Sonntag, 8. März 2009

Neulich, in der Monarchie



Die Spitzensorte der Kaffeerösterei Jakobs heißt in Deutschland "Krönung", in Österreich aber "Monarch"...
Das Wort "Monarchie" ist hier noch in aller Munde, als ob der 1. Weltkrieg erst vor wenigen Monaten zu Ende gegangen wäre. Franz Joseph und Sissy sind die einzigen Gestalten österreichischer Geschichte, die auch meinen Schülern höchst präsent sind.

Die Männerwelt will betrogen werden

Im Grunde ist Boris Hager ein Angler. Wen er am Haken hat, den lässt er nicht so einfach los. Klar, der eine oder andere Fisch entwischt ihm schon mal. Aber bei der großen Masse, bei den dicken Brummern, bei denen es sich lohnt, hartnäckig dranzubleiben, da lässt er nicht locker. Da ist Boris Hager knallhart. Trotz seines jungen Alters, gerade mal knapp über 20 ist er. Und trotz seines netten Auftretens. Geschäft ist nun mal Geschäft.

Boris Hager ist natürlich kein Angler im Wortsinne. Er ist, wie er sagt, im SMS-Business. Und sein richtiger Name lautet auch ganz anders. Weil es in diesem Geschäft rau zugeht, möchte er nicht, dass sein Name in der Zeitung auftaucht. "Sonst steht vielleicht mal einer mit 'nem Baseballschläger vor meiner Tür", sagt er. Berichten möchte er trotzdem. Darüber, wie dubiose Anbieter von SMS-Chats die Sehnsüchte von Menschen ausnutzen. Und darüber, mit welchen Tricks diese Branche arbeitet.

"Chatte mit Julia (20)"

Los geht es meist mit einem Werbespot, zum Beispiel auf einem Musiksender wie MTV. "Chatte mit Julia (20)", werben die Anbieter von sogenannten Telekommunikationsmehrwertdiensten in den Spots. Gezeigt wird meist eine attraktive junge Frau mit wahlweise blonden oder brünetten Haaren und einem mutmachenden Lächeln. "Sende 'Julia' an fünfmal die Fünf", sagt die Stimme im Spot. Und wer dann zum Handy greift, Julia eintippt und die SMS an fünfmal die Fünf schickt - ja, der zappelt schon im Netz von Boris Hager.

Der junge Mann ist "Julia (20)". Er antwortet auf die SMS. Aber nur, sofern er Dienst hat. Wenn nicht, dann kann es auch sein, dass eine Hausfrau, Ende 30, reagiert. Oder ein Rentner. "Ich muss alles sein", sagt Hager. Julia (20) oder auch "Manuela (30)". Wenn Hager Dienst hat, dann bedient er mehrere SMS-Chats parallel. Hagers Ziel ist es, sein Gegenüber in einen Dauerdialog zu verwickeln. Denn für jede SMS, die der Fisch in Hagers Netz abschickt, kassiert der Chat-Anbieter, also Hagers Auftraggeber, etwas mehr als einen Euro.

Hager muss sein Gegenüber dazu bringen, möglichst viele SMS zu senden. Denn für jede Kurzmitteilung zahlt der Kunde 1,99 Euro. Hager schickt eine SMS zurück: "Ich habe dir ein Bild von mir angehängt. Kannst du es sehen?", lässt er seine Julia fragen.

"Natürlich hänge ich beim ersten Mal kein Bild an", sagt Hager. Und selbst wenn er ein Bild schickt, ist das eines aus einer großen Datenbank, auf die Hager von seinem PC zu Hause aus zugreifen kann. Dort geht er seiner Nebenbeschäftigung nach. Am Vormittag besucht Hager die Schule, macht Abitur. Nachmittags und abends schiebt er Dienst. SMS-Dienst. Kontakt mit anderen "SMS-Moderatoren", so nennen sich die Trickser und Täuscher, hat er kaum.

Marco Völklein: "War 'ne tolle Nacht. Sehn wir uns wieder?" Über SMS-Chats zocken dubiose Anbieter Menschen mit ihren Sehnsüchten ab. Ein Aussteiger berichtet, mit welchen Tricks sie arbeiten, Süddeutsche Zeitung 7.3.2009

Impression

Liebevoll dekoriert

... zum Weltgebetstag in unserem Gemeindesaal. Die Texte stammten dieses Jahr aus Papua-Neuguinea.

Was auf einmal alles geht...

Im Kampf gegen das zunehmende Rauschtrinken Jugendlicher wollen die Tankstellenbetreiber Minderjährigen künftig keinen Alkohol mehr verkaufen. Kassencomputer sollen das Personal warnen, wenn Alkohol oder Zigaretten über den Ladentisch gehen. Die Mitarbeiter der 15 000 Tankstellen deutschlandweit sollen nun eine Online-Schulung zum Jugendschutz erhalten. Laut dem Tankstellenverband falle es vielen Mitarbeitern schwer, Jugendlichen den Verkauf zu verwehren.

