Sonntag, 6. Juni 2010
Heil aus Hannover?
Freitag, 4. Juni 2010
Poetry meets politics
Montag, 3. Mai 2010
Beginn des Wonnemonats

Dienstag, 23. Februar 2010
Sehr schön! Dada lässt grüßen...
Eigentlich sollte in der Aufregung um "Axolotl Roadkill" schon alles gesagt sein und tatsächlich auch von jedem. Doch mit einer beinahe dadaistischen Plagiatsaktion hat der Dichter Durs Grünbein der ausufernden Diskussion noch einmal einen Höhepunkt gegeben. Er lieferte zur Plagiatsdebatte selbst ein Plagiat - und niemand merkte es.
Im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") vom Dienstag erschien ein Text, in dem Grünbein den Hegemann-Kritikern vorwarf, sie seien "sonderbare Persönlichkeiten" und hätten "sonderbare Vorstellungen" über Stoff und Dichtung, "sonderbare Gefühle" und "sonderbare Nerven" für die Eindrücke, die "sich ergeben aus dem Verhältnis von Material und Form!" Grünbein bejubelt in dem Text die "Inspiration einer großen Schöpferin", von der "jeder Satz und jeder Dialog durchatmet und durchströmt wird".Das war ein ganz und gar Grünbein-untypischer Sound, und der täglicheFeuilleton-Dienst "Perlentaucher" lästerte prompt: "Wes Herz der Liebe zur jungen Literatur voll ist, des Zunge quillt oder schwillt oder, na ja." Auch in den Kommentaren im "FAZ"-Online-Forum löste der Text eine rege Debatte aus: "Himmel, welch ein dürftiger Kommentar des Herrn Grünbein. Im Grunde will er uns wohl in verschwurbelter Sprache sagen, der Zweck heilige die Mittel", regte sich ein User auf.
"Der aktuellen Debatte das parodistische Schlusslicht aufsetzen"
Doch was da unter dem Namen Grünbein in der "FAZ" erschien, ist auf ganz andere Weise der Kommentar des Dichters zur Debatte. Nach SPIEGEL- Informationen ist dieser Grünbein-Text über das Plagiat selbst ein Plagiat.
Der Originaltext, den Grünbein offenbar nur aktualisierte und in dem er ein paar Namen änderte, ist von Gottfried Benn und erschien in den zwanziger Jahren in der "Vossischen Zeitung". Benn verteidigte damals die Schriftstellerin Rahel Sanzara gegen Plagiatsvorwürfe zu ihrem Roman "Das verlorene Kind". Auch der erschien damals - wie heute Hegemanns Buch - im Ullstein-Verlag.
Grünbein sagte auf Anfrage nur: "Und wenn es so wäre?" - und verwies auf die "FAZ". Deren Mitherausgeber Frank Schirrmacher bestätigte gegenüber dem SPIEGEL: "Der Text stammt fast zu 99 Prozent von Gottfried Benn, auch der Titel 'Plagiat' ist von ihm." Die Idee zu der Aktion habe Grünbein gehabt. "Er wollte damit der aktuellen Debatte das parodistische Schlusslicht aufsetzen."
Im "FAZ"-Online-Forum war mancher auch schon auf der richtigen Spur gewesen: "Wird dies nun der endgültig letzte Kommentar zum Fall Hegemann sein? Jetzt spricht ein Machtwort der hochdekorierte Dichter. Man meint förmlich, das Ritterkreuz, Verzeihung: den Pour le Merite, unter dem generalesken Stehkragen funkeln zu sehen." Einen kleinen Hinweis hatte die "FAZ" ihren Lesern offenbar selbst geben wollen. Die Überschrift zu Grünbeins Text erschien in doppelten Anführungszeichen: ""Plagiat"".
Ja, das ist in der Tat ein gelungenes parodistisches Schlusslicht. Literatur lebt von der Weiterverwendung und Weiterentwicklung von Motiven, Sprache, Formulierungen, Szenen, Themen. Und eigentlich gilt das nicht nur für Literatur, sondern auch für Wissenschaft, bildende Kunst, ja für das Leben selbst. Wir erfinden uns nie ganz neu und bringen nur selten etwas ganz Neues hervor, sondern leben immer von den Ahnen, den Vorgängern. Zwerge auf den Schultern von Riesen, so geht die Kultur weiter. Der Talmud belegt es in seiner Struktur, das Internet sowieso.
Montag, 8. Februar 2010
Popkulturelles Aschenputtel mit Blut im Schuh?
Steiler Aufstieg und jäher Absturz? Eben noch hatten die deutschen Feuilletons die 17-jährige Autorin Helene Hegemann als großes, ja überragendes Talent bejubelt ("Literarischer Kugelblitz"), nun stellt sich heraus, dass sie in ihrem vielgerühmten Buch "Axolotl Roadkill" sehr weitgehend aus einem anderen Werk abgeschrieben hat."Am vergangenen Wochenende meldete sich der Blogger Deef Pirmasens zu Wort. In seinem Blog Die Gefühlskonserve verglich er Stellen aus Hegemanns Roman mit denen eines Berliner Bloggers namens Airen. Der hatte vor ein paar Jahren den Roman Strobo in dem kleinen Berliner Verlag SuKuLTur veröffentlicht, gänzlich unbeachtet von der Literaturkritik. Die Ähnlichkeit der etwa ein Dutzend verglichenen Stellen ist in der Tat frappierend. Nicht nur der Inhalt, sondern insbesondere die Sprache stimmt, bis auf ein paar Umstellungen im Satzbau, größtenteils überein – eben jene radikale Sprache, für die Hegemann in den hochtönenden Rezensionen so bewundert wurde." (Die Zeit)
Und die junge Dame streitet das auch gar nicht ab: "Inhaltlich finde ich mein Verhalten und meine Arbeitsweise aber total legitim und mache mir keinen Vorwurf, was vielleicht daran liegt, dass ich aus einem Bereich komme, in dem man auch an das Schreiben von einem Roman eher regiemäßig drangeht, sich also überall bedient, wo man Inspiration findet. Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit. Und mir ist es völlig egal, woher Leute die Elemente ihrer ganzen Versuchsanordnungen nehmen, die Hauptsache ist, wohin sie sie tragen. Von mir selber ist überhaupt nichts, ich selbst bin schon nicht von mir (dieser Satz ist übrigens von Sophie Rois geklaut) – ich habe eine Sprache antrainiert gekriegt als Kind und trainiere mir jetzt immer noch Sachen und Versatzstücke an, aber mit einer größeren Stilsicherheit. Das sind Formulierungen und Weltanschauungen und auch einfach bestimmte Floskeln, die mich prägen und weiterbringen in dem, was ich äußern und vermitteln will, und da beraube ich total schonungslos meine Freunde, Filmemacher, andere Autoren und auch mich selbst. Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation. Ich selbst habe den Roman als „Lüge“ bezeichnet, das ist er auch, aber nur über die Lüge kommen wir der Wahrheit nahe. Das, was wir machen, ist eine Summierung aus den Dingen, die wir erleben, lesen, mitkriegen und träumen. Es gibt da ziemlich viel, was mit meinen Gedanken korrespondiert und sich in mein Gehirn einschreibt, dadurch aber gleichzeitig auch etwas komplett anderes wird. Ich bin nur Untermieter in meinem eigenen Kopf." buchmarkt.de)
Tatsächlich scheint sich in Zeiten des "Copy and paste" unser Begriff von Originalität und Echtheit zu relativieren, die Autorin hat schon nicht ganz unrecht. Ganz neu ist eine solche Berufung auf den Zeitgeist freilich nicht: "Im frühen 18. Jahrhundert konnte man bereits diese Haltung finden, der nach künstlerische Echtheit und ein lässiger Eigentumsbegriff sich nicht widersprechen. Der Dichter Christoph Martin Wieland schrieb dazu, den wahren Meister mache 'nicht die Erfindung eines unerhörten Sujets, unerhörter Sachen, Charaktere, Situationen usw., sondern der lebendige Odem und Geist, dem er seinem Werke einzublasen vermag'. Sein Zeitgenosse Lessing schrieb ähnliches in seiner Hamburger Dramaturgie: 'Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen.' Das war 1768. Wenig später begann man, den Gedanken des Urheberrechts weitaus strenger zu achten." So zu lesen in der Zeit.
