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Sonntag, 15. August 2010

... bis sich jemand an mich erinnert

Nujoom Al-Ghanem - ما تتركه لنا الوحدة

Was die Einsamkeit uns lässt

Ich schließe meine Augen
um meinen Lidrand zu betrachten
und die Feier der betrunkenen Töne
die aus dem Abendlicht regnen.
Die Flure schwärzen ihre Dunkelheit nach
aber die Geräusche zittern weiter
in den kalten Straßen.
Ich schließe meine Augen
um schärfer zu hören
wie der Wind von ferne pfeift
seine Räder über den Asphalt scheucht
oder das Haar der Bäume sträubt.
Die Stadt badet gänzlich
im versandeten Regen.
Mein Herz irrt in den Gassen umher
doch meine Augen verharren hinter den Lidern.
Könnte nur jemand, wenigstens etwas
an die Tür klopfen
oder das Telefon klingeln
träfe eine E-Mail schrillend ein.
Meine Augen sind geschlossen
und ich lege mich hin für eine Weile
bis sich jemand an mich erinnert.

Aus dem Arabischen von Nora Bossong

Quelle: lyrikline.org

Mittwoch, 11. August 2010

Nicht nur "Göttingen"



BARBARA

Die Einsamkeit

(La Solitude)

Ich sah sie vor der Türe stehen,
als ich nach Haus' kam, gestern Nacht.
Froh war ich gar nicht, sie zu sehen.
"Nun fand sie mich", hab' ich gedacht.

Sie schleicht herbei auf leisen Sohlen.
Sie wittert, wenn ein Glück zerbrach,
und nun, der Teufel soll sie holen,
nun kam sie zu mir, sie schlich mir nach!

Nur sie, mit ihren hohlen Wangen,
den großen Augen, schwarz umringt,
sie ist es, die ins Herz das Bangen
und uns die vielen Tränen bringt.

Sie schenkt uns jene leeren Nächte,
wo alles seinen Sinn verliert.
Ich glaub', daß sie es fertigbrächte,
daß man sogar im Sommer friert.

Dein Kleid ist ein Trauerkleid!
Das Haar hängt wild dir ins Gesicht -
hoffnungslos! Fast tust du mir leid.
Ein schöner Anblick bist du nicht!

Komm, sei so gut, geh' fort von hier
Halt andern deine Fratze hin.
Ich brauch kein Unglück, glaub es mir.
Nein, geh dorthin, wo ich nicht bin.

Es gibt so viel noch, was ich möchte,
den Sonnenschein, den Frühlingswind
und Herz an Herz verbrachte Nächte,
die für den Schlaf zu schade sind.

Zwar wird einst meine Stunde schlagen,
doch vorher muß noch viel gescheh'n:
ich will noch oft "Je t'aime" sagen,
und oft vor Liebe noch vergeh'n.

Doch sie sprach: "Öffne mir die Türe,
und tut es dir auch noch so weh...
Ich kam zu dir, weil ich es spüre:
Die Zeit der Liebe ist passé

Verblaßt der Reigen der Gesichter,
verstummt ist nun der Phrasenchor
der feinen Herrn, der falschen Dichter,
der Traum ist aus, mach dir nichts vor!"

Sie wird mir jeden Tag vergiften,
den Schlaf mir rauben jede Nacht.
Sie klammert sich um meine Hüften,
sie hält zu meinen Füßen Wacht!

Wohin ich geh', wird sie dabei sein.
Sie schafft, daß ich mich nie mehr freu'.
Ich weiß: jetzt werd' ich nie mehr frei sein.
Sie ist wieder da, und sie ist treu:
die Einsamkeit,
die Einsamkeit!



Quelle: http://www.mcgee.de/paroles/solitall.html

Die französische Chansonsängerin Barbara hat einige Titel auch in deutscher Fassung aufgenommen. Früher kannte ich immer nur das Lied über "Göttingen" (und als ich dort studierte, musste ich mitunter daran denken), aber es gibt noch einige andere wie dieses hier. Die Kraft des französischen Textes bleibt in einer guten deutschen Übersetzung durchaus spürbar.

Sonntag, 18. Juli 2010

KLEINE SONNTAGSPREDIGT

Jeden Sonntag hat man Kummer
und beträchtlichen Verdruß,
weil man an die Montagsnummer
seiner Zeitung denken muss.

Denn am Sonntag sind bestimmt
zwanzig Morde losgewesen!
Wer sich Zeit zum Lesen nimmt,
muß das montags alles lesen.

Eifersucht und Niedertracht
schweigen fast die ganze Woche.
Aber Sonntag früh bis nacht
machen sie direkt Epoche.

