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Dienstag, 9. Februar 2010

Das Kaninchen und sein Gang

Was ist draußen? Kann man dort leben? Oder ist es nicht ratsamer zu bleiben, allen Unerträglichkeiten und Zumutungen zum Trotz? Rätselhafter, irritierender und düsterer als in seinen bisherigen Inszenierungen und gleichzeitig treffsicher und furchtbar komisch wie eh und je, entwirft Tranter mit „Cuniculus“ (lat. für Kaninchen oder Unterirdischer Gang) ein groteskes Panoptikum aus Machtkämpfen, Liebessehnsucht, Degeneration und Aufbegehren. Tranter spielt einen Menschen, der, abgetrennt von einer verödeten, kriegsdurchdröhnten Erde, im lichtarmen Höhlenreich zusammen mit Riesenkaninchen haust, bedroht und drangsaliert und doch mit allen Kräften bemüht, sein Menschsein zu verleugnen. Meisterhaft entwickelt er den Konflikt seiner Hauptfigur bis zum Kulminationspunkt, an dem der Aufbruch unvermeidlich wird, bedeute es auch den eigenen Untergang. Eine Theatermetapher über die Bereitschaft zu leben im Geist Becketts (Samuel Beckett).

"Mit bösem schwarzen Humor zeichnet Tranter die unheimliche, unheilvolle Kriegs-Atmosphäre, aber auch Momente inniger, anrührender Zärtlichkeit zwischen dem Mann und der Hasenmutter, die in seinen Armen stirbt. Wie er als Schau- und Puppenspieler einen doppelten Boden ins Spiel einzieht, Distanz und Magie vereint, ist einzigartig." (Abendzeitung)

Neville Tranter wurde 1955 in Toowoomba (Australien) geboren. Dort beendete er 1976 sein Drama-Studium beim amerikanischen Regisseur Robert Gist in Queensland und arbeitete mit dem Billbar-Marionetten-Theater. Im gleichen Jahr, 1976, gründete er das Stuffed Puppet Theatre. 1978 zog Neville Tranter in die Niederlande, wo er sein visuelles und emotionales Puppentheater für Erwachsene in seiner heutigen Form entwickelte. Allein auf der Bühne, nur mit den von ihm entworfenen Puppen erzeugt Neville Tranter Bilder, die lange nachwirken. Sein virtuoses Figurentheater wird auf der ganzen Welt für seine einzigartige Formensprache „poetisch und respektlos, bitterkomisch und radikal“ als „großes Theater“ gefeiert.

kulturkurier.de

Dienstag, 8. September 2009

"Faust" am Burgtheater - heftig umstritten

Die Erregung erinnert fast an Peymanns Zeiten, und die Argumentation ist ähnlich konservativ wie damals. Ein offenkundiger Insider aus dem Theatergeschäft, der Hartmann zu kennen scheint – an Feinden mangelt es Erfolgreichen ja meist nicht –, ortet mangelnde literarische Bildung beim Burgchef. Ein anderer schimpft, wie mit diesem neuen „Faust“ die Schüler „sinnlos bespaßt“ werden. Eine Dame wendet schüchtern ein, dass es ihr und dem überwiegenden Teil des Publikums gefallen hat, wie der Applaus bewies, ein anderer kontert: „Was sagt das, wenn die Leute klatschen?“

Wird das Burgtheater wieder ein öffentliches Thema, nunmehr im von Schimpfern reichlich bevölkerten Internet? Nützt das dem Theater? Dem Burgtheater? Wieso beschäftigt ein neuer „Faust“ in der Burg wochenlang die Leute? Ständig wird man auf ihn angesprochen. Natürlich ist das Interesse teilweise gemacht – durch die vielen Interviews und Vorberichte. Keinen Vorschusslorbeer und schon gar keine Schonfrist gewährt das deutsche Feuilleton dem neuen Burgchef: „Man sieht keine Gedankenlüstlinge und Fühlungsnehmer, nur lauter Leerläufer, die ihren schnöde zusammengekürzten Versen verzweifelt hinterherklappern. Sieben Stunden lang“, ächzt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

