Sonntag, 29. Juni 2008

Die Bücherwand

Polemisch und fast poetisch...

"Wir haben uns daran gewöhnt, Geschenke anzunehmen, für die wir einen erschreckend hohen Preis zahlen müssen.

Könnte jemand eine Gesetzesliberalisierung verstehen, die uns gestattet, bei Rot über die Ampeln zu fahren, obwohl das zu einer sprunghaft ansteigenden Unfallstatistik führen würde?

Wäre es nachvollziehbar, wenn warnende Stimmen dann als ewiggestrig, konservativ, engstirnig, intolerant und mittelalterlich bezeichnet würden?

Wenn ein Patient einen Arzt aufsucht, muß er von diesem eine ehrliche Diagnose erwarten dürfen.

Erzählt der Arzt einem Patienten, er sei kerngesund, obwohl dieser an einer schweren Krankheit leidet, die bei Nichtbehandlung tödlich endet, wäre der Arzt ein verbrecherischer Scharlatan.

Würde der Mediziner dagegen seinem Patienten die Wahrheit sagen, müßte er wohl nicht damit rechnen, als Drohprediger und Unglücksprophet hingestellt zu werden.

Doch das geschieht heute. Wir leben in einer Zeit voller Verführung und Rattenfängerei.

Die Gewissen der Menschen werden eingelullt. Scharen werden auf den breiten und bequemen Autobahnen des Selbstbetrugs Richtung Hölle gefahren.

Unser dünnwandiges Leben bekommt immer mehr schwarze Löcher, in die immer mehr Menschen unauffindbar verschwinden. (...)"

Aus einer kulturkritischen Universalpolemik ("Ein neues Angebot: Bei Rot über die Ampel fahren" von Michael Brenner) gegen Abtreibung, Pornografie, Toleranz und alle anderen Übel der europäischen Gegenwart auf der ultrakonservativen Seite kreuz.net

U-Bahn-Station Währinger Straße/Volksoper

Volksnah und patriotisch


Fanmeile. Vergangene Woche war es hier besonders schrill. Hunderte österreichische Fans hatten sich vor den Fenstern des Staatsoberhauptes versammelt und lauthals "Wir wollen Heinzi sehen" gerufen. Fähnchen wedelnd und applaudierend, wie es dieser Tage Usus geworden ist.
"Ich spürte, wie sich die ganze Fan-Gruppe plötzlich nach mir umdrehte", erzählt Heinz Fischer sichtlich amüsiert. "Ich winkte zurück mit einer rot-weiß-roten Fahne, die ich im Büro liegen hatte, und dann war überhaupt der Bär los."

Auf die "Heinzi"-Rufe angesprochen wirkt der Bundespräsident dagegen fast verlegen. "Das zeigt doch nur, dass die jungen Leute sehr nett und begeisterungsfähig sind, und dass ich mich in ihre gute Laune hineinversetzen kann."

Die überschwänglichen Fahnen-schwingenden rot-weiß-rot-Bekundungen seien aber nichts Neues, meint Fischer. "Ich will in keine Richtung übertreiben, aber das Wort ,neu‘ akzeptiere ich nicht uneingeschränkt. Denken Sie an den Schladminger Nacht-Slalom, das Skispringen in Bischofshofen oder das Hahnenkammrennen in Kitzbühel – dort spielt es sich genauso ab. Das ist für mich ein Beweis dafür, dass die Österreicher in einem erfreulichen Maß stolz auf ihr Land sind."

Kurier 29.06.2008

In Deutschland schwer vorstellbar, dass der Bundespräsident mal eben so aus dem Zimmer seines Arbeitszimmers winkt. Aber Österreich ist eben ein kleines und gemütliches Land.

Pastelltöne

Auch jenseits des großen Wassers...

In den USA wird der Protestantismus seine Stellung als Mehrheitsreligion in den kommenden Jahren vermutlich einbüßen. Das hat eine der umfangsreichsten Studien zu Glauben und Religion in den USA ergeben.

