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Samstag, 19. Dezember 2009

Nun auch in Österreich

Erstmals geht ein Vater aus Niederösterreich vor den Österreichischen Verfassungsgerichtshof (VfGH), um das christliche Kreuz in Kindergärten anzufechten. Anlass ist nicht zuletzt das Kruzifix-Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Der Antragsteller - bekennender Atheist - sieht das konfessionslose Aufwachsen seiner Tochter durch die Veranstaltung religiöser Feiern und die Anbringung von Kruzifixen von Seiten des Kindergartens gestört und das Recht auf Glaubensfreiheit - und damit das Recht auch ohne religiöses Bekenntnis aufzuwachsen - verletzt. Das berichtete der "derStandard.at" am Freitag.

Die Tochter habe in diesem Schuljahr an vier religiösen Festen (Erntedank, Martinsfest, zwei Nikolausfeiern) inklusive Kirchenbesuch teilnehmen müssen. Außerdem hänge im Aufenthaltsraum des Kindergartens ein Kreuz in Augenhöhe der Kinder. Der Kindergarten teilte dem Vater mit, dass bei der Vorbereitung auf die religiösen Feste nicht auf andere Religionen und Weltanschauungen eingegangen werde. Einen privaten Kindergarten ohne religiöse Feste gebe es in der näheren Umgebung nicht, heißt es im Antrag.

Konkret will der niederösterreichische Vater zwei Passagen aus dem niederösterreichischen Kindergartengesetz geändert bzw. aufgehoben haben: Jenen, in dem steht, dass das Kindergartenpersonal einen grundlegenden Beitrag "zu einer religiösen und ethischen Bildung zu leisten" habe und jenen, wonach in Kindergärten, in denen die Mehrzahl der Kinder ein christliches Religionsbekenntnis haben, ein Kreuz anzubringen sei.

Die Presse

Das war nur eine Frage der Zeit, bis ein solcher Prozess auch in Österreich angestrengt wird. Man darf gespannt sein. Die Kindergartengesetze der einzelnen Bundesländer sind vermutlich auch noch unterschiedlich. In Wien gibt es bestimmt keine "Kreuzpflicht", wenn in den städtischen Kindergärten aus Gründen religiöser Korrektheit schon der Nikolo nicht mehr kommen darf.

Gibt es ein Kinderrecht auf religions- und konfessionsloses Aufwachsen? Noch nicht, aber wer weiß, worauf man noch verfällt. Aber wenn man dann schon dabei ist: Wie wäre es mit dem Recht auf die Freiheit von Werbung, Konsumterror und Gewaltdarstellungen in den Medien? Müssen Eltern nicht immer in Kauf nehmen, dass ihre Kinder mancherlei Einflüssen ausgesetzt sind, mit denen man in der familiären Erziehung dann kritisch umgehen muss?

Donnerstag, 20. August 2009

Kind im Gottesdienst

Das kleine Mädchen war dem Pfarrer zu laut: Eine Mutter verlässt weinend mit ihrer Tochter die Kirche, weil sich der Prediger von dem Kind gestört fühlt. Der Fall spaltet die Gemeinde.

Was wiegt schwerer? Das Recht der Gemeinde auf einen ruhigen Gottesdienst und einen konzentrierten Prediger - oder das Verständnis für Kinder, die manchmal nicht so lange stillhalten können?

Am vergangenen Sonntag fühlte sich Sylts katholischer Pfarrer Dr. Ulrich Hoppe durch ein in seiner Nähe sitzendes dreijähriges Mädchen beim Predigen gestört. Nach einer ersten Bitte um Ruhe ("Ich kann mich sonst nicht konzentrieren") fragte Hoppe, ob Mutter und Kind die Predigt übernehmen wollten. Die Frau verließ daraufhin weinend die Kirche und rund 40 der 500 Gottesdienstbesucher folgten ihr.

Vorher kam es zu einem lautstarken Wortwechsel zwischen denen, die für Rücksicht auf den Pfarrer plädierten und Kritikern, die von dem Geistlichen mehr Verständnis erwarteten. Ulrike Bergmann hat je einen Vertreter beider Positionen nach ihren Meinungen gefragt. Nach dem Gottesdienst gab es übrigens eine Versöhnung zwischen dem Pfarrer und der betroffenen Mutter.

Leserkommentare

C.O.19.08.2009 13:39

Zum Thema :Streit im Gottesdienst? Was würde wohl Jesus dazu sagen?

Als einmal Jesu Jünger die kleinen Kinder der Gemeinde zu ihm bringen wollten, versuchten seine Jünger, das Volk daran zu hindern. Wie reagierte Jesus darauf? War er genervt, als er die (wohlmöglich unruhigen) Kinder sah? Nein ! Er sagte wörtlich zu seinen Jüngern: "Lasst doch die kleinen Kinder zu mir kommen, und hindert sie nicht daran, zu mir zu kommen, denn das Königreich gehört solchen, die wie sie sind." (Matthäus-Evangelium 19:13,14)
Bei einer anderen Gelegenheit sagte er zu seinen Jüngern: Wer immer dieses kleine Kind aufgrund meines Namens aufnimmt, nimmt auch mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt auch den auf, der mich ausgesandt hat. Denn wer sich unter euch allen als ein Geringerer benimmt, der ist groß." (Lukas-Evangelium 9:46-48)
Jesus liebte also kleine Kinder. Die Bibel sagt, die Kinder kamen gern zu ihm. Hätten sie das wohl getan, wenn er sie weggeschickt hätte? Auch im alten Volk Israel waren Kinder bei der Anbetung erwünscht. Alte, Junge, Männer, Frauen und ihre Säuglinge und Kleinkinder versammelten sich regelmäßig, um Gott anzubeten. Wie schön wäre es, wenn sich alle Menschen nach diesen Vorbildern richten würden, und sich erst Recht von Jesu Lehren und Wirken beeinflussen lassen würden.

HEIDE19.08.2009 13:42

Denn in der Bibel steht geschrieben...

Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: "Laßt die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen"
Markusevangelium 10,14

ANDREAS19.08.2009 13:59

Ab in den Kindergarten...

Der Pfarrer gehört umgehend seines Amtes enthoben. Er hat nichts von alldem begriffen was er versucht der Gemeinde an christlichem Glauben zu vermitteln. Er scheint den Inhalt des Buch Gottes nicht zu kennen. Man kann vermuten dass er auch sonst nicht als christliches Vorbild lebt. Wie will so jemand die Gemeinde (und ggf. neue Gemeindemitglieder) vom christlichen Glauben überzeugen ?
Als Wiedergutmachung schlage ich eine Versetzung des Pfarrers in einen Kindergarten einer Großstadt vor.

KNUT SEGATZ - POSTINA19.08.2009 14:41

Streit im Gotteshaus

Sowas habe ich noch nie gehört. Obwohl ich selber auch katholisch bin, Vater von 4 Kindern und aus Bayern stamme habe sowas noch nie erfahren. Obwohl wir aus (in) Bayern in Kirchensachen doch etwas eigen sind. Natürlich ist es nicht leicht wenn Kinder laut sind, aber in Ettal wo ich zuhause bin (war) haben Kinder wärend des Hochamtes sich frei und ungezwungen im Hause des Herrn bewegen können.
Übriegens der Pfarrer sollte bedenken: die Kirche ist das Haus des Herrn und nicht seins und dann sollte er mal in der Biebel lesen, besonders im Marcusevangelium 10,14. Ansonsten sollte er darüber nachdenken ob er noch als Pfarrer tätig sein will.
schließlich ist er für uns und wir nicht für ihm da.

SYLT IST SCHÖN!19.08.2009 14:47

Werte Vorredner

Ich verstehe den Zusammenhang zwischen all den Bibelzitaten und dem Vorfall nicht. Der Pfarrer fühlte sich gestört und bat die Frau mit dem Kind, in den hinteren Teil der Kirche zu gehen. Was ist daran so schlimm? Ich finde das verständlich. Das alles eskaliert ist ist befremdlich, aber doch so menschlich, beharrte doch jeder auf "sein" Recht. Jede Situation muss daher neu bewertet werden, daher sehe ich auch keine Vergleichsmöglichkeit zu irgendwelchen Vorfällen in Ettal...

KATHOLISCH, WARUM NICHT?19.08.2009 14:55

Herr Seganz!

Das ist ja wohl die Höhe, Herr Seganz! Aufgrund dieses Vorfalls bitten Sie den Pfarrer um Rücktritt? Ich glaube ich spinne! Ich habe selten einen Fall erlebt, wo die Kirche derart aus dem Dorf gerissen wurde wie hier. Ich sehe ein, dass es etwas merkwürdig vorging in diesem Gottesdienst, aber über solch einer scharfen Forderung stehe ich fassungslos gegenüber. Im Übrigen: Der Pfarrer ist für Jesus Christus und die Gläubigen da. Die Gläubigen für Jesus Christus, der vom Pfarrer repräsentiert wird. So einfach ist es also nicht, wie Sie behaupten...