„Und alles ist Dressur“

Unter dem Titel „Lang ist die Kunst, seicht das Leben“ schreibt die „Süddeutsche Zeitung“: „Konzeptuell und intellektuell ist ,Faust I‘ ein Armutszeugnis.“ „Faust II“ mache mehr her, dennoch, hier werde kein Kontinent urbar gemacht, sondern lediglich ein Ufer erreicht. „Intellektuelle Dürftigkeit“ verdrießt „Die Welt“: „Wir finden nicht die Spur von einem Geist, und alles ist Dressur.“ Teil I, wie in der „Süddeutschen“ ein „Armutszeugnis“, doch „Die Welt“ macht auch Teil II nieder: „Die läppisch bebilderte Reader's-Digest-Fassung der größten abendländischen Bildungsreise quer durchs mythologische Gebirge ist eine Videoklamotte.“ Tobias Moretti als „Faust“ wird teilweise als Fehlbesetzung qualifiziert, immerhin gibt es Lob für Gert Voss als Mephisto und für Katharina Lorenz als Gretchen.

„Der Burgtheaterdirektor ist der Welttheaterdirektor“, zitiert der deutsche „Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe einen Satz aus der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Vier Seiten widmete das Magazin einem Hartmann-Porträt. Ob sich die Mediatisierung der Burg hält, oder wie viele Blasen öffentlicher Aufmerksamkeit sang- und klanglos platzen und verschwinden? Bei Premieren wie dieser weiß man auch nie, welche Rolle die Claque spielt, falls es eine gibt, was schwer nachzuprüfen ist. „Faust I“ ist jedenfalls bestens verkauft, vielleicht auch dank Morettis TV-Popularität. Gert Voss, der erkrankt war, kann voraussichtlich Freitag wieder spielen.

Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2009, Seite 27

Wie auch immer, ich bin sehr gespannt...

Mittwoch, 2. September 2009

Von Irren und Bürgern, Faust und Jim Knopf

Fühlen Sie sich wohl in Wien?

Wien ist eine der tollsten Metropolen, die ich kennen gelernt habe. Im Moment möchte ich nirgendwo anders leben. Berlin ist auch nicht schlecht, aber dort kann man nicht Theater machen, dort ist alles besserwisserisch, hart und kalt und wird nur in Konkurrenz gesehen. Hier liebt man die Schauspieler, die Regisseure, das Theater.

Liebt man die Schauspieler zu Recht?

Natürlich. Allabendlich gehen sie auf die Bühne und spielen für uns. Im Grunde ist es Wahnsinn. Sie sind Süchtige. Gäbe es keine Theater, man müsste mehr Irrenhäuser bauen. Es ist daher besser, man investiert ins Theater, das kommt auf Dauer billiger.

Sie haben einmal gesagt: "Theater ist der einzige Ort, an dem ich überleben kann".

Kann sein. Meine Eltern wollten unbedingt, dass ich Künstler werde, ich wollte aber nicht und habe vieles ausprobiert.

Die klassische Künstlerbiografie haben Sie auf den Kopf gestellt.

Absolut. Meine Abgründe erschienen mir lebensbedrohlich, diese mit Kunst zu bekämpfen hat sich in der Zwischenzeit als einziger Ausweg erwiesen. Ursprünglich wollte ich meine seelischen Untiefen, die mich zugleich fesseln und erschrecken, mit einer bürgerlichen Existenz bekämpfen. Bis zum heutigen Tag lässt mich diese eigenartige Sehnsucht nach dem Bürgertum nicht los. Viele meiner Freunde kommen aus diesem Milieu, sind Ärzte, Banker oder Schreiner.

Was bedeutet für Sie das "Bürgertum"?

Es hat für mich etwas wahnsinnig Tröstendes. Es sind für mich Menschen, die mit sich und ihrer Existenz ausgesöhnt sind.

Eine allzu romantische Vorstellung.

Natürlich ist das Quatsch. Dennoch sitze ich gern in ihren gepflegten Vorstädten, trinke ihre Weinkeller leer und bin für ein paar Stunden ein ganz normaler Mensch: Bevor rauskommt, dass ich das doch nicht sein könnte, bin ich schon wieder weg. So lässt es sich gut leben. Ich habe eine bürgerliche Existenz, habe Familie, drei Kinder.