Sonst hat niemand Zeit dazu,
sich mit sowas zu befassen.
Aber sonntags hat man Ruh,
und man kann sich gehen lassen.

Endlich hat man einmal Zeit,
geht spazieren, steht herum,
sucht mit seiner Gattin Streit
und bringt sie und alle um.

Gibt es wirklich nichts Gescheitres,
als sich, gleich gemeinen Mördern,
mit den Seinen ohne weitres
in das Garnichts zu befördern?

Ach, die meisten Menschen sind
nicht geeignet, nichts zu machen!
Langeweile macht sie blind.
Dann passieren solche Sachen.

Lebten sie im Paradiese,
ohne Pflicht und Ziel und Not,
wär die erste Folge diese:
Alle schlügen alle tot.

Erich Kästner


Homo homini lupus, eine alte Erkenntnis. Manchmal frage ich mich, ob dies nicht auch das biblische Bild vom Menschen ist: Gleich nach dem Hinauswurf aus dem Garten Eden wird schließlich vom ersten Mord, von einem Brudermord erzählt.

Dienstag, 13. Juli 2010

Metamorphose, fast unmerklich

Leise 
tritt es
über deine Schwelle
das Licht,
sprüht die Farben
einer neuen Zeit
auf die Wände,
verwandelt den Staub deiner Tage
zu Gold
mit seinem leichten Schritt
und legt um deine Ängste 
deine Zweifel
warm einen Mantel:
Fürchte dich nicht!

Isabella Schneider

Es fließt und schweigt

Das Wasser


Ohne Wort, ohne Wort
rinnt das Wasser immerfort,
andernfalls, andernfalls
spräch' es doch nichts andres als:

Bier und Brot, Lieb und Treu, -
und das wäre auch nicht neu.
Dieses zeigt, dieses zeigt,
daß das Wasser besser schweigt.

Christian Morgenstern

Dienstag, 6. Juli 2010

Wer will die Wahrheit hören?

Die Sprache der Dichter


Ein Liebender tötet nicht seinesgleichen. Der Fuchs
Frißt heimlich, wenn er hungrig ist. Wer in dieser Welt
Nach etwas sucht, hat seine Lektion nicht gelernt.


Und wir, die Dichter, was sollen wir
Den einfachen Menschen sagen? Sollen wir sagen, daß wir
Seit Anbeginn der Schöpfung nichts als Staub gewesen sind,
  oder sollen wir schweigen?
Doch wie läßt sich die Sprache des Schweigens
An einen verkaufen, der Großhandel treibt?

Salman Massalha
[Aus dem Arabischen von Khalid Al-Maaly und Heribert Becker]

Ein meditatives Gedicht - eine Anregung zum Nachdenken, nicht nur für Geistliche

Nähe

Wer ist Gott am nächsten: der Dichter, der nachts reflektiert,
   oder der Prediger, der von der Kanzel herabbrüllt?
Wer ist Gott am nächsten: einer, der Computer erfindet,
   oder einer, der alles besser weiß, was die Gebote 
   der rituellen Waschung betrifft?
Wer ist Gott am nächsten: der Baum oder der Ort des Gebets?
Wer ist Gott am nächsten: ein Tropfen Tau im Morgengrau'n
   oder die Demonstration?

Bassim an-Nabris
[Aus dem Arabischen von Khalid Al-Maaly und Heribert Becker]

Montag, 7. Juni 2010

coincidentia

immer
immerzu
immerfort
immerhin
immer her
immer mehr
oder
nichts
nie und nimmer
nimmermehr

Freitag, 4. Juni 2010

Poetry meets politics

Ein außergewöhnlicher Stoff für Literatur: Fünfzig europäische Dichter haben die EU-Verfassung in Verse gesetzt, darunter auch der irische Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney. Entstanden ist ein fast hundert Seiten langer, vielstimmiger Text, in dem sich nicht nur der europäische Gedanke spiegelt, sondern auch die Probleme der EU auf poetische Weise reflektiert werden. Das Projekt der "Europäischen Verfassung in Versen" wurde 2008 von einer Gruppe belgischer Künstler unter dem Namen "Kollektiv Brüsseler Poeten" gestartet.

Information des Deutschlandradios (im E-mail-Newsletter) zu einer Sendung am 4. Juni 2010 ("Thema" - 14.07 Uhr).

Samstag, 22. Mai 2010

Alte Sehnsucht, in Worte gebracht von einem meiner Lieblingsdichter

Der Ausflug

(Kurt Lubasch gewidmet zum 15. 7. 1912)

Du, ich halte diese festen
Stuben und die dürren Straßen
Und die rote Häusersonne,
Die verruchte Unlust aller
Längst schon abgeblickten Bücher
Nicht mehr aus.