K. RIST19.08.2009 16:33

Lasset nicht nur die Kinder zu mir kommen!

Es geht doch nicht darum, dass Jesus - und auch der Pfarrer - die Kinder in seinem Haus nicht duldet. Hier war es so, dass der Geistliche das Wort Gottes an ALLE weitergeben wollte. Logisch, dass dies nicht funktioniert, wenn störende Geräusche, egal woher sie kommen, den Pastor übertönen. Mütter, Väter oder überhaupt Erwachsene sollten sich überlegen, ob sie Säuglinge und Kleinkinder mit zum Gottesdienst nehmen, vor allem, weil die Kinder ohnehin nichts davon haben. Außerdem wird in fast jeder Kirche angeboten, Kinder während des Gottesdiensts in einem anderen Raum zu beschäftigen. Sicherlich hat der Pastor überreagiert, ein freundlicher Hinweis wäre passender gewesen. Aber: Sollen 500 Gläubige auf das für sie wichtige Wort Gottes verzichten, weil ein Kind, das natürlich selbst gar nichts dafür kann, permanent schreit?

DR. JUR. THEODOR VON CAMPE19.08.2009 16:48

Singen, Tanzen, Gott eine Freude machen !

Wer in eine "Kirche" geht, in der keine Kinder mehr geduldet werden, sondern nur noch "Zuhörer", kann gleich zu einer Parteiveranstaltung gehen, sich hinsetzen, brav zuhören, was die Gurus erzählen und in Ruhe nach Hause gehen.
.
Ich sage Euch : bietet diesen "kirchlichen Häuptern" klar einen Weg in den Ruhstand an.

JOCHEN19.08.2009 17:34

Ruhe!

Der Gottesdienst hat einen bestimmten Sinn und Zweck. Es kann nicht sein, dass ein kleines Kind 500 Teilnehmern seinen Willen aufzwingt. Wenn das Kind nicht bereit oder Willens ist, sich den Regeln eines Gottesdienstes zu unterwerfen, sollte es zu Hause bleiben, da es Gottesdienst-untauglich ist. Das Kind wird schon noch genug Gelegenheit haben, den Gottesdienst zu besuchen (wenn es das denn überhaupt FREIWILLIG will) wenn es älter wird.

GOODTASTE6719.08.2009 19:31

laut lauter am lautesten

Also mir würde als Pfarrer das Kindergeblähre tierisch auf den Geist gehen . Muß das Kind eigentlich dabei sein ? Vielleicht war das Kind so unruhig , weil es , aus was für Gründen auch immer gar keine Lust auf den Gottesdienst hatte.
Aber Mutti wollte ja unbedingt ... Irgendwie mal `ne Stunde Klappe halten geht wohl heute ncht mehr ! Was hab`ich bloß geschrieben? Ich schlimmer Nichtgutmensch !!!!

PETER DEGENHARDT19.08.2009 20:32

Des Pfarrers Verhalten kommt einem Versetzungsantrag gleich

Eine reife Leistung, Herr Dr. Hoppe, endlich hat das elitäre Denken und Handeln der Sylter nun auch in der Kirche Einzug gehalten. Was sind schon tatsächlich lebende und quicklebendige Kinder im Verhältnis zu Gott im Glauben? Die Sylter, die sich einbilden, reich und auserwählt zu sein, haben nun endlich einen Pfarrer, der sie mit seinem Verhalten bestärkt, der Wirklichkeit entrückt sein zu dürfen. Die Mutter und ihre Kinder sind mir im Herzen nahe, dem Pfarrer gehört die Bibel aus der Hand genommen, und die Verkündigung solle er lieber einem Laien übergeben: Diese stehen den Menschen näher und haben mehr Realitätsbezug.
Ich grüße Sie in atheistischer Verbundenheit.

TANJA19.08.2009 23:00

man man

sowas kinderfeindliches wie hier habe ich selten erlebt. ihr heult alle rum, dass deutschland ausstirbt und keiner mehr kinder in die welt setzt ...seht doch warum nicht...weil es solche ignoranten gibt!!!!!!!!!!! bei uns sind kinder herzlich willkommen und es werden auch extra solche gottesdienste gegeben wo kinder an erster stelle stehen...ist ein kind kein christ oder was??? also wegen solcher leute hier muss man sich manchmal echt schämen deutscher zu sein!!!!!

shz.de

Kinder im Gottesdienst: Solche Zeitungsdiskussionen begegnen sonst eher (und immer wieder) im Rückblick auf die Christvespern am Heiligen Abend. Es ist üblich geworden, Kinder ohne Rücksicht auf ihr Alter überallhin mitzunehmen, also auch in die Kirche. Nicht jeder Geistliche kann damit gut umgehen. Aber ganz schnell wird an diesem Problem eine Grundsatzdiskussion aufgehängt, die für mein Empfinden in eine unsinnige Richtung führt. Hat eine christliche Gemeinde prinzipiell und bei allen möglichen Gelegenheiten ihre Kinderfreundlichkeit zu demonstrieren, nur weil Jesus auch Kinder gesegnet hat?