Wo bleibt angesichts der Finanzkrise eigentlich das neue politische Theater?

Es wird am 4. September stattfinden. Mit "Faust zwei".

Wie bitte?

In "Faust zwei" geht es um die Erfindung des Papiergelds, um die Idee, dass der Glaube eine Gesellschaft prosperieren lässt, während Unglaube mit Krise gleich gesetzt wird – damit analysiert Goethe genau das, was heute passiert. Hinzu kommt der Schönheitswahn rund um die Figur der Helena, das erinnert an den heutigen Model-Kult. Ich unternehme den ehrenwerten Versuch, dem Publikum zu schildern, was in "Faust, der Tragödie zweiter Teil" überhaupt vorkommt. Wer weiß denn noch, was eine klassische Walpurgisnacht ist? Die gibts gar nicht. Heutige Fantasy-Romane muten, verglichen mit den fantastischen Ideen, die Goethe hier ausgebreitet hat, wie die Abenteuer von Jim Knopf an.

Aus einem Interview der "Wiener Zeitung" (29.08.2009) mit dem neuen Burgtheaterchef Matthias Hartmann

Mittwoch, 29. Juli 2009

Mitunter richtig schön

Der assyrische Feldherr Holofernes, König Nebukadnezars Mann fürs Grobe, will auf seinem Welteroberungsfeldzug zu biblischer Zeit die belagerten, widerspenstigen Hebräer zur Aufgabe zwingen, indem er ihnen die lebensnotwendige Wasserleitung abgräbt. Der Mangel ist eine effektvolle Taktik der Kriegsführung. Regisseur Sebastian Nübling hingegen hat bei den Salzburger Festspielen eine konträre Methode angewandt. Er überschwemmt bei der Premiere seiner „Judith“ am Montag auf der Perner Insel in Hallein die Zuseher mit Überfluss. Am Ende aber liegt so mancher Betrachter nach drei Stunden Gesamtkunstwerk ebenfalls kopflos wie Holofernes da. Denn diese Show war genial und dilettantisch, schön und gewöhnlich, witzig und platt zugleich. Man kann nicht wirklich behaupten, dass Nübling diese Schlacht gewonnen hat. Aber er hat es wenigstens mit allen Mitteln versucht.

Das postmoderne Setting: Gleich drei Judith-Figuren machen sich auf, um mindestens eine Handvoll Holofernes-Darsteller zu betören und dann zu enthaupten. Es wird deklamiert, musiziert und getanzt, für Bildungsbürger gibt es am Ende sogar Scharaden nach barocken Schinken, zuvor komplexe Arien in Latein. Die Bausteine sind die apokryphe Judith des Alten Testaments, Antonio Vivaldis (1678–1741) „Juditha triumphans“ und Friedrich Hebbels (1813–1863) Drama „Judith“. Als wäre das nicht genug, hat Performerin Anne Tismer das Geschehen mit frechen, leider auch viel zu simplen Girlie-Texten versehen, und der Komponist Lars Wittershagen hat die alte Musik mit Eigenem aufgepeppt. Gerade wenn Vivaldi interessant zu werden droht, fährt eine Combo mit Jazz oder Rapp dazwischen. Der musikalische Leiter Lutz Rademacher hat alle Hände voll zu tun, sein barockes Ensemble mit den Neutönern in Einklang zu bringen. Mitunter war das richtig schön.


Zeitgeistige Wortfetzen zwischen Hebbel

Was aber läuft eigentlich ab? Wenig Hebbel. Für den ist Stephanie Schönfeld als klassische Judith zuständig. Ihr gelingt, diese Einsprengsel überzeugend darzustellen. Das muss schwer sein, denn kaum hat man sich an einen echten Hebbel-Satz gewöhnt, fährt Tismer mit zeitgeistigen Wortfetzen dazwischen. Die Interferenz gelingt zuweilen, oft aber sind die abgefuckten Phrasen echt peinlich. Mann, Nübling! Diese überspannten Tussen gehen einem mit der Zeit echt auf den Keks.

