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Mittwoch, 14. Juli 2010

Schnäppchen-Disneyland

In Wien ist gut einkaufen, insbesondere im Textilbereich. Schon in der Stadt gibt es jede Menge "Outlets", als Abverkaufsstellen verschiedener Marken, Ketten und Fabriken. Aber das wahre El Dorado soll dieses Parndorf im Umland sein.

Donnerstag, 13. Mai 2010

Geld

"Bevor Sie sich etwas kaufen, fragen Sie sich: Wenn mir jemand den Gegenwert in Geld geben würde, würde ich das Geld nehmen? Wenn ja, lassen Sie den Kauf bleiben." Diesen Rat fand ich im Blog "Die andere Seite. Nützliche Gedanken für Andersdenkende" (von Martina Lasar
und Ewald Brunmüller). Ein sehr radikaler Gedanke, keine Frage. Wenn man sich wirklich diese Frage stellte, würde man allen nicht zum Überleben nötigen Konsum wohl einstellen. So mein erster Gedanke.
Aber weiter gedacht: Natürlich würde ich das Geld nehmen. Wozu? Vielleicht um genau dies Etwas zu kaufen. Geschenkt nähme ich es also gern. Vielleicht wäre dann die Conclusio, dass ich diesen Gegenstand wirklich gern haben möchte. Und dann kaufe ich ihn mit noch mehr Überzeugung.
Es hilft alles nichts: Wir kaufen einfach gerne, weil uns das Kaufen als solches ein Beweis eigener Lebendigkeit ist. Consumo, ergo sum. Der Erwerb von Dingen steht dabei oft gar nicht im Vordergrund, so kommt es mir vor. "Ich kauf mir was" - wer mit diesem Gedanken loszieht, der hat ja gar nicht ein bestimmtes Etwas im Sinn, sondern frönt einfach der Lust am Geldausgeben.
Dokumentarfilme im Religionsunterricht stoßen bei den Schülerinnen und Schülern nicht immer auf Begeisterung, aber ich habe es (immer wieder erlebt), dass es bestimmte Beiträge gibt, die einfach aufgrund ihres Inhalts bzw. Themas massiven Widerstand und Widerspruch auslösen. Das ist so bei einer Dokumentation mit dem Titel "Leben ohne Geld", in dem es um Tauschringe und dergleichen geht. Dieser Film löst geradezu Aggressionen aus. Geld ist für uns moderne Menschen kein Tauschmittel, sondern einfach der Inbegriff von Lebendigkeit und Möglichkeiten. Schon im Jahre 1900 nannte Georg Simmel ja die psychologische Bedeutung des Geldes in der Neuzeit "das größte und vollendetste Beispiel für die psychologische Steigerung der Mittel zu Zwecken" (Philosophie des Geldes, ein in diesen Tagen des Leidens an der hochblühenden Spekulation äußerst lesenswertes Buch).

Dienstag, 11. Mai 2010

Wie war das mit der stabilen Währungspolitik?

"Das Bundeskabinett will heute einen Gesetzentwurf zum deutschen Anteil am Rettungsschirm für die Euro-Länder auf den Weg bringen. Deutschland haftet mit bis zu 123 Milliarden Euro, allerdings befürchtet die Opposition, dass sich diese Zahl noch erhöhen könnte. Alle beteiligten Staaten zusammen sollen insgesamt Kreditgarantien über 750 Milliarden Euro aufbringen. Wenn andere Länder aber nicht zahlten, werde der deutsche Beitrag weiter steigen, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Oppermann. Er warf Bundeskanzlerin Merkel vor, das wahre Ausmaß der Krise verschleiert zu haben. Bei Wirtschaftsexperten stößt das Rettungsprogramm auf Kritik.Der Wirtschaftsweise Schmidt sagte der 'Bild'-Zeitung, es passiere nun das Gegenteil von dem, was Deutschland sich bei der Einführung des Euro unter stabiler Währungspolitik und einer unabhängigen Notenbank vorgestellt habe. Der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung warf den Regierungen vor, sie hätten sich nur Zeit gekauft. Bundesbankpräsident Weber kritisierte den Ankauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank. Dies berge erhebliche stabilitätspolitische Risiken, sagte er der 'Börsen-Zeitung'."

Aus den Morgennachrichten des Deutschlandfunks

So geht Europa also unter. Unsere armen Kinder. Vermutlich sollte alles noch einmal neu beginnen. Alle zurück an den Start, aber das geht eben nur im Spiel. Neustart des Programms, so einfach wäre das am Computer. Der Ruf nach einem allgemeinen Schuldenerlass wurde bislang immer nur für Staaten der früher so genannten "Dritten Welt" laut. Inzwischen täte ein solcher Schuldenerlass auch der Euro-Zone gut, wenigstens in ihrem südlichen Abschnitt. Kinder, wie die Zeit vergeht und die Welt sich verändert! Das wahre Ausmaß dieser Krise wird von den meisten Menschen wohl gar nicht wahrgenommen. Die machen sich Sorgen um Vulkanausbrüche, fiebern der Fußball-Weltmeisterschaft entgegen oder fragen sich ganz schlicht, wie sie die nächste Stromrechnung bezahlen sollen. Es ist die alte Vogel-Strauß-Politik: Uns wird es schon nicht treffen - oder jedenfalls nicht so schlimm. Andere werden es bezahlen müssen - vermutlich unsere Kinder und Enkel.

Montag, 10. Mai 2010

Neues für die Trauer

Trauer darf sich wieder sehen lassen

Gewinnerin des wichtigsten niederländischen Bestattungspreises präsentiert auf der BEFA den parlAmore-Trauerknopf

Nach langer Abwesenheit gibt es wieder ein Trauersymbol: den parlAmore Trauerknopf, entworfen von Marian van Essen. Auf einem runden Edelstein aus Onyx oder Jaspis trägt man einen Knopf eines Kleidungsstücks von einem lieben Verstorbenen. Marian van Essen hat so ein erkennbares und sehr persönliches Trauersymbol geschaffen.

Ein normaler Blusenknopf inspirierte die Amsterdamer Künstlerin Marian van Essen parlAmore zu entwerfen. 'Wenn man sich bewusst macht, wie oft ein Hemdknopf vom Verstorbenen zu Lebzeiten berührt wurde, wird dieser normale Knopf plötzlich sehr vertraut und intim.' Des Weiteren war sie von der Idee angetan, dass jeder Verwandte des Verstorbenen einen Knopf erhalten kann.

Am Samstag, den 27. März hat Marian van Essen den Yarden Stimulans entgegengenommen. Dieser alle zwei Jahre für innovative Ideen für Lebensende und Bestattung verliehene Preis ist mit 5.000€ dotiert. In der Jury waren u.A. vertreten die niederländische Theologin und Fernsehmoderatorin Jacobine Geel und Manu Keirse, Professor und Trauer-Experte an der Medizinischen Fakultät der belgischen KU Leuven.

Aus der Begründung der Jury:

Eine gut ausgeführte, ausgereifte Idee. parlAmore ist ein Impuls, alte Traditionen zu modernisieren. Die Kombination des universellen Designs mit dem persönlichen Akzent ist wunderbar. Der Knopf ist sehr kommunikativ, das lädt zum Gespräch ein. Dieses Projekt berücksichtigt in hohem Maße die individuelle Gestaltung und ist einem großen Publikum zugänglich. Alles ist mit Sorgfalt, Aufmerksamkeit und Respekt gefertigt. Ein qualitativ hochwertiges Produkt, das mit etwas Unterstützung für eine landesweite Ausarbeitung bereit ist.

Neues Konzept

Das Konzept von parlAmore, mit einem Knopf als Andenken, spricht offenbar viele Menschen an, ungeachtet des Alters und des Glaubens, auch Menschen mit einem streng-protestantischen oder islamischen Hintergrund. Das kommt daher, dass in diesem neuen Trauersymbol nichts vom Körper des Verstorbenen verarbeitet wird, auch keine Asche. Damit ist es ein Trauersymbol, das für alle geeignet und erkennbar ist und das verbindend wirken kann.

