Millionäre) können Schriftstellerinnen und Schriftsteller nur werden, wenn sie die Aufmerksamkeit der Nichtleser haben; Schriftsteller müssen in aller Munde sein. Leser allein sind nicht in der Lage, den besten Künstlern jenen Status zu verleihen, den sie verdienen.

Die Spracherfahrung, die man durch Lektüre macht, ist nicht weltfern. Die Metapher von "der Lesbarkeit der Welt" sagt das, aber sie erinnert auch daran, dass "die Welt" heute nicht bloß in Büchern dargestellt wird. Ein einigermaßen adäquates Weltverständnis kommt ohne Bücher ebenso wenig zustande wie allein mit Büchern. Mancher Lektürefreak trägt ein Museum mit sich herum und sollte aufpassen, dass ihn die Patina nicht auffrisst."

Der Philosoph Franz Schuh im Standard (Album 13./14. Oktober 2007).

Stiegenhaus Martinstraße

Alltagspoesie

"Von anfänglichen Nebelschwaden in der Nähe der Donau abgesehen ist der heutige Tag durch ungetrübten Sonnenschein geprägt. Der Wind kommt schwach bis mäßig, um die Mittagszeit teilweise lebhaft aus Südost. Die Tageshöchsttemperatur erreicht 13 oder 14 Grad."
Selbst der Wetterbericht klingt hier poetischer als in Deutschland.

Wien XVIII Schumanngasse