Montag, 30. November 2009
Meine Berge...
Ich habe solche Äußerungen immer sehr ernst genommen. Meine Berge sind freilich die Konzertsäle, mein Wald ist das Opernhaus.
Mein Onkel sagte immer: "Wenn ich ein Problem habe und intensiv nachdenken muss, dann gehe ich ins Konzert." Vielleicht ging es ihm wirklich nur um die Konzentration. Aber möglicherweise doch auch um viel mehr. Und dann wäre ich ganz auf seiner Seite.
Wenn es keine Kirchen mehr gäbe, dann gibt es doch hoffentlich immer noch Aufführungen von klassischer Musik. Wenn ich ehrlich bin, habe ich von solchen Aufführungen meistens mehr als von einem Gottesdienst.
Auf dem Land, in der hessischen Einschicht, war ich natürlich nicht verwöhnt. Aber hier in Wien, in der Kulturhauptstadt der Welt, hat es die Kirche wirklich schwer, sich angesichts des allgemeinen Angebots zu behaupten.
Samstag, 26. September 2009
Der Piefke-Faktor
Eigentlich sind sie ganz schön viele, die Deutschen in Wien. Doch ohne große Anlässe (EM) fallen sie kaum auf. Eine Ausnahme war der gestrige Freitag: Eine Woche nach Start des Münchner Originals wurde beim Heurigen Zimmermann in Döbling das (eintägige) „Wiener Oktoberfest“ begangen, mit entsprechender Deutschendichte. Auch morgen, Sonntag, ist die Chance, auf Deutsche in Großgruppen zu treffen, hoch: Einige Lokale (darunter nicht unbedingt typisch deutsche, denn die gibt es in Wien kaum) laden zum Public Viewing zur deutschen Bundestagswahl. Anlässlich der deutschen Bundestagswahl gehen wir der Frage nach: Wie beeinflussen die Deutschen Wien und Österreich?
Durchaus. Nach den Serben und den Türken stellen sie in Wien die größte Gruppe an Nichtösterreichern. 27.759 deutsche Staatsbürger sind laut Statistik Austria in Wien gemeldet, vor fünf Jahren lebten erst knapp 16.100 Deutsche hier.
Der rasante Zuzug der vergangenen Jahre hat sich in Wien, wie auch im Rest Österreichs, aber mittlerweile eingependelt – und wird sich, so Stephan Marik-Lebeck von der Direktion Bevölkerung (Statistik Austria), „kurz- und mittelfristig nicht wesentlich verändern. Die Zuwanderung aus Deutschland nach Österreich ist in den vergangenen Jahren zwar stetig gewachsen, seit 2006 bleibt sie aber relativ konstant.“ Rechnet man die Wegzüge (Studienabsolventen etc.) ab, kommen etwa 10.000 Deutsche pro Jahr nach Österreich. Die Wahrscheinlichkeit, deutsche Nachbarn zu haben, ist übrigens im dritten Bezirk am höchsten: Hier leben wienweit die meisten Deutschen, gefolgt von der Leopoldstadt und Döbling.
2 Wie und wo prägen Deutsche das Stadtbild?
Ein typisch deutsches Grätzel gibt es in Wien, anders als etwa ein asiatisches (Kettenbrückengasse), nicht, wohl aber ein paar Lieblingslokale. Die Xing-Gruppe „Piefke Connection“, ein Netzwerk für Deutsche, die in Österreich leben, hält ihren Stammtisch im Xpedit Kiosk oder im Glacis-Beisl im MQ. Auch die Cafés rund um den Yppenplatz, den man eher als Treffpunkt der türkischen Community zählt, sollen bei Deutschen beliebt sein.
Architektonisch haben die Deutschen das Bild Wiens durchaus mitgeprägt. Wenn auch vielleicht anders als erwartet. Wer bei „deutschen Bauwerken“ an die NS-Zeit denkt, hat zwar recht – die Flaktürme der Stadt wurden 1942 bis 1945 nach den Plänen des deutschen Architekten Friedrich Tamms errichtet. Einerseits. Andererseits war der deutsche Einfluss vor allem früher und anderswo – entlang des Rings – wesentlich größer. So manches Gebäude an der Ringstraße wurde von bekannten Deutschen entworfen. Das Rathaus hat Friedrich von Schmidt geplant. Das Burgtheater gegenüber war eine deutsch-österreichische Koproduktion: Der Grundriss stammt vom bekannten deutschen Architekten Gottfried Semper, die Fassade vom Wiener Karl von Hasenauer. Semper war auch am Ausbau der Hofburg (Neue Burg) beteiligt. Und danach? Zeitgenössische deutsche Architektur in Wien ist „vor allem verglichen mit der Präsenz deutscher Architekten in Wien im 19. Jahrhundert eher rar“, sagt Gabriele Kaiser, Kuratorin im Architekturzentrum Wien.
3 Wie sehr braucht unsere Wirtschaft die Deutschen?
Ein Sonntag im September auf der Türlwandhütte am Fuße des Dachstein. Die Trachtenkapelle Ramsau gibt auf der Terrasse ihr traditionelles Herbstkonzert, viele Touristen sind gekommen. Eine Kellnerin im Dirndl nimmt die Bestellung auf. Und antwortet auf die Frage, was denn die Wilderersuppe beinhalte, in breitem Bundesdeutsch und tiefstem Ernst: „Na, Wildererfleisch!“
Deutsche in Österreich – alles (ostdeutsche) Gastarbeiter im Tourismus? Der Schein trügt, sagt die Statistik des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger. So arbeiteten mit Stichtag Ende August zwar 11.400 Deutsche im Tourismus, aber auch 12.000 in der erzeugenden Industrie und 10.000 im Handel. Der Rest verteilt sich auf so ziemliche alle Branchen.