Mit den geplanten flächendeckenden Ausweiskontrollen bis zu einem geschätzten Alter von 25 Jahren gebe die Branche ein Vorbild, sagte die Drogenbeauftragte Sabine Bätzing (SPD). Der Trend zum exzessiven Trinken ist ungebrochen. Mehr als 23 000 unter 20-Jährige wurden im vergangenen Jahr mit Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt - so viele wie nie zuvor.

Der Vorstandschef des Mineralölwirtschaftsverbands, Uwe Franke, appellierte an die Tankstellenpächter, die Vorhaben umzusetzen: "Wenn nichts geschieht, wird es zu Verboten von Verkäufen kommen." (...)

welt.de

Ein Verkaufsverbot für Alkohol an Tankstellen würde eine empfindliche Umsatzeinbuße für die Pächter bedeuten, die ja schon lange nicht mehr vom Benzinverkauf leben.
Aber die Frage bleibt: Warum fällt es ausgerechnet den Beschäftigten an Tankstellen so schwer, das Verbot des Verkaufs von Alkohol an Juigendliche umzusetzen? Wahrscheinlich fürchten sie Randale...

Lutherhof bei Nacht

Unterschiede

Als Gott der Herr die Trompete des Jüngsten Gerichts hatte erschallen lassen: da standen die Deutschen ausgerichtet in zwei Reihen, mit einem besonders zuwidern Kerl vor der Front; die Engländer kamen pünktlich und gelassen angestelzt, ihre Köpfe trieben sie mit Golfschlägern vor sich her; aus der Ecke der Franzosen hörte man gar fröhliches Hämmerklopfen: sie schlugen sich kleine Löcher in die dritte Querrippe, um ihre Bändchen darin unterzubringen; die Schweizer brummelten, aufgeweckt seien sie noch nie gewesen; die Spanier blieben liegen und sagten: »Mañana! Morgen!« und die amerikanische Abteilung des Friedhofs hatte illuminiert:

    Heute Jüngstes Gericht!
    Das jüngste der Welt!
    Von Pastor Higgins von der Chicagoer Sonntagsschule vorausgesagt!
    Pastor Higgins und lieber Gott persönlich anwesend!

Als Gott der Herr dies aber alles mitansah, da jammerte ihn der Affenstall, und er vertagte die Sitzung auf unbestimmte Zeit.

Kurt Tucholsky

 Peter Panter: Nationales         Die Weltbühne, 13.10.1925, Nr. 41, S. 570 
[Kurt Tucholsky: Werke und Briefe: 1925. Tucholsky-GW Bd. 4, S. 236) (c) Rowohlt Verlag]

Erinnerung ans Mittelmeer

Deutsche Pfarrer in der Schweiz

Die vor wenigen Monaten erfolgte Kündigung des Pfarrehepaars in Speicher ist noch nicht verblasst. Etwas länger zurück liegt ein Knatsch in Reute. Und jetzt knallt's bereits wieder in einer reformierten Appenzeller Kirchgemeinde, diesmal in Rehetobel. Ausgerechnet die Vertreterinnen und Vertreter jener Institution, die einen Beitrag zur Menschlichkeit leisten will, geraten sich regelmässig in die Wolle. Eines scheint allen drei Konflikten gemeinsam: Bevor es zu einem Flächenbrand kam, brodelte es lange im Verborgenen. In Speicher war die Rede von einem Konflikt mit einer Katechetin, in Reute soll es unterschiedliche Auffassungen über die Ausübung des Pfarramts gegeben haben, in Rehetobel werden Kommunikationsprobleme und unterschiedliche Lohnvorstellungen geltend gemacht.

Ebenso augenfällig: In allen oben erwähnten Kirchgemeinden sind deutsche Pfarrerinnen oder Pfarrer betroffen. Nur Zufall? Es regt zumindest an, mal darüber nachzudenken, denn: Die Mentalität und die Anstellungsbedingungen für Pfarrpersonen unterscheiden sich in der Schweiz frappant von jenen in Deutschland. Während in der reformierten Kirche Deutschlands vom hiesigen Standpunkt aus betrachtet eher ein landesherrlicher Kirchenkult herrscht, ist die Schweizer Kirche basisdemokratisch organisiert. Folglich ist die Leitungsstellung eines Pfarrers in einer deutschen Gemeinde viel ausgeprägter als hierzulande. Kommt hinzu, dass in unserem Nachbarland ein reformierter Pfarrer nach der Ausbildung nicht direkt mit der Kirchgemeinde einen Arbeitsvertrag abschliesst, sondern mit der Landeskirche. Diese wiederum nimmt eine Pfarrerin oder einen Pfarrer jedoch nur unter Vertrag, wenn sie eine Stelle anbieten kann. Besonders speziell: «Das Dienstverhältnis wird jeweils auf Lebenszeit begründet», ist im Kirchengesetz zu lesen.