Eine wunderbare Viola d'amore hallt noch nach, schon muss man sich damit beschäftigen, dass eine Leistungsturnerin erklärt, wer gerade welche ihrer Körperöffnungen benutzt. Dann wird geflennt über die Schlechtigkeit der globalisierten Welt, über den Wirtschaftsfaktor Wasser. Ganz was Neues, aber was hat es mit Judith zu tun? Vielleicht soll der rätselhafte Benjamin-Spruch erfüllt werden, den Judith mittendrin mit Wasser an die Wand malt: „Die Produktion der Leiche ist, vom Tode her betrachtet, das Leben.“

Wie viel erbaulicher wirkt es, wenn Mezzosopranistin Tajana Raj das Machogehabe der Holofernesse über sich ergehen lässt. Sie bleibt stimmsicher, während sie von mehreren schmutzigen Typen begrapscht wird. Unter den Feldherrn ist der hünenhafte Sebastian Kowski der Leitwolf, eine tolle Darbietung, assistiert von Sebastian Röhrle, Dino Scandariato und Matias Tosi. Ganz in Schwarz mit riesigem Reifrock schwebt der Countertenor Daniel Gloger über die Bühne und hat Probleme mit den Koloraturen. Ein weiteres Sängerquartett muss ungewöhnlich agieren, treibt per Bibel-Rap die Handlung voran, tritt dann in einem Fenster der hinteren, beweglichen Bühnenwand auf. Muriel Gerstner ist einfallsreich, dank ihrer Bühne und ihrer Kostüme gelingen doch einige sehr beeindruckende Bilder.

Die Handlung aber, die ist, bei aller Länge und Üppigkeit, schwer zu erahnen. Hat dieses Unternehmen System, oder ist es ein zügelloser, unkoordinierter Angriff auf die unbefestigte Stadt Hallein? Folgende Einschätzung bleibt eine gefühlsmäßige: Vor der Pause bei aller Gewöhnungsbedürftigkeit unterhaltsam und meist auch flott. Dann fehlen die magischen Momente, das Unternehmen zerfasert.

Judiths mörderischer Besuch im Lager des Feldherrn endet im Nachtklub. Da wieder ist Tismer mit ihren exzessiven Tanzübungen in Hochform, ein reizvoller Kontrast zu den beiden anderen Judiths, die stoisch ihr Opfer auf sich nehmen, singend und deklamierend zu stricken beginnen.

Schließlich gibt es noch das erwähnte Ratespiel mit barocken Bildern. Das Fenster in der Hinterwand geht auf: Ha! Die Judiths säbeln dem Holo die Birne ab, als hätten sie es bei Artemisia Gentileschi gelernt. Fenster zu, Fenster auf. Ist das jetzt ein Mord nach Tintoretto? Das Blut spritzt, die Damen stellen es in Form ihrer roten Strickwolle dar. Die Szene erstarrt. Hin ist er, der böse Mann.

Kritik von Norbert Mayer in der Presse

Das müsste vermutlich nicht sein, aber da es da nun einmal gibt und es sogar eine solche anregende Kritik evoziert, kann ich nur sagen: Neugierig wäre ich schon auf diesen misslungenen Versuch. Kuinst darf auch verstörend sein, sogar im Rahmen der Salzburger Festspiele.

Donnerstag, 23. Juli 2009

Die Schangse

Feuilletonisten unter sich

– Na, Kinners, wo wir schon mal so schön zusammensitzen hier im "Berliner Krug". . .

– Sozusagen Treffen von Deutschlands Spitzenfeuilletonisten. . .

– Du sachst es. . .

– Also: Welche Operninszenierungen der letzten Säsong mochtet ihr am meisten?

– Ganz klar: Tilman Knabe in Köln mit Camille Saint-Saëns’ "Samson und Dalila". Blut, Vergewaltigung und Mord im Gaza-Streifen. Massenhaft streikten Chormitglieder, weil sich die Gräuel auf ihre Mägen schlugen.

– Dufte. Aber nüscht gegen Jens-Daniel Herzog. "Lohengrin" im Kino. Russisches Roulette statt Schwertkampf. Offenlegen der tieferen Bedeutungsschichten. . .