Das deckt sich auch mit der Erfahrung von Jockel Weichert, Exil-Münchner und Gründer der 600 Mitglieder zählenden Gruppe „Piefke Connection Austria“ auf der Webplattform Xing. Der kennt besonders viele Kreative – Werber, Grafikdesigner, Schauspieler und Leute aus dem Filmgeschäft. Er ortet auch Architekten, Analysten aus der Finanz- und Versicherungsbranche und natürlich Mitarbeiter deutscher Großkonzerne. Beliebt ist die Alpenrepublik dabei auch unter Deutschlands Studenten. Nach den Niederlanden und Großbritannien ist es das beliebteste Zielland; im Wintersemester 2008 waren hier 17.432 deutsche Studierende inskribiert.
Deutschland ist auch mit Abstand Österreichs wichtigster Handelspartner. 2008 gingen 30Prozent der Exporte nach Deutschland, 40Prozent aller Importe kommen von dort. Manches beäugt man mit gemischten Gefühlen. „Wenn deutsche Firmen österreichische kaufen, tut das besonders weh“, so Oliver Kühschelm vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. Gleichzeitig seien die Deutschen als Retter den Österreichern im Zweifelsfall doch lieber.
Für den Wiener Tourismus sind deutsche Gäste nach wie vor ein Hauptmarkt. Nur aus Österreich selbst kommen noch mehr Besucher nach Wien. 2008 besuchten fast 890.000 Deutsche die Stadt.
4 „Voll krass“? Verdrängt das bundesdeutsche Deutsch das österreichische?
Die Antwort darauf ist eine sehr österreichische, nämlich: schon ein bisschen. Zwar gibt es keine Studien, die die Wirkung des Bundesdeutschen auf das Österreichische messen, sagt Ulrike Kramer von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Aber Beobachtungen sprächen für einen zunehmenden Einfluss – zwar nicht auf die typisch mehrdeutige Sprechweise, aber doch aufs Vokabular. Daran ist einerseits, wie so oft, das Fernsehen schuld. 55 Prozent der heimischen Fernsehteilnehmer haben via Satelliten, 38 Prozent via Kabel Zugang zu deutschen Programmen.
Eine andere Eintrittsstelle ortet Kramer in der Jugendkultur. „Zicke, Zoff, krass, Klamotten, irre – diese Ausdrücke waren vor zehn Jahren unter Jugendlichen nicht so gebräuchlich“, sagt sie. Die Begriffe sind nicht zuletzt ein Ausdruck der Globalisierung: Wenn Christl Stürmer ein „ziemlich ausgeprägtes Bundesdeutsch“ singt, wie Kramer findet, hat sie den großen Absatzmarkt der Nachbarn im Auge. Das typisch Deutsche werde von Teenagern auch als Provokation eingesetzt: „Jugendliche merken, dass bundesdeutsche Wendungen genau wie Anglizismen Erwachsene stören.“
Charmant sein genügt nicht
Allerdings sagen auch volljährige Österreicher schneller „lecker“, als sie denken. „Wenn es Sprachkontakt gibt, beeinflusst zumeist die Sprache mit dem höheren Prestige die andere“, sagt Kramer. Zwar hört man „so halt“ oder „Pickerl“ für Vignette inzwischen auch in Deutschland, aber generell gilt: Das Österreichische wird – auch von Österreichern – zwar als charmant, aber eben nicht als regelkonform empfunden.
Sehr selbstbewusst werden die Österreicher, vor allem die Wiener, allerdings wenn es um „ihr“ Burgtheater geht. Nicht ständig, aber immer wieder gebe es Beschwerden, erzählt Pressechefin Konstanze Schäfer, dass „zu Deutsch“ gesprochen werde. Tatsächlich besteht die Hälfte des Ensembles aus Deutschen (den Direktor nicht miteingerechnet) bzw. Schweizern. Nachvollziehen kann Schäfer, selbst eine Deutsche, den Vorwurf aber nicht: „Es gibt seit jeher – sieht man von Nestroy oder Horváth-Stücken ab – eine Standardsprache auf der Bühne.“ Und zwar eine, na ja, eher bundesdeutsche.
Mittwoch, 2. September 2009
Von Irren und Bürgern, Faust und Jim Knopf
Wien ist eine der tollsten Metropolen, die ich kennen gelernt habe. Im Moment möchte ich nirgendwo anders leben. Berlin ist auch nicht schlecht, aber dort kann man nicht Theater machen, dort ist alles besserwisserisch, hart und kalt und wird nur in Konkurrenz gesehen. Hier liebt man die Schauspieler, die Regisseure, das Theater.
Liebt man die Schauspieler zu Recht?
Natürlich. Allabendlich gehen sie auf die Bühne und spielen für uns. Im Grunde ist es Wahnsinn. Sie sind Süchtige. Gäbe es keine Theater, man müsste mehr Irrenhäuser bauen. Es ist daher besser, man investiert ins Theater, das kommt auf Dauer billiger.
Sie haben einmal gesagt: "Theater ist der einzige Ort, an dem ich überleben kann".
Kann sein. Meine Eltern wollten unbedingt, dass ich Künstler werde, ich wollte aber nicht und habe vieles ausprobiert.
Die klassische Künstlerbiografie haben Sie auf den Kopf gestellt.
Absolut. Meine Abgründe erschienen mir lebensbedrohlich, diese mit Kunst zu bekämpfen hat sich in der Zwischenzeit als einziger Ausweg erwiesen. Ursprünglich wollte ich meine seelischen Untiefen, die mich zugleich fesseln und erschrecken, mit einer bürgerlichen Existenz bekämpfen. Bis zum heutigen Tag lässt mich diese eigenartige Sehnsucht nach dem Bürgertum nicht los. Viele meiner Freunde kommen aus diesem Milieu, sind Ärzte, Banker oder Schreiner.
Was bedeutet für Sie das "Bürgertum"?
Es hat für mich etwas wahnsinnig Tröstendes. Es sind für mich Menschen, die mit sich und ihrer Existenz ausgesöhnt sind.
Eine allzu romantische Vorstellung.
Natürlich ist das Quatsch. Dennoch sitze ich gern in ihren gepflegten Vorstädten, trinke ihre Weinkeller leer und bin für ein paar Stunden ein ganz normaler Mensch: Bevor rauskommt, dass ich das doch nicht sein könnte, bin ich schon wieder weg. So lässt es sich gut leben. Ich habe eine bürgerliche Existenz, habe Familie, drei Kinder.
Wo bleibt angesichts der Finanzkrise eigentlich das neue politische Theater?
Es wird am 4. September stattfinden. Mit "Faust zwei".
Wie bitte?
