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Dienstag, 31. August 2010

St. Margarethen

Der Schlussbeifall bei der Zauberflöte hielt sich in Grenzen (oder verlor sich im Rund des Römersteinbruchs). Erst das sich anschließende Feuerwerk versetzte das Publikum in unüberhörbares Entzücken.

Montag, 29. März 2010

Erzählen über das Leben

"Oper ist erstmal mein Leben. Ganz klar. Ich glaub, dass wir mit der Oper sehr viel erzählen können über das Leben insgesamt. Das kann die Oper besser als jedes andere Genre, deshalb sollte man sich den Luxus leisten, und das ist es auch, was die Menschen begeistert."

Der Saarbrücker Operndirektor Berthold Schneider im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur anlässlich der szenischen Uraufführung der Schubert-Oper "Sakontala".

Dienstag, 9. Februar 2010

Missbrauch von Musik

Wiederholung ist der Feind alles Erhabenen. Manches schöne Musikstück ist durch unzähliges Abspielen unerträglich geworden. So geht es mir mit Mozarts "Kleiner Nachtmusik" und leider auch mit manch anderem klassischen Stück oder Thema. "Abgenudelt" ist ein Ausdruck für dieses Phänomen. "Es kommt mir zu den Ohren heraus. Ich kann es nicht mehr hören."

Dann gibt es Stücke, die durch Missbrauch in Verruf geraten sind, durch ständigen Gebrauch in fremden Zusammenhängen. Das gilt etwa für jene bekannte Sequenz aus „Les Préludes“ von Franz Liszt, die der deutschen Wochenschau 1940 bis 1945 als Erkennungsmelodie für die Meldungen aus "Oberkommando der Wehrmacht" diente. Für eine bestimmte Generation stellen sich die Erinnerungen wohl fast unausweichlich ein. Und wer kann noch Charpentiers Te Deum hören, ohne gleich an die "Eurovision" zu denken und (unbewusst) eine internationale Fernsehübertragung zu erwarten?

Noch schlimmer ist es, wenn wir durch den Einsatz von bestimmten Musikstücken in Werbespots so konditioniert werden, dass unsere Assoziationen beim Hören einer Melodie auf ein bestimmtes Produkt ausgerichtet werden. Georg Kordick notiert anlässlich eines Opernbesuchs treffend im Blog zone-g: "Der Zauber der Arie (sc. Puccinis 'Nessun Dorma') ist für immer dahin. Das gleiche passierte damals mit 'La donna è mobile', die mittlerweile unterbewusst immer noch Appetit auf Schokochrossies oder Tiefkühlpizza macht."

Mittwoch, 12. August 2009

Opera 2.0

Um dem Ruch entgegenzuwirken, eine verschnarchte, übersättigte Institution zu sein, macht das Londoner Royal Opera House immer wieder einmal mit medienwirksamen Aktionen auf sich aufmerksam - sei es durch verbilligte Karten exklusiv für Leser der Sun, sei es durch kontroverse Expansionspläne. Mit diesem neuesten Gag scheint sich das Haus in Covent Garden jetzt als Oper der SMS-Generation etablieren zu wollen: Es hat die Öffentlichkeit aufgerufen, sich an der Entstehung einer sogenannten Twitter-Oper zu beteiligen.

Gemeinsam können die Nutzer der Internetplattform, auf der normalerweise per Kurznachricht abgefasste Blogs erscheinen, mit Beiträgen von je maximal 140 Zeichen ein Libretto schreiben. Jeder, der Twitter-Mitglied ist, kann mitmachen. Laut Covent-Garden-Sprecherin Alison Duthie soll so eine "Volksoper" entstehen. Es sei "die perfekte Art", alle an Oper "als ultimative Form des Geschichtenerzählens teilhaben zu lassen". So sollen laut Duthie neue Hörerschichten für die Form erschlossen werden. Das Ergebnis wird mit eigens komponierter Musik von Helen Porter sowie bekannten Arien-Melodien unterlegt.