Trauer kann krank machen

Trauer findet oft im Verborgenen statt, aber immer mehr Trauernde zeigen sich. In der Wissenschaft befasst man sich momentan viel mit der Zeit nach der Bestattung, der Trauerarbeit. Vor allem, seitdem man festgestellt hat, dass Trauer krank machen kann. Aus etwa zehn Studien, die vor einigen Jahren in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ zusammengefasst wurden, geht hervor, dass Menschen, die gerade Witwe oder Witwer geworden sind, ein größeres Risiko haben, selber frühzeitig zu sterben. Bei Eltern, die ein Kind verlieren, haben Mütter das größte Risiko. Man kann also buchstäblich an einem gebrochenen Herzen sterben. Also ist es gut, der Trauer mehr Aufmerksamkeit zu schenken, konkludiert „The Lancet“.

Dienstag, 9. Februar 2010

Missbrauch von Musik

Wiederholung ist der Feind alles Erhabenen. Manches schöne Musikstück ist durch unzähliges Abspielen unerträglich geworden. So geht es mir mit Mozarts "Kleiner Nachtmusik" und leider auch mit manch anderem klassischen Stück oder Thema. "Abgenudelt" ist ein Ausdruck für dieses Phänomen. "Es kommt mir zu den Ohren heraus. Ich kann es nicht mehr hören."

Dann gibt es Stücke, die durch Missbrauch in Verruf geraten sind, durch ständigen Gebrauch in fremden Zusammenhängen. Das gilt etwa für jene bekannte Sequenz aus „Les Préludes“ von Franz Liszt, die der deutschen Wochenschau 1940 bis 1945 als Erkennungsmelodie für die Meldungen aus "Oberkommando der Wehrmacht" diente. Für eine bestimmte Generation stellen sich die Erinnerungen wohl fast unausweichlich ein. Und wer kann noch Charpentiers Te Deum hören, ohne gleich an die "Eurovision" zu denken und (unbewusst) eine internationale Fernsehübertragung zu erwarten?

Noch schlimmer ist es, wenn wir durch den Einsatz von bestimmten Musikstücken in Werbespots so konditioniert werden, dass unsere Assoziationen beim Hören einer Melodie auf ein bestimmtes Produkt ausgerichtet werden. Georg Kordick notiert anlässlich eines Opernbesuchs treffend im Blog zone-g: "Der Zauber der Arie (sc. Puccinis 'Nessun Dorma') ist für immer dahin. Das gleiche passierte damals mit 'La donna è mobile', die mittlerweile unterbewusst immer noch Appetit auf Schokochrossies oder Tiefkühlpizza macht."

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Weise Worte ener Beraterin

Warum es wichtig ist, Widersprüche zuzulassen und mit der eigenen Unsicherheit sowie jener der anderen umgehen zu lernen, darüber sprach die systemische Beraterin Roswita Königswieser im Interview


STANDARD: Was heißt Gelassenheit?

Königswieser: Die Balance zwischen Zu- und Loslassen halten zu können. Wer zu viel zulässt, hat keine Identität mehr, und wer zu viel loslässt, hat kein Profil.

STANDARD: Heißt das, dass wir - bevor wir uns der Gelassenheit annähern - unser Profil stärken müssen?

Königswieser: Ja. Der erste Schritt ist, ehrlich zu sich selbst zu sein, seine Stärken und Schwächen zu benennen. Der Begriff des "Einkehrhaltens" greift zu kurz. Es ist ein Entwicklungsprozess. Die Voraussetzung dafür ist aber Selbsterkenntnis. Je stabiler der eigene Kern ist, umso eher kann ich etwas Neues zulassen oder etwas Vertrautes loslassen.

STANDARD: Darum fällt es uns so schwer, gelassen zu sein?

Königswieser: Ich denke, wir leben in einer Illusion von Sicherheit. Wir haben Versicherungen, Garantien für die Arbeit und Vollbeschäftigung. Es gibt keine absolute Sicherheit im Leben. Das verunsichert. Die Fähigkeit, das Leben als unsicher zu akzeptieren, und den Umgang mit Unsicherheit haben wir nicht gelernt.

STANDARD: Und aktuell ist die Verunsicherung auf einem Höhepunkt.

Königswieser: Durch die Krise werden all diese Ängste verstärkt. Auch in den Organisationen, in denen wir zurzeit arbeiten, wird dieser Zustand der Unsicherheit häufig als unzumutbar erachtet.

STANDARD: Wie aber lernt man mit Unsicherheit umzugehen?

Königswieser: Indem man sich mit den eigenen Ängsten konfrontiert, durch einen, wenn Sie so wollen, Desillusionierungsprozess geht, sich bewusst macht, dass Sicherheit ein Konstrukt ist, und mit Menschen, denen man vertraut, über seine Unsicherheiten spricht. Diese Gespräche bringen Entlastung, Orientierung, Gelassenheit.

STANDARD: Jetzt halten uns Systemiker aber zu positiven (Zukunfts-)Bildern an. Ist das kein Widerspruch?

Königswieser: Stimmt. Wir denken aber grundsätzlich in Polarisierungen. Was ist das Gute im Schlechten? Was ist das Schlechte im Guten? Nach Aufzeichnen eines Worst-Case-Szenarios eröffnen sich einem auch Alternativen. Man kann dadurch Ängste zugeben und sie dann eher wieder loslassen.

STANDARD: Die aktuelle Situation ist aber, dass viele Menschen sich an ihren Arbeitsplatz klammern ...

Königswieser: Menschen versuchen, wenn sie in Drucksituationen sind, im Normalfall mehr des Gleichen zu machen, was aber gar nichts bringt. Hier ist eine andere Wahrnehmung der Situation wichtig, eine Umdeutung, der Versuch einer qualitativ anderen Problemlösung.

STANDARD: Wozu raten Sie Führungskräften, die selbst unsicher sind, aber dennoch Zuversicht verbreiten sollen? Ein Dilemma, nicht?

Königswieser: Ja. Und vielen geht es damit sehr schlecht. Hat man aber eine positive Grundhaltung als Basis, ist es auch einfacher, zu sagen, dass die Planungsmöglichkeiten zwar gering sind, allerdings Prozesssicherheit da ist - im Sinne von „Wir thematisieren unsere Unsicherheit". Und an diesem Punkt gehen Sicherheit und Unsicherheit zusammen.

Die Krise mobilisiert einerseits Ängste, sie bringt aber andererseits Chancen mit sich, essenzielle Themen aufzugreifen. Es ist jetzt an der Zeit, sich wieder Sinnfragen zu stellen, jetzt, wenn man aufgerüttelt ist und mit dem allgemeinen Druck zu kämpfen hat. Das ist das Gute im Schlechten.

Heidi Aichinger: "Gelassenheit beginnt mit Erkenntnis", DER STANDARD, Printausgabe, 24. - 27.12.2009, S. K1.


Wenn diese Gedanken nicht von einer Wirtschaftsberaterin, sondern von einem Theologen geäußert würden, hieße es sicher sofort: "Da sieht man es wieder. Die Kirche will die Leute erst klein machen und dann noch ihre Lage in ihrem Sinne umdeuten."

Dienstag, 1. Dezember 2009

"... gesetzlich geschützt." Wenigstens in der Regel

Religion ist ein kontroverses Thema in diesen Krisenzeiten: Kruzifixe, Minarette, Burka und Tschador - und in Deutschland jetzt einmal mehr die Frage des Sonntags. Hier hat das Bundesverfassungsgericht eine bemerkenswerte Entscheidung getroffen, die dem völligen weltanschaulichen Einerlei, der Taubheit gegenüber den Stimmen von Herz und Seele und dem wahnsinnigen Dienst am Götzen Konsum wenigstens einen kleinen Damm entgegenstellt.

So schützt man die christliche Religion. Nicht, indem man wie in der Schweiz der muslimischen Minderheit verbietet, ihre Gotteshäuser entsprechend ihren Glaubenstraditionen zu bauen – nämlich mit Minarett! – sondern indem man sicherstellt, dass die christliche Mehrheit den prägenden Einfluss auf Grundordnungen des gesellschaftlichen Lebens behält. Also nicht durchs Beschneiden der Religionsfreiheit bei einer Minderheit, sondern durchs Bewahren der religiösen Mehrheitskultur.