In "Faust zwei" geht es um die Erfindung des Papiergelds, um die Idee, dass der Glaube eine Gesellschaft prosperieren lässt, während Unglaube mit Krise gleich gesetzt wird – damit analysiert Goethe genau das, was heute passiert. Hinzu kommt der Schönheitswahn rund um die Figur der Helena, das erinnert an den heutigen Model-Kult. Ich unternehme den ehrenwerten Versuch, dem Publikum zu schildern, was in "Faust, der Tragödie zweiter Teil" überhaupt vorkommt. Wer weiß denn noch, was eine klassische Walpurgisnacht ist? Die gibts gar nicht. Heutige Fantasy-Romane muten, verglichen mit den fantastischen Ideen, die Goethe hier ausgebreitet hat, wie die Abenteuer von Jim Knopf an.
Dienstag, 1. September 2009
Grafenegg
Sonntag, 23. August 2009
Anpassung an die Umstände
Der renommierte Zürcher Ammann Verlag wirft das Handtuch. Die Feuilletons vergießen Krokodilstränen - Dabei dürfte das erst der Anfang sein
Wie sieht ein Autor diese Entwicklung? Ratlos, aber überhaupt nicht verwundert.
Egon Ammann meinte noch bei Ankündigung der Verlagsliquidation: Er wüsste, wie man ein neues System aufbaut, um die an Literatur interessierten Leser zu erreichen. Klubs, Karteikarten, jeden Einzelnen zusammentrommeln. Gut, daran haben auch schon andere gedacht, aber wie viele bringt man, sagen wir (und ich nenne jetzt Klassiker) zusammen für eine neue Edition von Samuel Beckett? Für Flauberts Bouvard und Pécuchet? Für Paul Nizon, Gerhard Amanshauser, Wolfgang Hildesheimer?
Ich habe eben nur aufgeblickt auf das unterste Regal in meinem Büchergestell. Also, wie viele? Wie viele Exemplare hat der letzte Michael Stavariè, der letzte Klaus Merz verkauft? Peter Handke? Adolf Muschg? Christoph Geiser?
Von einigen weiß ich es, und man würde sich wundern. Viele Kolleginnen und Kollegen treffe ich, zusammen mit meiner Wenigkeit, in Ramschkörben an. Wir sind in guter Gesellschaft, doch keiner sagt was. Mit dem Ende von Ammann (und auch demjenigen von Engeler, dem Lyrik-Verleger) hat das eine Menge zu tun. Die Auflagen sind gesunken, und zwar von allen, die sich einbilden, anspruchsvolle Literatur zu schreiben. Stark gesunken - in manchen Fällen in den Bereich der wenigen hundert Exemplare.
Das ist auch bei mir der Fall: Von meinem ersten Buch, Der Großvater, verkauften sich 1985 und später in verschiedenen Editionen (Taschenbuch, Buchklubausgaben etc.) noch über 10.000 Exemplare; von da an dümpelten die Auflagen um die 4500 (mit Taschenbuch), ein Erzählband erreichte noch 1800, zuletzt lagen die verkauften Bücher bei unter 1000. Jeder Autor fragt sich: "Bist du so viel schlechter geworden?" , "Bist du nicht mehr in?" , "Ist dir der Stoff ausgegangen?".
Vielleicht. Doch zunächst einige Tatsachen: 1985 gab es in der Schweiz noch den Buchklub Ex Libris der Lebensmittelkette Migros - und sicher Ähnliches in Österreich und Deutschland. Ex Libris sorgte mit Nachauflagen oft für die Verdoppelung der ersten Ausgabe im Hardcover. Piper, wo meine ersten drei Bücher im Pocket erschienen, baute damals seine Taschenbuchreihe aus, die später erheblich eingedampft wurde: Eingekauft wurde, wie dies übrigens auch Suhrkamp tat und mir ein Lektor dieses Verlags einmal erklärt hat, nach "literarischen Landschaften" : Bestimmte Schweizer, bestimmte Österreicher wollte man haben.
Andere Tatsachen: Bis zu meinem vierten Buch, 1993, wurden alle ausnahmslos in der ganzen Schweizer Presse und in einigen deutschen Zeitungen besprochen. Damals galt es als ausgemacht, dass die Feuilletons sich um die Literatur im eigenen Land zu kümmern hätten. Heute lese ich, nur ein Beispiel, im Zürcher Tages-Anzeiger zwar eine ganze Seite über das Ende des Ammann Verlags, aber sonst tut sich diese Zeitung in ihrem Kulturteil vornehmlich mit Madonna und Michael Jackson, Micky Maus und Tom Cruise, Feuchtgebieten und der Love-Parade hervor. Deshalb sind es in manchen Fällen Krokodilstränen, die jetzt zum Ende von Ammann vergossen werden. Literatur ist auch in den Feuilletons etwas für Ewiggestrige geworden.
Die Krise der Literatur, was ihre Verbreitung anbelangt, hat viel mit dem, sagen wir es neutral, gewandelten Selbstverständnis von Presse und Journalisten zu tun. Verlage, die nicht über sehr gute Beziehungen zu Fernsehen und Presse (oder über sehr gute Pressedamen, wie es noch einige gibt) verfügen, schaffen es mit gewöhnlichen Romanen ohne Aufregungspotenzial nicht mehr an die Öffentlichkeit.
Auch die Verlage haben sich verändert. Ich gehe immer noch vom Jahr 1985 aus, als ich zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Häuser wie Hanser, Suhrkamp, Residenz, Nagel und Kimche, Arche hatten ein klares Profil. Sie veröffentlichten keine Ratgeber, kaum Kriminalromane, keine VIP-Storys, Instantbücher, Leiberl, Scherzartikel usw. Man sah es einem Buch von Hanser nur schon äußerlich an, dass es eines war. Heute lese ich Titel aus diesen Häusern der Art "Wenn wir zu zweit sind, sind wir weniger allein" , "Mord an der Wall Street" , "Glück in sieben Lektionen" .
Dafür finde ich keinen Beckett, keine Gebrüder Goncourt, auch keinen Günter Eich in den Buchhandlungen. Noch vor fünfzehn Jahren gab es in diesen Läden lange Regale mit alphabetisch geordneten Büchern, in denen ich fast alles fand, was ich suchte, mich selbst inbegriffen, zwischen Francis und Franzobel. Heute ist nicht mal mehr Frisch halbwegs komplett, und von Dürrenmatt liegen nur die Kriminalromane herum. Dafür stapeln sich die Forsyth, Wilbur Smith, Clancy ...
Die Lesegewohnheiten haben sich verändert: Ich komme aus einer nicht besonders bildungsnahen Familie (aber Politik und Wirtschaft waren immer Themen, mit den entsprechenden Zeitungen), doch mir wäre nicht eingefallen, falls ich sie in meiner Buchhandlung überhaupt gefunden hätte, nach dieser angelsächsischen Massenware zu suchen. Ich kaufte mir die billigen dtv-Ausgaben von Böll, sogar eine Anthologie österreichischer Autoren von Amanshauser bis Artmann, Handke bis Rosei; die Bachmann im Piper Verlag; Bichsel und Grass bei Luchterhand im Taschenbuch.