– Mensch, Karl-Mathias, wir sind hier alle vom Fach, Du kannst das Schwurbeln lassen. Das ist nur für unsere Leser. Hier haste die Schangse, mal Klartext zu reden.

– Logo. Aber dieser "Lohengrin". . . Mann. . . !

– Na, nu krieg’ Dich wieder ein. Wer Calixto Bieitos "Armida" hier in Berlin nicht gesehen hat, hat gar nüscht gesehen.

– Recht haste. Kopulation, Sado-Maso. . .

– . . .überall Penisse . . .

– . . .Strangulierung der Madonna . . .

– Das hat mit dem ollen Christoph Willibald Gluck nüscht mehr zu tun gehabt. Das war Regie pur. Total abgelöst vom Stück. Echt steil!

– Kinners, ihr seid lieb, aber ihr habt null Ahnung. Ich sah da ’was in Österreich . . .

– Was? In Ösitanien? Die spielen auch Oper?

– Ja. Und wie! Kennste Wels?

– Klar, mit Basilikum. Aß ich in Gent, wo ich wegen ’ner Bieito-Premiere war . . .

– Dumpfbacke! Ich meine den Ort bei Linz. Dort hamse "Lohengrin" gespielt. Just so, wie Wagner es wollte. Mystische Gestalt, Konflikt Christentum-Heidentum. Frage nach dem Wesen eines Menschen. Total psychologisch. Weißte, dass ich zum ersten Mal richtig auf die Musik hörte?

(Betretenes Schweigen.)

– Neeeeee, Wagner pur ist mir zu radikal.

– Kinners, das wäre nüscht für mich. Da müsste ich ’ne Ahnung von Musik haben.

– Lieber schwurbeln. Liest sich intellektueller.

– Werkgerechte Regie . . . Menschenskind, wenn sich das durchsetzt, merkt mein Chef, dass ich ’ne Flöte nicht von ’ner Fuge unterscheiden kann, und ich sitze wieder in der Anzeigenabteilung.

– Ade Dienstreisen und Premierendiners.

– Unsere Treue heißt Regietheater.

– Genau. Da weiß man, was man schreibt, wenn man vom Metier auch null Ahnung hat.

Wiener Zeitung, Printausgabe vom Samstag, 11. Juli 2009

Donnerstag, 25. Juni 2009

Vogtland ist anderswo

Roland May, designierter Generalintendant des Theaters Plauen-Zwickau, ist Verlierer. Und mit ihm das Theater, die Besucher und viele Künstler. Fast 200 Theaterbesucher haben ihr Anrechts-Abonnement bereits gekündigt. Darunter Besucher, die dem Theater seit Jahrzehnten die Treue hielten. Was muss eigentlich noch passieren, damit bei Gesellschaftern und Aufsichtsräten die Alarmglocken schrillen? May, der ohne jedes Fingerspitzengefühl das künstlerische Personal bereits weitgehend ersetzt hat, macht sich jetzt daran, auch das Publikum auszutauschen. Wer stoppt diesen Mann, der sich offenbar als Pionier im vermeintlichen Theater-Niemandsland sieht und sich hier rücksichtslos selbst verwirklichen möchte.

Herr May hat für seine erste Spielzeit ein Motto gewählt: „anders leben“. Was wohl soviel heißen soll wie „alles wird anders, aber nicht unbedingt besser“. Anstatt sich um den Spielplan zu kümmern, um neue Besucher zu locken, darf am Theater kein Stein auf dem anderen bleiben. Er ließ bereits ein neues Logo entwickeln, neue Layouts für Plakate und Programmhefte wurden erarbeitet, neues Briefpapier entworfen, und der Internet-Auftritt bekommt ein neues Design. Das kostet was. 30 000 bis 40 000 Euro wird man für die Kreativarbeit wohl berappen müssen. Und da ist noch kein Plakat gedruckt.


Aus dem Vogtland-Anzeiger

Sonntag, 21. Juni 2009

Angekommen, ich weiß nicht, wo...