Zu dieser Mehrheitskultur gehört die Einteilung der Woche in sechs Arbeitstage und einen freien Tag, den christlichen Sonntag, laut Bibel der Tag der Auferstehung. Dem folgt auch das Grundgesetz, das hierbei den Artikel 139 der Weimarer Reichsverfassung übernimmt, wo es klipp und klar heißt: „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“

Angesichts dieser Bestimmung blieb den Karlsruher Richtern gar nichts anderes übrig, als das Berliner Ladenöffnungsgesetz zu kippen. Denn das sieht verkaufsoffene Sonntage nicht etwa als Ausnahme vor, sondern macht sie im Advent zur Regel, weil da nämlich in der Hauptstadt durchgehend verkauft werden kann, vom 1. Advent bis zum Mittag des 24. Dezembers in einer Tour, ohne einen einzigen Tag der Unterbrechung. In einer christlich bedeutsamen Zeit, dem Advent als Vorbereitung auf die Geburt Christi, wurde da der Sonntagsschutz komplett abgeräumt.

Dadurch aber, so haben die Kirchen mit Recht argumentiert, wird zahlreichen Beschäftigten im Handel die Möglichkeit genommen, Adventsonntage frei zu gestalten und sie so einzurichten, wie es christlichem Lebensprinzip entspricht: Kirchgang am Morgen, am Nachmittag Zeit für Gemeinschaft in der Familie oder in der Gemeinde, für Singen, Vorlesen, Nachdenken. Es ist ein Stück Religionsfreiheit, solches tun zu können. Diesem Recht gegenüber sind Einschränkungen begründungspflichtig. Es muss also ein besonderer, zusätzlicher Anlass, ein höheres Interesse bestehen, um jenes Recht einzuschränken. Ein solches höheres Interesse aber ist nicht erkennbar, wenn wie in Berlin der gesamte Advent zur verkaufsoffenen Zeit wird.

Die Karlsruher Richter haben das Vorweisen eines solchen höheren Interesses übrigens für das ganze Jahr gefordert und damit deutlich gemacht, dass die Sonntagsruhe grundsätzlich die Regel und eine Ladenöffnung nur eine Ausnahme ist, für die es stets besondere Gründe geben muss. Die werden sich zuzeiten wohl finden lassen – Stadtfeste oder besondere Gegebenheiten durch den Tourismus –, aber man muss sie anführen können und darf nicht einfach sagen, Kaufen und Verkaufen seien im Grunde dasselbe wie das Freihaben am Sonntag. Nein, das Freihaben geht vor.

Montag, 12. Oktober 2009

Findige Chinesen

Ein Unternehmen aus China vertreibt künstliche Jungfernhäutchen für frisch verheiratete Frauen in Ägypten - und sorgt bei konservativen Politikern für Empörung.

Frauen, Ägypten, AFP

Verschleierte Frauen in Kairo. Ägypterinnen haben laut Verfassung die gleichen Rechte wie Männer, doch die Realität sieht oft anders aus. (Foto: AFP)

Chinesische Firmen machen in Afrika blendende Geschäfte. Doch ein Produkt aus Fernost sorgt nun für extrem viel Ärger in Ägypten: Es geht um ein künstliches Jungfernhäutchen. Das Kunststoff-Hymen soll frisch verheirateten Frauen ermöglichen, dem Ehemann zur Not die eigene Jungfräulichkeit vorzutäuschen.

Konservative ägyptische Politiker sind empört und fordern das Verbot des Produktes. Scheich Sajed Askar, Mitglied der einflussreichen Muslimbruderschaft, sagte, das künstliche Jungfernhäutchen würde ägyptische Frauen in Versuchung führen. "Es wäre eine Schande, wenn die Regierung dieses Produkt zuließe", heißt es auf der Website der islamisch-fundamentalistischen Bewegung, die 88 Sitze im Parlament hält.

Süddeutsche Zeitung 6.10.2009


Samstag, 26. September 2009

Der Piefke-Faktor

Wie sehr beeinflussen die Deutschen unseren Alltag: das Stadtbild, die Arbeitswelt, die Nachbarschaft und unsere Sprache? Eine kleine Bilanz zur deutschen Bundestagswahl am Sonntag.

Eigentlich sind sie ganz schön viele, die Deutschen in Wien. Doch ohne große Anlässe (EM) fallen sie kaum auf. Eine Ausnahme war der gestrige Freitag: Eine Woche nach Start des Münchner Originals wurde beim Heurigen Zimmermann in Döbling das (eintägige) „Wiener Oktoberfest“ begangen, mit entsprechender Deutschendichte. Auch morgen, Sonntag, ist die Chance, auf Deutsche in Großgruppen zu treffen, hoch: Einige Lokale (darunter nicht unbedingt typisch deutsche, denn die gibt es in Wien kaum) laden zum Public Viewing zur deutschen Bundestagswahl. Anlässlich der deutschen Bundestagswahl gehen wir der Frage nach: Wie beeinflussen die Deutschen Wien und Österreich?

1 Sind die Deutschen denn wirklich so viele?

Durchaus. Nach den Serben und den Türken stellen sie in Wien die größte Gruppe an Nichtösterreichern. 27.759 deutsche Staatsbürger sind laut Statistik Austria in Wien gemeldet, vor fünf Jahren lebten erst knapp 16.100 Deutsche hier.

Der rasante Zuzug der vergangenen Jahre hat sich in Wien, wie auch im Rest Österreichs, aber mittlerweile eingependelt – und wird sich, so Stephan Marik-Lebeck von der Direktion Bevölkerung (Statistik Austria), „kurz- und mittelfristig nicht wesentlich verändern. Die Zuwanderung aus Deutschland nach Österreich ist in den vergangenen Jahren zwar stetig gewachsen, seit 2006 bleibt sie aber relativ konstant.“ Rechnet man die Wegzüge (Studienabsolventen etc.) ab, kommen etwa 10.000 Deutsche pro Jahr nach Österreich. Die Wahrscheinlichkeit, deutsche Nachbarn zu haben, ist übrigens im dritten Bezirk am höchsten: Hier leben wienweit die meisten Deutschen, gefolgt von der Leopoldstadt und Döbling.

2 Wie und wo prägen Deutsche das Stadtbild?

Ein typisch deutsches Grätzel gibt es in Wien, anders als etwa ein asiatisches (Kettenbrückengasse), nicht, wohl aber ein paar Lieblingslokale. Die Xing-Gruppe „Piefke Connection“, ein Netzwerk für Deutsche, die in Österreich leben, hält ihren Stammtisch im Xpedit Kiosk oder im Glacis-Beisl im MQ. Auch die Cafés rund um den Yppenplatz, den man eher als Treffpunkt der türkischen Community zählt, sollen bei Deutschen beliebt sein.

Mehr als Flaktürme

Architektonisch haben die Deutschen das Bild Wiens durchaus mitgeprägt. Wenn auch vielleicht anders als erwartet. Wer bei „deutschen Bauwerken“ an die NS-Zeit denkt, hat zwar recht – die Flaktürme der Stadt wurden 1942 bis 1945 nach den Plänen des deutschen Architekten Friedrich Tamms errichtet. Einerseits. Andererseits war der deutsche Einfluss vor allem früher und anderswo – entlang des Rings – wesentlich größer. So manches Gebäude an der Ringstraße wurde von bekannten Deutschen entworfen. Das Rathaus hat Friedrich von Schmidt geplant. Das Burgtheater gegenüber war eine deutsch-österreichische Koproduktion: Der Grundriss stammt vom bekannten deutschen Architekten Gottfried Semper, die Fassade vom Wiener Karl von Hasenauer. Semper war auch am Ausbau der Hofburg (Neue Burg) beteiligt. Und danach? Zeitgenössische deutsche Architektur in Wien ist „vor allem verglichen mit der Präsenz deutscher Architekten in Wien im 19. Jahrhundert eher rar“, sagt Gabriele Kaiser, Kuratorin im Architekturzentrum Wien.