Traditionslos
Meine Söhne sind große Leser. Der ältere hat nun das Alter, das ich hatte, als ich alle die Bölls las. Ich versuchte ihn mit Hildesheimers Lieblosen Legenden und Bölls Nicht nur zur Weihnachtszeit anzustecken. Er las je eine Erzählung, aber ... es war nicht seine Welt. Geprägt von digitalen Medien, Fernsehen, Film liest er jedoch ohne weiteres Thriller von 600 Seiten Länge. Alessandro Barrico, der italienische Autor, hat diesen Paradigmenwechsel einmal analysiert: Bis zum Mauerfall (einer Wegmarke für vieles) galt als der Referenzrahmen für die Literatur die Tradition der Literatur selbst. So verhielt ich mich im Alter meines Sohnes: Ich kaufte mir die dtv-Bändchen nach der Lektüre von bestimmten Autoren in der Schule, auf Empfehlung eines anderen Lesenden, auch versuchsweise (dtv hatte ein Profil). Nach Barrico verhält sich heute kein Käufer von Literatur mehr so. Sein Referenzrahmen geht über die Tradition der Literatur hinaus - der Literaturgeschichte zum Beispiel, die er in der Schule gelesen hat - oder sieht gänzlich davon ab. Seine Erwartungen an ein Buch sind geprägt von Actionfilm oder Soap, Comic oder Märchen, House oder Techno, Mode oder Design. Barrico, einem erfolgreichen Autor, gelingt es offenbar, eine Brücke zwischen diesen beiden Polen zu schlagen, zwischen traditioneller und außerliterarischer Erwartung. Oder vielmehr: Es gelang ihm in den Neunzigerjahren, denn heute ist auch er wieder aus der Mode, eben doch zu "literarisch".
Auch ich bin zu literarisch, um auf die andere, die neue Seite des Paradigmas zu gelangen. Das bewiesen Kommentare von Lesern zu meinem letzten Buch, das zwei Erzähler hat. Das genügte schon, damit - durchaus lobend übrigens - der Roman als "experimentell" eingestuft wurde. Egon Ammann, für den es nach seiner Selbsteinschätzung keinen Nachfolger geben kann (nicht nur aus Eitelkeit, sondern weil er mit Literaturvorstellungen aufgewachsen ist wie etwa ich) hat erkannt, dass sein Verlag zu einem billigen HipHop-Unternehmen werden würde, wollte ihn jemand weiterführen. Mit Lektoren, die allenfalls etwas von Literatur verstehen, den Autoren dann aber sagen (müssen): "Sie kommen doch aus Norditalien. Wir haben da ein Projekt über die Polenta ..."
Natürlich schmerzt mich das. Aber gesellschaftliches Denken, das ich mir nicht abgewöhnen kann, hilft mir. Auch historisches: Mir fällt etwa ein, dass um das Jahr 600 nach Christus im römischen Westreich, das von Goten erobert worden war, die Schrift innerhalb von wenigen Jahrzehnten verschwand, weil sie den Eroberern unbekannt war und von ihnen als überflüssig erachtet wurde. Der Mensch passt sich den Umständen an. Und der Autor? Ist auch nur ein Mensch: Einige, die ich kenne, suchen sich jetzt historische Stoffe; versuchen Annäherungen an Paris Hilton; schreiben Wander- oder Pendlerbücher; bilden sich zu Weindegustatoren aus; gehen der Volksmusik nach; werden stilistisch schwächer, aber persönlich stärker, und das heißt: auffälliger. Von den Etablierten, die partout nicht untergehen wollen - und das kann man ihnen ja nicht verübeln -, lernt man ja, wie man Medienskandale inszeniert. Aus der Presse, auch aus den Feuilletons kann man die in der VIP-Lounge angesagten Themen entnehmen. Marktangleichung, Marktanpassung, Marktfähigkeit nennt man das.
Donnerstag, 30. Juli 2009
Ewige Gegenwart
Verschiedene Kommunen, beispielsweise Freiburg, Marburg oder Magdeburg, haben darauf mit zeitlich und räumlich begrenzten Konsumverboten reagiert. An Wochenenden darf in bestimmten Innenstadtvierteln nicht mehr öffentlich Alkohol konsumiert werden. Gerade war jedoch ein Freiburger Jurastudent mit seiner Klage gegen die lokale Regelung vor dem Baden-Württembergischen Verwaltungsgerichtshof erfolgreich; die Folgen des Urteils sind abzuwarten. Just in Baden-Württemberg aber hat die Landesregierung kürzlich ein nächtliches Alkoholverkaufsverbot für Tankstellen, Kioske und Supermärkte beschlossen, um das sogenannte Vorglühen zu bekämpfen, das besonders in entlegeneren Gegenden „Shell Select“ oder „Aral Stores“ am Wochenende zu beliebten Party-Treffpunkten macht.
Anspruch ständiger Verfügbarkeit
Solche Verbote passen scheinbar nicht mehr in unsere Zeit. Sie kollidieren mit der stetigen Ausweitung von vermeintlichen Freiheitsräumen in vielen Bereichen des Alltags, der zuletzt allein das Rauchverbot zuwiderlief. Dort konnte man aber leicht mit den gesundheitlichen Folgen für Unbeteiligte argumentieren. Beim Alkoholverbot ist schwerer zu vermitteln, warum die Ausschweifungen einiger, die damit vor allem sich selbst schädigen, die Rechte aller einschränken sollen.
Jenseits von rechtlichen Fragen liegt hier ein grundsätzliches Problem. In der Konsumsphäre hat sich ein Mentalitätswandel vollzogen, der keineswegs allein von der jungen Generation getragen wird. Freiheit wird zunehmend verstanden als unbegrenzter Zugang zu Konsumangeboten aller Art. Dass der Begriff „Flatrate-Saufen“ der Mobilfunk- und Internetwelt entlehnt ist, ist kein Zufall. Eine Werbekampagne für einen Mobilfunkanbieter verspricht „unbegrenzte Redefreiheit“ und meint damit natürlich nur einen besonders günstigen Abrechnungsmodus. Im Online-Shopping ist längst eine Norm ständiger Verfügbarkeit gesetzt, die die ganze Welt des Handels kontaminiert. Downloaden kann man immer und überall. Warum nicht alles andere auch?
Während früher nicht nur auf dem Dorf samstags mittags um zwölf Uhr dreißig der Rollladen herunterging, ist es inzwischen selbstverständlich geworden, in Innenstädten bis Mitternacht einkaufen zu können. Manche „Spätverkäufe“ oder „Trinkhallen“ ähneln heute Weinfachgeschäften. In Berlin-Mitte gehört das Samstagabend-Shoppen bei Dussmann zum Lebensstil dazu. Die Sonntagsruhe ist trotz gegenteiliger Beteuerungen in vielen Großstädten längst von Ausnahmen durchlöchert.