Das Meinungsforschungsinstitut „Pew Forum“ (Washington) befragte dafür insgesamt 35.000 Bürger. Demnach gehört gegenwärtig noch gut die Hälfte (51%) einer protestantischen Kirche an; vor 30 Jahren waren es noch zwei Drittel. Die Untersuchung teilt die Protestanten in drei Gruppen: evangelikale, volkskirchlich geprägte und afroamerikanische Kirche. Mit 26% bilden die Evangelikalen die größte Gruppe der Protestanten in den USA. Am stärksten von dem Rückgang betroffen seien die volkskirchlich geprägten Gemeinden, die gegenwärtig 18% der Protestanten ausmachten. Ein Grund dafür dürfte das breite Angebot von mehr als 250 Konfessionen und Glaubensgemeinschaften in den USA sein. Der Untersuchung zufolge fühlten sich immer weniger Gläubige an die Konfession oder Religion gebunden, in der sie aufgewachsen sind. Sie wechselten einfach zu einer anderen Gemeinde oder bastelten sich eine „personalisierte Religion“ zusammen.

Zahl der „Nichtgläubigen“ in 50 Jahren vervierfacht

Aber nicht nur die Protestanten haben mit rückläufigen Zahlen zu kämpfen, auch die Katholiken. Die römisch-katholische Kirche bleibe mit knapp 24% Bevölkerungsanteil bisher nur wegen der vielen katholischen Einwanderer vor allem aus Südamerika eine relativ große Kirche. Die einzige Bevölkerungsgruppe, die kontinuierlich wächst, ist der Studie zufolge die der „Ungläubigen“. Rund 16% der Befragten gaben an, keiner Religionsgemeinschaft anzugehören; bei den unter 30-Jährigen sagten das sogar 25%. Bei einer ähnlichen Befragung vor 50 Jahren gaben nur knapp 4% an, keiner Religionsgemeinschaft anzugehören. Im Vergleich zum deutschsprachigen Europa bleiben die USA dennoch ein religiöses Land. So sind 74% der US-Bürger von der Existenz des Paradieses überzeugt. 91% glauben an Gott als ein „höheres Wesen“. 60% gaben an, Gott sei ein Mensch, mit dem sie eine persönliche Beziehung haben könnten. 58% sagten, sie beteten jeden Tag. 39% der Befragten erklärten, mindestens einmal pro Woche in den Gottesdienst zu gehen.

Idea-Meldung

Gott "ein Mensch, mit dem sie eine persönliche Beziehung haben könnten..." - was ist denn das für eine Aussage?

Ein schöner Morgen

Blick aus meinem "Wäschezimmer"

Kinder - nein danke!

Das Cover: edelmattiert schwarz. In geprägten Versalien, blutrot, der Titel: NO KID. Der Untertitel verrät, dass man sich definitiv nicht verlesen hat: «40 Gründe, keine Kinder zu haben.» Corinne Maiers Buch polarisiert. Für die einen ist es ein Pamphlet, polemisch, aggressiv, schreiend ungerecht. Andere bejubeln es als längst überfällige Streitschrift wider den Kinderwahn: scharfzüngig, streitlustig und ungemein amüsant. Bevor wir uns der Skandalschrift zuwenden, sollte man eines über die Autorin wissen: Sie ist zweifache Mutter.