3 Wie sehr braucht unsere Wirtschaft die Deutschen?

Ein Sonntag im September auf der Türlwandhütte am Fuße des Dachstein. Die Trachtenkapelle Ramsau gibt auf der Terrasse ihr traditionelles Herbstkonzert, viele Touristen sind gekommen. Eine Kellnerin im Dirndl nimmt die Bestellung auf. Und antwortet auf die Frage, was denn die Wilderersuppe beinhalte, in breitem Bundesdeutsch und tiefstem Ernst: „Na, Wildererfleisch!“

Deutsche in Österreich – alles (ostdeutsche) Gastarbeiter im Tourismus? Der Schein trügt, sagt die Statistik des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger. So arbeiteten mit Stichtag Ende August zwar 11.400 Deutsche im Tourismus, aber auch 12.000 in der erzeugenden Industrie und 10.000 im Handel. Der Rest verteilt sich auf so ziemliche alle Branchen.
Das deckt sich auch mit der Erfahrung von Jockel Weichert, Exil-Münchner und Gründer der 600 Mitglieder zählenden Gruppe „Piefke Connection Austria“ auf der Webplattform Xing. Der kennt besonders viele Kreative – Werber, Grafikdesigner, Schauspieler und Leute aus dem Filmgeschäft. Er ortet auch Architekten, Analysten aus der Finanz- und Versicherungsbranche und natürlich Mitarbeiter deutscher Großkonzerne. Beliebt ist die Alpenrepublik dabei auch unter Deutschlands Studenten. Nach den Niederlanden und Großbritannien ist es das beliebteste Zielland; im Wintersemester 2008 waren hier 17.432 deutsche Studierende inskribiert.

Deutschland ist auch mit Abstand Österreichs wichtigster Handelspartner. 2008 gingen 30Prozent der Exporte nach Deutschland, 40Prozent aller Importe kommen von dort. Manches beäugt man mit gemischten Gefühlen. „Wenn deutsche Firmen österreichische kaufen, tut das besonders weh“, so Oliver Kühschelm vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. Gleichzeitig seien die Deutschen als Retter den Österreichern im Zweifelsfall doch lieber.

Für den Wiener Tourismus sind deutsche Gäste nach wie vor ein Hauptmarkt. Nur aus Österreich selbst kommen noch mehr Besucher nach Wien. 2008 besuchten fast 890.000 Deutsche die Stadt.

4 „Voll krass“? Verdrängt das bundesdeutsche Deutsch das österreichische?

Die Antwort darauf ist eine sehr österreichische, nämlich: schon ein bisschen. Zwar gibt es keine Studien, die die Wirkung des Bundesdeutschen auf das Österreichische messen, sagt Ulrike Kramer von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Aber Beobachtungen sprächen für einen zunehmenden Einfluss – zwar nicht auf die typisch mehrdeutige Sprechweise, aber doch aufs Vokabular. Daran ist einerseits, wie so oft, das Fernsehen schuld. 55 Prozent der heimischen Fernsehteilnehmer haben via Satelliten, 38 Prozent via Kabel Zugang zu deutschen Programmen.
Eine andere Eintrittsstelle ortet Kramer in der Jugendkultur. „Zicke, Zoff, krass, Klamotten, irre – diese Ausdrücke waren vor zehn Jahren unter Jugendlichen nicht so gebräuchlich“, sagt sie. Die Begriffe sind nicht zuletzt ein Ausdruck der Globalisierung: Wenn Christl Stürmer ein „ziemlich ausgeprägtes Bundesdeutsch“ singt, wie Kramer findet, hat sie den großen Absatzmarkt der Nachbarn im Auge. Das typisch Deutsche werde von Teenagern auch als Provokation eingesetzt: „Jugendliche merken, dass bundesdeutsche Wendungen genau wie Anglizismen Erwachsene stören.“

Charmant sein genügt nicht

Allerdings sagen auch volljährige Österreicher schneller „lecker“, als sie denken. „Wenn es Sprachkontakt gibt, beeinflusst zumeist die Sprache mit dem höheren Prestige die andere“, sagt Kramer. Zwar hört man „so halt“ oder „Pickerl“ für Vignette inzwischen auch in Deutschland, aber generell gilt: Das Österreichische wird – auch von Österreichern – zwar als charmant, aber eben nicht als regelkonform empfunden.
Sehr selbstbewusst werden die Österreicher, vor allem die Wiener, allerdings wenn es um „ihr“ Burgtheater geht. Nicht ständig, aber immer wieder gebe es Beschwerden, erzählt Pressechefin Konstanze Schäfer, dass „zu Deutsch“ gesprochen werde. Tatsächlich besteht die Hälfte des Ensembles aus Deutschen (den Direktor nicht miteingerechnet) bzw. Schweizern. Nachvollziehen kann Schäfer, selbst eine Deutsche, den Vorwurf aber nicht: „Es gibt seit jeher – sieht man von Nestroy oder Horváth-Stücken ab – eine Standardsprache auf der Bühne.“ Und zwar eine, na ja, eher bundesdeutsche.


Mirjam Marits, Teresa Schaur-Wünsch und Ulrike Weiser: Deutsche in Österreich: Der Wiener "Piefke"-Faktor, "Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2009

Montag, 7. September 2009

Konvervative Berufswünsche österreichischer Mädchen

"Frisörin, Bürokauffrau oder Einzelhandel". Das ist eine Antwort, die Eva Bauer von Mädchen auf die Frage nach ihren Berufswünschen oft bekam. Eva Bauer war zwei Jahre für den Salzburger Girls' Day tätig und arbeitete somit daran, das Auswahlspektrum an Berufen für junge Frauen und Mädchen zu vergrößern und Möglichkeiten in technischen Berufen aufzuzeigen. Mädchen ab 11 Jahren können seit 2001 an dem Aktionstag in verschiedenste technische Berufe schnuppern und so Interessen und Fähigkeiten ausloten. Der Girl´s Day findet mittlerweile österreichweit statt und wird von jedem Bundesland selbst organisiert.

Bevor Eva Bauer Ende Oktober ihre Tätigkeit als Girls' Day-Projektleiterin beendet, sprach dieStandard.at mit ihr über ihre Erfahrungen, "konservative" Jugendliche und die Auswirkungen von Initiativen wie dem Girls' Day auf den Arbeitsmarkt.

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dieStandard.at: Wie schätzen Sie den Einfluss von Initiativen wie den Girls' Day ein: Können solche Projekte eine Trendwende auf dem Arbeitsmarkt bewirken?

Eva Bauer: Derartige Initiativen haben zumindest eine Trendwende angestoßen. Dass es neben dem Girls' Day auch Projekte gibt wie MUT ("Mädchen und Technik") oder speziell in Salzburg das Projekt meet ("Mädchen entdecken EDV und Technik"), das auch ganzjährig durchgeführt wird, werte ich als positives Signal und dass die Notwendigkeit geschlechtersensibler Berufsorientierung erkannt wird. Aber von einer generellen Trendwende kann man noch nicht sprechen, dazu müssten die Initiativen noch verstärkt und ausgebaut werden.

dieStandard.at: Ist Ihrer Erfahrung nach den Mädchen bewusst, dass sie in einem "typischen Frauenberuf" schlechtere Verdienstmöglichkeiten haben?

Eva Bauer: Gute Verdienstmöglichkeiten stehen bei den Mädchen nicht im Vordergrund. Sie wählen in erster Linie nach ihren Fähigkeiten und Interessen aus, die von den Mädchen oft als eingeschränkter wahrgenommen werden als sie es tatsächlich sind. Geprägt von den stark vorhandenen Rollenbildern ist für viele zumindest die Richtung, die sie einschlagen wollen, schon sehr früh klar. Die Palette an Lehrberufen, aus denen die Mädchen dann wählen, kommt aus einem sehr eingeschränkten Spektrum, in dem man niedrigere Gehälter bezieht, wie etwa im Sozialbereich, im Einzelhandel oder als Bürokauffrau und Frisörin. So etwas stellen sich die meisten Mädchen für sich vor. Wenn man sie allerdings fragt, was sie beispielsweise in ihrer Freizeit machen, kommt dann schon "ich spiele sehr gern Computer". Auf die Frage, ob sie sich vorstellen können, einen EDV-Beruf zu ergreifen, kommt dann aber: "Nein, das kann ich nicht." Es kostet viel Mühe, die Mädchen zu überzeugen, dass sie bei der Berufswahl eben jene persönlichen Interessen berücksichtigen sollten.

dieStandard.at: Was den Verdienst anbelangt: Sehen sich die Mädchen manchmal schon in der Rolle der "Zweitverdienerin" oder "Zuverdienerin"?

Eva Bauer: Ja, die Vorbereitung auf die spätere Rolle der Mutter spielt sicher eine Rolle. Die Burschen beeinflusst wiederum die Vorstellung, später mal eine Familie erhalten zu müssen.

dieStandard.at: Sind die Jugendlichen tatsächlich so konservativ?