Am ersten Akt haben sich rund 40 Teilnehmer beteiligt. Bisher entwickelt sich die Story des noch titellosen Werkes ziemlich märchenhaft: Der Held, Hans, ist von einer Gruppe von Vögeln in ein Turmverlies entführt worden, nachdem er einen von ihnen getötet hat. Eine Frau, die ihm helfen will, sucht derweil nach einem Serum, das helfen soll, die Sprache der Vögel zu verstehen. Weitere Rollen spielen eine singende Katze und ein "Fisch-Schwert". Eine erste literarische Klimax erreicht das Libretto mit dem Vogelchor, der, twittergerecht, "tweet tweet tweet" singt.

Uraufgeführt werden soll die Twitter-Oper am 5. und 6. September am Royal Opera House, allerdings nicht vollständig. Zwei Sänger werden diverse Rollen übernehmen und Auszüge vortragen.


Alexander Menden: Oper-Gezwitscher. Royal Opera House lässt auf Twitter Libretto schreiben, sueddeutsche.de 12.08.2009

Warum nicht? Verworrener als manches bekannte Libretto wird es kaum werden. Die obigen Andeutungen der Handlung deuten darauf hin, dass die twitternden Opernfreunde voll in die Kiste der Zauberoperntradition greifen.

Dienstag, 21. Juli 2009

Tot steht er wieder auf...

Was noch geschehen wird, das kann ja niemand wissen.
Wie mancher legt sich auf sein Kissen
Gesund am Abend hin und steht am andern Morgen
Tot wieder auf. Ich habe Sonnenschein
Und Regen oft zugleich gesehn.
Kann nicht das Glück
Den Niedrigen gar bald erhöhn?

Rezitativ des Don Quichotte aus Georg Philipp Telemanns köstlicher kleiner Oper "Don Quichotte auf der Hochzeit des Camacho" (1761). Das Libretto stammt von Daniel Schiebeler (1741 - 1771), der Librettist war also ein Jüngling, als er diesen höheren Blödsinn zu Papier brachte.

Samstag, 20. Juni 2009

So ist das

PAMINA: Bei Männern, welche Liebe fühlen,
Fehlt auch ein gutes Herze nicht.

PAPAGENO: Die süßen Triebe mitzufühlen,
Ist dann der Weiber erste Pflicht.

BEIDE: Wir wollen uns der Liebe freun,
Wir leben durch die Lieb' allein.

PAMINA: Die Lieb' versüßet jede Plage,
Ihr opfert jede Kreatur.

PAPAGENO: Sie würzet unsre Lebenstage,
Sie wirkt im Kreise der Natur.

BEIDE: Ihr hoher Zweck zeigt deutlich an,
Nichts Edler's sei, als Weib und Mann.
Mann und Weib, und Weib und Mann
Reichen an die Gottheit an.

W A.Mozart: Die Zauberflöte I,7

Zerschmiltz...

Zerschmiltz, du Felsen - hartes Hertze!
Zerschmiltz von meiner heissen Gluth
und kühle das entzündte Blut
mit einem frohen Liebes-Schertze!
Zerschmiltz, du Felsen - hartes Hertze!

Aus der Oper "Cecrops" von Johann Philipp Krieger

Donnerstag, 23. April 2009

Der große Makabre



Aus G. Ligetis kongenialer Opern-Adaption von Michel de Ghelderodes Drama "Die Ballade vom großen Makabren"

Sonntag, 12. April 2009

Semper-Depot, innen...


... bei der Aufführung von Harrison Birtwhistles "The Last Supper"

Händel - heute

Das Jahr der Jubiläsen: Nicht nur Haydn, auch Händel wird gefeiert. Als Studentbesuchte ich die Göttinger Händelfestspiele, damals war das noch etwas Besonderes, da galt es, Werke der Vergessenheit zu entreißen, die sich noch nicht im Tonträgerrepertoire fanden. Heute aber ist Händel populärer denn je, und das gilt auch für seine Opern, die lange Zeit im Schatten standen.

