Montag, 22. Februar 2010

Das Choralorakel

Seit meiner Kindheit singe ich Kirchenlieder, beim Spazierengehen und beim Abwasch, unter der Dusche und im Auto. Das kommt wie von selbst, ich brauche mir keine Gedanken darüber zu machen. Wenn ich wissen will, wie es mir geht, muss ich mich nur darauf konzentrieren, welches Lied ich eben vor mich hin summe: "Herz und Herz vereint zusammen"? "Erleuchte mich, o ewigs Licht"? Oder doch "Hilf, Herr meines Lebens, dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin"?

Was mag es nur bedeuten?

Grübelbild am Bauzaun

Mitte? Mittelmaß? Wie fad!

Ach, die Mitte: Das klingt immer gleich nach Langeweile. Spannend ist es dort, wo es kracht und blitzt und alle Emotionen im Spiel sind – an den Rändern. Den happy few kann man Neid oder Bewunderung entgegenbringen, man kann sich über ihren Reichtum und ihre Exzentrik erregen und sich freuen, wenn sie abstürzen. Denen da unten kann man Mitleid und Mitgefühl entgegenbringen, auch von Elend und Armut geht Faszinationskraft aus. Aber die Mitte – darüber lässt sich nicht viel sagen, die Mitte ist Spießerland. Es gibt sie nun einmal, aber sie ist der Rede meist nicht wert.

Obwohl sich die Mehrheit der Deutschen soziologisch in der Mitte aufhält und sie ausmacht, beflügelt und inspiriert sie die Schriftsteller und Filmregisseure recht wenig. Vom Durchschnitt scheint kein Glanz auszugehen. Obwohl es doch, wie jeder weiß, kein vertrackteres Wesen als den sogenannten Kleinbürger gibt, regt er kaum zu besonderer Observation und Erforschung an
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Aus: Thomas Schmid, Die Mitte, das unbekannte Wesen der Gesellschaft, Kommentar in der WELT

Das ist wohl wahr. Das Normale ist so normal, so langweilig, keiner großen Gedanken wert. Und dabei ist es doch der gangbarste Weg für das gelingende Leben. "Nichts zu sehr", die alte griechische Weisheit gilt doch nach wie vor. Aber dass der Mittelweg der goldene sei, wer kann das schon glauben?

Ein erster Sonnentag im Türkenschanzpark