Eva Bauer: Ja, was die Berufswahl betrifft, sind sie sehr konservativ. Es ist ja auch eine Tatsache, dass viele Eltern nach wie vor mit sehr traditionellen Rollenverteilungen leben und Frauen nur geringfügig oder Teilzeit arbeiten. Dass es umgekehrt ist, wird noch immer als Ausnahme wahrgenommen. Auch Heirat und Kinder bekommen hat einen großen Stellenwert. Es ist natürlich begrüßenswert, dass sich die Mädchen mit Familienplanung beschäftigen, allerdings werden dabei Beruf und Verdienstmöglichkeiten wenig berücksichtigt und so werden bei der Berufswahl auch meist nur die Klassiker Einzelhandel, Gastronomie oder Büro in Betracht gezogen.

(...)

dieStandard.at: Wo sehen sie Möglichkeiten, den Girls' Day noch zu verbessern?

Eva Bauer: Initiativen wie der Girl´s Day oder auch FIT ("Frauen in die Technik") sind auf eine Ausweitung des Spektrums der Berufswahl und Chancengleichheit ausgerichtet. Was aber derzeit noch ausgeklammert wird, ist, dass auch Mädchen mit Beeinträchtigungen technische Berufe ergreifen möchten. Diese Mädchen werden meiner Meinung nach noch nicht ausreichend angesprochen. Wenn man Firmen etwa fragt, ob sie barrierefrei sind, wird oft schnell nein gesagt, weil davon ausgegangen wird, dass damit eine Rollstuhlrampe gemeint ist. Dass aber auch Mädchen in einen Betrieb kommen könnten, die beispielsweise eine Sehbeeinträchtigung haben, daran wird nicht gedacht. Dadurch werden Mädchen mit Beeinträchtigungen ziemlich ausgeschlossen. Viele wissen auch beispielsweise gar nicht, dass beeinträchtigten Personen ArbeitsplatzassistenInnen zur Seite gestellt werden können, die von den Bundessozialämtern finanziert werden. Für den Raum Salzburg ist 2007 eine Studie erschienen, die diese Problematik sehr gut aufzeigt und auch eine Reihe von Maßnahmen vorschlägt. Der Girl´s Day könnte eine gute Möglichkeit sein, dahingehend einiges zu verbessern.

(...)

ieStandard.at: Hören Sie öfters den Einwand, dass mit Projekten wie dem Girl´s Day Burschen diskriminiert werden?

Eva Bauer: Ja, sehr oft. Für Außenstehende ist oft nicht klar, dass es überhaupt nicht darum geht, Burschen aus Berufen zu verdrängen. Es geht darum, junge Frauen überhaupt mal auf bestimmte Berufe aufmerksam zu machen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Mädchen zwar Interesse an dem einen oder anderen technischen Beruf haben, sich aber schlichtweg nicht trauen, um einen Schnupperplatz anzufragen. Für so etwas ist der Girls' Day sehr hilfreich, sie müssen selbst nicht anrufen und können das alles über uns machen. Vor kurzem erst ist es erst passiert, dass ein Mädchen bei einer Autowerkstätte angerufen hat, wo ihr gesagt wurde, dass sie generell keine Mädchen aufnehmen. Natürlich ruft dieses Mädchen als nächstes in einem Büro an. Der Zugang ist einfach nicht derselbe, den Burschen haben. (Die Fragen stellte Beate Hausbichler, dieStandard.at, 6.9.2009)

Meine Erfahrungen bestätigen diese Einschätzung völlig. Österreich ist nach wie vor ein konservatives Land, die Ideale und Lebensvorstellungen der Jugendlichen hier sind sehr viel traditioneller als etwa in Deutschland.


Den Machos keinen Meter - in Finnland

Testosteron-Überschuss oder völlig verunglückte Ironie - eine plausible Erklärung für seine Entgleisung hatte der Verkaufschef von Audi Finnland, Esko Kiesi, am Ende selbst nicht. "Meine undurchdachten Äußerungen und der Schaden, den ich angerichtet habe, tun mir leid", teilte Kiesi in einer öffentlichen Erklärung mit. Sein Versuch, die Macho-Sprüche als lustigen Unernst hinzustellen, hatten zuvor die Empörung noch angeheizt.

Stein des Anstoßes war ein Interview in einer Sondernummer der finnischen Frauenzeitschrift "Anna", in dem Kiesi munter drauflos geplappert hatte: Der Spruch "Technische Jobs können Frauen ohne die Hilfe eines Mannes ohnehin nicht bewältigen" war dabei eine der moderaten Aussagen. Doch damit ließ es Kiesi nicht bewenden. "Das Aussehen eines Autos hängt stark von den Rädern und der Aufhängung ab. Bei einer Frau sind es die Schuhe", erklärte der Audi-Manager den verdutzten Journalistinnen.

Der Manager gab auch seine Überzeugung zum Besten, dass eine Frau ihre Form verliere, "wenn die Absätze unter sieben Zentimetern" seien. Und die Qualität einer Beziehung zwischen Frau und Mann lässt sich laut Kiesi leicht ermitteln: "Weigert sich eine Frau, zu bügeln und sauberzumachen, wird der Beziehung bald die Luft ausgehen."

Auch sonst scheint der Manager eher vom alten Schlag zu sein. Das Portal Finnland on Line zitierte ihn mit der Aussage, ein Frauenratgeber von 1948 liefere die einzig wahre Antwort darauf, welches das perfekte Alter einer Frau sei: das Alter des Mannes geteilt durch zwei plus sieben. "Eine geeignete Frau für Kiesi, der 59 Jahre alt ist, wäre demnach 36 bis 37 Jahre alt", rechnet das Portal süffisant vor.

Audi geht auf Distanz

Dass dann nach Kiesis Auffassung Frauen wegen ihrer zu starken Emotionalität nicht für Führungspositionen geeignet seien, war schließlich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Ein Sturm der Entrüstung brach los, vor allem im Internet schäumten Leserinnen und Leser ob des "Chauvinismus".

Am Donnerstag schließlich beugte sich Kiesi dem öffentlichen Druck und gab seinen Posten auf. Ein Audi-Sprecher bemühte sich, die Distanz klarzustellen: Solche Aussagen spiegelten ganz und gar nicht das Verhältnis des Herstellers zu Frauen wieder und seien eine persönliche Meinung von Herrn Kiesi. Audi Finnland ist ein eigenständiger Importeur, der nicht zum Ingolstädter Konzern, sondern zur VW-Gruppe gehört.

Ob sein Rücktritt ganz freiwillig oder mit Nachhilfe der obersten Spitze der VW-Tochter erfolgte, wurde nicht bekannt. Pekka Lahti, Chef von VW-Auto, erklärte nur, dass die Äußerungen von Kiesi dem Ansehen der Marke Audi geschadet haben. Auch Kultusminister Stefan Wallin kommentierte den Rücktritt mit Genugtuung: "Das zeigt, dass so etwas in Finnland nicht länger toleriert wird."

spiegel.de

Hätten solche Äußerungen in Mitteleuropa eigentlich ähnliche Konsequenzen?

Mittwoch, 2. September 2009

Zu Tode gesichert auf dem Weg nach unten

Schon auf dem Weg nach unten? Zumal sehr viel darauf hindeutet, dass selbst ein geordneter Schuldenabbau den langen wirtschaftlichen Abstieg Europas nicht mehr verhindern kann – den dürften wir nämlich längst anzutreten begonnen haben. Das heißt nicht, dass Europa vor der Verarmung stünde – die Bewohner des Alten Kontinents werden noch über Jahrzehnte hinaus überproportional wohlhabend bleiben. Das Problem liegt allerdings darin, dass die Bevölkerung überaltert und schrumpft. Was wiederum bedeutet, dass die Financiers der Wohlfahrtsstaaten sukzessive ausdünnen, während die Zahl jener Menschen, die immer höhere Forderungen an die abnehmende Zahl von Aktiven stellt, rasant wächst.

Zu lösen wäre dieses Dilemma über immer neue Schulden oder eine deutliche Steigerung der Produktivität. Letzteres wiederum geht nur über Innovationen. Und genau da scheint Europa längst nicht mehr die erste Adresse zu sein. Es ist kein Zufall, dass Bill Gates und Steve Jobs nicht aus Wuppertal oder Palermo kommen und die großen europäischen Pioniere allesamt im letzten Jahrtausend lebten.

