Als ich mich 1979 in Marburg immatrikulierte, war Rudolf Bultmann schon mehrere Jahre tot. Aber sein Ruf überstrahlte die Fakultät noch nach außen. In Marburg Theologie studieren? Bei allen Frommen löste ein solcher Satz Entsetzen aus. Wie konnte man sich nur freiwillig in die Höhle des Löwen begeben?Die Wirklichkeit entsprach dem Ruf tatsächlich. Der Fachbereich Evangelische Theologie war (und ist) bekannt für seinen kritischen Geist. Und genau das war befreiend. Es gab keine Denkverbote und keine falschen Fragen. Der Geist der Freiheit wehte durch die Korridore der "Alten Universität", in der der Fachbereich untergebracht ist.
Bultmann selbst war inzwischen schon Theologiegeschichte. Man sprach mit Anerkennung von ihm, aber auch in sachlicher Distanz. Die Debatte um die Entmyhologisierung war zu Ende. Als Exeget wurde er mehr oder weniger geschätzt, als systematischer Theologe nicht wirklich ernst genommen.
Sein berühmter Entmythologisierungsaufsatz stammt ja aus dem Jahr 1941. Ich habe mich immer gefragt, wie weltfremd dieser Theologe gewesen sein musste, in jenen Zeiten solche Gedanken zu denken. Dabei stand er der Bekennenden Kirche nahe. Aber vielleicht bescherten gerade jene finsteren Jahre dem Denken auch einen Freiraum.
Die Anfrage Bultmanns an die Konsistenz unseres Weltbildes bleibt. Kann man zugleich moderne Technik nutzen (den Lichtschalter betätigen) und an das Weltbild des Neuen Testaments glauben? Wir sind heute schnell bei der Hand, Bultmann vorzuwerfen, er sei im naturwissenschaftsgläubigen 19. Jahrhundert stecken geblieben. Tatsächlich habe ich in meinem Leben keine glühenderen Anhänger eines platten Materialismus getroffen als ausgerechnet evangelische Theologen, die jede Möglichkeit einer weiter gehenden Wirklichtssicht ablehnten. So gesehen war Bultmann zumindest sehr wirkmächtig. Und seine Anfrage ist berechtigt. Jeder Theologe, der wirklich mit Gottes Handeln, mit seinem Eingreifen in unser Leben, mit Wundern rechnet, ist um der intellektuellen Redlichkeit willen gezwungen, sich und anderen Rechenschaft zu geben von den Grundlagen seiner Wirklichkeitssicht. Das hat Bultmann der Theologie bleibend ins Stammbuch geschrieben.
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