Silke Leopold sucht in der NZZ von gestern nach Erklärungen: "Was aber ist es, das Händels Opern so aktuell erscheinen lässt? Zwei Beispiele mögen dies verdeutlichen. Eine der wirkungsmächtigsten Veränderungen der letzten Jahre sind die zunehmend als fliessend wahrgenommenen Grenzen zwischen Realität und Virtualität, zwischen Schein und Sein. Virtual Reality, Second Life – sich per Mausklick in eine andere Welt zu begeben, zurückzukehren in die Wirklichkeit, die nach der virtuellen Erfahrung selbst eher wie eine Scheinwelt wirkt, das ist eine neue Erfahrung, die sich von dem, was man traditionell Phantasie zu nennen pflegt, vor allem dadurch unterscheidet, dass sie nicht im Kopf entsteht, sondern durch Bilder von aussen herangetragen wird.

Von solchen Scheinwelten ist die Barockoper, sind Händels Opern voll. Wenn etwa Ruggiero von Alcinas Zaubergarten – im Wissen, dass dieser ein gefährliches Trugbild ist – Abschied nimmt, um in die harte Realität des Krieges zurückzukehren, so legte Händel ihm in «Alcina» (1735) eine Musik in den Mund, die nicht etwa von Erleichterung oder Abscheu kündet, sondern eher von Bedauern und Sehnsucht. Statt dem als Blendwerk entlarvten Paradies abrupt den Rücken zu kehren, gibt Ruggiero durch seine überirdisch schöne, zwischen höfisch-zeremoniellem Menuett und melancholisch-klagender Sarabande changierende Arie «Verdi prati, selve amene» zu erkennen, dass er sich kaum trennen kann und die Zeit der Illusionen schier bis ins Unendliche ausdehnen möchte.

Eine andere Parallele zwischen den Menschenbildern, die Händel in seinen Opern entwirft, und Entwicklungen, die unsere heutige Gesellschaft betreffen, lässt sich in den Geschlechterrollen ablesen. Starke, selbstbestimmte Frauen wie Rodelinda oder Partenope, Männer, die nicht nur mutig, sondern auch zärtlich und den Frauen nicht überlegen, sondern ebenbürtig sind – das war sicher keine Rollenverteilung, wie sie das 19. Jahrhundert (und seine Erben im 20.) schätzte. An der Wende zum 21. Jahrhundert aber wird einer derartigen Rollenverteilung durchaus Modellcharakter zuteil. Die wachsende Beliebtheit der Kastratenpartien, der Männerstimmen in Frauenlage, hat nicht nur etwas mit der Schlüsselloch-Perspektive zu tun, wie sie in Gérard Corbiaus Farinelli-Film von 1995 breit ausgespielt wurde, sondern auch mit einem sich verändernden Rollenverständnis in unserer Gesellschaft.
"

So könnte tatsächlich der sich wandelnde Zeitgeschmack Ausdruck von tiefer gehenden Bewusstseinsveränderungen sein. Musiksozilogie kann auch etwas beitragen zur Erhellung der eigenen Gegenwart.

Montag, 6. April 2009

Die ruinierte Oper

Haben Sie eine Vision, wie man junge Menschen wieder für Opern und Heldentenöre begeistern könnte? Kollo: Das ist ein furchtbar langes Thema, weil die Oper sehr ruiniert wurde. Wenn man so zusammenspart, dass die Opernhäuser gar nicht mehr arbeiten können und die Sänger keine Sicherheit haben, diesen Beruf in Ruhe auszuüben, dann hat es eigentlich gar keinen Sinn, dass man so weitermacht. In der Oper hantieren viele Leute herum, die gar keine Ahnung haben.

Viele Schaumschläger

Sie müssten ja sonst wissen, dass man Sänger aufbauen muss, dass man sie nicht verbrauchen darf. Man muss wissen, was man ihnen zumuten kann. Es gibt ja viele Schaumschläger, die in der Oper ihre Karriere machen, aber die Oper nicht weiterbringen. Ich habe schon vor 30 Jahren gesagt: "Wenn wir jetzt nicht aufbauen, dann haben wir in 30 Jahren keine Zukunft mehr", und genau da sind wir jetzt. Was würden Sie singbegeisterten Menschen empfehlen, um das Potential ihrer Stimme weiter zu entfalten? Kollo: Wenn sie das nur im privaten Rahmen machen, ja, dann sollen sie singen - im Chor. Da kommt es ja nicht so drauf an, dass jeder Ton eine Perle ist. Richtig singen ist nicht so einfach, wie die Leute glauben. Richtig singen können sie vielleicht, wenn sie das 15 Jahre gemacht haben. Dann kommen sie langsam dahin, wo sie eigentlich hin gedacht haben. Der alte Sängerwitz ist immer, wenn einer 70 ist und sagt "Jetzt kann ich's".