Einar Schleef notierte im Frühjahr 1981 in seinem Tagebuch, dass er angekommen sei, aber nicht wisse, wo. Diese paradoxe Auskunft könnte über dem gesamten Leben des 1944 in Sangerhausen geborenen und 2001 in Berlin gestorbenen Multitalents stehen. Nach einem Studium für Bühnenbild in Ost-Berlin, verließ er 1976 die DDR, weil er das vom Honecker-Staat verhängte, mit regelmäßigen Einkünften verbundene Berufsverbot nicht akzeptieren wollte. Aber Einar Schleef war kein Wolf Biermann. Es sollte viele Jahre dauern, ehe der passionierte Theatermann eine Inszenierung übertragen bekam: Seine Lesart der "Mütter" nach Euripides und Aischylos im Schauspiel Frankfurt begründete 1986 seinen Ruf als Enfant terrible des westdeutschen und später des Gesamt-Berliner Theaterbetriebs.

Die Jahre, in denen er nicht für die Bühne tätig sein konnte, sind in dem - als "Tagebuch" nur unzureichend bezeichneten - vierten Band des Monumentalwerks sofort zu erkennen: Es sind hier die literarisch ergiebigsten. Bis er in Frankfurt/Main unter der Intendanz von Günther Rühle Regie-Aufgaben übernehmen konnte, widmete er sich dem Schreiben. Das Diarium der frühen achtziger Jahre, besonders das Jahr 1981, ist ein Steinbruch aus zum Teil in mehreren Fassungen geschriebenen Prosa-Stücken und Fragmenten. Auch wenn ihm zu dieser Zeit die Theater verschlossen waren, hatte Schleef als Schriftsteller einigen Erfolg. 1980 erschien, durch Golo Mann gefördert, der erste Teil des Romans "Gertrud". Nach Publikation des zweiten Bandes 1984 attestierte "Der Spiegel" dem Autor im Vorspann zu einem Interview: "Die Besessenheit, mit der Einar Schleef schreibt, war stets eine Erkennungsmelodie großer Literatur." Eingeordnet wird er damals schon zwischen Uwe Johnson und Samuel Beckett. (...)

Thüringische Landeszeitung (Rezension des vierten Bandes des "Tagebuches" von Einar Schleef)

Dienstag, 2. Juni 2009

Jung und frech...




Also wie halten Sie es mit der Religion?

Katharina Lorenz: So klassisch? Ja, da gibt es eine Beziehung. In meiner Kindheit in Leverkusen ging ich oft in die Kirche, meine Eltern nie. Ich ging meist alleine in die Abendmesse. Der Pfarrer fragte mich einmal, warum ich nicht in die Kindermesse käme, aber ich mochte den Abend lieber: Da war es dunkler, geheimnisvoller, schöner. Ich mochte das, auch die Kirchengebäude und...

...das Theatralische, das Inszenieren?

Vielleicht auch. Aber es war der Ort, der mich verzauberte. Meine Großmutter hat auch immer mit mir gebetet.

Stand der Glaube im Vordergrund oder das Ritual?

Das ganze Prozedere.

Hätte dieses Gefühl jede Religion oder religiöse Richtung bei Ihnen ausgelöst? Die evangelischen Kirchen etwa sind nie so düster.

Stimmt, katholische Kirchen lösen dieses Gefühl stärker aus. Aber ich gehe heute noch gerne in Kirchen. Aber vielleicht war das wirklich meine Großmutter, die mir einmal sagte, dass ihr der Glaube an Gott hilft, etwa bei Schicksalsschlägen.

Ihnen?

Der Glaube an Gott? Nein, ich glaube eher an eine Kraft, die das ist.

Muss man sich mit Religion beschäftigen, um das Gretchen zu spielen?

Auch. Ich beschäftige mich damit. Aber jetzt kämpfe ich damit, mich der Figur zu nähern und sie zu besetzen. Das ist nicht so leicht.

Weil sie so unschuldig ist?

Das ist sie eben nicht, sie ist nicht nur unschuldig. Sie hat ihre eigene Welt und ein Selbstbewusstsein. Sie ist sicher nicht nur das Opfer. Wenn sie sagt, dass sie mit Schmuck ganz anders dreinschaut. Dass, wenn man Geld hat, auch andere Möglichkeiten kommen. Da bin ich mir nicht so sicher, ob sie das wirklich so toll findet. Es ist schwierig, sich so eine junge Figur zu eigen zu machen.