Komm, wir müssen von der Stadt
Weit hinweg.
Wollen uns in eine sanfte
Wiese legen.
Werden drohend und so hilflos
Gegen den unsinnig großen,
Tödlich blauen, blanken Himmel
Die entfleischten, dumpfen Augen,
Die verwunschnen,
Und verheulte Hände heben.


Alfred Lichtenstein (1889-1914)

Sonntag, 16. Mai 2010

Nachdenklich

Wesentlich unwesentlich

Ich denke Unwesentliches,
ich tue Unwesentliches.
Das erschöpft mich
nicht unwesentlich.

Ich gehe schlafen
und weiß,
dass morgen
nichts Wesentliches
auf mich wartet.

Was bin ich für ein Wesen?

Freitag, 14. Mai 2010

Die arme Zeit

Zifferblatt einer alten Kirchturmuhr als Schmuckelement im Garten des Restaurants "Tuttendörfl" in Korneuburg.

Die arme Zeit. Wir wollten gern,
sie stünde still. Mitunter.

Wie unbarmherzig wir doch sind.
Wie Kinder garstig, kalt.

Dass wir sie nicht einmal auch nur
ein wenig sitzen ließen.

Wir wünschen mancherlei. Die Zeit
muss laufen immerfort.

Montag, 29. März 2010

Entsorgungsgedanken

ALTPAPIERCONTAINER

Es gibt viel zu viele

Altpapiercontainer

es schreibt doch heutzutage

keiner Liebesbriefe mehr

Ich schmeiß Deine Briefe rein

von Juni bis September


Dass Du mich mal geliebt hast

ist schon viel zu lange her.

Dann bringe ich all die Flaschen

zum Container nebenan

die ich geleert hab

wegen Dir.


Das ist recht überschaubar,

weil ich nicht viel vertragen kann

aber Du fehlst

mir

so sehr.


Es gibt viel zu viele

Altpapiercontainer

wo ich doch gar niemandem jemals

wieder Briefe schreiben will

Ich seufze leis und hole Luft

damit mein Herz nicht stehen bleibt

und schmeiße Deine Briefe ein

von Januar bis April


Dann bring ich Deine alten Hemden

zum Sammelstelle nebenan

sie riechen viel zu sehr

nach Dir

Du kommst ja nicht zurück,

Du ziehst sie eh nie wieder an

aber es fällt

mir

so schwer.


Du gingst fort und suchtest die Liebe

denn bei Dir war sie plötzlich

abhanden gekommen

Einfach so verpufft, wie kann das sein?

Und warum hast Du meine nicht gleich

mitgenommen?


Denn jetzt steh ich hier und weiß nicht wohin mit der Liebe

sie ist zu schade für den ganz normalen Müll,

auch wenn man ihn trennt.

Ich frag mich, was

von der Liebe wohl bliebe

wenn man alle

Antworten schon kennt.


Es gibt viel zu viele

ungestellte Fragen

wann wird hier der Müll geleert,

warum ist das mit uns vorbei

allen Mut, den ich noch finden kann

raff ich irgendwie zusammen

und schmeiße Deine Briefe rein

von Februar bis letzten Mai


Christiane Weber (von ihrem im Mai erscheinenden Solo-Album "Das Honolulu-Proinzip")

Samstag, 27. März 2010

Erwachen zum Leben


Wo hab' ich denn gefristet in all der argen Zeit?

Wo Haß bei Lüge nistet und nah beim Unwert Neid.


Sie haben mich zerschlagen, für Pflicht mir Hohn gezollt,

Weil ich nicht nur beklagen, weil ändern ich gewollt.


Und war' fast schlecht geworden in all der Schlechtigkeit,

Ach, eine zarte Rebe ist die Gerechtigkeit!


Sie braucht auch andrer Güte, auch andrer reinen Sinn,

Sonst schwindet sie wie Blüte im Maienfrost dahin.


Jetzt aber bin ich wieder erwacht aus wüstem Traum

Und werf mich vor dir nieder, Gott Erde, Gras und Baum!


Gott Wind und Stern und Wolke, Gott Sommermittagshauch,

Gott Duft vom Tannenharze und wildem Himbeerstrauch!


Und tauch' die Hand, Gott Quelle, kühn in dein sprudelnd Eis

Und dank' es der Forelle, daß sie um mich nicht weiß.


Und bin zutiefst verschuldet dem Falter, der mir naht,

Daß er mein Wesen duldet, denn Duldung schon ist Tat.


