Donnerstag, 23. Juli 2009

Die Schangse

Feuilletonisten unter sich

– Na, Kinners, wo wir schon mal so schön zusammensitzen hier im "Berliner Krug". . .

– Sozusagen Treffen von Deutschlands Spitzenfeuilletonisten. . .

– Du sachst es. . .

– Also: Welche Operninszenierungen der letzten Säsong mochtet ihr am meisten?

– Ganz klar: Tilman Knabe in Köln mit Camille Saint-Saëns’ "Samson und Dalila". Blut, Vergewaltigung und Mord im Gaza-Streifen. Massenhaft streikten Chormitglieder, weil sich die Gräuel auf ihre Mägen schlugen.

– Dufte. Aber nüscht gegen Jens-Daniel Herzog. "Lohengrin" im Kino. Russisches Roulette statt Schwertkampf. Offenlegen der tieferen Bedeutungsschichten. . .

– Mensch, Karl-Mathias, wir sind hier alle vom Fach, Du kannst das Schwurbeln lassen. Das ist nur für unsere Leser. Hier haste die Schangse, mal Klartext zu reden.

– Logo. Aber dieser "Lohengrin". . . Mann. . . !

– Na, nu krieg’ Dich wieder ein. Wer Calixto Bieitos "Armida" hier in Berlin nicht gesehen hat, hat gar nüscht gesehen.

– Recht haste. Kopulation, Sado-Maso. . .

– . . .überall Penisse . . .

– . . .Strangulierung der Madonna . . .

– Das hat mit dem ollen Christoph Willibald Gluck nüscht mehr zu tun gehabt. Das war Regie pur. Total abgelöst vom Stück. Echt steil!

– Kinners, ihr seid lieb, aber ihr habt null Ahnung. Ich sah da ’was in Österreich . . .

– Was? In Ösitanien? Die spielen auch Oper?

– Ja. Und wie! Kennste Wels?

– Klar, mit Basilikum. Aß ich in Gent, wo ich wegen ’ner Bieito-Premiere war . . .

– Dumpfbacke! Ich meine den Ort bei Linz. Dort hamse "Lohengrin" gespielt. Just so, wie Wagner es wollte. Mystische Gestalt, Konflikt Christentum-Heidentum. Frage nach dem Wesen eines Menschen. Total psychologisch. Weißte, dass ich zum ersten Mal richtig auf die Musik hörte?

(Betretenes Schweigen.)

– Neeeeee, Wagner pur ist mir zu radikal.

– Kinners, das wäre nüscht für mich. Da müsste ich ’ne Ahnung von Musik haben.

– Lieber schwurbeln. Liest sich intellektueller.

– Werkgerechte Regie . . . Menschenskind, wenn sich das durchsetzt, merkt mein Chef, dass ich ’ne Flöte nicht von ’ner Fuge unterscheiden kann, und ich sitze wieder in der Anzeigenabteilung.

– Ade Dienstreisen und Premierendiners.

– Unsere Treue heißt Regietheater.

– Genau. Da weiß man, was man schreibt, wenn man vom Metier auch null Ahnung hat.

Wiener Zeitung, Printausgabe vom Samstag, 11. Juli 2009

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