Montag, 8. Februar 2010

Popkulturelles Aschenputtel mit Blut im Schuh?

Steiler Aufstieg und jäher Absturz? Eben noch hatten die deutschen Feuilletons die 17-jährige Autorin Helene Hegemann als großes, ja überragendes Talent bejubelt ("Literarischer Kugelblitz"), nun stellt sich heraus, dass sie in ihrem vielgerühmten Buch "Axolotl Roadkill" sehr weitgehend aus einem anderen Werk abgeschrieben hat.

"Am vergangenen Wochenende meldete sich der Blogger Deef Pirmasens zu Wort. In seinem Blog
Die Gefühlskonserve verglich er Stellen aus Hegemanns Roman mit denen eines Berliner Bloggers namens Airen. Der hatte vor ein paar Jahren den Roman Strobo in dem kleinen Berliner Verlag SuKuLTur veröffentlicht, gänzlich unbeachtet von der Literaturkritik. Die Ähnlichkeit der etwa ein Dutzend verglichenen Stellen ist in der Tat frappierend. Nicht nur der Inhalt, sondern insbesondere die Sprache stimmt, bis auf ein paar Umstellungen im Satzbau, größtenteils überein – eben jene radikale Sprache, für die Hegemann in den hochtönenden Rezensionen so bewundert wurde." (Die Zeit)

Und die junge Dame streitet das auch gar nicht ab: "Inhaltlich finde ich mein Verhalten und meine Arbeitsweise aber total legitim und mache mir keinen Vorwurf, was vielleicht daran liegt, dass ich aus einem Bereich komme, in dem man auch an das Schreiben von einem Roman eher regiemäßig drangeht, sich also überall bedient, wo man Inspiration findet. Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit. Und mir ist es völlig egal, woher Leute die Elemente ihrer ganzen Versuchsanordnungen nehmen, die Hauptsache ist, wohin sie sie tragen. Von mir selber ist überhaupt nichts, ich selbst bin schon nicht von mir (dieser Satz ist übrigens von Sophie Rois geklaut) – ich habe eine Sprache antrainiert gekriegt als Kind und trainiere mir jetzt immer noch Sachen und Versatzstücke an, aber mit einer größeren Stilsicherheit. Das sind Formulierungen und Weltanschauungen und auch einfach bestimmte Floskeln, die mich prägen und weiterbringen in dem, was ich äußern und vermitteln will, und da beraube ich total schonungslos meine Freunde, Filmemacher, andere Autoren und auch mich selbst. Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation. Ich selbst habe den Roman als „Lüge“ bezeichnet, das ist er auch, aber nur über die Lüge kommen wir der Wahrheit nahe. Das, was wir machen, ist eine Summierung aus den Dingen, die wir erleben, lesen, mitkriegen und träumen. Es gibt da ziemlich viel, was mit meinen Gedanken korrespondiert und sich in mein Gehirn einschreibt, dadurch aber gleichzeitig auch etwas komplett anderes wird. Ich bin nur Untermieter in meinem eigenen Kopf." buchmarkt.de)

Tatsächlich scheint sich in Zeiten des "Copy and paste" unser Begriff von Originalität und Echtheit zu relativieren, die Autorin hat schon nicht ganz unrecht. Ganz neu ist eine solche Berufung auf den Zeitgeist freilich nicht: "Im frühen 18. Jahrhundert konnte man bereits diese Haltung finden, der nach künstlerische Echtheit und ein lässiger Eigentumsbegriff sich nicht widersprechen. Der Dichter Christoph Martin Wieland schrieb dazu, den wahren Meister mache 'nicht die Erfindung eines unerhörten Sujets, unerhörter Sachen, Charaktere, Situationen usw., sondern der lebendige Odem und Geist, dem er seinem Werke einzublasen vermag'. Sein Zeitgenosse Lessing schrieb ähnliches in seiner Hamburger Dramaturgie: 'Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen.' Das war 1768. Wenig später begann man, den Gedanken des Urheberrechts weitaus strenger zu achten." So zu lesen in der Zeit.

Und heute und in Zukunft? Man wird es abwarten müssen.

1 Kommentar:

Reinhardt397 hat gesagt…

Künstlerin, Literatin versus lebende Kopier- und Zusammenkleister-Maschine.