Walser: Aber was sind das für Argumente! Joffe wirft mir vor, dass ich den Afghanistankrieg mit dem Vietnamkrieg verglichen habe. Das sei ein uralter Trick der Rhetorik, mit Analogien etwas beweisen zu wollen. Was soll das? Warum sollen die beiden Kriege nicht miteinander verglichen werden? Es ist unheimlich schwer, aus Afghanistan wieder herauszukommen. Dieser Krieg hat die Tendenz, zu wachsen und zum Alltag zu werden. Die Sowjetunion ist an Afghanistan praktisch kaputt gegangen. Und wir haben das Beispiel Irak-Krieg. Ich verstehe diese ganzen Experten nicht, die einen Krieg beginnen, ohne zu wissen, wie man ihn wieder beenden kann.
WELT ONLINE: Anfangs erschien der Afghanistankrieg ja als der „richtige“ Krieg gegen den Terrorismus mit klarem Mandat und klaren Zielen, ganz anders als die Irak-Invasion, deren Rechtfertigungen von der amerikanischen Regierung zusammengelogen worden waren.
Walser: Ja, und deshalb nennt der Herr von Klaeden die Taliban „Verbrecher“. Der Krieg ist also ein „Einsatz“ gegen „Verbrecher“. Wer soll da etwas dagegen haben? Nein, nein. Auch in Afghanistan wird die Legitimierung des Krieges künstlich produziert.
WELT ONLINE: Siebzig Prozent der Bevölkerung sind gegen den Krieg in Afghanistan. Aber eine richtige Erregung darüber ist nicht zu spüren.
Walser: Es gibt heute keine Studentenbewegung. Ohne die Studenten wäre der Vietnamkrieg in den Sechzigerjahren auch hingenommen worden. Wie dem auch sei. Solange mir von der Politik kein Konzept angeboten wird, wo er hinführen soll und wie er beendet werden kann, so lange halte ich diesen Krieg für verderblich.
Martin Walser im Interview der WELT
Man mag ihn mögen oder nicht - wenn Martin Walser sich zu Fragen der Politik äußert, sind die Meinungen wenigstens ebenso geteilt wie bei der Qualität seiner Bücher. Der Vergleich zwischen Vietnam und Afghanistan legt sich aber jedem aufmerksamen Zeitgenossen inzwischen nahe. Der Unterschied liegt in der Internationalität des Einsatzes. Aber zu gewinnen ist ein solcher Krieg im unwegsamen Bergland Afgahanistan ebensowenig wie damals in Vietnam.
In Vietnam ging es um die Verhinderung eines Domino-Effekts. Das Spiel ist noch dasselbe, nur der Gegner ist ein anderer.
Vergleichbar ist vor allem der Grad der ideologischen Fanatisierung des Guerilla-Gegners, der bei muslimischen Kämpfern wahrscheinlich noch höher ist als bei den Vietkong.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen