Dienstag, 24. Juni 2008

Internet als Maßstab der Wirklichkeit?

"(...) Wo endet die persönliche Freiheit, wo beginnt eine von der Mehrheitsgesellschaft unerwünschte Tätigkeit? Eine Frage, die allerdings alles andere als leicht zu beantworten ist, immerhin sind solche Moralvorstellungen auch immer in einem steten Umbruch begriffen.

Fall

In einem Verfahren gegen den Betreiber einer pornographischen Webseite will die Verteidigung nun erstmals zu einem Tool greifen, das man für unvoreingenommen hält, wie die New York Times berichtet. Mit der Suchmaschine Google will man demonstrieren, dass die gesellschaftliche Realität schon längst eine andere ist, als es die in Rechtssprüchen noch immer zum Ausdruck kommende Moral glauben macht.

Trend

So lasse sich per Google-Trends längst schon von jedermann nachprüfen, dass sich die Internet-NutzerInnen in Florida deutlich mehr für Orgien als für Apfelkuchen interessieren. Daraus zieht die Verteidigung den Schluss, dass sexuelle Themen schon längst die "Norm" darstellen und entsprechend die Brandmarkung als "obszön" längst nicht mehr haltbar ist.

Fragen

Ob man mit dieser Argumentation erfolgreich sein wird, bleibt freilich noch abzuwarten. So hat der zuständige Staatsanwalt bereits ernsthafte Zweifel daran angemeldet, ob Internetsuchen eine probates Mittel zur Ermittlung von gesellschaftlichen Moralvorstellungen sind.

Realität

Die Verteidigung sieht in dem Google-Beispiel hingegen einen längst fälligen Reality Check. Meist sehe es doch so aus, dass JurorInnen gegen Materialien entscheiden, die sie selbst zu Hause konsumieren."

Artikel in der Online-Ausgabe des Standard (23.06.2008)

So wird das Internet allmählich zum Maßstab aller Dinge, auch der Moral und der Rechtsvorstellungen. Zum Realitätscheck taugt es in gewisser Weise, aber Ethik kann sich natürlich nicht einfach an der Mehrheit orientieren. Werte und Maßstäbe verändern sich noch nicht dadurch, dass die Menschen anders leben. Ein gewisse Lücke zwischen Anspruch und Realität hat noch keiner Kultur geschadet.

Zudem spiegeln die Suichanfragen letztlich nur Interessen und Bedürfnisse, aber noch keineswegs die ganze Wirklichkeit, viel eher - gerade bei den Themen Sex und Gewalt - die Ausprägungen der Phantasie. Dasselbe gilt natürlich auch für Spiele. Nicht jeder, der einmal "brutale" Computerspiele gespielt hat, wird später zum Amokläufer oder Massenmörder. Nebenbei gesagt, sind viele althergebrachte Spiele letztlich nicht weniger brutal, nur dass eben kein Blut fließt. Man denke an "Mensch, ärgere dich nicht" oder Schach, an Halma, Dame oder "Fang den Hut". Auch die Märchen triefen bekanntlich vor Blut. Offenbar befriedigt dies tiefsitzende Bedürfnisse. Und wenn Männer (und zunehmend anscheinend auch Frauen) sich auf Sexseiten herumtreiben, muss man das doch wohl so verstehen, dass die Realität mit ihren Wünschen, Sehnsüchten und Träumen nicht mithalten kann - und das trotz "sexueller Revolution". Die hat es natürlich gegeben. Möglicherweise ist es aber wie im Märchen vom Fischer und seiner Frau: Je mehr an Wünschen erfüllt wird, um so mehr wachsen neue heran. Wie beim Rasieren: Häufiges, regelmäßiges Rasieren befördert bekanntlich den Bartwuchs.

DDD

Arbeitszimmer (Lebensmittelpunkt): Blick zum Stehpult.

Das wurde auch Zeit

"Dank Katharina Wagner gehen die Bayreuther Festspiele bei der Vermarktung völlig neue Wege: Erstmals wird in diesem Jahr eine Aufführung aus dem Festspielhaus per Livestream weltweit im Internet übertragen. Es handelt sich um die Aufführung der "Meistersinger von Nürnberg" am 27. Juli in der Inszenierung der 30-jährigen Regisseurin und Tochter von Festspielchef Wolfgang Wagner. Zugleich werden die "Meistersinger" auch live auf eine Großbildleinwand in Bayreuth übertragen. Dazu erwarte man bis zu 10.000 Besucher, teilte Festspielsprecher Peter Emmerich mit."

zeit.de 23.06.2008