Zu Tode gesichert. Obwohl die sozialen Sicherungsnetze nirgendwo so dicht geknüpft sind wie in Europa, fürchten sich die Menschen nirgendwo in der Welt so vor Risiko wie in unseren Breiten. Wer wirtschaftlich scheitert, ist ebenso der sozialen Ächtung ausgesetzt wie jemand, der reich wird. Der unternehmerische Erfolg wird vielerorts noch immer als unverschämter Diebstahl an der Solidargemeinschaft verstanden – ungeachtet des Umstands, dass die Allgemeinheit ohnehin die Hälfte der Risikoprämie (Gewinn) des Unternehmers einstreift. Jedenfalls dürfte das nicht gerade das Umfeld sein, in dem jene Innovationen entstehen, die unser aller Wohlstand dauerhaft sichern.

Aber sehen wir die Sache einmal positiv. Die tobende Krise bringt nicht nur die Wohlfahrtsstaaten Europas in Schwierigkeiten, sie beschleunigt auch den wirtschaftlichen Aufstieg jener Länder, deren Menschen bis dato wenig zu lachen hatten. Schon heuer geht das Wachstum der Weltwirtschaft fast zur Gänze auf das Konto der aufstrebenden Märkte Asiens und Südamerikas. Die drei teuersten Banken der Welt kommen mittlerweile aus dem roten China – wer hätte das vor zehn Jahren für möglich gehalten? Prognosen zufolge werden 2025 fünf der zehn größten Volkswirtschaften der Welt aus der Gruppe der heutigen Schwellenländer kommen. Das heute von Korruption zerfressene Indien soll dann zur Nummer drei der Welt aufgestiegen sein (hinter den USA und China).

Jung, gebildet, hungrig nach Erfolg. Mit einem Durchschnittsalter von 24,9 Jahren ist Indien vor allem eines: jung. Laut Klaus Malle von Accenture Österreich stehen dem Land mit einer halben Milliarde Menschen im erwerbsfähigen Alter doppelt so viele Arbeitskräfte zur Verfügung wie der gesamten EU. Knapp drei Millionen Inder verlassen jährlich eine Universität, womit nicht einmal der Bedarf der Hightechsektoren gestillt werden kann. Dennoch wird sich Indiens Wirtschaftsleistung in den nächsten 15 Jahren verfünffachen.

Gemessen an der Wirtschaftsleistung pro Kopf werden die Helden von morgen den wohlhabenden Europäern noch länger unterlegen sein. Allerdings zählen allein China und Indien mehr als 123 Millionen Mittelschichthaushalte – das ist mehr als die Anzahl aller Haushalte in den USA. Im Jahr 2025 werden über die Hälfte aller Elektronikgeräte, Autos, Nahrungsmittel und Textilien in den aufstrebenden Märkten verkauft. Die Verbraucher in China, Indien, Russland, Südkorea, Brasilien und Mexiko werden jüngsten Schätzungen zufolge in 15 Jahren 25 Billionen Dollar für Konsumgüter ausgeben – und damit mehr als die Menschen in den USA, Japan und Westeuropa.

Der Gartenzaun als Messlatte. Während die Bewohner der unterprivilegierten Regionen in der Marktwirtschaft den schnellsten und sichersten Fluchtweg aus der Armut sehen, warnen in Europa durchaus intelligente Zeitgenossen vor dem „ungezügelten Kapitalismus“, der den Sozialstaat zerstöre. Und das in Ländern, in denen die öffentliche Hand der größte Wirtschaftsfaktor ist, in denen 30 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung für Soziales ausgegeben und 50 Prozent Einkommensteuer eingehoben wird.

Wenn mitten in der Wirtschaftskrise zur Sicherung des Wohlstandes angeregt über die Einführung der 35-Stunden-Woche diskutiert wird (obwohl sich dadurch die menschliche Arbeitskraft schlagartig um zehn Prozent verteuert), ist schon eine Menge über Europas Zukunftschancen gesagt. Arm ist in unseren Breiten eben nicht, wer kein Dach über dem Kopf oder nichts zu essen hat. Sondern wer nicht mehr mit 58 in Pension gehen darf oder mit einem etwas weniger luxuriösen Lebensstandard zurechtkommen muss als sein Nachbar.

So gesehen ist es nach Jahrhunderten europäischer Dominanz vielleicht kein Fehler, Menschen aus anderen Teilen der Welt am reichlich gedeckten Tisch des Wohlstands Platz zu machen.

Aus: Franz Schellhorn, Europa: Reich und schwach, Die Presse 30.8.2009

Sonntag, 23. August 2009

Anpassung an die Umstände

Game-over in der Verlagslandschaft

Der renommierte Zürcher Ammann Verlag wirft das Handtuch. Die Feuilletons vergießen Krokodilstränen - Dabei dürfte das erst der Anfang sein

Wie sieht ein Autor diese Entwicklung? Ratlos, aber überhaupt nicht verwundert.

Egon Ammann meinte noch bei Ankündigung der Verlagsliquidation: Er wüsste, wie man ein neues System aufbaut, um die an Literatur interessierten Leser zu erreichen. Klubs, Karteikarten, jeden Einzelnen zusammentrommeln. Gut, daran haben auch schon andere gedacht, aber wie viele bringt man, sagen wir (und ich nenne jetzt Klassiker) zusammen für eine neue Edition von Samuel Beckett? Für Flauberts Bouvard und Pécuchet? Für Paul Nizon, Gerhard Amanshauser, Wolfgang Hildesheimer?

Ich habe eben nur aufgeblickt auf das unterste Regal in meinem Büchergestell. Also, wie viele? Wie viele Exemplare hat der letzte Michael Stavariè, der letzte Klaus Merz verkauft? Peter Handke? Adolf Muschg? Christoph Geiser?

Von einigen weiß ich es, und man würde sich wundern. Viele Kolleginnen und Kollegen treffe ich, zusammen mit meiner Wenigkeit, in Ramschkörben an. Wir sind in guter Gesellschaft, doch keiner sagt was. Mit dem Ende von Ammann (und auch demjenigen von Engeler, dem Lyrik-Verleger) hat das eine Menge zu tun. Die Auflagen sind gesunken, und zwar von allen, die sich einbilden, anspruchsvolle Literatur zu schreiben. Stark gesunken - in manchen Fällen in den Bereich der wenigen hundert Exemplare.

Das ist auch bei mir der Fall: Von meinem ersten Buch, Der Großvater, verkauften sich 1985 und später in verschiedenen Editionen (Taschenbuch, Buchklubausgaben etc.) noch über 10.000 Exemplare; von da an dümpelten die Auflagen um die 4500 (mit Taschenbuch), ein Erzählband erreichte noch 1800, zuletzt lagen die verkauften Bücher bei unter 1000. Jeder Autor fragt sich: "Bist du so viel schlechter geworden?" , "Bist du nicht mehr in?" , "Ist dir der Stoff ausgegangen?".

Vielleicht. Doch zunächst einige Tatsachen: 1985 gab es in der Schweiz noch den Buchklub Ex Libris der Lebensmittelkette Migros - und sicher Ähnliches in Österreich und Deutschland. Ex Libris sorgte mit Nachauflagen oft für die Verdoppelung der ersten Ausgabe im Hardcover. Piper, wo meine ersten drei Bücher im Pocket erschienen, baute damals seine Taschenbuchreihe aus, die später erheblich eingedampft wurde: Eingekauft wurde, wie dies übrigens auch Suhrkamp tat und mir ein Lektor dieses Verlags einmal erklärt hat, nach "literarischen Landschaften" : Bestimmte Schweizer, bestimmte Österreicher wollte man haben.

Andere Tatsachen: Bis zu meinem vierten Buch, 1993, wurden alle ausnahmslos in der ganzen Schweizer Presse und in einigen deutschen Zeitungen besprochen. Damals galt es als ausgemacht, dass die Feuilletons sich um die Literatur im eigenen Land zu kümmern hätten. Heute lese ich, nur ein Beispiel, im Zürcher Tages-Anzeiger zwar eine ganze Seite über das Ende des Ammann Verlags, aber sonst tut sich diese Zeitung in ihrem Kulturteil vornehmlich mit Madonna und Michael Jackson, Micky Maus und Tom Cruise, Feuchtgebieten und der Love-Parade hervor. Deshalb sind es in manchen Fällen Krokodilstränen, die jetzt zum Ende von Ammann vergossen werden. Literatur ist auch in den Feuilletons etwas für Ewiggestrige geworden.