Das Recht auf Faulheit

In ihrer Heimat ist die Französin Corinne Maier, 44, bekannt wie ein bunter Hund. Als sie 2004 – in Anspielung auf Françoise Sagans Bonjour Tristesse – ihr Buch Bonjour Paresse (dt. Die Entdeckung der Faulheit) veröffentlichte, war sie auf einen Schlag bekannt. Die Politologin, Volkswirtin und Psychoanalytikerin hatte offenbarin ein Wespennest gestochen. In ihrer subversiv-komischen Streitschrift ruft sie unverhüllt zur «inneren Kündigung» auf – und verrät die besten Tricks einer risikolosen Minimierung von Arbeitsstress und -verdruss. Das ließ sich ihr Arbeitgeber, der Energiekonzern EDF, nicht gefallen und entließ Maier – um kurz darauf die Kündigung zurückzunehmen. Was dem Erfolg der Provokation selbstredend keinen Abbruch tat: Das Faulheits-Brevier wurde in Frankreich eine Viertelmillion Mal verkauft und in 30 Sprachen übersetzt.

Nach der Untergrabung der Arbeitsmoral hat sich die streitbare Pariserin einer neuen Mission verschrieben, der Untergrabung der Reproduktionsmoral. 40 Argumente gegen Kinder, 40-mal Hardcore. Der Körper nach der Geburt: ein ästhetisches Wrack. Kinder: die treuesten Komplizen des Konsumkapitalismus. Sorgen ohne Ende, finanzieller Ruin. Ausschlafen, Spontaneität, guter Sex? Vorbei.

Deutsche, trotzt dem Kinderwahn!

«Nichts ist so unerträglich wie das Geschwätz von Eltern, die völlig baff sind, dass es ihnen gelungen ist, einen Menschen zu erschaffen. – Verfallen Sie nicht in die Idiotensprache, die man mit Kindern spricht. – Eltern-Kind-Dialoge sind wie Dinner für Spinner – und das siebenmal die Woche. – Warum sich für eine zukünftige Randgestalt der Gesellschaft den Arsch aufreißen? – Ein Kind ist nicht immer nur Liebestöter, sondern oft auch Lusttöter. – Wenn ich das Wort Pädaogik höre, hole ich gleich die Knarre raus (oder meinen Kugelschreiber). Pädagogik ist die Kunst, jemanden übers Ohr zu hauen, ohne dass er es merkt …»

Nein, eines kann man der No-Kid-Aktivistin nicht unterstellen: sich bei irgendjemandem beliebt machen zu wollen. Corinne Maier ist – Beispiel George Courtline – nicht die Erste und Einzige, die an der Kinderfront Klartext redet: «Eine der deutlichsten Auswirkungen der Anwesenheit eines Kindes im Hause seiner Eltern besteht darin, dass unbescholtene Personen vollständig verdummen, während sie ohne ihren Nachwuchs nichts als simple Einfaltspinsel gewesen wären.»

Ob das alles ernst gemeint ist? Sagen wir es mal so: Hin und wieder schimmert die Lust am puren Unfug aus Maiers Schluß-jetzt!-Manifest durch: «No kid. Das ist ein Ziel, das wir nur erreichen können, wenn wir alle solidarisch sind: Wenn wir alle wachsam sind, dringt kein Spermium bis in die Eizelle sind …»

Buchankündigung auf der Verlagshomepage von Rowohlt

Wird sicher ein erfolgreicher Titel, obwohl die Forderung nach weniger Kindern in Deutschland doch eigentlich Eulen nach Athen tragen heißt. Aber alle, die sowieso keine Kinder haben (wollen), werden sich mit einem solchen Buch aufmunitionieren können.

Nach der Leseprobe liest sich der Text übrigens sehr viel langweiliger, als die Ankündigung vermuten ließe.

Auf Spittelau zu




Die großen Möglichkeiten

Haben oder Sein,
Erstreben oder Empfangen
Werke oder Glauben,
sein Glück machen oder sein Glück finden.

Jesus sagt: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Mt. 6,33

Am Himmel

Unterschied

Das Kleine bringt uns zum Lächeln, das Große zum Staunen.

