Montag, 15. Oktober 2007

Kluges über das Lesen

"Lesen hat in meinen Augen nur Sinn, wenn es sich auf Nichtgelesenes bezieht: auf Welterfahrung als Spracherfahrung. Wenn ich höre, es wird schon wieder einer dieser Lektüregeistlichen mit den Worten gelobt, er liebte wie kein anderer die Literatur, weshalb er hochstehend sei, dann hege ich den Verdacht, dass mit solchen Slogans das Lesen als Einschränkung auf ein selbstreferenzielles System propagiert wird: Lektüre sei sich selbst genug. In meiner Vorstellung bezieht sich das Lesen auf Nichtgelesenes, erst in der Dialektik des Einschließens von Lektüre in die Lebenserfahrung und von Lebenserfahrung in die Lektüre, erst in dieser Wechselwirkung macht das Lesen, wenn überhaupt, "einen gebildeten Menschen".

Weder ist das Lesen von vornherein löblich noch das Nichtlesen verdammenswert. Wenn jemand alles nur im Kopf hat und gegen das Angelesene nichts mehr selber findet, ist das ein Jammer. Wenn jemand eine Abwehr gegen alles bloß Fiktive hat, ist er unter Umständen auf diese Art der Idee der Literatur näher als der belesene Schmock. Es stimmt auch geschäftlich, dass das Nichtlesen nicht von vornherein verdammenswert sein kann: Wirklich berühmt (und Millionäre) können Schriftstellerinnen und Schriftsteller nur werden, wenn sie die Aufmerksamkeit der Nichtleser haben; Schriftsteller müssen in aller Munde sein. Leser allein sind nicht in der Lage, den besten Künstlern jenen Status zu verleihen, den sie verdienen.

Die Spracherfahrung, die man durch Lektüre macht, ist nicht weltfern. Die Metapher von "der Lesbarkeit der Welt" sagt das, aber sie erinnert auch daran, dass "die Welt" heute nicht bloß in Büchern dargestellt wird. Ein einigermaßen adäquates Weltverständnis kommt ohne Bücher ebenso wenig zustande wie allein mit Büchern. Mancher Lektürefreak trägt ein Museum mit sich herum und sollte aufpassen, dass ihn die Patina nicht auffrisst."

Der Philosoph Franz Schuh im Standard (Album 13./14. Oktober 2007).

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