Die Presse am Sonntag 31. Mai 2009, S. 56, vgl. auch diepressse.com

In der kommenden Saison wird Katharina Lorenz das Gretchen am Burgtheater spielen. Auf die Kunst, sich in Wien unbeliebt zu machen, versteht sie sich offenbar...

Sonntag, 10. Mai 2009

Kinder?

Kinder absorbieren unser Leben, sie nehmen es auseinander. Kinder bewirken nichts als Katastrophen, das ist ein Naturgesetz. Wenn du Paare siehst, die lachend zum Traualtar schreiten, denkst du, die haben keine Ahnung, die Ärmsten haben keine Ahnung, sie sind glücklich. Vorher verrät einem ja keiner was. Ein Armeefreund von mir, der kriegt jetzt ein Kind mit einer neuen Frau. Ich hab zu ihm gesagt, ein Kind in unserem Alter, das ist doch Irrsinn! Die zehn, fünfzehn guten Jahre, die uns bis zum Krebs oder zum Schlaganfall noch bleiben, die willst du dir mit einem Gör versauen?

Yasmina Reza: Der Gott des Gemetzels

Donnerstag, 2. April 2009

Nur sechs Straßenbahnstationen...


... vom Burgtheater entfernt zu wohnen (1 x umsteigen), das hätte ich mir in meiner theaterverrückten Jugendzeit auch nicht träumen lassen.

Mittwoch, 25. März 2009

Christoph Schlingensiefs "Mea Culpa"

Ein Kulturererignis ersten Ranges. Und ein Erlebnis. Sechs Aufführungen nur im Burgtheater, man wünscht dieser Ready-made-Oper noch viele weitere Inszenierungen. Und man kann nur auf eine DVD hoffen, die vielleicht erscheint, um die Tiefe und den Witz dieses Werkes überhaupt angemessen würdigen zu können.

Natürlich ist die persönliche Perspektive irritierend. Es geht um C.S. und seine Krebserkrankung und seinen Versuch, damit umzugehen. Der Autor hat in Wien Regie geführt und wirkt auch höchstpersönlich mit, das gibt dem Ganzen eine private Note einerseits. Andererseits bemüht C.S. ja das halbe Abendland mit seinen Traditionen, dadurch gewinnt das Werk an Allgemeingültigkeit, vor allem aber durch seine Thematik: Die Fragen von Schuld, Tod und Erlösung bilden einfach eine cantus firmus aller unserer Traditionen.

Dabei ist Schlingensiefs Werk alles andere als Mysterientheater oder ein Erlösungsdrama. In einem Interview mit der "Presse" hat der Autor gesagt: "Nein, ich will diese angelernte Erlösung nicht haben, ich brauche die nicht. Für mich ist das überhaupt kein Begriff, keine Suche. Ich will einfach die Situation des Hier-Lebens, des Bestimmens, die will ich haben." (Die Presse 19.03.2009

Schlingensief spielt mit den Traditionen, aber auch die Kunstreligion des Grünen Hügels bleibt eine scheiternde Möglichkeit.  

Einige Zuschauer sind zur Pause gegangen, nicht viele. Am Ende ist der Beifall langanhaltend, fast niemand verlässt seinen Platz, bevor nicht das ganze Ensemble (incl. Orchester und Chor) seine drei Vorhänge gehabt hat. Der Beifall ist hart, laut, intensiv. Beim Hinausgehen herrscht eine ganz ungewöhnliche Stimmung, der übliche Schmäh ist nicht zu hören, es ist eher wie beim Verlassen eines Gottesdienstes. Erst in der Garderobe werden die Handys wieder eingeschaltet, Erleichterung macht sich leicht über die Botschaft, mit der auch das Stück endet: Noch leben wir. Ein kathartischer Theaterabend, der sehr gekonnt die Ängste und Fragen der Zuschauer auf die Bühne bringt. Keine Antworten, aber Fragen. Nicht die Antworten machen uns zu Menschen, sondern die Fragen.

Wegen des großen Erfolgs hat das Burgtheater für Juni eine zweite Serie von Aufführungen angekündigt, sehe ich gerade.