Montag, 9. März 2009

Klassische Musik

Klassische Musik begleitet mein Leben. Vermutlich bin ich schon bei Puccini-Arien gewickelt worden. Als Kind im Vorschulalter hörte ich jeden Tag den Schulfunk im Westdeutschen Rundfunk. Als Erkennungsmelodie diente eine Instrumentalversion der Auftrittsarie des Papageno aus der Zauberflöte ("Der Vogelfänger bin ich ja"). Schreiben lernte ich bei Beethovens Symphonien (darum ist die Handschrift ein wenig dramatisch geraten). Und so ging es immer weiter. Als Jugendlicher hörte ich zur Nacht Mahler, Debussy und Stravinsky, im Studium Prokofjev und Bartok, aber auch Purcell und Sibelius. Meine Kinder wuchsen auf mit Tanzmusik der Renaissance und Schönberg. Und im Laufe der Jahre hat sich meine Liebe zur Oper immer weiter entwickelt. 
Noch heute geht es mir bei bestimmten Musikstücken so, dass ich einen unbändigen Stolz empfinde, ein Kind des Abendlandes zu sein, das solche wunderbare Musik hervorgebracht hat. Das ist bei Vivaldis "Vier Jahreszeiten" oder bei Bachs h-moll-Messe nicht anders als bei Beethovens Schlusschor aus der 9. Symphonie oder bei Richard Wagner und Dimitri Schostakowitsch.
Dass mich meine Schüler wie einen alien empfinden, ist nicht weiter erstaunlich.

Montag, 17. November 2008

So viel Gewalt denn doch nicht...

Nach einer umstrittenen Premiere ist am Freitagabend an der Leipziger Oper die überarbeitete Inszenierung des "Fliegenden Holländers" ohne Zwischenfälle über die Bühne gegangen.

Bei der Premiere vor rund fünf Wochen hatte ein in die Aufführung eingebundenes Gewalt-Video für Tumulte gesorgt. Zuschauer quittierten damals die gezeigten Szenen mit Pfiffen und Buh-Rufen und verließen bereits nach kurzer Zeit die Oper. Der Leipziger Wagner-Verband forderte wiederholt die Absetzung des Stücks. Für die Neuinszenierung hatte die Oper das Video entschärft und auf einzelne Szenen verzichtet.

Auf Unmut war bei der Premiere unter anderem die Darstellung einer tödlichen Kampfhund-Attacke gestoßen. Szenen aus einem Schlachthaus waren am Freitag aber weiterhin zu sehen. Dennoch feierte das Publikum nach der rund zweieinhalbstündigen Aufführung das neu besetzte Ensemble. (...)

Berliner Morgenpost (Onlineausgabe), 16.11.2008

Freitag, 15. August 2008

Ausstattungsflut

Ein Erwachsener versucht, sich vorzustellen, wie sich ein Kind wohl eine Fantasiewelt vorstellt. Und ist dabei etwas unbeholfen. Was auch immer Karel Appel sich einst bei der Ausstattung vorgestellt hat, herausgekommen ist ein Overkill aus fahrenden Bergen, glotzenden Wulst-Figuren und fressenden Riesen-Blümchen aus Pappmaché. Eine grelle Ausstattungsflut.

Die Damen tragen Tirolerhüte, die Knaben sitzen im Flugzeug, den Mohr ziert indianischer Federschmuck. Die Bühne bewohnen und überschweben Tänzer, die aussehen wie verhuschte Küken und Mähne-peitschende Tiger-Wesen. Warum auch immer. Bloße Dekoration.

(...)

Dahinter steckt irgendwo die Regiearbeit von Pierre Audi. Sie nutzt den optischen Pomp, um ihr eigenes Nicht-Vorhandensein zu kaschieren.

Aus der Kritik der Wiederaufnahme der "Zauberflöte" in Salzburg im Kurier