Die Krise der Literatur, was ihre Verbreitung anbelangt, hat viel mit dem, sagen wir es neutral, gewandelten Selbstverständnis von Presse und Journalisten zu tun. Verlage, die nicht über sehr gute Beziehungen zu Fernsehen und Presse (oder über sehr gute Pressedamen, wie es noch einige gibt) verfügen, schaffen es mit gewöhnlichen Romanen ohne Aufregungspotenzial nicht mehr an die Öffentlichkeit.

Auch die Verlage haben sich verändert. Ich gehe immer noch vom Jahr 1985 aus, als ich zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Häuser wie Hanser, Suhrkamp, Residenz, Nagel und Kimche, Arche hatten ein klares Profil. Sie veröffentlichten keine Ratgeber, kaum Kriminalromane, keine VIP-Storys, Instantbücher, Leiberl, Scherzartikel usw. Man sah es einem Buch von Hanser nur schon äußerlich an, dass es eines war. Heute lese ich Titel aus diesen Häusern der Art "Wenn wir zu zweit sind, sind wir weniger allein" , "Mord an der Wall Street" , "Glück in sieben Lektionen" .

Dafür finde ich keinen Beckett, keine Gebrüder Goncourt, auch keinen Günter Eich in den Buchhandlungen. Noch vor fünfzehn Jahren gab es in diesen Läden lange Regale mit alphabetisch geordneten Büchern, in denen ich fast alles fand, was ich suchte, mich selbst inbegriffen, zwischen Francis und Franzobel. Heute ist nicht mal mehr Frisch halbwegs komplett, und von Dürrenmatt liegen nur die Kriminalromane herum. Dafür stapeln sich die Forsyth, Wilbur Smith, Clancy ...

Die Lesegewohnheiten haben sich verändert: Ich komme aus einer nicht besonders bildungsnahen Familie (aber Politik und Wirtschaft waren immer Themen, mit den entsprechenden Zeitungen), doch mir wäre nicht eingefallen, falls ich sie in meiner Buchhandlung überhaupt gefunden hätte, nach dieser angelsächsischen Massenware zu suchen. Ich kaufte mir die billigen dtv-Ausgaben von Böll, sogar eine Anthologie österreichischer Autoren von Amanshauser bis Artmann, Handke bis Rosei; die Bachmann im Piper Verlag; Bichsel und Grass bei Luchterhand im Taschenbuch.

Traditionslos

Meine Söhne sind große Leser. Der ältere hat nun das Alter, das ich hatte, als ich alle die Bölls las. Ich versuchte ihn mit Hildesheimers Lieblosen Legenden und Bölls Nicht nur zur Weihnachtszeit anzustecken. Er las je eine Erzählung, aber ... es war nicht seine Welt. Geprägt von digitalen Medien, Fernsehen, Film liest er jedoch ohne weiteres Thriller von 600 Seiten Länge. Alessandro Barrico, der italienische Autor, hat diesen Paradigmenwechsel einmal analysiert: Bis zum Mauerfall (einer Wegmarke für vieles) galt als der Referenzrahmen für die Literatur die Tradition der Literatur selbst. So verhielt ich mich im Alter meines Sohnes: Ich kaufte mir die dtv-Bändchen nach der Lektüre von bestimmten Autoren in der Schule, auf Empfehlung eines anderen Lesenden, auch versuchsweise (dtv hatte ein Profil). Nach Barrico verhält sich heute kein Käufer von Literatur mehr so. Sein Referenzrahmen geht über die Tradition der Literatur hinaus - der Literaturgeschichte zum Beispiel, die er in der Schule gelesen hat - oder sieht gänzlich davon ab. Seine Erwartungen an ein Buch sind geprägt von Actionfilm oder Soap, Comic oder Märchen, House oder Techno, Mode oder Design. Barrico, einem erfolgreichen Autor, gelingt es offenbar, eine Brücke zwischen diesen beiden Polen zu schlagen, zwischen traditioneller und außerliterarischer Erwartung. Oder vielmehr: Es gelang ihm in den Neunzigerjahren, denn heute ist auch er wieder aus der Mode, eben doch zu "literarisch".

Auch ich bin zu literarisch, um auf die andere, die neue Seite des Paradigmas zu gelangen. Das bewiesen Kommentare von Lesern zu meinem letzten Buch, das zwei Erzähler hat. Das genügte schon, damit - durchaus lobend übrigens - der Roman als "experimentell" eingestuft wurde. Egon Ammann, für den es nach seiner Selbsteinschätzung keinen Nachfolger geben kann (nicht nur aus Eitelkeit, sondern weil er mit Literaturvorstellungen aufgewachsen ist wie etwa ich) hat erkannt, dass sein Verlag zu einem billigen HipHop-Unternehmen werden würde, wollte ihn jemand weiterführen. Mit Lektoren, die allenfalls etwas von Literatur verstehen, den Autoren dann aber sagen (müssen): "Sie kommen doch aus Norditalien. Wir haben da ein Projekt über die Polenta ..."

Natürlich schmerzt mich das. Aber gesellschaftliches Denken, das ich mir nicht abgewöhnen kann, hilft mir. Auch historisches: Mir fällt etwa ein, dass um das Jahr 600 nach Christus im römischen Westreich, das von Goten erobert worden war, die Schrift innerhalb von wenigen Jahrzehnten verschwand, weil sie den Eroberern unbekannt war und von ihnen als überflüssig erachtet wurde. Der Mensch passt sich den Umständen an. Und der Autor? Ist auch nur ein Mensch: Einige, die ich kenne, suchen sich jetzt historische Stoffe; versuchen Annäherungen an Paris Hilton; schreiben Wander- oder Pendlerbücher; bilden sich zu Weindegustatoren aus; gehen der Volksmusik nach; werden stilistisch schwächer, aber persönlich stärker, und das heißt: auffälliger. Von den Etablierten, die partout nicht untergehen wollen - und das kann man ihnen ja nicht verübeln -, lernt man ja, wie man Medienskandale inszeniert. Aus der Presse, auch aus den Feuilletons kann man die in der VIP-Lounge angesagten Themen entnehmen. Marktangleichung, Marktanpassung, Marktfähigkeit nennt man das.

Wer nicht mitmacht, muss verstummen. Ammann hat recht, wenn er aufgibt. (Dante Andrea Franzetti, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 22./23.08.2009)

Samstag, 22. August 2009

Wahrsagerei

Ob Kartenlesen, Handlesen oder die Sternendeutung (Astrologie). Viele Menschen sehen diesen alten Ritualen immer noch wohlgesonnen gegenüber, und geben dafür auch Unmengen an Geld aus. Selbst in großer finanzieller Not werden noch Unsummen an Geld ausgegeben, um mit einen sogenannten Hellsehersprechen zu können. Oftmals begibt man sich damit sogar in die Schuldenfalle.

Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass Webseiten, die das Thema Wahrsagen beinhalten wie Pilze aus dem Boden schießen. Auch im TV sind solche Methoden angesagt wie nie. AstroTV zum Beispiel, läuft ununterbrochen auf verschieden Sendern wie 9Live, Das Vierte und weiteren kleinen Sendern. Doch der Sinn solcher Sendungen sollte jedem klar sein. Es geht hier nicht um das wirkliche Vorhersagen von Ereignissenesoterikeines einzelnen Menschen. Bestimmte Situationen, die oftmals im Leben eintreffen werden hier ausgenutzt. Geldmangel, Liebeskummer, Partnersuche und Eheprobleme werden hier oft als erstes ins Spiel gebracht. Das die meisten mit derartigen sozialen Problemen oft schon konfrontiert worden, ist wahrlich kein Scherz. Nur was man ihnen dann für 2 Euro die Minute für Ratschläge, oder besser gesagt Zukunftsaussichten stellt, sind nur erstunken und erlogen. Hier gilt einfach nur, den Betroffenen so lange wie möglich in der Leitung zu halten. Es ist also nicht der Ehrgeiz vorhanden um den Anrufer zu helfen, sondern ihm so viel Euros wie möglich aus der Tasche zu ziehen. Im Zeichen der „Weltwirtschaftskrise“ ein wahrlich lukratives Geschäft.