Ausblick

Beim Guru

Der Guru sitzt in seinem Schaukelstuhl und schaukelt. Er macht das energisch, er gibt richtig Gas. Er ist sechsundachtzig, klein, dünn und zahnlos. Der eingefallene Mund mildert die Strenge seines Cäsarengesichts. Seine schütteren weißen Haare passen gut zu der weißen Baumwollhose und dem überlangen, weißen indischen Hemd. Er schaukelt barfuß. Morgenlicht fällt in den Raum, der an­genehm temperiert ist. Durch die offenen Fenster kommt der Wind herein und zirkuliert. Ein frischer, sauberer Wind vom Meer. Man kann es von hier sehen, wenn man am richtigen Fenster steht. Acht Stockwerke unter uns hupen die Straßen von Bombay. Etwa dreißig Leute sind heute beim Guru. Die wenigsten von ihnen sind Inder. Sie sitzen auf Stühlen, auf dem Boden, an der Wand. Wer eine Frage hat, setzt sich direkt vor ihn und bekommt ein Mikrofon angesteckt, wie im Fernsehen. Der Guru trägt auch eins am Hemd. Eine Video­kamera läuft. Die CD kann man mitnehmen.
»Wie heißt du?« fragt Ramesh.
»Tim«, sage ich.
»Aha, Tim. Und du kommst aus ... ?«
»Deutschland.«
»Aha, Tim aus Deutschland. Und was kann ich für dich tun, Tim?«
»Ich schreibe Reisebücher.«
»Ich verstehe.«
»Und jetzt bin ich gerade auf einer Weltreise.«
»Ich verstehe.«
»Und mein Problem ist, dass ich mich nicht entscheiden kann, wie es weitergeht. Ob ich mit dem Zug oder mit dem Flieger nach Kalkutta will.«
Ramesh unterbricht abrupt sein Schaukeln und richtet sich ein wenig auf.
»Und warum, Tim, glaubst du, dass ich dir darauf eine Antwort geben kann? Bin ich ein Reisebüro?«
Alle im Raum lachen, den Guru selbst schüttelt es vor Heiterkeit, ich lache auch ein bisschen mit, obwohl mir nicht wirklich danach zumute ist.
»Nein, Ramesh, es geht im Grunde nicht um Zug oder Flugzeug, es geht nicht darum, wofür ich mich nicht entscheiden kann. Es geht um das Nichtentscheidenkönnen an sich, als psychologische Fehlfunktion oder als schwacher Charakterzug oder als Geburtsfeh­ler, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mich nie entscheiden kann. In der Liebe, im Beruf, in allem eigentlich, und das bringt ex­trem viele Probleme mit sich. Es ist ein Fluch in meinem Leben.«
»Ich verstehe.«
Ramesh schaukelt wieder.
»Also, Tim, ich denke, dass es so etwas gibt. Es gibt Menschen, die sich nicht entscheiden können. Und wenn das bei dir so ist, Tim, dann ist das dein Weg. Dann ist das so von Gott gewollt, oder vom Urknall, oder wie immer du die Quelle von allem Existierenden nennen willst. Weißt du, was. ich an deiner Stelle tun würde, Tim?« Ramesh unterbricht wieder sein Schaukeln und richtet sich auf. Er macht eine Handbewegung, die mir bekannt vorkommt. »Wenn ich mich nicht entscheiden könnte, Tim, würde ich eine Münze werfen. Denn niemand kann behaupten, dass Menschen, die es mit einer Münze tun, weniger erfolgreich sind als Menschen, die sich auf traditionelle Weise entscheiden.«
Im Raum explodiert das Lachen aus drei Dutzend Kehlen. Dies­mal lache ich nicht halbherzig mit, auch nicht aus vollem Herzen. Ich lache überhaupt nicht. Ich starre Ramesh an und fasse es nicht. Er hat mit ein paar Sätzen so etwas wie ein Wunder vollbracht.

Aus Helge Timmerberg: In 80 Tagen um die Welt, Berlin 2008 (zit. n. dem Auszug in mobil. Das Magazin der Deutschen Bahn 06/2008, S. 75).