Davon ist die Schweiz weit entfernt – und die evangelisch-reformierte Landeskirche beider Appenzell besonders weit. Sie markiert unter den Kantonalkirchen derzeit gar einen Sonderfall. Im Zuge einer neuen Kirchenverfassung im Jahr 2000 ist der kaum mehr aufzulösende «Beamtenstatus» von Pfarrpersonen in ein Dienstverhältnis mit beidseits kündbarem Arbeitsvertrag umgewandelt worden. Auch wenn die Kirchenleitung damals schrieb, die neue Verfassung ermögliche eine Weiterentwicklung der Kirche, schwächte diese Änderung de facto die Stellung der Pfarrpersonen. Sie sind seither im Appenzellerland punkto Legitimation nicht mehr auf gleicher Stufe wie die Verwaltung, die in der Regel für vier Jahre gewählt wird. Mögen die Schweizerinnen und Schweizer damit einigermassen umgehen können, ist diese Situation für deutsche Pfarrer mit stärkerem Amtsbewusstsein eine grosse Herausforderung – und manchmal wohl auch Überforderung. Sie sind sich von ihren Wurzeln her eher gewohnt, «Chef» zu sein. Diese Konstellation birgt Konfliktpotential, will aber nicht heissen, jeder Knatsch gipfle in einer Kündigung. In Rehetobel hat die Kirchenvorsteherschaft das Feld geräumt.

Aufgrund unterschiedlicher Kirchenvorstellungen und Mentalitäten keine Pfarrpersonen mehr aus Deutschland zuzulassen kann kaum die Lösung sein. Schliesslich gibt es viele Kirchgemeinden, in denen sich deutsche Pfarrpersonen gut integriert haben – auch hierzulande. Neuste Zahlen des Pfarrvereins, wonach fast 40 Prozent aller evangelisch-reformierten Pfarrpersonen im Appenzellerland Deutsche sind, untermauern diesen Fakt.

Ferner ist der Grenzverkehr auch eine Win-Win-Situation. In Deutschland studieren mehr Leute Theologie, als der Markt braucht. In der Schweiz präsentiert sich die Situation umgekehrt. Der Markt ist ausgetrocknet. Ohne Zuzug von deutschem Personal hätten viele evangelisch-reformierte Kirchgemeinden (auch katholische Pfarreien) keine Seelsorgenden mehr. Ob nun allerdings eine kündbare Anstellung oder die Anstellung für einen klar fixierten Zeitraum besser ist, bleibt dahingestellt. Auch Zweiteres sehen etliche Kantonalkirchen nicht als das allein glückseeligmachende Prinzip. Denn: Je sicherer sich eine Pfarrperson fühle, desto grösser sei die Gefahr, dasssie sich auf den Lorbeeren ausruhe.

Mit der Verabschiedung eines Konzepts für die Begleitung von Pfarrpersonen mit ausländischen Berufsabschlüssen hat die evangelisch-reformierte Kantonalkirche beider Appenzell sicher einen guten Ansatz gefunden, die Integration von deutschen Pfarrpersonen zu unterstützen. Abgesehen davon wird jedoch die Volksmehrheit die Glaubwürdigkeit der Kirchenvertreterinnen und -vertreter – Angestellten wie Laien – daran messen, ob sie auch vorleben, was sie predigen: Versöhnung.

Roger Fuchs: Werden deutsche Pfarrer zur Hypothek?, St. Galler Tagblatt 7.3.2009

Jeder auf seinem Weg

Schulrituale heute

Ein Mädchen an der Bugenhagen-Schule in Hamburg ist zur Flüsterkönigin gekrönt worden. Was das soll? Sie war besonders leise, fand ein Mitschüler. Vor gar nicht langer Zeit wurden die Störer wird vom Lehrer noch in der Ecke gestellt, stattdessen wird nun der oder die Rücksichtsvolle mit einem Ehrentitel bedacht – und zwar von einem anderen Kind.

Schulrituale haben generell keinen guten Ruf mehr. Es kommen ungute Gefühle auf,  Angst oder zumindest Langeweile. Denn meist waren sie Mittel zur Strafe, Demütigung oder dazu, alle auf eine Linie zu bringen. Nachdem die Prügelstrafe abgeschafft wurde, stellte man Disziplin her, indem Tadel ins Klassenbuch eingetragen wurden. Um die Klasse einzuschüchtern, standen einzelne Schüler an der Tafel und mussten vorrechnen. Jeder kennt die Qual. Manche Rituale waren aber auch einfach nur langweilig.

Wenn zum Beispiel alle Schüler, Stühle scharrend aufstanden und  im Chor grölten: "Guten Morgen, Frau Lehrerin!" Nach dem "Setzen" scharrten die Kinder wieder. Immerhin wusste nun jeder Bescheid: Freizeit ist vorbei, der Unterricht beginnt. Diese Signale braucht man auch heute noch. Doch statt strammzustehen, erzählen die Grundschulkinder im Morgenkreis, wie es ihnen geht. Und das sogar auf Englisch. Der Anspruch ist, die Schüler nicht mehr zu demütigen und zu strafen sondern zu ermuntern, selbst Verantwortung zu übernehmen. (...)

Parvin Sadigh: Neue Schulrituale: Flüsterkönig und Morgenrunde, Zeit Online 6.3.2009

Mitten in Hernals...

... das Jörgerbad, ein wunderschönes Jugendstilhallenbad.