So auch die bekannte Firma Questico, die sich mit dem selben Thema befasst. Horoskope, Engelkontaktu.s.w. Die perfekte Lebensberatung mit 0% Wahrheitsgehalt. Das unsere Mitbürger reges Interesse an diesem Hokuspokus haben, zeigt der Umsatz der Questico AG aus dem Jahre 2007. Ganze 60 Mio. Jahresumsatz erwirtschaftete man in nur einem Jahr . Für die AG ein wahrlich lukratives Geschäft, für den Verbraucher oftmals ein Finanzdesaster.

Vor allem unsere Frauen sind hier in diesem Bereich die besten Kunden. Ob es an der Leichtgläubigkeit oder sonst etwas liegt sei erst einmal dahingestellt. Jedoch gibt es Fälle, indem man sage und schreibe bis zu 3 Std. amwahrsager Tag damit verbringt, sich mit einem Seher zu unterhalten. Die Rechnung am Ende des Monat fällt dabei dementsprechend hoch aus. Und das man sich solche „Dienstleistungen“ nicht lange, wenn überhaupt leisten kann, ist eine Tatsache. Viele betroffene Menschen sprechen sogar schon von einer Art Sucht. Vielleicht ist dies aber auch das Geschäftsmodell einiger Unternehmen. Sucht ist Abhängigkeit – Abhängigkeit bedeutet regelmäßig, also täglich so oft es nur geht. Da klingeln doch die Kassen dieser Unternehmen. Diese Masche kennen wir doch zu genüge. Tabak und Alkohol sind hier das beste Beispiel. (...)

Aus dem "Abzocke-Blog"

Donnerstag, 30. Juli 2009

Ewige Gegenwart

Im späten Mittelalter waren die Weinbrunnen eine gängige Form der Herrscherrepräsentation. Bei Königskrönungen wurden sie – in bester Innenstadtlage – aufgestellt und spendeten für ein paar Stunden unbegrenzten Alkoholgenuss. Mit Fug und Recht kann man das als Flatrate-Saufen avant la lettre bezeichnen. Das waren aber Ausnahmesituationen. Heute neigt jeder Exzess dazu, zum Normalzustand zu werden. In vielen deutschen Städten ist das unkontrollierte, unlimitierte Trinken, vor allem unter Jugendlichen, zu einem ernsthaften sozialen Problem geworden.

Verschiedene Kommunen, beispielsweise Freiburg, Marburg oder Magdeburg, haben darauf mit zeitlich und räumlich begrenzten Konsumverboten reagiert. An Wochenenden darf in bestimmten Innenstadtvierteln nicht mehr öffentlich Alkohol konsumiert werden. Gerade war jedoch ein Freiburger Jurastudent mit seiner Klage gegen die lokale Regelung vor dem Baden-Württembergischen Verwaltungsgerichtshof erfolgreich; die Folgen des Urteils sind abzuwarten. Just in Baden-Württemberg aber hat die Landesregierung kürzlich ein nächtliches Alkoholverkaufsverbot für Tankstellen, Kioske und Supermärkte beschlossen, um das sogenannte Vorglühen zu bekämpfen, das besonders in entlegeneren Gegenden „Shell Select“ oder „Aral Stores“ am Wochenende zu beliebten Party-Treffpunkten macht.

Anspruch ständiger Verfügbarkeit

Solche Verbote passen scheinbar nicht mehr in unsere Zeit. Sie kollidieren mit der stetigen Ausweitung von vermeintlichen Freiheitsräumen in vielen Bereichen des Alltags, der zuletzt allein das Rauchverbot zuwiderlief. Dort konnte man aber leicht mit den gesundheitlichen Folgen für Unbeteiligte argumentieren. Beim Alkoholverbot ist schwerer zu vermitteln, warum die Ausschweifungen einiger, die damit vor allem sich selbst schädigen, die Rechte aller einschränken sollen.

Jenseits von rechtlichen Fragen liegt hier ein grundsätzliches Problem. In der Konsumsphäre hat sich ein Mentalitätswandel vollzogen, der keineswegs allein von der jungen Generation getragen wird. Freiheit wird zunehmend verstanden als unbegrenzter Zugang zu Konsumangeboten aller Art. Dass der Begriff „Flatrate-Saufen“ der Mobilfunk- und Internetwelt entlehnt ist, ist kein Zufall. Eine Werbekampagne für einen Mobilfunkanbieter verspricht „unbegrenzte Redefreiheit“ und meint damit natürlich nur einen besonders günstigen Abrechnungsmodus. Im Online-Shopping ist längst eine Norm ständiger Verfügbarkeit gesetzt, die die ganze Welt des Handels kontaminiert. Downloaden kann man immer und überall. Warum nicht alles andere auch?

Während früher nicht nur auf dem Dorf samstags mittags um zwölf Uhr dreißig der Rollladen herunterging, ist es inzwischen selbstverständlich geworden, in Innenstädten bis Mitternacht einkaufen zu können. Manche „Spätverkäufe“ oder „Trinkhallen“ ähneln heute Weinfachgeschäften. In Berlin-Mitte gehört das Samstagabend-Shoppen bei Dussmann zum Lebensstil dazu. Die Sonntagsruhe ist trotz gegenteiliger Beteuerungen in vielen Großstädten längst von Ausnahmen durchlöchert.

Die Entwicklung des Privatfernsehens zu einer dem Internet analogen, ständig verfügbaren Videothek und die zunehmende Verbreitung mobilen Zugangs zum Netz mit all seinen Konsumangeboten (einschließlich deren jeweiligen Suchtpotentialen) haben einen Sog entwickelt, der auch alle anderen Lebensbereiche verändert. Immer mehr Museen öffnen auch abends, veranstalten „Lange Nächte“, als könnte man zu dieser Zeit nichts anderes tun, als Ausstellungen zu besuchen. Sozialer Fortschritt scheint sich zu definieren als Aufhebung von Schranken. Telos ist die ort- und zeitlose Garantie sofortiger Bedürfnisbefriedigung.

Die vielen Ausweitungen der Konsumzone haben inzwischen einen Sprung von der Quantität in die Qualität vollzogen. Wenn Rollenspieler in virtuellen Welten jedes reale Zeitgefühl verlieren – Kennzeichen von Suchtkrankheiten im Netz ist ja unter anderem die Entkopplung von „normalen“ Essens- oder Schlafzeiten –, so bewegt sich die Gesellschaft als Ganzes immer weiter in die Richtung einer Aufhebung von Rhythmen und Zeitstrukturen zugunsten der ewigen Gegenwart unbegrenzten Zugriffs auf alles. Dass man an einem bestimmten Ort etwas, also eine Information, einen Artikel oder eben ein Bier, nicht kriegt (oder kein Netz hat, um es sich wenigstens schon einmal zu bestellen), wird nicht mehr als normale und naturgegebene Einschränkung empfunden, sondern als Rückständigkeit, die überwunden werden muss und wird.

Wir alle tragen diese Entwicklung mit. Wer kein Handy besitzt oder seine Mails nicht täglich abruft, dem droht in manchen Kreisen die soziale Ächtung. Mit der Möglichkeit, ständig zu kommunizieren, geht automatisch auch die Pflicht dazu einher. Wer spricht, wird auch angesprochen; mit den Kommunikationsradien wächst die Erreichbarkeit für Werbung. Unterhaltung ist überall und mit ihr die Verführung zu Flucht und Sucht. Warum man in dieser Welt des unendlichen Spaßes dann ausgerechnet den Alkohol auf der Gasse verbieten will, will den restlos befreiten Konsumenten dann nicht mehr einleuchten.


Richard Kämmerlings: Ausweitung der Trinkzone, FAZ 30. Juli 2009

Die Flatrate-Mentalität hat inzwischen sogar das älteste Gewerbe der Welt erfasst, wie man jüngst deutschen Zeitungen entnehmen konnte.

Nicht nur die Museen veranstalten "Lange Nächte", die Kirchen auch. Es ist sehr schwierig, sich diesem Zeitgeist zu entziehen.

Was waren das für Zeiten, in denen das Fernsehprogramm in der Nacht von Samstag auf Sonntag um halb zwei Uhr endete. Dann kam das Testbild - und nichts sonst. Wenn man heutigen Jugendlichen davon erzählt, ist es so, als rede man über das Mittelalter.