Die Entwicklung des Privatfernsehens zu einer dem Internet analogen, ständig verfügbaren Videothek und die zunehmende Verbreitung mobilen Zugangs zum Netz mit all seinen Konsumangeboten (einschließlich deren jeweiligen Suchtpotentialen) haben einen Sog entwickelt, der auch alle anderen Lebensbereiche verändert. Immer mehr Museen öffnen auch abends, veranstalten „Lange Nächte“, als könnte man zu dieser Zeit nichts anderes tun, als Ausstellungen zu besuchen. Sozialer Fortschritt scheint sich zu definieren als Aufhebung von Schranken. Telos ist die ort- und zeitlose Garantie sofortiger Bedürfnisbefriedigung.
Die vielen Ausweitungen der Konsumzone haben inzwischen einen Sprung von der Quantität in die Qualität vollzogen. Wenn Rollenspieler in virtuellen Welten jedes reale Zeitgefühl verlieren – Kennzeichen von Suchtkrankheiten im Netz ist ja unter anderem die Entkopplung von „normalen“ Essens- oder Schlafzeiten –, so bewegt sich die Gesellschaft als Ganzes immer weiter in die Richtung einer Aufhebung von Rhythmen und Zeitstrukturen zugunsten der ewigen Gegenwart unbegrenzten Zugriffs auf alles. Dass man an einem bestimmten Ort etwas, also eine Information, einen Artikel oder eben ein Bier, nicht kriegt (oder kein Netz hat, um es sich wenigstens schon einmal zu bestellen), wird nicht mehr als normale und naturgegebene Einschränkung empfunden, sondern als Rückständigkeit, die überwunden werden muss und wird.
Wir alle tragen diese Entwicklung mit. Wer kein Handy besitzt oder seine Mails nicht täglich abruft, dem droht in manchen Kreisen die soziale Ächtung. Mit der Möglichkeit, ständig zu kommunizieren, geht automatisch auch die Pflicht dazu einher. Wer spricht, wird auch angesprochen; mit den Kommunikationsradien wächst die Erreichbarkeit für Werbung. Unterhaltung ist überall und mit ihr die Verführung zu Flucht und Sucht. Warum man in dieser Welt des unendlichen Spaßes dann ausgerechnet den Alkohol auf der Gasse verbieten will, will den restlos befreiten Konsumenten dann nicht mehr einleuchten.
Richard Kämmerlings: Ausweitung der Trinkzone, FAZ 30. Juli 2009
Die Flatrate-Mentalität hat inzwischen sogar das älteste Gewerbe der Welt erfasst, wie man jüngst deutschen Zeitungen entnehmen konnte.
Mittwoch, 29. Juli 2009
Mitunter richtig schön
Der assyrische Feldherr Holofernes, König Nebukadnezars Mann fürs Grobe, will auf seinem Welteroberungsfeldzug zu biblischer Zeit die belagerten, widerspenstigen Hebräer zur Aufgabe zwingen, indem er ihnen die lebensnotwendige Wasserleitung abgräbt. Der Mangel ist eine effektvolle Taktik der Kriegsführung. Regisseur Sebastian Nübling hingegen hat bei den Salzburger Festspielen eine konträre Methode angewandt. Er überschwemmt bei der Premiere seiner „Judith“ am Montag auf der Perner Insel in Hallein die Zuseher mit Überfluss. Am Ende aber liegt so mancher Betrachter nach drei Stunden Gesamtkunstwerk ebenfalls kopflos wie Holofernes da. Denn diese Show war genial und dilettantisch, schön und gewöhnlich, witzig und platt zugleich. Man kann nicht wirklich behaupten, dass Nübling diese Schlacht gewonnen hat. Aber er hat es wenigstens mit allen Mitteln versucht.
Das postmoderne Setting: Gleich drei Judith-Figuren machen sich auf, um mindestens eine Handvoll Holofernes-Darsteller zu betören und dann zu enthaupten. Es wird deklamiert, musiziert und getanzt, für Bildungsbürger gibt es am Ende sogar Scharaden nach barocken Schinken, zuvor komplexe Arien in Latein. Die Bausteine sind die apokryphe Judith des Alten Testaments, Antonio Vivaldis (1678–1741) „Juditha triumphans“ und Friedrich Hebbels (1813–1863) Drama „Judith“. Als wäre das nicht genug, hat Performerin Anne Tismer das Geschehen mit frechen, leider auch viel zu simplen Girlie-Texten versehen, und der Komponist Lars Wittershagen hat die alte Musik mit Eigenem aufgepeppt. Gerade wenn Vivaldi interessant zu werden droht, fährt eine Combo mit Jazz oder Rapp dazwischen. Der musikalische Leiter Lutz Rademacher hat alle Hände voll zu tun, sein barockes Ensemble mit den Neutönern in Einklang zu bringen. Mitunter war das richtig schön.
Zeitgeistige Wortfetzen zwischen Hebbel
Was aber läuft eigentlich ab? Wenig Hebbel. Für den ist Stephanie Schönfeld als klassische Judith zuständig. Ihr gelingt, diese Einsprengsel überzeugend darzustellen. Das muss schwer sein, denn kaum hat man sich an einen echten Hebbel-Satz gewöhnt, fährt Tismer mit zeitgeistigen Wortfetzen dazwischen. Die Interferenz gelingt zuweilen, oft aber sind die abgefuckten Phrasen echt peinlich. Mann, Nübling! Diese überspannten Tussen gehen einem mit der Zeit echt auf den Keks.
Eine wunderbare Viola d'amore hallt noch nach, schon muss man sich damit beschäftigen, dass eine Leistungsturnerin erklärt, wer gerade welche ihrer Körperöffnungen benutzt. Dann wird geflennt über die Schlechtigkeit der globalisierten Welt, über den Wirtschaftsfaktor Wasser. Ganz was Neues, aber was hat es mit Judith zu tun? Vielleicht soll der rätselhafte Benjamin-Spruch erfüllt werden, den Judith mittendrin mit Wasser an die Wand malt: „Die Produktion der Leiche ist, vom Tode her betrachtet, das Leben.“
Wie viel erbaulicher wirkt es, wenn Mezzosopranistin Tajana Raj das Machogehabe der Holofernesse über sich ergehen lässt. Sie bleibt stimmsicher, während sie von mehreren schmutzigen Typen begrapscht wird. Unter den Feldherrn ist der hünenhafte Sebastian Kowski der Leitwolf, eine tolle Darbietung, assistiert von Sebastian Röhrle, Dino Scandariato und Matias Tosi. Ganz in Schwarz mit riesigem Reifrock schwebt der Countertenor Daniel Gloger über die Bühne und hat Probleme mit den Koloraturen. Ein weiteres Sängerquartett muss ungewöhnlich agieren, treibt per Bibel-Rap die Handlung voran, tritt dann in einem Fenster der hinteren, beweglichen Bühnenwand auf. Muriel Gerstner ist einfallsreich, dank ihrer Bühne und ihrer Kostüme gelingen doch einige sehr beeindruckende Bilder.