Mittwoch, 19. August 2009

Gendergerechter Kindergarten

Ein Spielzeug sorgt für kurze Irritation: "Das hat ein Kind mitgebracht. Aber das ist ja in Ordnung" , rechtfertigt eine Kindergärtnerin das Corpus Delicti. Das kleine Einhorn aus Plastik steht am Fensterbrett, mit wallender Mähne - und vor allem ganz in Rosa. Es ist ein Fremdkörper in dieser Umgebung, in einem der wenigen öffentlich-städtischen Kindergärten, die ganz auf genderbewusste Pädagogik ausgerichtet sind.

Seit die Ergebnisse der jüngsten Aufnahmetests für angehende Medizinstudenten bekanntgegeben wurden, wird wieder über festgefahrene Rollenbilder debattiert: Denn die Tests haben gezeigt, dass deutlich mehr Frauen zu dieser Prüfung antreten, aber proportional auffallend viele weibliche Bewerberinnen scheitern. Zu viele. Rufe nach Quoten werden laut. Ein Erklärungsversuch: Mädchen würden in der Schule in den Naturwissenschaften zu wenig gefördert.

"Das wird aber schon im Kindergarten begründet" , ist sich Inge Kugler, Leiterin dieser kleinen städtischen Betreuungseinrichtung, sicher.

Von der Straße aus ist ihr Kindergarten kaum zu sehen. Ein flacher Bau, völlig umschlossen vom Max-Opravil-Hof, einem Gemeindebau in Wien-Meidling. Außen endlos scheinende Häuserfluchten, innen ein kleines Haus mit großem Garten, ein richtiges Kinderparadies. Es ist der einzig öffentliche Kindergarten dieser Art in der Bundeshauptstadt: Erstmals wurde - beim Umbau 2005 - auch baulich versucht, die Handlungsspielräume für Jungs und Mädels zu erweitern.

Die Wände sind neutral gehalten, Türkis und Gelb sind die Farben, die herausstechen. Und das Glas, das die Räume durchlässig erscheinen lässt. Derzeit gibt es drei Kindergartengruppen mit Drei- bis Sechsjährigen und eine Krippe für die ganz Kleinen. Es sind viele Migrantenkinder hier, viele aus armen Haushalten. Probleme mit dem Bildungskonzept gebe es nicht, versichert Kugler. "Das hat mich anfangs auch gewundert. Ich war vorher in Wien-Liesing, da gab es schon Väter, die sagten: Mein Bub backt keinen Kuchen!" Hier stechen auch die türkischen Papas (manchmal) Kekse aus - die Mütter oder Großmütter werken dafür mit der Laubsäge. Was nicht zu finden ist: Puppen- wie Bauecken.

Dafür gibt es Bücher, in denen etwa die beschriebenen Berufsbilder nicht Stereotypen (Feuerwehr-Mann, Haus-Frau) entsprechen. Eine Werkbank steht für alle Kinder bereit, und es kann mit Playmobilfiguren gespielt werden, "die auch umbenannt werden können" (Kugler), wenn das Geschlecht gerade nicht passt. "Wir bieten nicht nur den Buben an, dass sie etwas nähen können, wir begleiten und ermutigen sie dazu" , beschreibt die Kindergartenleiterin das pädagogische Konzept an einem Beispiel. Es gehe darum, "unabhängig vom Geschlecht Stärken und Interessen zu fördern und das Selbstbewusstsein zu steigern" , heißt es in den Zielen der geschlechtssensiblen Pädagogik. "Nur so kann ein Mädchen später auch den Wunsch haben, Technikerin zu werden, oder ein Bub Säuglingspfleger" , glaubt Kugler.

Ein Herzenswunsch blieb Inge Kugler und ihren Kolleginnen bisher allerdings verwehrt: männliche Kollegen. Ein fehlendes Stück Gendergerechtigkeit vor Ort sozusagen.

standard.at (Druckausgabe vom 17.08.2009)

Spannend und wichtig wäre eine wissenschaftliche Begleitung der weiteren Bildunslebensläufe der Kinder eines solchen Kindergartens.