Das Cover: edelmattiert schwarz. In geprägten Versalien, blutrot, der Titel: NO KID. Der Untertitel verrät, dass man sich definitiv nicht verlesen hat: «40 Gründe, keine Kinder zu haben.» Corinne Maiers Buch polarisiert. Für die einen ist es ein Pamphlet, polemisch, aggressiv, schreiend ungerecht. Andere bejubeln es als längst überfällige Streitschrift wider den Kinderwahn: scharfzüngig, streitlustig und ungemein amüsant. Bevor wir uns der Skandalschrift zuwenden, sollte man eines über die Autorin wissen: Sie ist zweifache Mutter.Das Recht auf Faulheit
In ihrer Heimat ist die Französin Corinne Maier, 44, bekannt wie ein bunter Hund. Als sie 2004 – in Anspielung auf Françoise Sagans Bonjour Tristesse – ihr Buch Bonjour Paresse (dt. Die Entdeckung der Faulheit) veröffentlichte, war sie auf einen Schlag bekannt. Die Politologin, Volkswirtin und Psychoanalytikerin hatte offenbarin ein Wespennest gestochen. In ihrer subversiv-komischen Streitschrift ruft sie unverhüllt zur «inneren Kündigung» auf – und verrät die besten Tricks einer risikolosen Minimierung von Arbeitsstress und -verdruss. Das ließ sich ihr Arbeitgeber, der Energiekonzern EDF, nicht gefallen und entließ Maier – um kurz darauf die Kündigung zurückzunehmen. Was dem Erfolg der Provokation selbstredend keinen Abbruch tat: Das Faulheits-Brevier wurde in Frankreich eine Viertelmillion Mal verkauft und in 30 Sprachen übersetzt.
Nach der Untergrabung der Arbeitsmoral hat sich die streitbare Pariserin einer neuen Mission verschrieben, der Untergrabung der Reproduktionsmoral. 40 Argumente gegen Kinder, 40-mal Hardcore. Der Körper nach der Geburt: ein ästhetisches Wrack. Kinder: die treuesten Komplizen des Konsumkapitalismus. Sorgen ohne Ende, finanzieller Ruin. Ausschlafen, Spontaneität, guter Sex? Vorbei.
Deutsche, trotzt dem Kinderwahn!
«Nichts ist so unerträglich wie das Geschwätz von Eltern, die völlig baff sind, dass es ihnen gelungen ist, einen Menschen zu erschaffen. – Verfallen Sie nicht in die Idiotensprache, die man mit Kindern spricht. – Eltern-Kind-Dialoge sind wie Dinner für Spinner – und das siebenmal die Woche. – Warum sich für eine zukünftige Randgestalt der Gesellschaft den Arsch aufreißen? – Ein Kind ist nicht immer nur Liebestöter, sondern oft auch Lusttöter. – Wenn ich das Wort Pädaogik höre, hole ich gleich die Knarre raus (oder meinen Kugelschreiber). Pädagogik ist die Kunst, jemanden übers Ohr zu hauen, ohne dass er es merkt …»
Nein, eines kann man der No-Kid-Aktivistin nicht unterstellen: sich bei irgendjemandem beliebt machen zu wollen. Corinne Maier ist – Beispiel George Courtline – nicht die Erste und Einzige, die an der Kinderfront Klartext redet: «Eine der deutlichsten Auswirkungen der Anwesenheit eines Kindes im Hause seiner Eltern besteht darin, dass unbescholtene Personen vollständig verdummen, während sie ohne ihren Nachwuchs nichts als simple Einfaltspinsel gewesen wären.»
Ob das alles ernst gemeint ist? Sagen wir es mal so: Hin und wieder schimmert die Lust am puren Unfug aus Maiers Schluß-jetzt!-Manifest durch: «No kid. Das ist ein Ziel, das wir nur erreichen können, wenn wir alle solidarisch sind: Wenn wir alle wachsam sind, dringt kein Spermium bis in die Eizelle sind …»
Buchankündigung auf der Verlagshomepage von Rowohlt
Wird sicher ein erfolgreicher Titel, obwohl die Forderung nach weniger Kindern in Deutschland doch eigentlich Eulen nach Athen tragen heißt. Aber alle, die sowieso keine Kinder haben (wollen), werden sich mit einem solchen Buch aufmunitionieren können.
Nach der Leseprobe liest sich der Text übrigens sehr viel langweiliger, als die Ankündigung vermuten ließe.
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