Und preise deinen Namen, Gott Lust und Mutterschoß,

Und sag' erschüttert Amen zu meinem Erdenlos!


Anton Wildgans (1881 – 1932)

Montag, 15. März 2010

Drinnenleben

Spielt das Leben nur außerhalb
der Jalousien? Wer sagt denn
die stille Box mit den Steinfliesen
sei tot? Wer? Hier laufen Lichthasen
und toben Epiphanien der Apfel fällt
lautlos vom Baum und die Grillen
zirpen im Ohr es ist keine Frage
des Willens wo ich bin nämlich
vor der Wand im Papier


Ilma Rakusa (aus: Ein Strich durch alles. Neunzig Neunzeiler, Suhrkamp Verlag , Frankfurt am Main 1997, zit. n.
lyrikline.org)

Freitag, 12. März 2010

Trostreich?

Immer gibt es etwas
zu tun, zu sagen, zu denken, zu lassen.
Immer gibt es etwas.
So sind wir
nie allein.

Sonntag, 28. Februar 2010

Kleine Karriere

Der Tod meiner Frau

Mich ließ niemand spielen,
mich kannte kein Intendant
und kein Theaterzettel nannte meinen Namen.
Ich, der akademische Schauspieler Hempel,
ging gleich von der Schauspielschule zum Arbeitsamt.

Nachdem sich meine Frau mit Leuchtgas vergiftet hatte,
weil sie seit ihrem Kinderfilm nie wieder spielte
und nun ein zweites Paar Schuhe haben wollte,
traf ich einen früheren Mitschüler.
Wenn es so schlimm mit dir steht, sagte er,
werde ich mit unserem Regisseur sprechen,
der hat ein Herz und liebt Experimente;
der Dorval in Goldoni's »Rabbelkopf« ist noch frei.

Nun stand ich auf der Bühne,
das war möglich, weil die geschiedene Frau meines Vaters
für die kleine Renate kochte.
Der Regisseur sagte, ich sei ein guter Schauspieler
und könnte eine Kanone werden,
»Ich habe was Neues für Sie,
Ihre Frau war sehr voreilig mit dem Schritt -
Oder ein bisschen hysterisch, was?
Na, wie manchmal die Frauen so sind«, sagte er.

Vielleicht gibt es
nur nicht genügend Theater in dieser Stadt?

Nur eins.


Robert Wolfgang Schnell

Samstag, 27. Februar 2010

Für kleine Tiere

Strategie des Kaninchens

Unauffällig leben.
Flach atmen,
wenig und leise denken,
nicht bewegen.
Erinnerungen schweigen!
Nichts wünschen.
Warten
auf den Tod oder das Leben.
Oder davonlaufen.

Dienstag, 16. Februar 2010

Ach ja...

Man müsste sich mal wieder selbst besuchen.
Doch man ist ja immer so gehetzt.
Ich habe neulich bei mir angerufen,
doch es war die ganze Zeit besetzt.

Man müsste sich viel öfter selber fragen:
„Alles klar?“ Das eine weiß ich ja:
Egal, was kommt, ich brauch es nur zu sagen,
und dann bin ich sofort für mich da.

Man müsste sich mal in 'ner Kneipe treffen,
auf ein Kölsch, so ganz für sich allein,
um dann in aller Ruhe zu besprechen:
„Bin ich glücklich?“, und: „Wie wird es sein?“.

Man hätte sich 'ne Menge zu erzählen.
Viele Dinge würd' man anders sehn.
Man würde ein paar harte Fragen stellen,
und man würde Fehler eingestehn.

Es gäbe Gründe, um sich aufzuregen:
„Ich bin nicht der Mensch, der ich mal war!
Und will ich dieses Leben weiter leben?
Wann seh ich die Dinge endlich klar?“

Man würde, um sich selber wachzurütteln,
lautstark viele Sachen kritisiern.
Die Leute würden mit den Köpfen schütteln.

Tja. Man würde sich wohl schwer blamiern.

Wise Guys: Dialog

Montag, 15. Februar 2010

So fremd der Tag


In der Welt

Ich lasse mein Gesicht auf Sterne fallen,
Die wie getroffen auseinander hinken.
Die Wälder wandern mondwärts, schwarze Quallen,
Ins Blaumeer, daraus meine Blicke winken.

Mein Ich ist fort. Es macht die Sternenreise.
Das ist nicht Ich, wovon die Kleider scheinen.
Die Tage sterben weg, die weißen Greise.
Ichlose Nerven sind voll Furcht und weinen.

Paul Boldt (1885 - 1921)