Die Handlung aber, die ist, bei aller Länge und Üppigkeit, schwer zu erahnen. Hat dieses Unternehmen System, oder ist es ein zügelloser, unkoordinierter Angriff auf die unbefestigte Stadt Hallein? Folgende Einschätzung bleibt eine gefühlsmäßige: Vor der Pause bei aller Gewöhnungsbedürftigkeit unterhaltsam und meist auch flott. Dann fehlen die magischen Momente, das Unternehmen zerfasert.
Judiths mörderischer Besuch im Lager des Feldherrn endet im Nachtklub. Da wieder ist Tismer mit ihren exzessiven Tanzübungen in Hochform, ein reizvoller Kontrast zu den beiden anderen Judiths, die stoisch ihr Opfer auf sich nehmen, singend und deklamierend zu stricken beginnen.
Schließlich gibt es noch das erwähnte Ratespiel mit barocken Bildern. Das Fenster in der Hinterwand geht auf: Ha! Die Judiths säbeln dem Holo die Birne ab, als hätten sie es bei Artemisia Gentileschi gelernt. Fenster zu, Fenster auf. Ist das jetzt ein Mord nach Tintoretto? Das Blut spritzt, die Damen stellen es in Form ihrer roten Strickwolle dar. Die Szene erstarrt. Hin ist er, der böse Mann.
Kritik von Norbert Mayer in der Presse
Das müsste vermutlich nicht sein, aber da es da nun einmal gibt und es sogar eine solche anregende Kritik evoziert, kann ich nur sagen: Neugierig wäre ich schon auf diesen misslungenen Versuch. Kuinst darf auch verstörend sein, sogar im Rahmen der Salzburger Festspiele.
Donnerstag, 23. Juli 2009
Die Schangse
Feuilletonisten unter sich
– Sozusagen Treffen von Deutschlands Spitzenfeuilletonisten. . .
– Du sachst es. . .
– Also: Welche Operninszenierungen der letzten Säsong mochtet ihr am meisten?
– Ganz klar: Tilman Knabe in Köln mit Camille Saint-Saëns’ "Samson und Dalila". Blut, Vergewaltigung und Mord im Gaza-Streifen. Massenhaft streikten Chormitglieder, weil sich die Gräuel auf ihre Mägen schlugen.
– Dufte. Aber nüscht gegen Jens-Daniel Herzog. "Lohengrin" im Kino. Russisches Roulette statt Schwertkampf. Offenlegen der tieferen Bedeutungsschichten. . .
– Mensch, Karl-Mathias, wir sind hier alle vom Fach, Du kannst das Schwurbeln lassen. Das ist nur für unsere Leser. Hier haste die Schangse, mal Klartext zu reden.
– Logo. Aber dieser "Lohengrin". . . Mann. . . !
– Na, nu krieg’ Dich wieder ein. Wer Calixto Bieitos "Armida" hier in Berlin nicht gesehen hat, hat gar nüscht gesehen.
– Recht haste. Kopulation, Sado-Maso. . .
– . . .überall Penisse . . .
– . . .Strangulierung der Madonna . . .
– Das hat mit dem ollen Christoph Willibald Gluck nüscht mehr zu tun gehabt. Das war Regie pur. Total abgelöst vom Stück. Echt steil!
– Kinners, ihr seid lieb, aber ihr habt null Ahnung. Ich sah da ’was in Österreich . . .
– Was? In Ösitanien? Die spielen auch Oper?
– Ja. Und wie! Kennste Wels?
– Klar, mit Basilikum. Aß ich in Gent, wo ich wegen ’ner Bieito-Premiere war . . .
– Dumpfbacke! Ich meine den Ort bei Linz. Dort hamse "Lohengrin" gespielt. Just so, wie Wagner es wollte. Mystische Gestalt, Konflikt Christentum-Heidentum. Frage nach dem Wesen eines Menschen. Total psychologisch. Weißte, dass ich zum ersten Mal richtig auf die Musik hörte?
(Betretenes Schweigen.)
– Neeeeee, Wagner pur ist mir zu radikal.
– Kinners, das wäre nüscht für mich. Da müsste ich ’ne Ahnung von Musik haben.
– Lieber schwurbeln. Liest sich intellektueller.
– Werkgerechte Regie . . . Menschenskind, wenn sich das durchsetzt, merkt mein Chef, dass ich ’ne Flöte nicht von ’ner Fuge unterscheiden kann, und ich sitze wieder in der Anzeigenabteilung.
– Ade Dienstreisen und Premierendiners.
– Unsere Treue heißt Regietheater.
– Genau. Da weiß man, was man schreibt, wenn man vom Metier auch null Ahnung hat.
Sonntag, 28. Juni 2009
Donnerstag, 25. Juni 2009
Kampf um den Sonntag
Mit ihren Verfassungsbeschwerden rennen die Religionsgemeinschaften gegen eine illustre Koalition an. Der rot-rote Senat in Berlin hat sich die Interessen des Einzelhandels zu Eigen gemacht und alle vier Adventssonntage zu Shoppingterminen deklariert. Da soll noch einer sagen, Rot-Rot fördere nicht die Wirtschaft. Das Verhältnis ist so eng, dass die Landesregierung auf die Einzelhändler verweist, als die Verfassungsrichter nach Zahlen fragten.
Genesis zum Prozessauftakt
Ein ungewohnter Ton war allerdings auch zu Beginn der Verhandlung über die Klagen der katholischen und evangelischen Kirche zu hören. „Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht ... und ruhte am siebenten Tage. Dann segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn.“ So startete Berlins Bischof Wolfgang Huber sein Statement und erzielte einen Aufmerksamkeitserfolg bei den Richtern. Mit Bibelzitaten werden die Verfassungshüter im Verhandlungssaal eher selten konfrontiert.
Immerhin: Der Berliner Senat hat die Provokation für die Kirchen erkannt und versucht, die Kaufhaustüren in der Vorweihnachtszeit zumindest nicht sperrangelweit zu öffnen – an den Adventssonntagen sollen Verbraucher erst ab 13 Uhr in die Konsumtempel strömen dürfen. Dann aber hat es mit dem Entgegenkommen der Berliner Wirtschaftsförderer allerdings auch sein Bewenden. An den weiteren sechs verkaufsoffenen Sonn- und Feiertagen sollen diese zeitlichen Beschränkungen nicht gelten.
Das wiederum verdrießt die Vertreter der Kirchen. Gottesdienste gebe es nicht nur am Vormittag, sondern auch am Nachmittag und Abend, argumentierte Huber. Mit der Sonntagsöffnung gingen zudem „kollektive Freiräume für ehrenamtliches Engagement verloren“. Dem Senat warf er vor, „einen beunruhigenden Mangel an religiöser wie kultureller Achtung“ gegenüber den Kirchen an den Tag zu legen.
Die Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Die Linke) verteidigte das Berliner Gesetz als ehrlicher als in anderen Bundesländern, weil es die Sonntagsöffnung abschließend regele und den unteren Behörden keinen Spielraum für weitere Genehmigungen gebe. Zudem wies sie auch auf die Sonderrolle der Hauptstadt innerhalb Deutschlands hin: Die Besucherzahlen Berlins rangierten in der ähnlichen Größenordnung wie die von London oder Paris. Und diesen Touristen, so zumindest konnte man ihre Aussage interpretieren, müsse eben sonntags etwas geboten werden.
Auch von anderer Seite gab es Gegenwind für die Kirchenmänner. Verfassungsrichter Brun-Otto Bryde, von den Grünen für Karlsruhe nominiert, griff die Geistlichkeit pointiert an: „In den USA gibt es keinen Sonntagsschutz, aber die Kirchen sind voll“, so der Jurist. In Deutschland dagegen blieben die Kirchenbänke regelmäßig leer – trotz Sonntagsschutz. Ihm fehlten die Belege für eine Verletzung der Grundrechte gläubiger Christen in Berlin.
Sie „bedürfen des Gesetzgebers, um Gläubige in die Kirche zu bekommen,“ hielt Bryde den Kirchen nicht ohne Häme vor. Damit erregte er zwar das Missfallen von Verfassungsgerichtspräsidenten Hans-Jürgen Papier. Doch Bryde steht mit seiner Meinung im Ersten Senat nicht allein da. Kein gläubiger Christ sei gezwungen, am Sonntag zum Shoppen zu gehen, meinte auch Richter Reinhard Gaier. (...)
Vogtland ist anderswo
Herr May hat für seine erste Spielzeit ein Motto gewählt: „anders leben“. Was wohl soviel heißen soll wie „alles wird anders, aber nicht unbedingt besser“. Anstatt sich um den Spielplan zu kümmern, um neue Besucher zu locken, darf am Theater kein Stein auf dem anderen bleiben. Er ließ bereits ein neues Logo entwickeln, neue Layouts für Plakate und Programmhefte wurden erarbeitet, neues Briefpapier entworfen, und der Internet-Auftritt bekommt ein neues Design. Das kostet was. 30 000 bis 40 000 Euro wird man für die Kreativarbeit wohl berappen müssen. Und da ist noch kein Plakat gedruckt.
Aus dem Vogtland-Anzeiger
Mittwoch, 24. Juni 2009
Schreiben, Bleiben, Glauben, Weinen
(…)
Gnadenlos muss ich die Menge des von mir zu verschriften Wollenden tun. Viermal täglich twittern und einmal pro Woche predigtdiensten. Aber wer sollte denn das alles derlesen? Alle schreiben, keiner liest mehr! Zu Papyruszeit war’s exakt umgekehrt. In Ägypten soll gelebt worden sein mit gerade einem Satz pro Woche, in Stein gemeißelt!
(…)
In der Vorabendmesse wurde kürzlich ein Lied angestimmt, worin eine Stelle ungefähr so lautet: „All Sünd hast du getragen, sonst müssten wir verzagen ...“ Da begann ich sofort stumm zu heulen, denn dass es so schön wär, wenn es ein ewiges Leben gäbe – das haben wir, die nicht glauben KÖNNENDEN, und die innigsten geistigen Schwestern gemeinsam.
(…)
Aus Phettbergs Predigtdienst (845)
"Hermes Phettberg und der Katholizismus, das gehört zusammen wie Hostie und Monstranz", sagte der Dichter Franzobel, als ich ihn im Rahmen meines prälaudatorischen Rundrufs zu Ihren Qualitäten befragte, sehr geehrter Herr Phettberg. Was soll ich an Phettberg loben, fragte ich Franzobel, den Verfasser eines vielbeachteten Theaterstücks über Sie. "Stell eine Beziehung her zwischen Phettberg und den großen katholischen Schriftstellern dieses Landes", riet Franzobel: "Rück ihn in eine Linie mit den beiden bedeutendsten Bußpredigern des süddeutsch-österreichischen Raums, mit Abraham a Sancta Clara und Adolf Holl." Aus der Laudatio von Günter Kaindlstorfer auf Hermes Phettberg anlässlich der Verleihung des Wiener Publizistikpreises der Stadt Wien, gehalten am 15. Mai 2003 im Wiener Rathaus
Montag, 15. Juni 2009
Golfplatz und Oper
Schaut man in die Wirtschaftswelt, so sieht man viele Männer. Blickt man in die Vorstandsetagen, so sieht man fast nur noch Männer. Und fast alle kommen auch noch aus allerbestem Haus. Das ist kein Zufall, weiß der Soziologe Michael Hartmann. Hartmann untersuchte die Karrierewege von 6500 promovierten Akademikern in den 1950er, 60er, 70er und 80er Jahren. Dabei zeigte sich, dass sich die Wirtschaftselite fast ausschließlich aus dem Nachwuchs der Wirtschaftselite rekrutiert.
Insofern sind Ratschläge, wie man eine Topkarriere angehen sollte, eine heikle Sache. Dennoch gibt es sie wohl - ein paar allgemeingültige Fähigkeiten und Eigenschaften, die den "typischen Karrierekandidaten" auszeichnen. Ein "High Potential", also jemand mit dem Leistungsvermögen zum Aufstieg, sollte breit aufgestellt sein. "Da sind eher die Generalisten gefragt, die viel gesehen und viele Erfahrungen gemacht haben", sagt Erika Regnet - sie ist Professorin für Personal und Organisation an der Hochschule Augsburg. Die Professorin empfiehlt deshalb jungen Akademikern mit hohen beruflichen Ambitionen, sich in unterschiedlichen Geschäftsfeldern und Funktionsbereichen zu beweisen.
(…)
Im Management sind vitale Machertypen gefragt, umtriebige, gesellige Menschen, eloquent und vielseitig interessiert, die auf dem Golfplatz wie in der Oper eine gute Figur machen. Einzelkämpfer hingegen machen keine Karriere.
(...)
Montag, 13. April 2009
Sehnsucht nach Verewigung
Samstag, 4. April 2009
Feine Unterschiede
Überall in Europa nennen muslimische Mitbürger heute ihre neu entstehenden Moscheen nach den großen Christenhassern ihrer Geschichte. Viele klatschen, wenn etwa mit immer neuen „Fatih“-Moscheen die Gefühle europäischer Christen mit Füßen getreten werden. Bloß nicht den Islam „beleidigen“. Kämen Christen auf die Idee, eine Basilika etwa nach dem Kreuzfahrer Gottfried von Bouillon zu benennen? (...)
Udo Ulfkotte: Dulden wir die Islamisierung Europas?, Die Welt 08.12.2008


